Glaube und Medizin im Mittelalter

 

Periodisierung

Die Völkerwanderung wird von der Forschung als Bindeglied zwischen Spätantike und frühen Mittelalter angesehen. Mit dem Ende der Völkerwanderung, das traditionell mit dem Einfall der Langobarden in Italien (568) verbunden wird, begann zumindest in West- und Mitteleuropa endgültig das Frühmittelalter. Der Übergang ist somit im 6. Jahrhundert fliessend. In Ostrom bzw. Byzanz hingegen hielten sich antike Verwaltungsstrukturen noch einige Jahrzehnte länger; antike Kulturelemente wurde in Byzanz auch später noch gepflegt.

Bereits in der Renaissance wurde die Epoche zwischen der Antike und der damaligen Gegenwart als ein Zeitalter betrachtet, in dem das Wissen und die Werte der antiken Kulturen in Vergessenheit geraten waren, woraus sich die kulturelle und geistige Unterlegenheit des Mittelalters ableiten liess. Diese Bewertung wurde im 19. Jahrhundert im Zuge der aufkommenden Romantik übernommen und weiter ausgebaut, wobei die Rezeption vergangener Zeiten gemäss der Aufklärung, der Moral des Viktorianischen Zeitalters und durch „Fortschrittsgläubigkeit“ und Vernunftsorientierung beeinflusst wurde. Dadurch entstand im 19. Jahrhundert eine moderne und bis heute populäre Rezeption des historischen Mittelalters, die im Grossen und Ganzen eher auf dem romantischen Zeitgeist als auf historischen Quellen basiert.

Im Laufe der Zeit haben sich auf diese Weise Vorstellungen vom historischen Mittelalter herausgebildet, die keine historische Grundlage haben und sich dennoch einer breiten Bekanntheit erfreuen.

Das christliche Mittelalter sah sich selbst noch nicht als ein „Mittelalter“, sondern verstand sich heilsgeschichtlich als eine im Glauben allen anderen Zeitaltern überlegene aetas christiana („christliches Zeitalter“), die mit der Geburt Christi begann und erst mit dem Jüngsten Tag enden sollte.

 

Aberglaube-Kirchenglaube-Medizinglaube

„In der Zeit von  Galens  Tod (um 201 n.Chr.) bis zum Auftreten Vesals im 16. Jahrhundert gab es in der Medizin keinen wissenschaftlichen Fortschritt, da das Mittelalter im wesentlichen nur das Erbe der Antike übernahm, ohne eigene neue Werte zu schaffen.“  Dr. A. G. Chevalier Ciba-Zeitschrift Nr.56

Das lähmende Forschungsklima wurde vor allem durch die im Mittelalter übermächtige Kirche geschaffen. Zusammen mit dem Adel konnte der Klerus Schalten und Walten wie er wollte. Die beiden Machtblöcke verflochten sich indem sie sich Ämter zu schanzten, kaum ein Bischof war nicht von adliger Herkunft und sie setzten sich logischerweise nach ihrer Ernennung für ihresgleichen ein. Keine politische Entscheidung konnte ohne kirchliche Mitsprache gefällt werden.

 

 

Die Zweiteilung der Menschheit

Für die mittelalterliche Gesellschaftsordnung war die Unterscheidung zwischen Herrschaft und Diener grundlegend. 90 % waren Arbeitende, 10% gehörte Alles inklusive die arbeitende Bevölkerung. Diese Zweiteilung der Menschheit war laut der Kirche von Gott so gewollt. Deshalb verkündete der Dominikanermönch Thomas von Aquin († 1274), auch folgendes: "Sklaverei unter Menschen ist etwas Naturgegebenes, denn manche sind von Natur aus Knechte..." (Summa theol. II., II. 57, 3,2).

"Du, Schutzflehender, bete", bei den Adligen "Du beschütze" und bei den Bauern "Du arbeite!"


Daneben profitierte der Klerus von der Abgabe des Zehnt, die eine prozentuale Beteiligung an den Erträgen der meist leibeigenen Bauern war. Weiter zogen sie aus den Braurechten erheblichen Gewinn.

Aufbegehren des Volkes gegen ein Leben in Armut war kaum zu verzeichnen, da von den Kanzeln gepredigt wurde, dass ihr Schicksal von Gott vorherbestimmt sei, und der Lohn für ihr entbehrungsreiches Dasein im Jenseits auf sie warte. Weiter verbreiteten die Prediger die Doktrin, dass Krankheit eine Strafe Gottes sei und die Gesundung die Gnade Gottes bezeuge.

Um jeden Forschungsdrang im Keim zu ersticken forderte die Kirche, dass alle Ärzte zur Beichte mussten und wie es aus den "Summae confessionis" zu ersehen ist, musste der Arzt im Beichtstuhl Rechenschaft über seine Behandlungsmethoden geben „ob sie der Tradition entsprächen oder ob er es sich etwa einfallen lasse, nach seinem eigenen Kopfe Heilmethoden auszuprobieren.“

Da Gott angeblich, wie die Kirche verbreiterte, befahl, dass zum Jüngsten Gericht die Toten mit unversehrtem Leib erscheinen müssen, traute sich die Ärzteschaft kaum mehr zu operieren und behandelte auch einfach zu entfernende Geschwülste mit Salbe. An Leichenöffnungen zu Forschungszwecken war nicht zu denken.

 

Wundärzte, Bader, Chirurgen, Barbiere, klerikale und Laienärzte.

Die Aufgaben der Wundärzte und akademischer Mediziner war strikt voneinander getrennt. Diese Trennung von Chirurgie und Innerer Medizin, der sich die akademischen Ärzte widmeten, war die Konsequenz eines Beschlusses des Konzils von Tours (1163) und des IV. Laterankonzils von 1215. Damit wurde den Akademikern der Verzicht auf chirurgische Praktiken vorgeschrieben. Hintergrund war, dass es während und nach chirurgischen Eingriffen oft zu Todesfällen kam, was moralisch nicht mit dem geistlichen Amt der damals noch überwiegend klerikalen Ärzte zu vereinbaren war. Dadurch wurde die Chirurgie als mindere Medizin aus den Universitäten ausgeschlossen und in den Verantwortungsbereich der handwerklichen Bader und Barbiere gegeben. Ebenso wie akademische Ärzte keine chirurgischen Eingriffe vornahmen, war es Wundärzten untersagt, Innere Medizin zu betreiben. Der Erfolg einer ärztlichen Behandlung hing aber weit mehr von der mentalen Affirmation des Patienten ab, als von der Heilkunst des Arztes. Im Papyrus Ebers wird das Verhältnis zwischen Magie und Medizin im Alten Ägypten am treffendsten beschrieben, dort heisst es:" Wirksam ist der Zauber (nur) zusammen mit dem Heilmittel, wirksam ist das Heilmittel (nur) zusammen mit dem Zauber".

 

Grundirrtum - Humoralpathologie

Neben der Kirche verhinderte der Glaube an die Vier-Säfte-Lehre von Hippokrates (460–377 v. Chr.) ein Weiterkommen in der Medizin. Bis ins 19. Jahrhundert hielten die Ärzte am Axiom der Humoralpathologie fest. Die Ursache der meisten Krankheiten sahen sie in einem Ungleichgewicht der Körpersäfte: Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim. Als probate regulierende Massnahme galt der Aderlass. Der akademische Doktor führte die Behandlung meist nicht selber aus, sondern überliess sie einem einfachen Bader. Dieser war durch einen kurzen Kursus vom Bademeister zum Wundarzt aufgestiegen und durfte nun Aderlässe, chirurgische Eingriffe, Wundbehandlung und Amputationen durchführen. Überschritten die Wundärzte ihren Kompetenzbereich in dem sie Diagnosen und Therapien der Inneren Medizin ausführten, pfuschten sie in die Kur der Ärzte und waren somit „Kurpfuscher“.

  

Mädiale medizinische Praktiken

 

Die Kunst des zur Aderlassens

Diese lebensgefährdende Therapie führte neben dem Blutverlust häufig zu schweren Infektionen oft mit Todesfolge. Hände und Fliete (Aderlass-Messer) waren nicht steril. Die Welt der Mikroorganismen breitete sich ungehindert in der Wunde aus. Man kannte zwar antiseptische Pflanzen, doch deren Wirkung war gering.

Die Fliete bestand aus einem ca. 15 cm langen eisernen Stiel an dessen Ende im rechten Winkel eine herzförmige bis stumpf-lanzettförmige Klinge angesetzt war.  Die Klinge der Fliete wurde über der Vene aufgelegt, mangels Schärfe der Klinge musste das Messer mit einem Schlag auf die Rückseite mithilfe eines Hammers oder Schlegels durch die Haut und die Venenwand getrieben werden.

Die Aderlass-Punkte wurden nach Symptomen des Patienten, nach astrologischen und astronomischen Konstellationen und den herrschenden Wetterbedingungen ausgewählt.

Der Militärarzt Hans von Gersdorff zählt in seinem „Feldbuch der Wundarznei“ (1517) 43 Aderlasspunkte auf, wovon 4 an den Genitalien.

Der Aderlass nach Hildegard von Bingen soll den Körper durch die Entnahme von „schlechtem Blut“ von Giften befreien, die durch übermässiges Essen, Diätfehler, Stress, Sorgen, Angst und Enttäuschungen entstanden seien. Das Blut soll dadurch von „krankmachenden Schlacken und Fäulnisstoffen“ gereinigt werden.

Auch nachdem William Harvey durch die Entdeckung des Blutkreislaufs im Jahre 1628 die Grundlagen des Aderlasses widerlegt hatte und erste Schritte zu einer auf wissenschaftlichen Methoden basierenden Medizin gemacht waren, blieb der Aderlass noch bis ins 19. Jahrhundert eine verbreitete Behandlungsmethode.

Heute wird nur noch bei wenigen, sehr seltenen Krankheiten die Blutmenge reduziert. ZB. bei zu hoher Blutviskosität, überhöhtem Eisengehalt oder zur Verbesserung der Fliesseigenschaften.

 

Klistier

Die zweithäufigste Massnahme in der mittelalterlichen Medizin war der Einlauf. Eine harmlose Verstopfung bedeute, dass sich die Körpersäfte nicht im Gleichgewicht befanden. Nach der Vorstellung des Hippokrates von Kos (460–377 v. Chr.) beruhte die Gesundheit auf dem Gleichgewicht der Körpersäfte. Darmklistiere gelangten also vor allem bei Verstopfung und Magen-Darm-Erkrankungen zur Anwendung und sollten den Darm von verdorbenen, krankmachenden und überschüssigen Säften reinigen. Es wurden aber auch jahreszeitliche Klistiere verabreicht.

 

Starstich

Starstiche wurden in der Regel von Wundärzten vorgenommen. Oft handelte es sich bei diesen „Okulisten“ (von lat. oculus ‚Auge‘) um spezialisierte, reisende Wundärzte, die ihre Dienste auf Messen und Jahrmärkten anboten. Das Herumreisen erweiterte nicht nur den Kreis der möglichen Patienten, sondern schützte den Operateur auch vor der Reaktion von Patienten, bei denen die bei dieser Operationsmethode häufigen Komplikationen aufgetreten waren.

 


                                                        Beim Starstich wurde mit einer so genannten „Starstichnadel“ in das Auge gestochen und die getrübte Augenlinse auf den Boden des Augapfels gedrückt. Dadurch konnte das Licht ohne Hindernis auf die Netzhaut fallen, der Patient konnte wieder sehen, wenngleich durch die fehlende Brechkraft der Linse in der Regel eine starke Übersichtigkeit (Stärke der erforderlichen Brillenkorrektur etwa +11 Dioptrien) die Folge war.

 

Warum der Starstich vor allem durch wandernde Heiler durchgeführt wurde, verdeutlicht, im Zusammenhang mit dem hohen Erblindungsrisiko, die kurz danach aufgeführte Verfügung:

§ 218: Wenn der Arzt einen freien Mann mit einem bronzenen Instrument an einer schweren Wunde behandelt und sterben lässt, und wenn er das Fleckchen im Auge des Mannes mit dem Instrument aus Bronze geöffnet, aber das Auge des Mannes zerstört hat, wird man seine Hände abschlagen.

 

 

Der Blasensteinschneider.                                                                            

Der Lithotomus, auch Steinschneider, war ein bis ins 19. Jahrhundert ausgeübter medizinischer Beruf, der vielfach gleichzeitig mit der Tätigkeit als Okulist (Augenmediziner) und Chirurg ausgeübt wurde. Sein Wirkungsgebiet lag in der Entfernung von Blasensteinen.

Die Bildung von Blasensteinen war eine häufige Folgeerscheinung früherer Ernährungsgewohnheiten. Zur Beseitigung der zu schmerzhaften Koliken führenden und das Wasserlassen verhindernden Steine wurden die Dienste eines Lithotomus in Anspruch genommen.

Dazu fanden zwei verschiedene Verfahren Anwendung:

Im Kindesalter erfolgte eine manuelle Fixierung des Steines durch den Anus am Damm, wo er mittels eines Schnittes herausgezogen wurde.

Bei erwachsenen Personen musste ein aufwendigeres Verfahren angewandt werden: Über einen Schnitt in die Harnröhre unterhalb der Prostata führte der Lithotomus seine Werkzeuge in die Blase ein, um den Stein zu greifen und durch den Blasenhals herauszuziehen. Aufgrund der nicht vorhandenen Hygiene sowohl des Operateurs als auch der Instrumente kam es häufig zu Entzündungen, die den Patienten oft das Leben kosteten. Abgesehen davon konnte sowohl durch operative Fehler als auch durch schlichte Unwissenheit der Schliessmuskel durchschnitten werden, was zu dauerhafter Inkontinenz führte. Betäubt wurden die Patienten meist mit Alkohol, selten mit Opiaten, da diese von der Kirche als „Teufelszeug“ bezeichnet und später verboten wurden. Der Eingriff war extrem schmerzhaft. Glück hatte wer dadurch das Bewusstsein verlor.


Marion Maria Ruisinger, Institut für Geschichte der Medizin der Universität Erlangen-Nürnberg beschreibt das Blasenleiden folgendermassen:

„Im 18. Jahrhundert sind Blasensteine ein häufiges Leiden. Dies erklärt sich durch die damals übliche Ernährung: Auf dem Speisezettel standen vor allem Fleisch, Hülsenfrüchte, Bier und Wein (auch für Kinder!), also eine Kost, die eine erhöhte Ausscheidung von Harnsäure über die Nieren zur Folge hatte. In Hungerszeiten hob der Abbau von körpereigenem Gewebe den Harnsäurespiegel ebenfalls an. Aus anatomischen Gründen waren Frauen vom Blasensteinleiden nur selten betroffen. Bei Männern hingegen wuchsen die Blasensteine nicht selten bis zur Grösse eines Tauben- oder Hühnereies heran. Grausame Schmerzen waren die Folge.

Gegen den Blasenstein hilft nur das Messer. Allerdings "ist diese Operation eine von den allerschwersten und gefährlichsten in der gantzen Chirurgie", so Lorenz Heister. "Ein rechtschaffener Chirurgus", fordert er, "muss dem Patienten die Gefahr vorhero vorstellen, und nicht mehr versprechen, als er halten kann".

1. Die "Manier mit der kleinen Gerätschaft"

Dabei führt der Operateur zwei Finger der linken Hand in den After des Patienten ein, ertastet durch die Darmwand den Stein in der Harnblase und drückt ihn nach unten gegen den Damm. Mit einem Steinschnittmesser (Lithotom) durchtrennt er Haut, Fettgewebe, Muskulatur und Blasenwand direkt über dem Stein. Nun lässt sich der Stein mit den Fingern oder einer gezähnten Fasszange ergreifen und herausziehen. Dieses seit der Antike bewährte, einfache Verfahren eignete sich besonders für den Steinschnitt bei Kindern, die einen grossen Teil der Blasensteinpatienten ausmachten. Bei grösseren Personen war es nicht möglich, den Stein mit den Fingern sicher zu fixieren.

2. Die "Manier mit der grossen Gerätschaft"

Hierfür benötigt der Chirurg ein kompliziertes Instrumentarium aus Sonden, Messern, Führungshilfen, Aufdehnungsscheren und Zangen. Dabei wird die Harnröhre knapp unterhalb der Prostata so weit eröffnet, dass der Operateur seine Instrumente bis in die Blase einführen und den Stein durch den Blasenhals herausziehen kann. Dieses im 16. Jahrhundert entwickelte Verfahren eignete sich gut für Erwachsene, hatte aber den Nachteil, dass der Stein "blind" gefasst werden musste. Bei grossen oder unregelmässig geformten Steinen bestand die Gefahr, beim Herausziehen den Blasenhals, die Harnröhre oder die Prostata zu verletzen und bleibende Schäden zu setzen. Dennoch entschlossen sich viele Kranke zu der gefährlichen Operation, um von ihren qualvollen Schmerzen befreit zu werden.

Bei beiden Verfahren ist es wichtig, dass der Chirurg flink und beherzt vorgeht, um die Schmerzen bei der Operation so kurz wie möglich zu halten. Der Kranke wird in der sogenannten "Steinschnitthaltung" fixiert und von fünf kräftigen Männern festgehalten. Im günstigsten Fall ist der Patient nach drei bis vier Minuten von seinem Stein befreit. Die Operationswunde wird nicht zugenäht, sondern lediglich locker verbunden. Blutgerinnsel und etwa noch verbliebene Bruchstücke des Steins werden in den nächsten Tagen durch den Urin nach aussen gespült. Bei einem unkomplizierten Verlauf kann der Patient damit rechnen, in ein bis zwei Monaten völlig geheilt zu sein. werden und wirken über eine Veränderung des Säuregehalts (pH-Wert) des Urins.“

 

 

Amputation

Häufig mussten Glieder amputiert werden, da für die Heilung einer Verletzung oder Krankheit das Wissen und die Mittel fehlten. Besonders an Kriegsschauplätzen wurden massenhaft Amputationen vorgenommen. Mangels wirksamer Narkotika musste der Verletzte mit Lederriemen auf dem Operationstisch festgebunden werden, er bekam einen Knebel zwischen die Zähne und los ging`s. Zum Schluss wurde die Wunde meist mit einem glühenden Eisen abgebrannt und so verschlossen.

 

Schröpfen

Schröpfen ist der kleine Bruder des Aderlasses. Durch den Unterdruck, den man durch erwärmen der Innenluft eines Schröpfglases erzeugt, werden eine kleine Menge Blut und „der giftige Geifer der Würmer“ abgesaugt. Diese für keine Krankheit geeignete Therapie wird in der Alternativen Medizin immer noch praktiziert.

 

Phytotherapie

Heilversuche mit Pflanzen wurden schon in der Vorantike unternommen. Vor allem Hippokrates legte die Basis zur Pflanzenheilkunde im Mittelalter. Hildegard von Bingen fasste die noch vorhandenen Rezepte in ihrem Heilkundebuch zusammen und versah sie mit eigenwilligen Vergleichen und Erklärungen. Sowohl die Zubereitung als auch die Einnahme der meist wirkungslosen Kräutertees wurde von rituellen Gesängen und Handlungen begleitet die mithalfen den Placeboeffekt zu verstärken.


 Die Pest


Bei den ersten Anzeichen einer Pestepidemie flohen die Ärzte aus der Stadt auf ihre Landgüter. Die zurückgebliebenen nicht akademischen Wundärzte und Bader versuchten den Patienten zu helfen. „Doktor Schnabel“ wurden sie vom Volk geheissen, unter der Schnabelmaske war ein Schwamm befestigt der mit wohlriechenden Essenzen getränkt war um den unerträglichen Gestank der Pestopfer zu begegnen. Sie hatten einen Stock bei sich um allzu aufdringliche Pestpatienten wegzustossen.

Wer nicht fliehen konnte, versuchte alles, um der entsetzlichen Seuche zu entgehen. Das grösste Vertrauen brachte man Ausräucherungen entgegen; die Pestbücher raten immer wieder, besonders abends ein Feuer im Hause anzuzünden und Rosmarin, Ambra, Mastix und Schwefel zu verbrennen, damit der Rauch die Luft reinige. Während der Pestzeit sollte man nicht baden. Der Aderlass wird, wie fast bei allen Krankheiten, auch hier empfohlen. Manche glaubten auch, dass Menschen, die in Spitälern und an "anderen übelriechenden Orten" arbeiteten, dadurch vor der Ansteckung gesichert seien. Man erklärte dies damit, "dass ein Gift das andere schwächt, besiegt und niederwirft". Und es gab Ängstliche, die täglich besonders übelriechende Orte aufsuchten, sich stundenlang dort aufhielten und die schlechten Düfte einatmeten, um sich auf diese Weise zu schützen. Man trachtete auch, der Epidemie mit geistigen Mitteln beizukommen. Das ganze Mittelalter hindurch wurde angenommen, dass besonders Trauer und Leid zur Krankheit führten. Die panikartige Verzweiflung, die während des grossen Sterbens herrschte, musste, so meinte man, der Krankheit besonders Vorschub leisten. So verboten die Stadtverwaltungen immer wieder, die Sterbeglocken zu läuten, die sonst den ganzen Tag geklungen hätten, auch sollte man keine Trauerkleider tragen und seine Trauer nicht laut kundtun. Um den fürchterlichen psychischen Druck, so gut es ging, abzuschwächen, hatte die Kirche grosse Beichterleichterungen eingeführt, Sterbende konnten im Notfalle sogar durch einen Laien Vergebung erlangen.

Viele fassten die „Pest“ aber als Strafe Gottes auf. Das führte vielerorts dazu, dass man sich in sein Schicksal ergab und gar nicht erst versuchte, der heranrückenden Pest zu entkommen. Die Kirche empfahl stattdessen Busspraktiken, um Gott wieder zu versöhnen. Das führte zu einem Aufschwung der Geisslerumzüge. Ausserdem wandte man sich an die Pestheiligen St. Rochus und St. Sebastian.

 

Körperpflege im Mittelalter

Hygiene

Das Mittelalter muss im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel gestunken haben. Ob Fürstentochter oder Magd, Meisterschmied oder Stallbursche - Hygiene oder Körperpflege gab es nur selten.

Unrat, Müll und Fäkalien landeten ohne Abwassersystem auf der Strasse, das Vieh lebte meist mit in den vier Wänden und ein Bad wurde zunächst verpönt. Sauberes Wasser gab es kaum und häufig hatten die Menschen Angst, vor Erkältungen. Zudem folgten sie einem Irrglauben, Wasser könne über die Haut in die Poren eindringen und so für schwere Krankheiten sorgen.

Die Folgen dieser katastrophalen Bedingungen waren flächendeckende Seuchen, wie die Pest, Blattern oder Cholera, die ganze Landstriche dahinraffen konnten. Erst im Hochmittelalter wurde die in der Antike bereits sehr ausgeprägte Badekultur langsam wieder eingeführt und die Körperpflege wurde nach und nach ernster genommen.

Viele Hygienemassnahmen, wie wir sie heute für selbstverständlich halten, wie das Zähneputzen gab es im Mittelalter noch nicht oder nicht mehr. Während sich schon die alten Ägypter, Griechen und Römer Gedanken über ihre Zahnpflege machten, war dieses Thema im Mittelalter so gut wie ausgestorben. Allein der Adel versuchte, mit duftenden Ölen oder Mundwässerchen dem Mundgeruch Herr zu werden. Im Volk spielten derlei Sorgen keine Rolle.

Die erste Monatsblutung galt schon damals als untrügliches Zeichen für die Geschlechtsreife junger Frauen. Doch trotz dieses schon sehr fortschrittlichen Denkens galten erste wissenschaftliche Untersuchungen im Mittelalter der Frage, inwieweit das Menstruationsblut giftig sein oder gar magische Fähigkeiten besitzen könnte. Wesentlich bodenständiger widmeten sich die Betroffenen selbst diesem Thema. Baumwolltücher oder ähnliche Stoffe dienten zum Schutz und wurden an sich nicht anders verwendet, als die Monatsbinden von heute. Wer sich keine Stoffe hierfür leisten konnte, liess das Menstruationsblut einfach an den Beinen herunterlaufen. Aus diesem Grund war es den Frauen im Mittelalter teilweise auch verboten, Wein zu stampfen.

http://www.leben-im-mittelalter.net/alltag-im-mittelalter/gesundheit/hygiene/koerperpflege.html

 

Lehrbücher und ihre Verfasser.

Die wichtigsten medizinischen Lehrbücher des Mittelalters fussen hauptsächlich auf den antiken Lehrmeinungen von Hippokrates (4-Säfte-Lehre) und Galens (Anatomie) auch die Phytotherapie wurzelt in der Antike. Noch immer wurden die Pflanzen nach der hippokratischen Methode der vergleichenden Morphologie ausgewählt. Statt eine deduktive Bestimmung der einzelnen Pflanzenwirkstoffe anzustreben wurden tausende Kombinationen rezeptiert, und so entstanden auch einige wenige Glückstreffer wie etwa Digitalis zur Kreislaufstabilisierung (Hippokrates). Es gibt auch Beschreibungen für das Auftreten eines Arztes; hoch zu Ross mit teuren, schillernden Kleidern. Zuerst die Krankheit schlimmer machen als sie ist, denn kann er wie meistens nicht heilen, hatte er ja die Schwere der Krankheit bereits schon beim ersten Besuch mitgeteilt. Findet wider Erwarten eine Besserung statt, wird das Honorar umso höher.

 

 

Annäherungen an eine mittelalterliche Visionärin.

Hildegard von Bingen 1098 – 1179

Hildegard die aus reichem Hause stammte wurde als achtjähriges Kind Gott dargebracht, da sie das 10. Kind der Familie war und somit als „Zehnten“ der Kirche übergeben werden musste.

„…meine Eltern weihten mich Gott unter Seufzern, und in meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so grosses Licht, dass meine Seele erzitterte…“

Hildegard wurde ins Männerkloster der Benediktiner von Disibodenberg gebracht und dort mit Jutta von Sponheim (16) und eine weitere Oblatin (Opfergabe) in ein Inklusorium eingeschlossen. Jutta von Sponheim die bereits vom Mainzer Erzbischof Ruthard die Jungfrauenweihe empfangen hatte übernahm die religiöse Erziehung der beiden miteingeschlossenen Novizinnen.

1112 legte Hildegard vor dem Bischof Otto von Bamberg, der von 1112 bis 1115 den inhaftierten Mainzer Erzbischof Adalbert vertrat, ihr Profess (Ordensgelübde) ab.

Nach dem Tode Juttas in der mittlerweile zum Kloster gewachsenen Klause wurde Hildegard 1136 zur Magistra der versammelten Schülerinnen gewählt. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen mit Abt Kuno von Disibodenberg, weil Hildegard die Askese, eines der Prinzipien des Mönchtums, mässigte. So lockerte sie in ihrer Gemeinschaft die Speisebestimmungen und kürzte die durch Jutta festgelegten, sehr langen Gebets- und Gottesdienstzeiten. Offener Streit brach aus, als Hildegard mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen wollte. Die Benediktiner von Disibodenberg stellten sich dem entschieden entgegen, da Hildegard deren Kloster Popularität verschaffte.

 

Hildegard von Bingen verliess um 1150 das Kloster Disibodenberg, um ihr eigenes Kloster über dem Grab des Heiligen Rupert zu gründen. Der Rupertsberg war günstig gelegen an den Verkehrs- und Kommunikationswegen des Rheines und der Nahe. Nachdem zunächst eine alte Kapelle als Kirche diente, entstand nach und nach die neue Klosteranlage. Die dreischiffige Klosterkirche wurde 1152 durch Erzbischof Heinrich von Mainz konsekriert. Zu dieser Zeit hatte Hildegards Erstlingswerk Liber Scivias Domini (Die Wege des Herrn) bereits grosse Bekanntheit erlangt. Die meisten ihrer Werke entstanden in der Zeit auf dem Rupertsberg, im Skriptorium des Klosters wurden sie auch handschriftlich vervielfältigt und fanden den Weg in alle Welt.

Ihr selbstbewusstes und charismatisches Auftreten führte zu ihrer grossen Bekanntheit. Sie predigte als erste Nonne öffentlich dem Volk die Umkehr zu Gott (u. a. auf Predigtreisen nach Mainz, Würzburg, Bamberg, Trier, Metz, Bonn und Köln). Aus einem in seiner Echtheit umstrittenen Brief des Kaisers Barbarossa an sie, der im Wiesbadener Riesenkodex überliefert ist, wird geschlossen, dass dieser sich mit ihr in der Ingelheimer Kaiserpfalz getroffen habe, nachdem Hildegard Kaiser Barbarossa, jedoch ohne seinen Namen zu nennen, in einer Predigt einen Tyrannen schimpfte. Auch einige Bischöfe die allzu sehr materiell statt theologisch ausgerichtet waren mussten sich von Hildegard die Leviten lesen lassen. All dies war möglich weil sich Hildegard immer auf göttliche Eingebungen berief, damit konnte sie von vornherein die mittelalterliche Vorstellung, dass ein wirrer Frauenkopf nicht in der Lage sei sich eine theologische Erörterung auszudenken ausschalten. 1147 anerkennt sogar Papst Eugen III. Hildegards Sehergabe. Leider färbte ihr emanzipatorisches Auftreten nicht auf die Nachwelt ab, da Hildegard den Freiraum in dem sie sich bewegen konnte nur für sich beanspruchte ansonsten aber treu das  kirchliche, mediävale Frauenbild weiter verbreitete.

Hildegard übergab ihrem Kloster Rupertsberg alle ihre Besitztümer und Einnahmen aus dem Bücherverkauf, der so ansteigende Reichtum wirkte sich auch auf das Leben der Gemeinschaft aus und rief von aussen Kritik hervor. So griffen mehrere Geistliche, aber auch Leiterinnen anderer Gemeinschaften, zum Beispiel die Meisterin Tengswich von Andernach, Hildegard an, weil ihre Nonnen entgegen dem evangelischen Rat der Armut angeblich luxuriös lebten und nur Frauen aus adligen Familien in Rupertsberg aufgenommen wurden. Da die Zahl der Nonnen im Rupertsberger Kloster ständig zunahm, erwarb Hildegard 1165 das leerstehende Augustinerkloster in Eibingen und gründete dort ein Tochterkloster, in das auch Nichtadelige eintreten konnten und setzte dort eine unabhängige Priorin ein.

Hildegard von Bingen starb am 17. September 1179 im hohen Alter von 82 Lebensjahren.

 

Hildegards Visionen

„Über deren Haupt stieg von dem Manne, der auf jenem Berge sass, eine solche Helle hernieder, dass ich sein Antlitz nicht sehen konnte. Von demselben, der auf dem Berge sass, gingen viele lebendige Funken aus, welche beide Gestalten mit grosser Anmut umflogen.“ (Von der geistlichen Einsicht 1. Vision)

„Das überaus grosse Gebilde, rund und dunkel, einem Ei ähnelnd, oben und unten zusammengeschnürt, in der Mitte breit, bedeutet trefflich den allmächtigen Gott, der unbegreiflich ist, in seiner Majestät und unschätzbar in seinen Geheimnissen.“ (Aus der geistlichen Einsicht 3. Vision)

Hildegards sehr bildliche Beschreibungen ihrer körperlichen Zustände und ihrer Visionen interpretiert der Neurologe Oliver Sacks als Symptome einer schweren Migräne, speziell aufgrund der von ihr geschilderten Lichterscheinungen (Auren). Sacks und andere moderne Naturwissenschaftler gehen davon aus, dass Hildegard an einem relativen Skotom litt, das diese halluzinatorischen Lichtphänomene hervorrief.

Betroffene schildern eine Wahrnehmung von hellem, flimmerndem oder sich kaleidoskopartig drehendem Licht in einem meist exzentrisch gelegenen Teil des Gesichtsfelds, das sich zunächst ausdehnt, jedoch nicht das ganze Gesichtsfeld erfasst. Das Auftreten geschieht plötzlich. Der Betroffene kann zunächst das Gefühl haben, in eine starke Lichtquelle geschaut zu haben, weil das Erleben eines Flimmerskotoms einer Blendung ähnlich sein kann. Wie bei einer Blendung kann das direkte Fixieren von Objekten oder Text nicht mehr möglich sein. Wenn nur ein Teil des Gesichtsfeldes vom Ausfall betroffen ist, ist eine Orientierung im Raum durchaus möglich.

Ein Flimmerskotom kann – besonders wenn es im Rahmen der Migräne auftritt – von Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen begleitet sein, oft tritt es aber ohne diese Begleiterscheinungen auf. Auch das gleichzeitige Auftreten einer hohen Lichtempfindlichkeit und anderer Überempfindlichkeiten kommt vor.

 

Nachfolgend zwei Fachartikel aus verschiedenen Standpunkten. Erstens ein Essay des Hildegard-Anhängers Prof. Klaus-Dietrich Fischer, zweitens eine eher kritische Betrachtung des Hildegard-Bildes von der systematischen Theologin Dr. Mirja Kutzer.

 

Mensch und Heilkunde bei Hildegard von Bingen

Von Prof. Dr. phil. Klaus-Dietrich Fischer, M.A.
Medizinhistorisches Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz


1998 feiern wir die neunhundertste Wiederkehr des Geburtstags einer Frau des Mittelalters, die in den letzten Jahren weit über den engeren Kreis der Theologen und Mediävisten hinaus nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen westlichen Welt bei alt und jung, bei Menschen unterschiedlichster Herkunft, bekanntgeworden ist wie wohl keine andere Frau jener Jahrhunderte. Hildegard wird, so muss man sagen, in Anspruch genommen, dient als Zeugin für viele, kaum vereinbar erscheinende Aussagen. Vielseitig war sie, das steht immerhin fest, wie nur ganz wenige. Doch darf man in Hildegard von Bingen auch (wie es der Titel eines 1927 erschienenen Buches suggeriert) die erste deutsche Ärztin und Naturforscherin sehen?

Ehe man auf diese und ähnliche, damit zusammenhängende Fragen eine Antwort versuchen kann, ist es angebracht, sich einige wichtige Stationen ihres Lebensweges ins Gedächtnis zu rufen.

Hildegards Leben

Als 10. Kind des Edelfreien Hildebertus und seiner Gattin Mechthild wird Hildegard 1098 in Bermersheim, wenige Kilometer nördlich von Alzey in Rheinhessen, geboren. Im Alter von acht oder neun Jahren kommt sie in die Obhut einer nur wenig älteren entfernten Verwandten, der 1090 geborenen Jutta von Spanheim (heute Sponheim), die sich mit anderen Frauen bei dem benediktinischen Männerkloster auf dem Disibodenberg, am Zusammenfluss von Glan und Nahe, 1112 als Klausnerin niederlässt. Nach Juttas Tod (1136) übernimmt Hildegard die Leitung über die inzwischen angewachsene Gemeinschaft frommer Frauen auf dem Disibodenberg. Ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, nördlich der Mündung der Nahe in den Rhein, begründet sie 1147; die Lösung vom Kloster auf dem Disibodenberg war schwierig, da sich der Abt dagegen stellte, doch Hildegard setzte sich hier wie auch bei zahlreichen späteren Gelegenheiten gegen äussere Widerstände durch.

1147, im Alter von rund 50 Jahren, arbeitet sie auch an ihrem ersten grossen Visionenbuch, dem Scivias ("Wisse die Wege"), das sie 1141 auf göttlichen Befehl begonnen hatte und 1151, zehn Jahre nach dem Beginn der Niederschrift, abschliessen wird. Im selben Jahr 1147 korrespondiert sie mit Bernhard von Clairvaux, dem weithin berühmten, nur wenig älteren (* 1091) Kirchenlehrer und Begründer der mittelalterlichen Mystik; der Erzbischof von Mainz erhält bereits fertiggestellte Teile des Scivias übersandt und leitet sie an Papst Eugenius den III. weiter, als der sich zu einer Synode in Trier aufhält. All das lässt erkennen, dass Hildegard damals eine Stellung erlangt hat, die sie von anderen Nonnen und Äbtissinnen unterscheidet. Vier zwischen 1158/59 und 1170 unternommene pastoral motivierte Reisen und eine ausgedehnte, erhaltene Korrespondenz mit bedeutenden Gestalten der Kirche bis hin zum Papst und mit Vertretern der weltlichen Macht bis hin zum Kaiser unterstreichen dies. (Dass es sich hier vielfach um engere und weitere, auch durch Heirat dazugekommene Verwandte der aus dem Adel stammenden Hildegard handelt, muss berücksichtigt werden, damit wir uns kein falsches Bild machen. Inwieweit sie realen Einfluss hatte oder nehmen wollte, muss dahingestellt bleiben.)

In der Mitte der sechziger Jahre begründet sie ein weiteres Frauenkloster (St. Giselbert) auf der Bingen gegenüberliegenden Rheinseite, in Eibingen. Als sie am 17. September 1179 stirbt, hinterlässt sie ein dem Umfang und dem Gewicht nach bedeutendes Werk, das ausser den Visionenbüchern - auf das Scivias folgten ein Liber vitae meritorum und ein Liber divinorum operum - ihre Kompositionen geistlicher Gesänge, zu denen man auch das Spiel vom Ordo virtutum stellen kann, die schon erwähnte Korrespondenz, eine Reihe kleinerer christlicher Schriften und solche zur Medizin und Naturkunde umfasste, auf die wir noch besonders zurückkommen werden. Von ihrer Autobiographie haben sich zwölf längere Abschnitte durch wörtliches Zitat in der von ihrem Sekretär Gottfried begonnenen und 1181 von Theoderich (Theodericus) von Echternach vollendeten Lebensbeschreibung erhalten.

Die Sprache, derer sich Hildegard bedient, ist - wie könnte es anders sein? - die Sprache der Kirche, das Lateinische. Wir wissen über Hildegards Bildungsgang fast nichts; aber wie sie schreibt und die Tatsache, dass sie sich ihr Latein (casus, tempora et genera heisst es in Theoderichs Vita) von Helfern verbessern, redigieren lässt - was auf jeden Fall für die meiste Zeit ihres Lebens gilt -, weist darauf hin, dass wir uns nicht vorstellen dürfen, sie habe etwa Unterricht in der Klosterschule auf dem Disibodenberg erhalten. Wenn es eine solche Ausbildung im dortigen Kloster damals gab, hat Hildegard davon - ihr Sprachstil zeigt es deutlich - nicht profitiert; ihre Sprachkenntnisse sind durch den täglichen Umgang mit den liturgischen, biblischen und theologischen Texten immer weiter gewachsen, an ihnen gleichsam 'geschult'. Was sie von Jutta lernen konnte, war, so sagt sie selbst, kaum das Alphabet. Die Möglichkeit des Zugangs zum Verständnis der Bibel, der Kirchenväter und der Philosophen wird ihr, wie sie berichtet, in einer Vision geschenkt. Die Forschung hat erkannt, dass dieser Vorgang bei Augustinus in den Confessiones in ähnlichen Worten beschrieben wird, und dass wir bei Hildegards sicher ernst gemeinten Beteuerungen ihrer eigenen Unwissenheit nicht vergessen dürfen, dass dabei auch ein damals geläufiger Topos zumindest anklingen mag.

Die Frage der Bildung und der Bildungsquellen, d. h. der zugänglichen Literatur, ist gerade für den wichtig, der sich mit den naturkundlichen und medizinischen Aussagen Hildegards befasst. Klöster waren im Mittelalter nicht nur Burgen des Glaubens, sondern auch Burgen der Wissenschaft, Bewahrer der Überlieferung des Wissens aus der Antike: Lorsch z. B., Fulda, die Reichenau, Echternach sind uns als Orte bekannt, wo man medizinische Schriften finden konnte. Vom Kloster auf dem Disibodenberg wissen wir in dieser Hinsicht nichts, auch darüber hinaus nichts hinsichtlich einer Bibliothek oder eines Scriptoriums, wo Bücher durch Abschreiben vervielfältigt worden wären, und wie Hildegard selbst eines auf dem Rupertsberg einrichtet (von dort stammt der berühmte Wiesbadener Riesenkodex). Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig, als in dieser Frage äusserst vorsichtig zu sein und die Untersuchung bezüglich möglicher Quellen für jede Stelle einzeln und neu zu führen, da Hildegard selbst uns keine Hinweise gibt.

 

Die "Hildegard-Medizin"

Bedenken dieser Art entfallen, wenn man in Hildegard, pointiert formuliert, nur das Werkzeug, die unwissende Vermittlerin einer göttlichen Botschaft sieht:

"Wunderbar ist Gott in seinen Heiligen und sehr merkwürdig die Welt in ihrem Urteil. Da hat ER vor achthundert Jahren (um 1155 nach Christus) einem armseligen Geschöpf seine Medizin geoffenbart, für alle Welt greifbar — und kein einziger Mensch unserer Tage hat bisher diese Tatsache ernsthaft zur Kenntnis genommen als allein der Verfasser des vorliegenden Buches."

So beginnt die Einführung in das Werk „So heilt Gott“, eines Buches, das allein in seiner deutschen Originalfassung mehr als einhundertfünfzigtausendmal verkauft worden ist. Erst seit seinem Erscheinen im Jahre 1970 gibt es die "Hildegard-Medizin", wie sie von ihren Anhängern und von ihren Gegnern genannt wird. Die Hildegard-Medizin charakterisiert der Verfasser des Buches im Untertitel als "neues Naturheilverfahren", 'neu' selbstverständlich im Sinne von 'unbekannt' und 'Naturheilverfahren' im Gegensatz zu einer Medizin, deren Arzneischatz überwiegend synthetische Pharmaka einsetzt.

Der Prophet der Hildegard-Medizin und Autor von „So heilt Gott“ war der Arzt Dr. med. Gottfried Hertzka (1913-1997). Seine Hildegard-Praxis in Konstanz wird, seit er sich zur Ruhe setzte, von dem als Heilpraktiker ausgebildeten Dr. rer. nat. Wighard Strehlow weitergeführt.

Die Autorität dieser Hildegard-Medizin beruht auf der Annahme bzw. Voraussetzung, bei den uns überkommenen medizinischen Schriften Hildegards handele es sich um göttliche Offenbarung, also Gottes medizinische Botschaft für die leidende Menschheit (wobei an den christlichen Gott, speziell den von Katholiken verehrten, gedacht ist). Die zahlreichen beobachteten Heilungen erwiesen diese Annahme als zutreffend; auch im eher theoretischen Bereich der Physiologie und Pathologie seien erstaunliche Kenntnisse dargelegt, die unserer heutigen wissenschaftlichen Sicht z. T. entsprächen, z. T. über sie hinausgingen.

Diesen Anspruch erhebt Hildegard selbst allerdings nicht. Hertzkas Aussagen stehen auch im Widerspruch zum Urteil moderner Theologen, denen man eine Zuständigkeit nicht gut absprechen kann. Sie rechnen das, was uns unter dem Namen Hildegards zu Medizin und Naturwissenschaft überliefert ist, zur Gruppe der nicht-visionären, also nicht göttlich inspirierten Werke, wie wir es dem grossen Artikel über Hildegard im Dictionnaire de Spiritualité entnehmen können, der etwa zur selben Zeit (1969) wie Hertzkas Buch erschienen ist. Verfasst wurde er von Marianna Schrader, ein Name, der uns mitten in die Geschichte der modernen Erforschung von Hildegards Wirken führt.

Hildegards Klostergründungen, am Rupertsberg in Bingen und, in Sichtweite an den Hängen am anderen, nördlichen Ufer des Rheins, in Eibingen, haben die Zeitläufte nicht überdauert. Immerhin wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts oberhalb von Eibingen ein neues Nonnenkloster erbaut, wo man sich um das Erbe der heiligen Hildegard mindestens seit den dreissiger Jahren (sicher mitveranlasst durch die Feier ihres 750. Todestages im Jahre 1929) auch durch wissenschaftliches Forschen bemühte. Die 1956 veröffentlichte Untersuchung Die Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen, verfasst von Marianna Schrader in Zusammenarbeit mit ihrer Ordensschwester Adelgundis Führkötter, stellt vermutlich den bis heute wichtigsten Punkt in der Erforschung von Hildegards Werk dar.

Wenn Marianna Schraders Ansicht nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Thema gegen die Gottfried Hertzkas steht, kann man sie nicht einfach beiseite wischen, denn es geht nicht um den Gegensatz zwischen einem medizinischen Laien und dem wissenschaftlich ausgebildeten Arzt, sondern um jenen zwischen der historisch gebildeten Theologin und einem Arzt, der als Beleg für seine Einschätzung nur auf die vielen Heilerfahrungen, die er gemacht hat, verweisen kann, sich aber, wie bei der Lektüre seiner Schriften immer von neuem offenbar wird, bei der Beschäftigung mit dem Werk Hildegards nicht um den Erwerb theologischer oder historischer Kenntnisse glaubte kümmern zu müssen. Seine Enttäuschung über die offensichtlich schlechten "Erfahrungen ..., die ich [Hertzka] wegen Hildegard mit meinen lieben Christen gemacht habe," die in der oben bereits zitierten Einführung anklingt, war sicher kaum zu vermeiden, denn das, was Hertzka mit Erfahrung, Glaube und Inbrunst für hinreichend begründet hält, liegt auf einer Ebene, von der die Brücke zu wissenschaftlicher Argumentation kaum geschlagen werden kann. Es kann deshalb auch nicht überraschen, wenn ein Fachmann auf beiden Gebieten, der der Hildegard-Medizin ganz offensichtlich positiv gegenübersteht, der Pater Dr. theol. und Dr. med. Alfons Berkmüller, in seiner Arbeit Aspekte der Hildegard- Medizin zu dieser doch ganz wichtigen Frage: Ist die Hildegard-Medizin göttlich inspiriert?, kein Wort sagt.

Doch ganz gleich, wie man diese Frage beantworten möchte, stehen dem unmittelbaren Verständnis von Hildegards Naturkunde und Medizin Schwierigkeiten entgegen, die man nicht einfach übergehen darf. Viele der bei ihr erwähnten Krankheiten und Leiden können nicht einfach mit heutigen Begriffen gleichgesetzt werden. Wenn Hildegard z. B. sagt, Nierenschmerzen seien häufig auf Magenschwäche zurückzuführen, dann wird man fragen dürfen, wie die Pathogenese aussieht, ob die Niere als Organ schmerzt, oder der Schmerz nur in der Nierengegend lokalisiert ist. Geht es dann um die Behandlung, stehen wir vor der Frage, ob wir die meist pflanzlichen Heilmittel tatsächlich immer mit der nötigen Sicherheit identifizieren können, nicht nur, um damit vielleicht ebenfalls einen Versuch zu unternehmen, sondern auch, um die Gefahr der Selbsttäuschung auszuschliessen.

 

 

Zur Echtheit der Hildegard-Schriften

Doch ehe wir überhaupt das Buch zur Hand nehmen, sollte die allerwichtigste Frage gestellt werden: Ist das, was wir vor uns haben, das, was Hildegard schrieb? Die Frage klingt banal, leben wir doch in einer Zeit, in der mechanische Methoden der Vervielfältigung eine beliebig grosse Anzahl gleicher Exemplare einer Schrift erzeugen kann. Für frühere Zeiten gilt umgekehrt, dass die Vervielfältigung durch den Menschen, durch den Umweg über sein Auge, sein Ohr, seine Hand, dafür sorgt, dass kein Exemplar völlig dem anderen gleicht. Wenn wir also nicht das Original aus der Hand des Autors besitzen (im Mittelalter ein äusserst seltener Fall), steht eine Kette der Überlieferung zwischen uns und dem, was er gewollt hat. Den Menschen des Mittelalters war dieser Umstand vertraut, und deshalb hat Hildegard sicher nicht nur die sprachliche Redaktion ihrer Schriften, sondern auch ihre Vervielfältigung sorgsam überwacht bzw. überwachen lassen. Doch während wir viele ihrer Werke mehr oder weniger in ihre Zeit und zum Scriptorium auf dem Rupertsberg zurückverfolgen können (wo der Sponheimer Abt Johannes Trithemius [1462-1516] sie Anfang des 16. Jahrhunderts noch gesehen hat und sich Abschriften herstellen liess), haben wir gerade bei dem naturkundlichen und medizinischen Schrifttum Probleme.

Hildegards Biograph Theoderich teilt uns die Titel ihrer Werke nicht mit; "mit prophetischem Geist," so schreibt er, habe sie "Ausführungen über die Natur des Menschen und der Elemente sowie der verschiedenen Geschöpfe gemacht, und wie dem Menschen durch sie zu Hilfe zu kommen sei, und viele andere Geheimnisse." Schon ob es um ein oder zwei Werke geht, bleibt unsicher; jedenfalls ist ein Liber simplicis medicine (Buch der einfachen Medizin) und ein Liber composite medicine (Buch der zusammengesetzten Medizin) schon einige Jahrzehnte nach Hildegards Tod in den Kanonisationsakten bezeugt, im 15. Jahrhundert dann in zwei Bibliothekskatalogen und bei Trithemius. Können wir sie mit den (der?) 1533, 1544 und 1855 gedruckten Physica bzw. den Causae et curae, die zum ersten und einzigen Mal 1903 nach einer einzigen Handschrift veröffentlicht wurden, gleichsetzen? Das Verzeichnis der medizinischen Bücher der Heidelberger Universität von 1438 nennt (unter der modernen Nummer 37) eine heute nicht mehr existierende Handschrift: Item Summa Hildegardis de infirmitatum causis et curis in uno volumine.
Cuius primum folium incipit 'Deus ante creacionem mundi', penultimum vero incipit 'qui et quarta'. Die Übereinstimmung von Titel und Textanfang mit dem Codex 90b der Neuen königlichen Sammlung in Kopenhagen, der aus dem Kloster St. Maximin in Trier stammt, weist in diese Richtung, während die Formulierung in der literaturhistorischen Übersicht des Katalogs der 1372 gegründeten Kartause am Salvatorberg in Erfurt: Simplicis medicine lib. I. Composite medicine lib. I keine weitere Klarheit gibt.

Immerhin können wir den Titel Liber simplicis medicine einigermassen verstehen, denn die Physica behandeln in 9 Büchern Gebiete der Natur, von den Pflanzen zu den Metallen, ihre Eigenschaften und medizinischen Anwendungen. Wenn wir den Liber composite medicine mit den Causae et curae gleichsetzen, haben wir nicht etwa ein Buch vor uns, das Rezepte mit mehreren Bestandteilen aufführt - sie gibt es in den Physica ebenfalls -, sondern ein jetzt in 5 Bücher geteiltes Sammelsurium, dessen therapeutische Abschnitte (Buch 3 und 4), wie jüngst nachgewiesen wurde, grossenteils den Physica entnommen sind. Was sich sonst findet, passt durchaus zu den Angaben bei Theoderich, springt aber so häufig von einem Thema zu einem anderen, dass man an eine Sammlung von Auszügen aus einem grösseren Werk glaubt. Um eine solche handelt es sich bei dem von Schipperges entdeckten Berliner Fragment, das sich z. T. mit den Causae et curae berührt, wo aber ebenfalls die Echtheitsfrage für jede Aussage neu gestellt und beantwortet werden muss. Insgesamt freilich sollte man die Authentizität der Hildegard zugeschriebenen naturkundlich-medizinischen Werke nicht in Abrede stellen, denn Hildegards Denkweise und ihr Sprachstil sind so eigentümlich, dass an der Verknüpfung mit den visionären Werken und den dort überlieferten Aussagen zu Anthropologie, Natur und Kosmos kein vernünftiger Zweifel bestehen kann.

Geschlecht und Charakter


Nachdem wir im ersten Teil des Beitrags Leben und Werk Hildegards von Bingen, aber auch ihre heutige Vereinnahmung kurz kennengelernt haben, sollen im folgenden einige ihrer Ansichten zu Vererbung, Geschlecht und Charakter dargestellt werden. Damit sind wir in einem Bereich, der zu den medizinischen Grundlagen gehört (im Mittelalter wird das oft physica 'Naturkunde' genannt); bewusst lasse ich das Gebiet der Therapie beseite, das ohne den grossen Zusammenhang mit heutzutage auch den meisten Medizinhistorikern wenig vertrauten Quellenschriften nicht sinnvoll erörtert werden kann. Ein weiterer Vorteil ergibt sich daraus, dass wir hinsichtlich der Echtheit von Aussagen Hildegards dort, wo es Parallelen zwischen den visionären Werken, zu allererst dem Scivias und dem Liber divinorum operum, und den medizinischen Schriften gibt, in einer unvergleichlich besseren Ausgangsposition sind als bei den vielen Rezepten der Physica, wo spätere Änderungen und Zusätze weniger leicht erkannt werden können.

Charakter und Samen im Scivias

Hildegard fragt: Warum sind die Menschen so, wie sie sind? Warum sind sie voneinander verschieden, nach ihrem körperlichen Äusseren, nach ihrem Charakter und nach ihrem Lebensschicksal? Damit stellt sie die Frage nach der Determination unseres Seins, unseres So-Seins; sie spricht die Frage der Prädestination und des freien Willens an, Grundprobleme der Anthropologie also, ganz gleich, ob man sich ihnen aus theologischer oder aus allgemeinphilosophischer Sicht nähert.

Die erste Textstelle, die ich erörtern möchte, entstammt dem frühesten überhaupt von Hildegard schriftlich niedergelegten Werk, dem grossen Visionenbuch Scivias - Wisse die Wege. In der 4. Vision des 1. Teils wird dort u. a. die Frage behandelt, welcher Zusammenhang zwischen dem menschlichen Samen und den damit gezeugten Kindern besteht. Wir bemerken zu unserer Überraschung, dass Hildegard nicht theologisch-philosophisch argumentiert, sondern dass ihre Erklärung eher naturwissenschaftlich-materialistisch ausfällt. Dazu muss man freilich anmerken, dass erst der gewaltige Wissenszuwachs in den Naturwissenschaften im Gefolge der Renaissance zu dem uns geläufigen Gegensatz theologischer und naturwissenschaftlicher Positionen geführt hat; für Hildegards Zeit gelten andere Voraussetzungen.

Dass der Nachwuchs in seinen äusseren Merkmalen eine Übereinstimmung mit den Eltern zeigt, war bei Mensch und Tier schon lange beobachtet worden. Man hatte auch versucht, diesen Vererbungsvorgang in Hypothesen zu beschreiben und zu erklären. Hildegard begibt sich in ihrer Vision auf ein verwandtes und doch ganz anderes Gebiet, sie will verständlich machen, wie die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften des menschlichen Samens mit dem Charakter der damit gezeugten Kinder zusammenhängen; die Überschrift dieses Abschnitts lautet Von der Uneinheitlichkeit des menschlichen Samens und der Verschiedenheit daraus entstandener Menschen.

Wie man unschwer vermuten kann, läuft das auf eine Typologie hinaus. Im vorliegenden Fall bildet Hildegard drei Gruppen, die das Spektrum menschlicher Lebenswege und Schicksale abdecken sollen oder vielleicht auch bloss die drei Gruppen sind, die sie besonders interessieren. Derartige Unterteilungen kehren übrigens bei Hildegard häufig wieder; ich möchte darin ein Charakteristikum ihrer Arbeitsweise sehen, sicher nicht ohne Bezug zur beginnenden Scholastik und demnach ein Zeugnis dafür, dass Hildegard der Wissenschaft keineswegs so fern stand, wie man aus manchen ihrer Selbsteinschätzungen unbefangen schliessen würde.

Die erste dieser drei Gruppen zeichnet sich aus durch Tüchtigkeit (strenui). Diesen Menschen eignet eine grosse Herrlichkeit an geistlichen und weltlichen Gaben; für alle sichtbar, gedeihen sie hervorragend in ihren Werken bei Gott und den Menschen, mit Klugheit, Mässigung (discretio, mâze) und Fähigkeit sind sie reich begabt, und der Teufel kann sie nicht anfechten.

Eine zweite Gruppe stellt dazu das Gegenbild dar: diese Menschen sind töricht, unentschieden (tepidi, wörtlich: lau) und unnütz, was sie tun, bleibt ohne Erfolg vor Gott und den Menschen, weil sie Gott nicht angestrengt suchen.

Die dritte Gruppe schliesslich ist durch Hässlichkeit (informes), Bitterkeit, Schwierigkeit und Bedrückung gekennzeichnet, so dass es diese Menschen oft nicht vermögen, ihren Sinn zu Höherem zu erheben. Gleichwohl gelingt es vielen von ihnen, ein nützliches Leben zu führen, obgleich sie und vor allem, weil sie viele Stürme und Widrigkeiten zu bestehen haben; Ruhe nämlich würde sie lau und unnütz machen. Trotz eher negativer Anlage haben sie letztendlich Erfolg und gehen als Sieger aus dem Lebenskampf hervor.

Als Ursache für diese Unterschiede in Charakter und Lebensweg sieht Hildegard die Beschaffenheit des menschlichen Samens an. (An dieser Stelle ist wohl allein an einen Zeugungsbeitrag des Mannes gedacht; anderswo nennt sie in traditioneller Weise das das Menstruationsblut als weiblichen Zeugungsbeitrag.) Hildegard bedient sich des schon in der Bibel (bei Hiob 10,10) erwähnten geläufigen Vergleichs des menschlichen Samens mit gerinnender Milch bei der Käseherstellung, der erklärt, wie aus etwas Flüssigem, dem Samen, etwas Festes, nämlich die Leibesfrucht, wird: aus dicker, somit fetter Milch wird starker Käse, bei dünner Milch ist es genau umgekehrt, und - damit sind wird bei der dritten Kategorie - mitunter hat die Milch eine faulige Beimischung (tabes), die Ursache bitteren Käses (fortis-debilis-amarus).

- In Fall 1 ist der Samen stark, gut gekocht und gut gemischt (d. h. zusammengesetzt);
- in Fall 2 schwach, nur halb gar und halb zusammengemischt;
- in Fall 3 in untauglicher Weise abgesondert (nequiter eductum) und in unbrauchbarer Zusammensetzung (Mischung).

Die Vorstellung von der Kochung und Mischung des Samens, von dickem, demzufolge gutem, und dünnem, somit schwachem Samen können wir in der antiken Medizin wiederfinden. Für die Menschen des Altertums hatten Kochen und Mischen eine ganz bestimmte, weitergehende Bedeutung, die wir uns erst verdeutlichen müssen: Durch Kochen werden viele Nahrungsmittel erst geniessbar, d. h. das Kochen verändert sie so, dass sie genutzt werden können; das Mischen ist nicht nur bei der Bereitung des Weins, dem stets Wasser, kaltes, heisses und sogar Salzwasser, zugesetzt wurde, sondern vor allem in der Technik bei der Herstellung von Metallegierungen von entscheidender Bedeutung für die Eigenschaften des Endprodukts. Wenn wir die Nuance ein klein wenig verschieben und statt des antiken Begriffs der Mischung (griech. krasis, lat. temperamentum, mittellat. in diesem Sinne complexio) den der Zusammensetzung verwenden, leuchtet uns das noch leichter ein.

Trotzdem bildet die antike Medizin und Naturwissenschaft letztendlich nur die Basis, eine - wenngleich unverzichtbare - Grundlage, auf welcher Hildegard anschliessend ihr eigenes Gebäude errichtet, das Theologie, religiöse Schau und Naturwissenschaft in eigentümlicher Weise verbindet.

 

Charakter und Samen in den Causae et curae

Später geht Hildegard diesen Weg selbständiger theoretischer Entwürfe weiter. In ihrem Hauptwerk zu Medizin und Physiologie nämlich, den Causae et curae, entwirft sie ein weitaus differenzierteres Schema (CC S. 35,17-36,12 Kaiser). Dieses soll nicht allein, wie zuvor im Scivias, eine Verbindung zwischen Samen und Charaktereigenschaften herstellen, sondern darüber hinaus das Geschlecht des Kindes erklären.

Hinsichtlich des Charakters beschränkt sich Hildegard wiederum auf eine grobe Einteilung. Der positive Typ ist prudens und virtuosus (besonnen und reich an guten Eigenschaften), was dem strenuus, utilis entspricht, bei dem die prudentia ja auch angeführt wurde. Der negative Typ wird als amarus (bitter oder herb) bezeichnet, was man am ehesten im Sinne der gerade behandelten Scivias-Stelle verstehen kann. Als weitere Eigenschaft ist 'schwach' genannt, und wir könnten sogar so weit gehen, hier eine Wiederholung des Dreierschemas aus dem Scivias zu sehen. Eine ähnliche Einteilung verwendet Hildegard an einer anderen Stelle, wo sie vom guten Einfluss des zunehmenden und umgekehrt vom schlechten Einfluss des abnehmenden Mondes auf die Zeugung spricht.

Die Konsistenz des Samens ist bei dieser Einteilung, die uns hauptsächlich beschäftigt, allerdings nicht mehr die einzige Variable. Als weitere Determinante führt Hildegard die Liebe ein, und zwar differenziert sie dabei sehr genau zwischen der Liebe des Ehemannes zu seiner Frau einerseits und andrerseits der Liebe der Ehefrau zu ihrem Mann. Entscheidend ist wohlgemerkt das Ausmass der Liebe im Augenblick der Zeugung. Hildegards Angaben lassen sich in einer Tabelle zusammenfassen, die ich um die letzte Zeile - eine Kombination, die in Hildegards Text fehlt - ergänzt habe.

Samen 

Liebe
/  

Liebe
/  

Kind 

stark 

besonnen, voll guter Eigenschaften 

stark 

schwach 

dünn 

voll guter Eigenschaften 

dünn 

 

dünn 

 

stark 

bitter 

dünn 

bitter 

(stark 

 

Wie wir erkennen, wird das Geschlecht des Kindes durch die Beschaffenheit des (männlichen) Samens bestimmt. Der Charakter des Kindes hingegen ist abhängig von der Liebe zwischen Mann und Frau. Die günstigste Kombination - Zeile 1 der Tabelle - liegt vor, wenn ein starker Same und die Liebe beider Eltern zusammentreffen; dann entsteht ein männliches Kind, das besonnen und reich an guten Eigenschaften ist. Im ungünstigsten Fall - vorletzte Zeile der Tabelle - entwickelt sich bei mangelnder Liebe aus dünnem Samen ein Mädchen, welches 'bitter' ist.

Hildegard probiert also mehrere verschiedene Modelle durch, die erklären sollen, wie die Eigenschaften eines Kindes vor seiner Geburt, im Augenblick seiner Zeugung, bestimmt werden. Weder die Tatsache der Determinierung noch der Zeitpunkt scheinen ihr zweifelhaft zu sein. (Derselbe Gedanke liegt den Aussagen am Schluss der Causae et curae zugrunde, die aus dem Stand des Mondes im Augenblick der Zeugung Schicksal und Charakter ableiten; diese Passage sprechen manche Forscher Hildegard ab.)

Männertypen, Frauentypen

Nach diesen beiden Beispielen für Hildegards Neigung, in ziemlich apodiktischer Weise zu klassifizieren, wenden wir uns abschliessend Hildegards Typologie von Männern und Frauen zu, wo wir diese Vorliebe erneut antreffen. Diese Typologie beruht auf der Lehre von den vier Körperflüssigkeiten oder -säften, die mit den Bildern des Sanguinikers, Cholerikers, Melancholikers und Phlegmatikers auch heute noch jedem vertraut ist, mehr als verschiedene wissenschaftliche Versuche der Typenbildung aus unserem Jahrhundert.

Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker wurzeln zwar in der hippokratischen Lehre von den vier Körpersäften, lassen sich aber im medizinischen Denken erst ab der Spätantike nachweisen. Sie bestimmen das Handeln des Arztes unmittelbar in Therapie und Prophylaxe, da sich die zu treffenden Massnahmen fast immer auch nach dem Säftetyp richten.

Hildegard von Bingen steht also wieder und unverkennbar in einer langen Kette der Tradition. Doch in einer Hinsicht unterscheidet sie sich ganz deutlich: Zu jedem Säftetyp entwirft sie zwei verschiedene Bilder - je eines für den Mann und eines für die Frau. Uns erscheint das zwar einleuchtend, tatsächlich handelt es sich aber um eine Innovation (ohne Nachfolge!), und gern wüssten wir, was Hildegard dazu veranlasst hat, die traditionellen Schemata umzugestalten.

Im einzelnen ist ihre Schilderung der jeweiligen männlichen und weiblichen Säftetypen dann nicht so streng durchgeführt, dass wir bei jedem einzelnen Zug Entsprechungen finden können. Zwei Bereiche werden aber durchgehend abgehandelt und bieten sich deswegen zum Vergleich an, nämlich der Körperbau und das sexuelle Verhalten.

Hinsichtlich des Körperbaus beschreibt Hildegard als wichtigste und deshalb durchgängig genannte Teile Fleisch, Adern und Blut sowie die Gesichtsfarbe. Nur hin und wieder sind daneben Haut- oder Augenfarbe und die Beschaffenheit der Knochen und Glieder angegeben.

Bei allen vier Männertypen wird das Gehirn charakterisiert: während es beim Choleriker stark und dicht ist, ist es beim Sanguiniker heiss, beim Melancholiker fett, beim Phlegmatiker schliesslich fett, weiss und trocken. In ähnlicher Weise werden die äusseren Äderchen des Gehirns, die es umschliessen - was immer wir uns darunter vorzustellen haben - nur bei den Männern beschrieben. Einen Zusammenhang zwischen Gehirn und Samenproduktion, wie er wiederum bei frühen griechischen Philosophen bezeugt ist, erwähnt Hildegard dabei nicht, doch könnte gerade hier der Schlüssel zum Verständnis liegen. Jedenfalls ist bei den Frauentypen stets angegeben, wie die Gebärmutter beschaffen ist, da das die Fruchtbarkeit unmittelbar beeinflusst.

Konstitutionelle Unfruchtbarkeit schreibt Hildegard zwei Typen zu, bei Männern dem Phlegmatiker und bei Frauen der Melancholikerin. Worin sieht sie die Gründe? Beim Phlegmatiker, führt sie aus, sei der Same dünn und ungekocht, zudem auch nur ein mässiger Geschlechtstrieb und geringe Erektionsfähigkeit vorhanden - weshalb ihm auch andere Geschlechtsmerkmale, wie z. B. der Bart, fehlten -; bei der Melancholikerin sei die Ursache eine Schwäche der Gebärmutter, weshalb sie den Samen des Mannes weder zu umfassen (concipere!) noch zu halten oder zu erwärmen vermöge. Allerdings gebe es bisweilen trotzdem eine Möglichkeit, dass eine Melancholikerin Mutter eines Kindes werde: Wenn sie sich mit einem starken Sanguiniker als Ehemann verbinde und das 'starke' Alter von etwa 50 Jahren, in dem eigentlich die Menstruation endet, erreicht habe! Denkbar ist hier, dass die Hitze des Sanguinikers die Kälte der Melancholikerin ausgleicht, aber Hildegard geht darauf nicht näher ein. Ansonsten gibt sie leider keine Hinweise, welcher Frauentyp zu welchem Männertyp passe; möglicherweise war das für sie bereits vollkommen klar.

 

Wer mit wem?

Immerhin macht sie, von diesem einen Punkte abgesehen, detaillierte Aussagen über das Verhältnis zum anderen Geschlecht. Beginnen wir, wie Hildegard es tut, mit dem Choleriker.
In einer Verbindung mit Frauen sind Choleriker gesund und munter. Müssen sie hingegen auf weiblichen Umgang verzichten, vertrocknen sie in sich selbst. (Das erklärt sich dadurch, dass ihrer nach Aristoteles' Überzeugung heissen und trockenen Natur der notwendige Ausgleich durch die Feuchtigkeit und Kälte der Frauen fehlt.) In diesem Fall laufen sie umher, als seien sie dem Tode nahe; ihnen bedeutet sexuelle Enthaltsamkeit eine schwere Bürde. Falls es nun einen zwingenden Grund gibt, warum sie Frauen aus dem Weg gehen wollen, wie Schamgefühl, Angst oder die Liebe zu Gott - darunter fällt der geistliche Stand! -, dann sollen Choleriker Frauen wie Gift meiden und die Flucht vor ihnen ergreifen. Haben sie nämlich erst einmal einen Blick auf eine Frau geworfen, wird kaum irgendwelches Schamgefühl oder Selbstdisziplin sie bremsen können!


Ganz anders ist es bei den Sanguinikern. Hinsichtlich ihres Geschlechtstriebes sind sie das ganze Gegenteil der Choleriker: ihr Trieb ist der Natur nach eher windartig als feurig, und dieser starke Wind vermag bei ihnen das Feuer zu besänftigen und zu begrenzen, sodass ihnen sexuelle Abstinenz möglich ist:
"Sie betrachten die Frauen mit schönen, nüchternen Augen, denn wo die Blicke anderer Männer [nämlich der Choleriker!] wie bohrende Pfeile sind, richten sie ihre Blicke auf die Frauen in Anstand, wie harmonische Musik (honeste symphonizant); wo anderer Männer Reden die Frauen wie ein ganz starker Wind treffen, haben ihre Reden beinah den Klang einer Harfe, und wo die Gedanken anderer Männer wie ein Sturmwind sind, heissen sie auf ehrsame Weise besonnene Liebhaber." (CC S. 72,30-36 Kaiser)

In anderer Hinsicht als die Choleriker sind die Sanguiniker auf Frauen angewiesen: Ohne Frauen können sie zwar leben, bleiben aber unbedeutend und trübe (ingloriosi), wie ein Tag ohne Sonne, doch in weiblicher Gesellschaft sind sie angenehm und heiter (iocundi), wie ein Tag bei strahlendem Sonnenschein.
Wenden wir uns den Melancholikern zu. Ihr Geschlechtstrieb setzt sich nach Hildegards Ansicht aus drei Komponenten zusammen, aus Feuer, Wind und dem Rauch der schwarzen Galle. Dieser letztere verhindert eine normale Liebesbeziehung, ruft aber zugleich eine masslose Libido hervor. Hildegard vergleicht die Melancholiker deshalb zuerst mit Schlangen, wenig später mit Eseln und zuletzt mit reissenden Wölfen. Allerdings ist es notwendig, dass Melancholiker ihre Libido ausleben, sonst kommt es nämlich bei ihnen zu einer insania capitis oder frenesis, also Irrsinn und Raserei. Zum Teil haben sie überhaupt kein Interesse an Frauen und schätzen ihren Umgang nur aufgrund ihrer melancholischen Konstitution, hassen sie aber. Mit grosser Gewalt und unvermittelt, wie ein plötzlicher Sturm, überfällt sie das sexuelle Verlangen; wenn sie könnten, würden sie die Frauen beim Liebesakt sogar töten (was Hildegard auf eine Einflüsterung des Teufels zurückführt).

Werfen wir kurz noch einen Blick auf den vierten und letzten männlichen Typ, die Phlegmatiker. Der Wind ihrer Lenden - damit bezeichnet Hildegard den Geschlechtstrieb und die Erektion - ist nur mässig heiss, wie lauwarmes Wasser. Deshalb fehlt ihnen, wie bereits erwähnt, die reguläre Samenproduktion, der Bartwuchs und ähnliche männliche Attribute. Sie sind selbst schwach und lieben die Frauen, die ja ebenfalls nach damaliger Auffassung schwache Geschöpfe sind. In der Liebe zu den Frauen können sie sich ein wenig erwärmen und dann einen geringen Bart hervorbringen. Allerdings bleiben sie unfruchtbar.

Die Typologie der Frauen aus der Sicht Hildegards gestaltet sich etwas kürzer. Wir beschränken uns hier wiederum auf das Liebesleben.

Die Sanguinikerin ist ein Typ, der sozusagen auf Liebe eingestellt ist. Sie ist liebenswert, aber sie hat ihre Neigungen in der Gewalt. Bleibt sie ohne Ehemann und Kind, unterliegt sie leicht körperlichen Beschwerden; mit einem Ehemann dagegen ist sie gesund.

Die Phlegmatikerin wirkt auf die Männer anziehend: Sie laufen ihr nach und lieben sie. Dabei bringt es die Phlegmatikerin durchaus fertig, sollte das ihr Wunsch sein, ohne einen Mann zu leben, und zwar ohne besondere körperliche Beeinträchtigung. Freilich ist sie dann schwierig und ernst. In der Verbindung mit einem Mann hingegen erweist sie sich als in sexueller Hinsicht schwer zu zügeln, ganz wie die Männer. Ihr eignet nicht nur eine gewisse männliche Beherztheit, sondern wegen ihrer Vitalität spriessen ihr manchmal auch einige Barthaare am Kinn. (Wir wüssten gern, wie sich Hildegard erklärt, dass dem männlichen Phlegmatiker der Bart fehlt, der Phlegmatikerin aber wächst.)

Die Cholerikerin hat eine Art, die den Männern gefällt, und trotzdem gehen sie ihr lieber aus dem Weg, denn der Cholerikerin fehlt die Gabe, Männer durch Koketterie anzulocken. In einer ehelichen Verbindung ist sie züchtig und treu, körperlich gesund. Ohne Ehemann neigt sie zu körperlichen Beschwerden und Schwäche.

Ganz anders der letzte weibliche Typ, die Melancholikerin. Sie ist ohne einen Ehemann gesünder, stärker, fröhlicher, mit einem Manne hingegen leidend. Freilich laufen die Männer vor den Melancholikerinnen auch davon, und zwar deshalb, weil Melancholikerinnen die Männer nicht freundlich anreden. Ausserdem ist ihre Liebe für die Männer gering, ebenso ihr sexuelles Verlangen.

Die Bilder der Säftetypen, die Hildegard entwirft, weisen so zahlreiche Züge auf, dass eine Darstellung, geschweige denn eine Erörterung, sehr viel mehr Raum in Anspruch nähme. Selbst die Aussagen zur Sexualsphäre, die vielleicht am meisten verwundern und die ich auch aus diesem Grunde herausgegriffen habe, liessen sich fortsetzen. Hildegard geht z. B. ausführlich auf die nach Säftetypen unterschiedliche Menstruation ein sowie auf die Krankheiten, die eine verfrühte Menopause auslösen kann.

Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf die anthropologische Dimension der Aussagen Hildegards, deren Bedeutung grösser ist als die mancher zeitgebundenen inhaltlichen Angabe. Hildegard, die Nonne und Vorsteherin eines Frauenklosters, stellt sich dem Problem der Sexualität des Menschen, ja es ist für sie eigentlich gar nicht ein 'Problem', sondern etwas Selbstverständliches, das zur Natur des Menschen gehört. Die körperliche Konstitution bestimmt die sexuellen Bedürfnisse und determiniert das sexuelle Verhalten. Die Sexualität von Mann und Frau wird ohne jene Prüderie betrachtet, die man dem von der Kirche geprägten Mittelalter gern unterstellt. Hildegards unbefangener Blick auf die menschliche Sexualität hat nichts von Voyeurismus, ein Verdacht, von dem andere Autoren, die ähnliche Details (auch in den Bussbüchern!) ausbreiten, oft nicht frei sind. Im Weltbild Hildegards von Bingen sind Mann und Frau Wesen, die aufeinander bezogen sind, die in ehelicher Gemeinschaft einander gehören und zueinander gehören. Eine solche Sichtweise steht ausserhalb der damaligen, naturwissenschaftlich ausgerichteten Sexualphysiologie aristotelisch-galenischer Prägung. Doch gerade deshalb kann uns die Begegnung mit dem Werk Hildegards, unabhängig von unserer eigenen weltanschaulichen Position, ein Anstoss sein, über den naturwissenschaftlich fundierten Bemühungen der klinischen Medizin die seelische oder geistige Komponente - oder wie immer wir diesen Bereich bezeichnen wollen - nicht zu vergessen.

Aus: Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, Ausgabe Mai 1998, S. 165-168

 

Projektionsfläche Hildegard.

Von Dr. Mirja Kutzer (Systematische Theologin) 2012

Hildegard von Bingen ist eine schillernde Persönlichkeit. Die einen sehen in ihr die gottverbundene Mystikerin, deren Beispiel die Leiden an einer säkularen Gesellschaft und vernunftlastigen Theologie lindern kann. Anderen gilt sie als kleruskritische Kirchenreformerin, frühe feministische Theologin oder ganzheitliche Ärztin. Es ist an der Zeit, sie auch als systematische Theologin ihrer Epoche wahrzunehmen.

Im Oktober diesen Jahres soll Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin erhoben werden. Dies hat der als Vatikanexperte geltende Journalist Andrea Tornielli im Dezember 2011 in der italienischen Zeitung „La Stampa“ angekündigt. Ein wichtiger Schritt dorthin ist bereits vollzogen. Hildegard von Bingen wäre die vierte Frau, die den Ehrentitel der Kirchenlehrerin erhält. Am 10. Mai hat BenediktXVI. Hildegard von Bingen offiziell in das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen und die bisher nur im deutschsprachigen Raum erlaubte Verehrung der Benediktinerin für die Gesamtkirche geöffnet.

Hildegard von Bingen zählt, vertraut man einem Ranking des Fernsehpublikums, zu den „grössten Deutschen“ mit einer Bedeutung weit über ihre Zeit hinaus. Tatsächlich begegnet die Figur der Hildegard von Bingen in einer Vielzahl aktueller Diskurse als Gründungsfigur oder inspirierendes Vorbild. Die einen sehen in ihr die gottverbundene Mystikerin, deren Beispiel die Leiden an einer säkularen Gesellschaft und vernunftlastigen Theologie lindern kann. Anderen gilt sie als kleruskritische Kirchenreformerin und frühe feministische Theologin. Gehandelt wird sie als ganzheitliche Ärztin und Erfinderin der heute so genannten „Hildegard-Medizin“.

Wie kaum eine andere Figur des Mittelalters ist Hildegard von Bingen eine Projektionsfläche, auf die kirchenpolitische Haltungen, das Unbehagen an einer rationalistischen Weltbegegnung bis hin zu esoterischen Interpretationen und Praktiken wie auch ökonomische Interessen übertragen werden. So sehr diese Zuschreibungen auch den Blick auf die reale Hildegard verstellen, so ist doch kaum eine ohne historische Anhaltspunkte.

 

In der Tradition der biblischen Propheten

Die Bezeichnung Hildegards als Mystikerin hat ihren Grund und ihre Berechtigung in der visionären Begabung Hildegards. Schon als kleines Mädchen, so berichtet die teils auf Hildegards eigene Aufzeichnungen zurückgehende Vita, hatte sie wiederholt Visionen und Auditionen. 1098 als zehntes Kind der Edelfreien Hilbert und Mechthild von Bermersheim geboren, wurde sie mit acht Jahren, als „Zehent“, dem geistlichen Leben zugeführt. Ihre Eltern übergaben das oft kränkelnde Kind der Adeligen Jutta von Sponheim, mit der sie im Alter von zwölf Jahren eine Klause in der Nachbarschaft des Benediktinerklosters auf dem Disibodenberg bezog. Als Jutta 1136 stirbt, wird Hildegard zur magistra gewählt und übernimmt die Leitung der Klause, die sich zu einem Frauenkonvent mit etwa zwanzig adeligen Frauen und beträchtlichem Vermögen entwickelt hatte.

Ihr halbes Leben lang hielt Hildegard ihre Visionen geheim. Erst im Alter von 43 Jahren beginnt sie ein literarisches Schaffen, das sie als Aufschreiben ihrer „Gesichte“ ausweist. Zwischen 1141 und 1151 entsteht ihr erstes Hauptwerk „Scivias – Wisse die Wege“. Mit dem Buch der Lebensverdienste („Liber Vitae Meritorum“, 1158–1161) und dem Buch der göttlichen Werke („Liber divinorum operum“, 1163–1170) folgen zwei Werke ähnlicher Art. Der Aufbau ist immer gleich. Hildegard schildert eine Vision in vielschichtigen, originellen Bildern. Es folgt die allegorische Erklärung dieser Bilder, die Hildegard auf eine Audition zurückführt.

Am Anfang von „Scivias“ beschreibt Hildegard diejenige Audiovision, in der sie den Auftrag zur Niederschrift erhält. Die Zeilen legen ihr Selbstverständnis offen. Hildegard stellt sich in die Tradition der biblischen Propheten. Wie Elias und Jeremia beruft sie sich auf direkte Erfahrung, die zunächst Furcht und Erschrecken hervorruft. Wie Ezechiel gibt sie das genaue Datum an und betont die Beauftragung. Sich selbst beschreibt Hildegard als Ungelehrte, als indocta, was ihrer verhältnismässig breiten Bildung keineswegs entspricht.

Sie stilisiert sich damit als reine Übermittlerin göttlichen Wortes, die mangels Fähigkeiten von sich aus nichts hinzufügen kann. Dennoch ist die Audition kein fertiger Text, der ihr in die Feder diktiert würde. Hildegard versteht und gibt das Verstandene in menschlichen Worten wieder, deren Vieldeutigkeit sich anzuvertrauen sie zögert. Zwangsläufig schliesst das die interpretative und stilistische Eigenleistung der Visionärin ein. Ihre Texte arbeiten mit den Kategorien der zeitgenössischen Theologie, die sie in prophetischer Manier mit Gesellschaftsanalysen verbindet. Doch beharrt sie auf ihrer Rolle als passives Gefäss.

In dieser Selbstdeutung unterscheidet sich Hildegard deutlich von dem, was als charakteristisch für christliche Mystik gilt. Anders als ihre männlichen Zeitgenossen Bernhard von Clairvaux oder Hugo von Sankt Viktor, die als „mystisch“ bezeichnete Texte verfasst haben, beschreibt sie keinen Aufstiegsweg der liebenden Seele zu Gott, an dessen Ende die Visio beatifica steht. Nirgends spricht sie von der sprachlosen und nicht-reflexiven Einung der Seele mit Gott. Weder verfasst sie Anleitungen zu kontemplativem Gebet noch beeinflusst sie spätere mystische Theorie und Praxis.

Schon gar nicht malt sie ihre Audiovisionen als Begegnungen der liebenden Seele mit Christus im Brautgemach aus, wie dies im 13. Jahrhundert Mechthild von Magdeburg oder Hadewijch von Brabant tun werden. Hildegard in diese Tradition zu stellen, ist für ihre Rezeption nicht unproblematisch. Die Zuschreibung blendet leicht die Breite und Vielfalt ihrer Themen aus. Zwar sind die Texte, in denen sie ihre Erfahrungen des Hörens und Sehens reflektiert, berühmt geworden. Doch bilden sie nur einen Bruchteil ihrer Schriften und haben für die eigentlichen Inhalte ihres Schreibens keine Bedeutung.

Hildegards Selbstdeutung als Prophetin steht im Kontext der Problematik weiblicher Autorität. Als Frau des 12. Jahrhunderts wäre es nur schwer denkbar gewesen, dass sie schreibt und predigt, ohne sich auf göttliche Offenbarungen berufen zu können. Diese Funktionalität besagt nicht, dass Hildegards Audiovisionen nur dem Wunsch nach Autorität und Zuhörerschaft entsprungen wären. Sie erklärt aber die Vehemenz, mit der Hildegard auf ihrer Irrtumslosigkeit und der Ausblendung jeglicher medialer Vermittlung besteht. Sie spiegelt sich auch in dem Wert, den Hildegard darauf legt, während ihrer Offenbarungen bei vollem Bewusstsein zu sein. Sie vermeidet damit, in den Ruch geistiger, „typisch weiblicher“ Verwirrung zu kommen. Zudem kann sie sich bei der Vielzahl von Themen, zu denen sie sich äussert, auf die Eingebung Gottes berufen.

Auch Hildegard selbst mag ihr Frausein als Problem wahrgenommen haben. Bei allem Selbstbewusstsein partizipierte sie an der zeittypischen und durch die theologische Lehrmeinung unterfütterten Geringschätzung ihres Geschlechts. Frau zu sein, gilt als Schwäche und wird von Hildegard auch selbst so gedeutet. In einer Geste der Demut stellt sie ihr Frausein neben ihre Krankheit und ihre mangelnde Bildung. Doch bedient sie damit auch ein insbesondere Frauen zur Verfügung stehendes Paradox. Denn es sind, zumindest in der Theorie, gerade die Niedrigen und Demütigen, die Gott erhebt und an denen Gott seine Macht erweist. Dies weist der Benediktinernonne eine Position zu, die sie über die Mächtigen ihrer Zeit erhebt.

Eine frühe Feministin, die für die Gleichwertigkeit von Mann und Frau eintritt, wird sie dadurch kaum. Ihr selbst aber war eine Emanzipation von geschlechtlichen Rollenzuschreibungen möglich. Sie beginnt eine prophetische Aktivität, die in ihrer Kritik vor den Höchsten von Reich und Kirche keinen Halt macht.

 

Korrespondenz mit Verantwortungsträgern bis in die höchsten Ebenen

Die Anerkennung ihrer Sehergabe erfährt Hildegard 1147 durch Papst Eugen III. Als dieser im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für den Zweiten Kreuzzug nach Trier kommt, legt man ihm Hildegards erste Schrift „Scivias“ vor. Hildegards mitunter freilich zu Übertreibungen neigende Vita berichtet, dass Eugen selbst der versammelten geistlichen Elite des Reiches Passagen daraus vorlas. Insbesondere der ebenfalls anwesende Bernhard von Clairvaux habe sich für die päpstliche Bestätigung eingesetzt. Bereits vor dieser Bestätigung hatte sich Hildegard an Bernhard, den grossen Reformer ihrer Zeit, gewandt. Die erhaltene Antwort muss als freundlich, aber eher knapp und distanziert bewertet werden.

Wohl Hildegard selbst liess in diesen Brief bei der Zusammenstellung ihrer vielfältigen Korrespondenzen einige anerkennende Sätze hineinfälschen. Mit der Anerkennung durch Bernhard ist die Benediktinerin mit Autorität ausgestattet. Sie hat die Erlaubnis zu predigen, wird eine gefragte Ratgeberin, die aufgrund ihrer Sehergabe den Willen Gottes zu übermitteln vermag. Schon von ihren Zeitgenossen erhält sie die Ehrentitel der „Prophetissa Teutonica“ und der „Sybille vom Rhein“. Zu den Partnern ihrer Korrespondenz gehören kirchliche und weltliche Verantwortungsträger bis in die höchsten Ebenen. Auch mit dem Papst wechselt sie Briefe. Sie unternimmt Predigtreisen, die sie nach Mainz, Würzburg und Bamberg, später nach Trier, Metz und Lothringen und schliesslich per Schiff nach Andernach, Köln und Siegburg führen.

Typisch für ihr öffentliches Auftreten ist die Predigt, die sie 1160 am Pfingstfest in Trier hält. Nach der üblichen Demutsgeste beschwört Hildegard ein kosmisches Bild, das eine Verdunkelung der vier Enden der Welt beschreibt. Im Osten, Süden und Westen versinken die Tugend, die guten Werke und die Barmherzigkeit im Dunkel. Von Norden, dem symbolischen Reich Satans, weht ein Wind des Stolzes, des Unglaubens und der Vernachlässigung Gottes. Diese Schilderung beinhaltet eine Anklage der Geistlichkeit von Trier. Hildegard kritisiert deren Streben nach Reichtum, Ruhm und politischem Einfluss, wendet sich gegen die Vernachlässigung klerikaler Pflichten. In Anwendung der üblichen patriarchalen Symbolik ihrer Zeit bezeichnet sie ihr Zeitalter als verweichlicht: Das leichte Leben hat den männlichen Mut in weibliche Schwäche verwandelt. Als Quelle der gegenwärtigen Not bezichtigt sie einen unschwer mit Kaiser Barbarossa zu identifizierenden Tyrannen.

Die nicht eigens ausgesprochene Botschaft ist deutlich: Die deutschen Bischöfe, die den mittlerweile schismatischen Kaiser mitgewählt haben, akzeptieren aufgrund eigener Schwäche dessen Kontrolle. Hildegard tritt hier als Protagonistin der Gregorianischen Reform auf, die neben den Missständen im Klerus auch die Übergriffe von Seiten der weltlichen Macht auf die Kirche bekämpft. Später wird sie den offenen Konflikt mit Barbarossa suchen.

In die mönchische Reformbewegung des 12. Jahrhunderts ist Hildegards Bestreben einzuordnen, den Frauenkonvent der Umklammerung durch das Männerkloster auf dem Disibodenberg zu entziehen. Gegen den vehementen Widerstand von Abt Kuno, der die einträglichen Pfründe der adeligen Nonnen nicht verlieren wollte, lässt Hildegard auf dem Rupertsberg ein reines Frauenkloster errichten, dessen Äbtissin sie wird. Es wurde nach ihren Idealvorstellungen gebaut. Das Kloster war funktional ausgestattet mit sanitären Anlagen und fliessendem Wasser in den Arbeitsräumen. Eine radikale Askese, wie sie in den boomenden Zisterzienserklöstern gelebt wird, lehnt Hildegard ab.

Bei aller Verdammung übermässigen Genusses tritt sie dafür ein, das Lebensnotwendige und der Gesundheit Förderliche dem Körper zuzuführen. Auch teilt sie die für die Reformbewegung so charakteristische Fokussierung auf das Innenleben des Menschen bei gleichzeitiger Abkehr von der sinnlich wahrnehmbaren Aussenwelt nicht. Damit übernimmt sie freilich auch nicht die Relativierung des gesellschaftlichen Standes als Folge der Absage an alles Äusserliche. Während etwa die Zisterzienser in ihren Klöstern längst die Trennung von Adeligen und Nicht-Adeligen aufgehoben hatten, steht der Rupertsberg nur Frauen adeliger Herkunft offen. Trotz heftiger Kritik an den Standesvertretern bleibt die Feudalstruktur selbst von Hildegard unangetastet. Die Harmonie Gottes, die sich in der Ordnung des Klosters spiegeln soll, ist prinzipiell hierarchisch gedacht.

 

Naturkundlerin und Ärztin

Die Bejahung der weltlichen Feudalstruktur wie der kirchlichen Hierarchie ist bei Hildegard eingebettet in ein symbolisches Denken, das die irdischen Gegebenheiten als Abbild des Himmlischen lesen konnte. Die irdische Hierarchie spiegelt die himmlische Hierarchie der Geistwesen. Hildegard von Bingen gehört zu denjenigen, die diesen platonisierenden Symbolismus im Hochmittelalter noch einmal zur Blüte treiben. Zu ihrer Zeit wird er bereits massiv infrage gestellt: durch eine Naturphilosophie, die sich zunehmend für kausale Zusammenhänge zu interessieren beginnt, durch den Nominalismus, der die Allgemeinbegriffe für Konstruktionen hält und damit auch die Gotteserkenntnis der klassischen Metaphysik angreift, durch den Dualismus der Katharer-Bewegung, die sich vom Süden Frankreichs bis in das Rheinland ausgebreitet hat und gegen die auch Hildegard predigt.

Die Entzauberung der Welt, an deren Ende das neuzeitliche Naturverständnis steht, hat bereits begonnen. Hildegard steht hier noch auf der Seite des Traditionellen. Der Symbolismus bestimmt ihre Art und Weise, die sie umgebende Natur und den Menschen in einen kosmologischen Zusammenhang zu stellen. Welt und Mensch sind ein System aus Spiegelungen. In ihrem zweiten visionären Werk „De operatione dei“ bietet sie einen wimmelnden Kosmos, in dem jedes Ding alles andere symbolisieren kann. Dem Menschen kommt in dieser theozentrisch konzipierten Weltsicht ein Ehrenplatz zu. Im Mikrokosmos des Menschen spiegelt sich der Makrokosmos der Gestirne. Das Rund des menschlichen Kopfes spiegelt das Rund des Firmaments.

Wir, denen angesichts der vielfachen Fragmentierung der Lebensbereiche die Einheit der Welt abhandengekommen ist, stehen heute ebenso befremdet wie staunend vor dieser grossen Zusammenschau. Das Hamsterrad ökonomischer Zwänge ist uns weit näher als die Vollkommenheit des Weltenrads, in das Hildegard den Menschen in einer der berühmtesten ihrer Visionen eingespannt sieht. Nicht von ungefähr begegnet der Name Hildegard von Bingen heute am häufigsten im Kontext alternativer Heilmethoden. Die Medizin ist das Feld, wo der Mensch quasi am eigenen Leibe die Verkürzungen einer auf die Empirie reduzierten Vernunft, der Erkenntnis durch Distanznahme und Partialisierung erfährt.

Die Faszination, die diesbezüglich von Hildegard ausgeht, ist eine doppelte. Zum einen bietet sie einen naturwissenschaftlich anmutenden, quasi modernen Zugang. Die Nonne des 12. Jahrhunderts beobachtet und beschreibt den menschlichen Körper einschliesslich der Sexualorgane erstaunlich nüchtern. Ihre Aufzeichnungen über Heilkräuter enthalten ein Wissen, das wenigstens teilweise der empirischen Überprüfung standhält. Zum anderen scheint Hildegards Natursicht eine heute schmerzlich vermisste Ganzheitlichkeit zu vermitteln. Alles wirkt vielschichtig und miteinander verwoben – der Körper mit dem Geist, der Mensch mit dem Kosmos, die einzelnen Körperteile untereinander.

Hildegards naturkundliche beziehungsweise heilkundliche Schriften sind in den Werken „Physica“ und „Causae et Curae“ überliefert. Da zeitgenössische Exemplare fehlen, wird ihre Echtheit angezweifelt. Doch spricht einiges dafür, dass die Texte im Grundbestand auf Hildegard zurückzuführen sind. Wir finden hier unterschiedlichste Themen versammelt, die mitunter nicht einmal im weiten Sinne unter das fallen, was wir heute unter Medizin verstehen. Neben Schilderungen des Kosmos in seinen Bestandteilen und Funktionen stehen Charaktertypologien, Ausführungen zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern, Hinweise zur gesunden Lebensführung, Beschreibungen von Beschwerden und Rezepten mit den Begründungen für die einzelnen Zutaten.

Die Quellen, deren sich Hildegard bedient hat, sind unklar. Vieles dürfte aus der Antike überliefertes Allgemeingut sein, Teile aus germanischem Volksgut stammen. Magische Elemente sind vielfach vorhanden. Aber auch eigene Beobachtungen aus ihrem Umgang mit Kranken und der Arbeit mit Kräutern im Kloster dürften eingeflossen sein. Das Grundkonzept ist typisch für die mittelalterliche Medizin und beruht auf einer Pathologie der vier Körpersäfte. Dennoch erscheint das heilkundliche Konzept von „Causae et Curae als singulär.

Die Körpersäfte etwa interpretiert Hildegard in durchaus eigener Weise. Ihre Charaktertypologie ist originell und teils mit erschütternder Klarsicht menschlicher Abgründe formuliert. Vielfach begegnen Anknüpfungspunkte zu den visionären Schriften. Der Schlüsselbegriff der Heilkunde Hildegards ist die Viriditas, die gerne mit „Grünkraft“ übersetzt wird. Die Viriditas durchzieht alle Lebewesen und ist für Heilkraft und Fruchtbarkeit verantwortlich. Ihr Mehr oder Weniger beim Menschen entscheidet über Gesundheit und Krankheit.

Die Vision eines von feinen Harmonien durchzogenen Kosmos, die eine positive Zugewandtheit zur Schöpfung vermittelt, ist freilich nur die eine Seite von Hildegards Weltsicht. Was ihre modernen Bewunderer meist ausblenden, sind Hildegards Tendenzen hin zur asketischen Weltabkehr und einem sündentheologischen Dualismus. Die symbolischen Deutungen sind immer auch moralisch gefärbt. So gilt die Schwarze Galle, die als Ursache vielfacher somatischer Störungen angesehen wird, als Folge des Sündenfalls. Ganzheitlich klingt für uns heute, dass die Schwarze Galle neben körperlichen auch seelische Beschwerden hervorruft und für Traurigkeit, Verzweiflung und Zorn zuständig sein kann.

Doch einher geht dies bei Hildegard mit einer deutlichen Abwertung alles Körperlichen. Der sündige Leib, und hier ist Hildegard ganz Kind ihrer Zeit, kann die geistige Seele verunreinigen. Auch Begehren und Lust haben, obgleich notwendig zur Fortpflanzung, den Geschmack der Sünde. Hildegards Zuwendung zum Natürlichen ist von Ambivalenzen durchzogen. Diese korrelieren mit ihrer ebenfalls changierenden Symbolik des Weiblichen.

 

Theologin der Weiblichkeit

Hildegard ist vielleicht die erste christliche Denkerin, die sich ernsthaft und positiv mit dem „Weiblichen“ befasst. Sie stellt sich hier in die Tradition der alttestamentlichen Weisheitsliteratur. Im Zentrum steht bei Hildegard eine Figur, die sie Sapientia oder auch Caritas nennt. Sie begegnet zuerst in „Scivias“ als Gestalt, die das Erkennen Gottes darstellt. Sie ist schreckenerregend und mild zugleich. Sie strahlt so sehr, dass sie nicht betrachtet werden kann. Sie ist bei allem und in allem. In Schönheit und Liebenswürdigkeit wirbt sie um den Menschen und bewegt ihn zur Umkehr. Als Caritas ist sie die „liebenswürdige Freundin am Throne Gottes, und Gott verbirgt mir keine Entscheidung. Das königliche Brautgemach, es ist mein, und alles, was Gott gehört, gehört auch mir.“

Dabei denkt Hildegard weniger schöpfungs- denn inkarnationstheologisch. Die Sapientia steht für das immanente göttliche Prinzip, das das Göttliche ontologisch wie affektiv mit seinen Geschöpfen verbindet. Mit solchen kraftvollen Bildern steht Hildegard in einer Reihe mit Theologen wie Hugo und Richard von Sankt Viktor, Wilhelm von Sankt Thierry oder natürlich Bernhard von Clairvaux, die im 12. Jahrhundert die „Entdeckung der Liebe im Hochmittelalter“ (Peter Dinzelbacher) prägen. Mehr und mehr tritt die Menschheit Jesu Christi in den Vordergrund. Der Sühnegedanke weicht der Liebe als dem vor aller Zeit in Gott beschlossenen Grund für die Inkarnation.

Entsprechend dieser „weiblichen“ Symbolik wurde Hildegard von Bingen als Vorläuferin einer feministischen Theologie gehandelt, die sich darum bemüht, das einseitig männlich gefärbte Gottesbild des Christentums zu durchbrechen. Der erste Enthusiasmus dieser Bemühungen ist freilich bereits verflogen. Hildegard von Bingen selbst ist ein Beispiel, dass es nicht automatisch zu einer Hochschätzung der Frauen führt, wenn ihrem Geschlecht zugeschriebene Eigenschaften als Analogien für das Göttliche benutzt werden. Zudem werden in solchen symbolischen Systemen die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ nicht nur als biologische, sondern als metaphysische Kategorien behandelt. Traditionelle Rollenzuschreibungen und Machtverteilungen werden so eher befestigt denn durchbrochen, so die Befürchtung.

Doch bietet die Theologie Hildegards auch keine binär gefasste Geschlechterdualität. Vielfältig vermeidet sie, das „Weibliche“ allein mit den Frauen zu assoziieren. Keine Frau ist bloss „weiblich“, kein Mann ausschliesslich „männlich“. Und auch wenn ein „weibliches“ Gottesbild nicht eins zu eins auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückwirkt, gibt es dennoch Rückkopplungseffekte. So gewinnt im 12. Jahrhundert, in dem „weibliche“ Affektivität und Sorge Gott zugeschrieben werden, eine stärker emotional gefärbte Weltbegegnung für Männer wie Frauen an gesellschaftlicher Legitimität.

In Hildegards Gottesspekulation fliessen die Bilder von „Männlichem“ und „Weiblichem“ in einer Weise ineinander, die die binären Codes ihrer Umgebung immer schon überschreitet. Kein Motiv steht für das Ganze. Statt einer abstrakten negativen Theologie bietet sie eine Überfülle an Bildern, und in all diesen Bildern leuchten nicht Mann und Frau, sondern das lebendige Licht.

Am Vorabend der Scholastik versucht Hildegard von Bingen noch einmal die grosse und von vielfältigen Ambivalenzen durchzogene Zusammenschau – von Kosmologie und Sündendrama, von Naturtheologie und Gottesspekulation, von einfacher Frömmigkeit und professioneller Theologie, von kreativer Neuschöpfung und traditioneller Orthodoxie. Sie stirbt am 17. September 1179 im 82. Lebensjahr. Es ist an der Zeit, Hildegard von Bingen als systematische Theologin ihrer Epoche wahrzunehmen.

Als Ursache für diese Unterschiede in Charakter und Lebensweg sieht Hildegard die Beschaffenheit des menschlichen Samens an. (An dieser Stelle ist wohl allein an einen Zeugungsbeitrag des Mannes gedacht; anderswo nennt sie in traditioneller Weise das das Menstruationsblut als weiblichen Zeugungsbeitrag.) Hildegard bedient sich des schon in der Bibel (bei Hiob 10,10) erwähnten geläufigen Vergleichs des menschlichen Samens mit gerinnender Milch bei der Käseherstellung, der erklärt, wie aus etwas Flüssigem, dem Samen, etwas Festes, nämlich die Leibesfrucht, wird: aus dicker, somit fetter Milch wird starker Käse, bei dünner Milch ist es genau umgekehrt, und - damit sind wird bei der dritten Kategorie - mitunter hat die Milch eine faulige Beimischung (tabes), die Ursache bitteren Käses (fortis-debilis-amarus).

 

Ausschnitte aus dem „Heilwissen“ von Hildegard.

Vom Essen.

"Das Fleisch der Elster ist nicht essbar, weil sie sich von giftigem und schädlichem Futter ernährt. Bärenfleisch macht den Menschen lüstern. Adlerfleisch wirkt auf ihn tödlich: es ist wegen seiner Hitze zu stark. Ihm ist das Fleisch des Tigers unzuträglich, weil dieser so sehr wild ist. Dem Schweinefleisch misstraut Hildegard, weil es von einem unreinen Tier komme. Dagegen soll die Gesundheit des Igels auf den Menschen, der ihn verspeist, übergehen. In Bezug auf den Sperling meint Hildegard, er tauge weder als Heil- noch als Nahrungsmittel."

"Wenn ein Mensch rohe Äpfel oder rohe Birnen oder rohes Gemüse oder sonstige ungekochte Speisen genossen hat, die weder auf dem Feuer noch mit irgendeinem Gewürz zurechtgemacht waren, so können diese in seinem Magen nicht leicht fertiggekocht werden, weil sie vorher nicht zurechtgemacht waren.

(in: Joachim Bumke, Bd. 1, S. 69)

 

Vom Atmen.

Wenn der Mensch nicht ein- und ausatmete, würde er den Körper nicht bewegen können, und sein Blut würde nicht fliessen, wie ja auch Wasser ohne Luftbewegung nicht fliesst.

 

Vom Speichelauswurf und Schnauben.

Das Gehirn hat Oeffnungen, die stets luftig sind und durch die es erweicht und befeuchtet wird: Augen, Ohren, Nase, Mund; der feuchtkalte Unrat der Säfte sammelt sich dort am Ausgang der Nase und Kehle, weil ihn das Gehirn nicht bei sich behält, sondern zur Reinigung abstösst und durch den Luftzug wieder entfernt. Wollte der Mensch diese Reinigung irgendwie unterdrücken, so würde er geisteskrank werden … Wer aber eine verstopfte Nase hat, der … ist innerlich ungesund und leidet an Geschwüren u.s.w.

Manche Menschen haben so viel Blut, dass es manchmal vor Fülle dick und dunkel wird. Wenn diese innerlich gesund sind, so fliesst das überflüssige Blut aus der Nase ab und ihr Gehirn wird dadurch gereinigt, ihre Sehkraft geschärft und ihre Kräfte erneuert …

Auch wenn das Gehirn des Menschen einigermassen rein und gesund ist, dringen doch bisweilen die Wirbel der Luft und der andern Elemente ein und lassen verschiedenartige Säfte ein- und ausfliessen und erzeugen im Nasen- und Kehlwege einen nebelhaften Dunst, so dass dort ein schädlicher Eiter wie Dunst von nebligem Wasser sich zusammenzieht. Der Schleim verdichtet sich dann zu festen dünnen Säften, die unter Schmerzen durch Nase und Kehle ausgestossen werden; wie auch reife Geschwüre aufbrechen und ihren Eiter fliessen lassen und wie man keine Speise kocht, ohne dass ihr Abgang im Schaum ausgeschieden wird … Wenn man eine neue und unbekannte Speise geniesst oder solchen Wein oder anderes Getränk, dann werden durch diese neuen Säfte die andern im Körper aufgewühlt und gehen reinigungshalber flüssig aus der Nase ab, wie neuer Wein, den man in ein Gefäss giesst, die Unreinigkeiten ausscheidet. Wenn Jemand eine derartige Reinigung unterdrücken wollte, würde er sich ebenso schaden, als wenn er Stuhlgang und Harn zurückhielte, zur rechten Zeit abzugehen. Vielmehr muss man, wenn jene Säfte sich noch vermehren, so dass die Körperschmerzen sich mehren, ein Heilmittel anwenden, dass sie desto leichter abfliessen.

 

Von Reinigungstränken.

Magenreinigende Tränke nützen denjenigen Menschen nicht, die sehr krank sind und derartig gebrechlich, dass sie von Lähmungen heimgesucht werden (a paralysi fatigantur); noch auch denen, in denen die Flüsse nach Art übergetretener Gewässer beständig hierhin und dorthin sich ergiessen. Solche schaden die Tränke mehr, als sie nützen. Denn da sich derartige Flüsse vom Magen aus zwischen Haut und Fleisch verbreiten und in den Adern nach verschiedenen Richtungen strömen, sind sie nicht mehr im Magen und würden von den Tränken, die der Mensch dem Magen zuführt, nicht mehr vertrieben werden können. Solchen gichtbrüchigen (qui de gutta paralysi conteruntur) und an Rheumatismus leidenden Leuten (qui de praefatis humoribus fatigantur) nützen vielmehr Pulver von heilsamen Kräutern und kostbare Wohlgerüche … Den unten beschriebenen Gesundheitstrank sollen nur solche nehmen, die weder sehr gesund noch sehr krank sind …; auch solche, die völlig gesund sind, damit ihnen die Gesundheit erhalten bleibe; auch solche, die von mannigfaltigen und vielen Speisen fette, eitrige Säfte in sich haben …; endlich auch solche, die nach dem Genuss einer Speise Magenschmerzen haben … Man nehme ihn aber im Juni oder Juli, vor dem August, nüchtern und ohne andres Gewürz … Wenn man nach dem Genuss einer Speise Magenschmerzen empfindet, nehme man ihn im Oktober. Auch andere Tränke nimmt Jedermann besser in oben genannten Monaten als in anderen.

 

Von der Diät.

Wer gesund sein will, muss nach natürlicherweise warmen Speisen natürlicherweise kalte geniessen, nach kalten warme, nach trockenen feuchte, nach feuchten trockene - gekochte oder ungekochte … damit sie sich gut miteinander vermischen … Wenn man verschiedenartiges Fleisch und übermässig warme und auserlesene Speisen durcheinander zu sich nimmt, erregt ihr Saft das Mark so stürmisch, dass es wollüstig wird. Darum soll man nur einfach gewürztes und mässig gekochtes Fleisch geniessen, nicht zu warmes, auserlesen mit allen möglichen Zutaten bereitetes und scharf gewürztes … So vernichtet auch starker, köstlicher Wein die Kraft der Blase des Menschen, so dass sie seinem Mark nicht den gehörigen Lebenssaft zu schaffen vermag … Wer den trinken will, muss ihn zuvor mit Wasser mischen…, auch den sogenannten Ungarwein …Ueberhaupt soll man jede Speise und jeden Trank anständig und in Maassen zu sich nehmen …Ist man gesund, muss man sich in angegebener Weise beim Essen und Trinken in Acht nehmen, um gesund zu bleiben; ist man leidend, möge man sich durch Fleischgenuss mässig und vorsichtig stärken, aber auch dann nur verdünnten Wein trinken. – Wenn einer zu fettes Fleisch oder andere zu fette Speisen … geniesst, ist ihm dies mehr schädlich als nützlich … Ist Jemand dürr an Gliedern und Körper, so möge er fettes Fleisch … essen … Bier macht dick und verleiht vermöge der Kraft des Getreidesaftes dem Antlitz eine schöne Farbe. Wasser schwächt und verursacht einem Schwächlichen Eiter an der Lunge … Trinkt aber ein gesunder Mensch bisweilen Wasser, so wird ihm dies nichts schaden … Wenn ein Mensch sich selbst zum Erbrechen zwingt oder irgend ein Gewürz nimmt, wodurch er das Erbrechen hervorruft, das ist ihm nicht gesund und heilsam … Erbrechen, welches von selbst kommt, ist besser, als das durch irgend ein Mittel hervorgerufene.

 

Vom Aussatz.

Der Aussatz in Folge von Schlemmerei ruft rote Geschwülste ähnlich wie die Drachengeschwulst hervor; der von der Leber herrührende macht Einschnitte in Haut und Fleisch bis zu den Knochen; der von der Wollust stammende bewirkt breite rindenartige Geschwürflächen, unter denen das Fleisch rot ist. Die beiden ersten Arten sind schwer zu heilen, die dritte leicht.

 

Gegen Haarschwund.

Wenn einem jungen Menschen die Haare ausfallen, so mische er Bärenfett und Staub von Weizenkleie und salbe damit das ganze Haupt, besonders da, wo der Haarschwund ist. Diese Salbe muss er lange auf dem Kopfe lassen …

 

Gegen Verrücktheit.

Wenn einer erkältetes Gehirn hat und verrückt wird, nehme man Lorbeerfrüchte, pulverisiere sie, mische und knete das Pulver mit Weizenmehl und schmiere diesen Teig, nachdem die Haare abrasiert sind, auf dem Kopf und lege einen Verband von Filz darüber, damit das Gehirn wieder warm werde und [der Patient] schlafen kann … Wenn der Teig trocken geworden ist, mache man einen neuen u.s.w. … und er wird wieder zu Sinnen kommen.

 

Gegen Augenleiden.

Wenn Wasser und Blut in den Augen in Folge hohen Alters oder einer Krankheit schwinden, so suche man grünen Rasen auf und blicke auf diesen so lange hin, bis die Augen tränen.

Wer ein Gerstenkorn hat, nehme, wenn es noch frisch ist, Ochsengalle und lege sie so frisch des Nachts auf die Augen und befestige sie mit einem Verband, damit sie nicht abfallen kann, und verfahre so drei Tage lang …

 

Gegen Herzleiden.          

„Wenn in den Eingeweiden und in der Milz zu viel böse Säfte entstehen und durch Melancholie viele Herzleiden verursachen, nehme man Galgant und Bertram zu gleichen Teilen und weissen Pfeffer gleich dem vierten Teil eines derselben oder, wenn weisser Pfeffer nicht zu haben ist, Pfefferkraut, viermal soviel als weissen Pfeffer, und bereite ein Pulver davon. Dann fügt man Bohnenmehl dem Pulver hinzu und mischt dies mit Bockshornkleesaft ohne Wasser, Wein oder eine andere Flüssigkeit. Daraus bereitet man kleine Kuchen und lässt sie in der Sonnenhitze dörren; man muss sie also im Sommer, wenn man Sonne haben kann, bereiten, damit man im Winter welche habe. Diese Kuchen esse man nüchtern und nach dem Frühstück. Ferner nehme man Lakritzen und fünfmal soviel Fenchel, dazu Zucker soviel wie Lakritzen und etwas Honig und bereite daraus einen Lautertrank [Progr. S. 16] und trinke ihn nüchtern und nach dem Frühstück gegen Herzschmerzen. [Ein anderes Recept:] Man nimmt weissen Pfeffer, dazu Kümmel zum dritten Teil davon und Bockshornklee zur Hälfte vom Kümmel [quantum medietas cumini pensat], macht ein Pulver daraus, und wenn die Herzschmerzen anfangen, ehe noch eine Herzschwäche eintritt, isst man mit ein wenig Brot dieses Pulver nüchtern und nach dem Frühstück.

 

(Erstaunlicherweise empfiehlt hier Hildegard nicht eines der wenigen wirkungsvollen Heilmittel das sich seit Hippokrates und bis heute bewährt hat: Digitalis. Die Pflanze (Fingerhut) enthält herzwirksame Glykoside, die in der Lage sind, auf das Herz eine die Schlagkraft steigernde (positiv inotrope) und die Herzfrequenz senkende (negativ chronotrope) Wirkung zu entfalten. Also ein patenter, sich selbst regulierender Wirkstoff der bei vielen Kreislaufproblemen Abhilfe schafft.)

 

Gegen Lungenleiden.

Wenn böse, garstige Säfte Dunst in das Gehirn aufsteigen lassen und diese dann auf die Lunge schlagen und dort Schmerzen hervorrufen, nimmt man Lungwurz [Pulmonaria officinalis L.], koche die Pflanze in Wasser–nicht in Wein … lasse sie gekocht in einem Topf stehen und trinke eine Woche lang davon, nachdem man filtriert hat. Man nimmt dies Getränk, das man erneuern muss, wenn es ausgetrunken ist, täglich nüchtern und nach der Mahlzeit.

 

Gegen Leberverhärtung.

Wenn in Folge übermässigen Genusses vielfältiger Speisen und davon herrührender schlechter Säfte die Leber leidet und verhärtet ist, nehme man Huflattich [minner hufladecha] und zweimal soviel Wegerichwurzeln und Blätter [?muos] einer Birnmistel [vielleicht ist das innere einer B. gemeint], soviel wie Huflattich, zerschneide die beiden ersten Kräuter in kleine Stücke, durchbohre sie mit einer Ahle oder einem anderen kleinen Instrument, stecke in die Löcher die Mistelblätter und lege sie so in reinen Wein.

 

Gegen Nierenschmerzen.

Wenn man an Nieren- und Lendenschmerzen leidet, rührt das häufig von Magenschwäche her; man nimmt dagegen Raute und Wermut zu gleichen Teilen und Bärenfett in grösserer Menge, rührt das zusammen und reibt sich mit dieser Salbe die schmerzende Nieren- und Lendengegend am Feuer stark ein.

 

Die fleischliche Lust.

Die Adern, die in der Leber und im Bauch des Mannes sind, treffen sich in seinen Genitalien. Und wenn die Erregung der Lust vom Marke des Mannes ausgeht, gelangt sie in die Geschlechtsteile und erregt im Blute den Vorgeschmack der Lust. Und weil diese Teile eng und fest eingeschlossen sind, kann jene Erregung sich nicht genügend verbreiten und erglüht dort stark in Lust, so dass sie in dieser Glut selbstvergessen sich nicht enthalten kann, den Samenschleim zu entsenden; denn wegen der Eingeschlossenheit der Schamteile entbrennt das Feuer der Lust heftiger, wenn auch seltener, in ihm als in der Frau. Denn wie auf grossen Wellen, die sich von starken Stürmen auf Flüssen her heben, ein Schiff heftig kämpft und kaum sich halten und widerstehen kann: so kann auch im Sturm der Wollust die Natur des Mannes sich schwer zähmen. Aber auf Wellen, die von sanftem Winde sich erheben, und in Stürmen, die von sanfter Windbewegung herrühren, kann sich der Nacken, wenn auch mit Mühe, halten: so ist des Weibes Natur in der Wollust, da sie sich leichter bezwingen kann, als die Art der Wollust des Mannes. Diese gleicht dem Feuer, das erlischt und wieder angefacht wird; denn wenn es fortwährend glühte, würde es Vieles verzehren: so erhebt sich die Lust ab und zu im Manne und sinkt dann wieder; denn wenn sie immer in ihm wütete, könnte er sie nicht ertragen.

 

Gegen Geschwulst des Gliedes.

Wenn in Folge schädlicher Säfte eine Geschwulst am männlichen Gliede entsteht und dort Schmerzen hervorruft, nimmt man Fenchel und dreimal soviel Bockshornklee und etwas Kuhbutter, verrührt das und streicht es darüber … Dann nimmt man Malzkuchen, erweicht und erwärmt sie in etwas warmen Wasser und legt sie auf die Geschwulst.

 

Gegen Impotenz.

Ein Mann, dem der Samen abgeht, so dass er nicht zeugen kann, nimmt Haselkätzchen und zum dritten Teil davon Mauerpfeffer und zum vierten oder fünften Teil von Mauerpfeffer Winde und etwas gewöhnlichen Pfeffer und kocht dies zusammen mit der Leber eines jungen Hirsches, der schon reif ist zur Fortpflanzung, fügt auch etwas frisches, fettes Schweinefleisch hinzu. Die Kräuter wirft man weg, das Fleisch isst man, taucht auch Brot in die Brühe und isst es, und dieses Essen wiederholt man häufig.

 

Von nächtlicher Befleckung.

Daher erregt es auch oft in dieser Glut in Folge seiner Fülle das Blut zur Lust und leitet ohne Wissen des Menschen Samen in seine Geschlechtsteile. Es erglüht auch oft in Folge übermässigen Essens und Trinkens, denn Uebermass facht das Feuer des Markes an, und der Speisesaft bringt Mark und Blut etwas in Aufregung. Und das glühende Mark erregt im Blute fleischliche Lust…; was doch in Folge der Sommerhitze oder der Wärme der Bekleidung nie oder nur selten geschieht.

 

Gegen Unfruchtbarkeit.

Einem Weibe, dessen Gebärmutter kalt und zu schwach zur Empfängnis ist, kann auf folgende Art, wenn Gott will, geholfen werden, dass sie fruchtbar werde. Man nimmt die Gebärmutter eines Lammes oder einer Kuh, die schon fortpflanzungsfähig, aber noch unberührt sind und noch nicht getragen haben, und kocht sie mit Speck und anderem fetten Fleisch und Fett und gibt das der Frau zu essen, wenn sie mit einem Gatten verbunden ist oder bald verbunden werden soll.

 

Gegen schwere Geburt.

Wenn eine Schwangere schwere Geburt hat, möge man mit grosser Vorsicht angenehme Kräuter, Fenchel und Haselwurz, in Wasser kochen, das Wasser abgiessen und die Kräuter warm auf ihre Schenkel und Rücken legen und ein Tuch leicht darüber binden, damit der Schmerz gelindert und die Geburtswege geöffnet werden …

 

Gegen Wollust und Ueppigkeit.

Um Üppigkeit und Wollust in sich zu unterdrücken, nehme man im Sommer Dill, zweimal soviel Wasserminze, noch etwas mehr Lungenkraut, viermal so viel Veilchenwurzel und schneide dies alles in Essig und stelle sich so eine Würze her, die man stets in allen Speisen geniesst. Im Winter pulverisiert man die Kräuter u.s.w. Die von Wärme, Feuchtigkeit, Blut und Fleisch sich absondernden Schleimansammlungen sind, wenn sie mässig und ruhig wirken, gesund; wenn sie aber den Menschen zugleich durcheinander treffen, schwächen und töten sie ihn. Denn Wärme, Feuchtigkeit, Luft und Fleisch haben sich nach dem Sündenfall im Menschen zu schädlichem Schleim verwandelt.

 

Gegen Augenverdunkelung in Folge Weinens.

Wessen Augen sich in Folge Weinens verdunkeln, presse Schafgarbe zu Saft und lege diesen Nachts auf die Augen, ohne dass der Saft das Innere des Auges berührt, lege ein Tuch darüber und behalte den Verband bis Mitternacht. Hierauf netze er die Augenlider mit recht gutem und reinem Wein.

 

Gegen unmässiges Lachen.

Wer durch unmässiges Lachen erschüttert Schmerzen hat, pulverisiere Muscatnuss, füge die Hälfte Zucker hinzu und tue dies in erwärmten Wein und trinke ihn nüchtern und nach dem Frühstück.

 

Gegen Trunkenheit.

Um einen Trunkenen wieder zu sich zu bringen, nehme man caniculata [? Cynoglossum, Hundszunge?] lege sie in kaltes Wasser und befeuchte damit Stirn, Schläfen und Kehle des Trunkenen … Im Herbst kann man von einem frischen Weinstock den Rebschoss mit frischen Blättern nehmen und auf Stirn, Schläfen und Kehle legen … Wenn all dies nicht zu haben ist, esse der Trunkene Fenchel oder Fenchelsamen …

 

Der giftige Geifer des Zahnwurms

Schon als der Zahnwurm bereits als Scharlatanerie entlarvt war, hing Hildegard immer noch dem Wurmglauben an, erkannte aber mangelnde Hygiene als Ursache. Durch Spülen mit Wasser sollte der Livor, eine Ablagerung vermieden werden, die sich um den Zahn legen und die gefürchteten Würmer hervorbringen konnte. Sie empfahl Aloe und Myrrhe sowie Kohlerauch.

Erst im 19. Jahrhundert wurden verschiedene Theorien zur Entstehung von Karies entwickelt. Ausgangspunkt war die chemoparasitäre Theorie nach Willoughby D. Miller (1890), wonach Milchsäurebakterien bis in die 1960er Jahre als Ursache angesehen wurden.



Unwissende Vermittlerin einer göttlichen Botschaft?

Causae et Curae (Ursachen und Heilungen) 1150 von Hildegard von Bingen ist eines ihrer wichtigsten Werke. Hildegard will die Pflanzenrezepte direkt von Gott empfangen haben. Es darf bezweifelt werden, dass Gott die gleichen meist wirkungslosen Therapien, die er schon einmal vor fast 1500 Jahren dem Heiden Hippokrates eingegeben hat, nochmals dem „unwissenden Kind“ Hildegard zum Wohle der Menschheit einflüstert.

 

Alraune

Bei dem Aristoteles-Schüler Theophrast, der mit μανδραγóρας die Tollkirsche meinte (Hist. Plant. VI 2,9; †IX 8,8; 9,1), wird die Alraun-Pflanze explizit als Aphrodisiakum erwähnt, das von betrügerischen Wurzelgräbern angepriesen wurde. Bei der Ernte sollte die Alraune dreimal mit einem Schwert umkreist werden. Auszugraben war sie dann mit einem nach Westen gerichteten Gesicht. Derweil tanzte ein anderer im Kreis und besang die Liebeskraft.

Hildegard von Bingen, die der Alraun ein ganzes Kapitel in der Causae et Curae widmete, und von ihr nimmt man an, dass sie die halluzinogenen Alkaloide der Alraune für ihre Trance benutzte. Später wähnte sie dann den Teufel in der Pflanze wohnen. Das Ernten der Pflanze war nun nicht mehr problematisch, jedoch sollte danach der Alraun in queckborn (Quellwasser) gelegt werden, um das Böse hinauszudrängen (Alkaloide) – es sei denn, die Pflanze sollte explizit zu bösem Zauber verwendet werden. Bei (guter) Heilanwendung sollte die Pflanze gegen sexuelle Begehrlichkeiten wirken. Hierzu war eine weibliche Alraune zwischen Brust und Nabel des Kranken anzubinden, dann die Wurzel in zwei Teile zu spalten und über die Lenden zu binden und zuletzt die linke Hand der schon völlig anthropomorph vorgestellten Wurzel zu zerreiben und mit Kampfer gemischt zu essen. Gegen Schwermütigkeit dagegen war hinreichend, die Wurzel mit ins Bett zu nehmen und bei deren Erwärmung ein bestimmtes Gebet zu sprechen. In beiden Fällen konnten Buchentriebe die Alraune ersetzen.

 

Opium

Was griechische Mütter ihren Kindern zur Beruhigung gaben, verbot die mittelalterliche Kirche als „Teufelszeug“

Der botanische Name leitet sich aus dem Lateinischen ab: somniferum = Schlaf bringend. Er verweist auf die Verwendung als Schlafmittel für Kinder in der griechischen Antike.

Mohn gehört zu unseren ältesten Kulturpflanzen. Schriftlich erwähnt wurde er erstmals um 4000 v. Chr. in Keilschriften, in denen die Herstellung von pharmazeutischen Produkten aus Schlafmohn beschrieben wird.

Das frühe Christentum, das in einer Krankheit eine Strafe Gottes sah, verbot im 4. Jahrhundert die Anwendung von Opium als schmerzstillendes Mittel. Das Verbot betraf vor allem Operationspatienten die oft an den unerträglichen Schmerzen der Operation starben. Karl der Grosse erneuerte dieses Verbot 810; Mohnsaft galt als Satanswerk. Mit der arabischen Medizin kehrte Opium endlich nach Europa zurück.

 

Alternative: Gesundbeten

In fast allen Rezepturen von Hildegard kommen kostspielige Zutaten vor, so zum Beispiel: Guter Wein, Olivenöl, Pfeffer, Ingwer, Zucker, Gewürznelken, Muscatnuss, Kümmel, Zimt und orientalische Kräuter. So waren die Medikament für den grössten Teil der Bevölkerung unerschwinglich. Anstatt sich dieser suspekten Heilmittel zu bedienen, konnte man jedoch auch die speziellen Heiligen anrufen. So hilft angeblich der Heilige Hugo, ein ehemaliger Bischof aus Grenoble († 1132) gegen Kopfweh, der Heilige Zeno († 371), wenn Kinder schlecht laufen und sprechen lernen, der Heilige Quirin, ein römischer Märtyrer († 130), bei Bein- und Fussleiden, Gicht, Lähmung, Eitergeschwüren, Pest, Ohrenschmerzen, Kropfleiden, Pocken, Fisteln, Knochenfrass, Hautausschlag, Augenleiden und Pferdekrankheiten. Für den Krebs ist der Heilige Beatus zuständig, vor Zahnschmerzen bewahrt die Heilige Medard († 560), von Blähungen befreit der Heilige Martin († 397), vor Zuckungen schützt der Heilige Claudius (7.Jh.), vor Bettnässen der Heilige Vitus († 304) und vor Durchfall der Heilige Germanus († 448).

 

Andachtsgrafik mit psychologischer Wirkkraft.

Fresszettel, Schluckbilder und Leckmittel zur Heilung diverser Krankheiten waren weitverbreitet obwohl sie die Kirche als Aberglauben verurteilte. Allerdings waren die papierenen Pillen mitunter ein florierendes Geschäft einiger Klöster. Schluckbildchen zeigen meist das Gnadenbild eines bestimmten Wallfahrtsorts oder sind vom Kranken selber beschrieben, wie etwa: „Fieber bleib aus / ich bin nicht zu Haus“

Sicher war der Placeboeffekt, die einzige Wirkkraft der mediälen Medizin, beim Herunterwürgen eines Heilligenbildchens grösser als beim Schlucken von Exkrementpillen.

Das Einverleiben des Bildchens lässt sich als eine urtümliche, unmittelbare Form des Inbesitznehmens deuten, bei der das Inbild der Heilsperson dauerhaft in sich aufbewahrt wird. Sowohl der rituelle Aufwand, der zur Erfassung des Bildverständnisses betrieben werden musste, als auch die mit dem Bild verbundene Erinnerung an das gesamte Wallfahrtserlebnis steigerten die Wunderwirkung.

Noch Anfang der 1970er Jahre wurden Schluckbildchen in Mariazell, Neapel und Santa Maria del Carmine in Florenz verkauft. Aus Rom wurden Schluckbilder des „Unserer Lieben Frau von der immerwährenden Hilfe“ weltweit versandt. Der Ethnologe Dominik Wunderlin, Abteilungsleiter am Museum der Kulturen Basel, berichtete 2005, dass ein nicht namentlich genanntes Frauenkloster in Bayern noch Schluckbildchen an der Pforte abgebe.

Ein weiteres Beispiel sind die bis ins 20. Jahrhundert verbreiteten Schabmadonnen aus Ton, von denen man Material abschabte und ass.

 

Constantinus Africanus (ca. 1020–1087)

 

Constantin war ein weitgereister Medicus und gehörte ursprünglich dem arabisierten Bevölkerungsteil der Berber in Karthago an. Während 39 Jahren reiste er durch den Orient bis nach Indien. In Bagdad (Mesopotamien), studierte er Medizin. Auf seinen Reisen studierte Constantin gründlich Sprache, Medizin und anderen Wissenschaften der Chaldäer, Perser und Araber.

Er erwarb detaillierte Kenntnisse in arabischer Medizin und den in der Literatur bekannten und praktisch angewandten Heilverfahren und Heilmitteln. Zurück in seiner Heimat praktizierte Constantin sehr erfolgreich als Arzt und Lehrer. Einige eifersüchtige Kollegen neideten ihm seinen hohen Wissensstand und den beruflichen Erfolg. Sie bezichtigten ihn der Zauberei und bedrohten ihn auch physisch. Nach einem Hinweis eines Vertrauten musste Constantin ernsthaft um sein Leben fürchten, er entschloss sich zur nächtlichen Flucht nach Sizilien, sein Schiff landete aber in Süditalien. Dort tauchte er als Bettler verkleidet unter und kam bald in die Stadt Salerno, die zu jener Zeit von Robert Herzog Guiscardin (ca. 1015–1085) beherrscht wurde und wo ihn dessen Bruder erkannte.

1077 wurde er zum Lehrer an der medizinischen Schule von Salerno ernannt. Bald bemängelte Constantin die Qualität der verfügbaren medizinischen Fachliteratur und den laschen Schulbetrieb. Er übergab der Bibliothek seine gesammelten Medizinbücher aus verschiedenen Kulturen, die in Europa einzigartig waren.

Bereits ein Jahr später liess er sich von Abt Desiderius, dem späteren Papst Viktor III., taufen und trat als Laienbruder in den Orden der Benediktiner ein.

 

„Ora et labora et lege“ („Bete und arbeite und lies“).

Der Benediktiner Orden, der einzig etablierte Orden im Frühmittelalter, legte grossen Wert auf Bildung und Einkehr. Besonders das Kloster von Montecassino mit seinem angeschlossenen Hospiz pflegte die Regula Benedicti vorbildlich. Sie konterten der kirchlichen Auffassung, dass „Krankheit eine Strafe Gottes – die Heilung Gottes Gnade sei“ und der Mensch Gott nicht ins Handwerk pfuschen soll, mit biblischer Nächstenliebe und Barmherzigkeit. In ihrem Spital und ihrer medizinischen Hochschule versuchten die Benediktiner das Leid der Kranken zu lindern soweit es in ihnen möglich war.

In der Krypta lagen die sterblichen Überreste des Kloster- und Ordensgründers Benedikt von Nursia der das Kloster im Jahre 529 an der Stelle eines alten, römischen Apollotempels errichten liess. Der mächtige Klosterkomplex liegt auf einem 516 m hohen felsigen Hügel im Stadtgebiet von Cassino.

 

Ein Toter überlebt, viele Lebende sterben

Vier Mal wurde die Klosteranlage von Solerno total zerstört und wieder aufgebaut. Erstmals zur Zeit der Völkerwanderung schlugen die Langobarden das Kloster kurz und klein. Im Jahre 883 wurde das Kloster von den arabischen Sarazenen ausgeplündert und zerstört. Ein schweres Erdbeben im Jahr 1349, zerstörte das Kloster zum dritten Mal. Während des nachfolgenden Wiederaufbaus wurden verschiedene Ergänzungen und Verschönerungen im Stil der Renaissance und des Barock vorgenommen, die dem Kloster sein stattliches Aussehen verliehen, das es bis zum 15. Februar 1944 beibehalten hat.

Als  im 2. Weltkrieg die alliierte  Front immer näher kam, erkannte der deutsche Kommandant der „Fallschirm-Panzer-Division Hermann Göring“ Julius Schlegel aus Wien, dass es nun Wichtigeres gab als den bereits unmöglichen Endsieg, auf die Gefahr hin standesrechtlich erschossen zu werden, organisierte er mit dem Einverständnis des Abtes von Montecassino den Abtransport der Kunstschätze des Klosters. 100 Lastwagen brachten etwa 1.200 historische Bücher und Dokumente, Bilder von Leonardo da Vinci, Tizian und Raffael sowie die sterblichen Überreste des Benedikt von Nursia, nach Rom in den Vatikan in Sicherheit.

Die Alliierten befürchteten, dass sich deutsche Soldaten auf dem Monte Cassino verschanzt hätten. Die deutsche Seite gab aber Anweisung, sich keinesfalls der Klosteranlage zu nähern, und tat dies über unverschlüsselte Funksprüche auch dem Gegner kund. Trotzdem führten die Alliierten am 15. Februar 1944 einen massiven, dreistündigen Bombenangriff auf das Kloster durch, wobei 250 – 450 verbliebene Flüchtlinge meist Frauen und Kinder aber auch Mönche den Tod fanden. Mit Ausnahme der Krypta wurde das Kloster an diesem Tag bis auf die Grundmauern zerstört.

Der spätere Wiederaufbau des Klosters wurde nicht zuletzt deshalb möglich, weil Julius Schlegel auch alle Baupläne rettete. Schlegel überlebte den Krieg, ihm wurden danach mannigfache Ehrungen in Italien und Österreich zuteil.

(Detaillierte Vorgänge der Schlacht um Montecassino auf  www.30giorni.it/articoli_id_3493_l5.htm?id=3493)

 

Konstantin der Afrikaner begründet den guten Ruf von Salerno

Constantinus versuchte die stagnierende antike Medizin umzukrempeln. Als erstes übersetzte er die Meister der arabischen Medizin ins Lateinische: Razes Ali Ibn Massaouia Baghdad, Ibn Imran, Ibn Suleiman, und Ibn Al-Jazzar. Aber auch die Begründer der griechischen Medizin Hippokrates und Galenos, übersetzte er als Kompendien in Latein.

Diese Übersetzungen wurden vom Mittelalter bis zum siebzehnten Jahrhundert als Lehrbücher verwendet und befinden sich heute in Bibliotheken in Italien, Deutschland, Frankreich, Belgien und England.

Doch wurde das antike Geistesgut von den Arabern nicht einfach übernommen, sondern völlig umgestaltet. Die Medizin wird jetzt zu einem einheitlichen Lehrgebäude, das es ermöglicht, die einzelnen Lehrsätze in fast mathematischer Weise abzuleiten. Nicht die Erfahrung, nicht Hippokrates, sondern der spekulativere Galen dominiert.

Genau betrachtet brachte der Einfluss der arabischen Medizin nicht viel Neues. Zwischen den beiden Medizinkulturen gab es zu viele Parallelen. So hingen die Araber genauso der 4-Säfte-Lehre (Humoralpathologie) von Hippokrates an und sie glaubten auch an den Zahnwurm usw. Auch die Behandlung des Ungleichgewichtes der vier Säfte war die gleiche: Aderlass.

 

Die Chirurgie hat es Constantin zu verdanken, dass sie zu einer wissenschaftlichen Disziplin erhoben wurde. Das ist deshalb merkwürdig, weil die arabischen Ärzte kaum Chirurgie betrieben hatten. Denn wie die christlichen Ärzte scheuten sie sich aus religiösen Gründen, Blut zu vergiessen; sie glaubten ebenfalls an die Auferstehung des Leibes und vermieden vor allem deshalb chirurgische Eingriffe. Waren diese aber unvermeidlich, so benützten die Araber ein glühendes Messer (Säge) mit dem sie gleichzeitig sowohl den Schnitt als auch die Verödung durchführten, was weniger Schmerzen, weniger Blutverlust und, nichtwissend, das Operationsbesteck durch die Hitze mehr oder weniger steril wurde.

Die christliche Medizin vor Constantin, die dieses Verfahren nicht kannte, überliess die Chirurgie bekanntlich den Badern und Scharlatanen, während die gelehrten Ärzte auch in Fällen, die ein chirurgisches Vorgehen erfordert hätten (Wunden, Frakturen, Abszesse usw.), sich mit Salben, Dekokten (Absud) und Umschlägen begnügten, wie das grosse Sammelwerk der inneren Medizin "De aegritudinum curatione " (12. Jhdt.) beweist.

 

Von der hippokratischen Semiotik ist die arabische sehr verschieden. Denn das Beobachten, das Hippokrates lehrte, war bei allem Eingehen auf Einzelheiten doch auf den Gesamteindruck gerichtet, die arabische Art aber ist ausgesprochen spekulativ: im Pulsschlag werden Gattungen, Arten und Unterarten unterschieden und danach die Diagnose gestellt, und der Harn wird nach Farbe, Dichte, Menge und Trübungen untersucht, wobei man seine 19 Farben wieder den Veränderungen der vier Elementarsäften und die Stelle, wo im Glas die Trübungen zum Vorschein kommen, einer entsprechenden Region des menschlichen Körpers zuordnet. Scherzhaft wurde Constantinus auch „Urinprophet“ genannt.     


Constantin bei der Urinschau

 Von jeher war die Persönlichkeit des Constantinus umstritten. Schon zu seinen Lebzeiten wurde er sehr verschieden beurteilt; bald wurde er als "Magister orientis et occidentis" verherrlicht, bald "Monachus insanus" (verrückter Mönch) gescholten, und mögen auch einige Medizinhistoriker ihn vor allem als skrupellosen Plagiator und unzuverlässigen Übersetzer tadeln, durch das erstmalige Übertragen arabischer Werke ins Lateinische hat er der jungen Salernitaner Medizin die Möglichkeit zu weiterer Entwicklung gegeben. Darüber hinaus aber bedeutet er einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Orient und Okzident, denn seine Übersetzungen leiteten eine Periode ein, in der sich das Abendland arabischen Einflüssen erschloss.

Einzigartig hat Constantinus seiner universitären Schule die Lehr- und Religions-freiheit ermöglicht. Er setzte als Rektorat ein ziviles Ehepaar ein. So konnte sich die Lehrstätte aus dem Würgegriff der allmächtigen Kirche befreien. Und so konnten Muslimen, Juden und Christen ungehindert in Salerno studieren oder dozieren. Auch Frauen war die medizinische Lehranstalt sowohl als Studentinnen als auch als Dozentinnen offen.

 

Das Lorscher Arzneibuch

Das Lorscher Arzneibuch wurde um das Jahr 795 von einem unbekannten Mönch im Benediktinerkloster Lorsch geschrieben. Dies konnte aufgrund der karolingischen Minuskelschrift im älteren Lorscher Stil durch Bernhard Bischoff nachgewiesen werden. Die Verwendung althochdeutscher Pflanzennamen im Codex erhärtet diese Datierung.

Es ist das älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin aus dem abendländischen Frühmittelalter. Geschrieben wurde es in lateinischer Sprache im Kloster Lorsch bei Worms. Seit ca. 1000 Jahren befindet es sich in Bamberg und wird heute in der Staatsbibliothek Bamberg verwahrt. Seit Juni 2013 gehört das Lorscher Arzneibuch zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Direkt als Quellen nachweisen lassen sich die Physica Plinii, die byzantinische Medizin sowie die Schriften des Aurelius Aesculapius. Indirekt flossen auch Werke des Dioskurides, Galenos sowie die Medicina Plinii in den Codex mit ein.

 

Rechtfertigung der Heilkunde (Defensio artis medicinae)

In diesem Kapitel wird die Heilkunst gegen Angriffe aus Teilen des Christentums verteidigt, sie sei ein unzulässiger Eingriff in den göttlichen Plan. Der Autor der Verteidigung argumentiert dagegen, Heilen sei geradezu ein Gebot christlicher Nächstenliebe. Damit stellt diese Verteidigung ein bedeutendes Zeugnis der Aneignung vorchristlichen Gedankenguts in der Karolingerzeit dar.

 

Carmen (Versus seu Carmina)

Bei diesem Segment handelt es sich um eine Medizinalordnung in Versform. Es wird die Forderung erhoben, dass die Heilkunst nicht nur den Reichen, sondern gleichermassen den Armen zugänglich sein müsse. Empfohlen wird ausserdem, nicht nur die teuren Kräuter aus dem Orient, sondern zur Kostendämpfung auch ebenso wirksame einheimische Kräuter zu verwenden.

Thematisiert werden ein Monatstrank (Hippocras), Monatsregeln und ein Vierjahreszeiten-Trank. Ein klassisches Rezept von Taillevent, dem Leibkoch Karls V., sieht Zimt, Gewürznelken und Orangenblüten als aromatisierende Zutaten vor. Weitere typische Zutaten sind Ingwer, Kardamom und Rosenwasser an Stelle von Orangenblüten, aber auch Majoran, Muskatnuss und Pfeffer kamen vor. Der Name wurde vom griechischen Arztes Hippokrates angelehnt.

Der anonyme Verfasser sagte es selbst: „Weil also Reime dem Ohre angenehmer sind, sag ich in Versen, was andere vor mir in Prosa ausgedrückt haben.“

 

 

 

 

Einführung in die Medizin (Initia medicinae)

Dieses Kapitel behandelt die Geschichte der Medizin, die Anatomie sowie den hippokratischen Eid.

 

Unglaubliche 40 Zutaten hat dieses extrem teure Rezept, aber es hilft ja gegen tödliches Gift.

 

Fragen an Aristoteles (Problemata Aristotelis)

Pseudo-aristotelische Sammlung heilkundlicher Aufgaben in Frage- und Antwortform.

Der astrologischen Literatur nahestehende Vertreter literarischer Kleinformen.

Enthält „Kritische Tage“ (Dies incerti) und „Ägyptische Tage“ (Dies aegyptiaci).

Thematisiert werden ein Monatstrank (Hippocras), Monatsregeln und ein Vierjahreszeiten-Trank.

 

http://books.google.de/books?id=Jr2NQCevkUUC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=true

 

Austauschliste (Antemballomena sive De succedaneis)

Fragmentarisch sind für viele Arzneidrogen Alternativen angegeben.

Inhaltsverzeichnis (Conspectus curationum capitulationibus V comprehensorum)

Ein nahezu vollständiges Verzeichnis aller der im Werk enthaltenen Rezepte.

Gräko-lateinisches Glossar (Hermeneumata sive Glossarium pigmentorum vel herbarum)

Eine Liste von Arzneidrogen mit griechischen und lateinischen Synonymen.

Masse und Gewichte

Hier werden die komplizierten in den Rezepten verwendeten Mass- und Gewichtseinheiten beschrieben.

 

Rezeptsammlungen (Curationes capitulationibus V comprehensae)

In fünf Bücher untergliedert finden sich insgesamt 482 Rezepte, die in ihrer Komplexität stark variieren. Behandelt werden insbesondere Arzneiformen wie Tränke, Latwerge, Pillen, Pflaster, Umschläge, Zäpfchen, Salben und Öle. Einige Abschnitte befassen sich mit der Gewinnung bzw. Herstellung von Arzneistoffen wie Schwefel und Grünspan, mit der Herkunft von Gewürzen wie Pfeffer und Ingwer oder mit der Herstellung und Lagerung von Arzneimitteln im Allgemeinen.

„Unter den Rezepten finden sich einige für die damalige Zeit hochinnovative Verfahren wie der Einsatz von Herzglykosiden zur Kreislaufstabilisierung, der psychiatrische Einsatz von Johanniskraut oder ein Antibiotikum auf der Basis von Schafdung, Honig und Käse zur Behandlung tiefer Wunden und Geschwüre.“ (Forschergruppe Klostermedizin Dr. Johannes Gottfried Mayer)

Bei ihren Studien stiessen die Wissenschaftler auch auf das Lorscher Schafdung-Rezept und waren davon fasziniert. Der Käseschimmel könnte, angeregt von Bakterien im Schafmist, auf der Wunde antibiotische Wirkung entfaltet haben, spekuliert Dr. Mayer. Allerdings konnte der antibiotische Effekt bis heute nicht nachgewiesen werden.

Das Johanniskraut wirkt unbestritten (ganz) leicht Stimmungsaufhellend und Beruhigend, aber seine Wirkung ist viel zu gering für den „psychiatrischen“ Einsatz. Die Herzglykosiden regulieren nachweislich den Kreislauf. Diese drei dem Mittelalter zugeschriebenen Präparate waren allerdings schon in der Griechischen Antike bekannt. 

Auch die Abtreibungsmethode mit Gift- Zäpfchen könnte theoretisch funktioniert haben: "Der Aronstab ist ja richtig giftig." Allerdings dürfte der Eingriff auch für die Schwangere nicht ungefährlich gewesen sein. "Im Mittelalter wurde sehr häufig mit giftigen Substanzen hantiert", erklärt Dr. Mayer. "Die Klosterleute wussten zwar um die Risiken und Nebenwirkungen, aber sie hatten oft keine besseren Alternativen."

Die Herbstzeitlose zum Beispiel hilft nach heutigem Kenntnisstand ziemlich sicher gegen Gicht, aber nur ein paar Milligramm zu viel sind allerdings tödlich. Damit nicht auf einen Schlag die ganze Giftmenge ins Blut der Kranken gelangte, wurde die Pflanze in winzigen Portionen in Plätzchen eingebacken.

 

„Kanon der Medizin“ von Ibn Sina

Das Werk des Persers Ibn Sina (lat. Avicenna) verbreitete sich im 13. Jahrhundert äusserst schnell in Europa und hielt sich bis 1650 an Universitäten (Löwen, Montpellier), im ärztlichen Gebrauch gar bis ins 19. Jahrhundert.

Ibn Sina galt in seiner Zeit als ausserordentliche Persönlichkeit. Bereits im Alter von zehn Jahren konnte er den Koran auswendig und hatte viele Werke der Literatur studiert und sich dadurch die Bewunderung seiner Umgebung erworben. Während der nächsten sechs Jahre studierte er autodidaktisch die Rechte (Jura), Philosophie, Logik, Werke des Euklid und den Almagest (Astronomie). Von einem gelehrten Gemüsehändler lernte er indische Mathematik und Algebra. Ibn Sina wandte sich im Alter von 17 Jahren der Medizin zu und studierte sowohl ihre Theorie als auch ihre Praxis. Der junge Ibn beschrieb die Heilkunst als „nicht schwierig“.

Nach Wanderungen durch verschiedene Städte Chorasans kam er noch 1013 nach Gorgan nahe dem Kaspischen Meer. Angezogen hatte ihn der Ruhm des dortigen Herrschers Qabus, der als Förderer der Wissenschaft galt. Der Fürst aus der Dynastie der Ziyariden war jedoch kurz vor Ibn Sinas Ankunft ermordet worden. Trotzdem konnte Ibn Sina in Gorgan Vorlesungen in Logik und Astronomie halten, er schrieb den ersten Teil des Qānūn (Kanon) und traf seinen Freund und Schüler al-Dschuzdschani.

In Hamadan behandelte Ibn Sina eine reiche Frau, die ihm den Zugang zu den aller höchsten Kreisen ebnete. Er wurde Leibarzt und medizinischer Berater des Buyiden Shams ad-Daula und stieg schliesslich sogar zu dessen Wesir auf. Eine Meuterei von Soldaten führte zu seiner Absetzung und Verhaftung. Doch als der Emir wieder einmal an einer Kolik litt, soll Ibn Sina zur Behandlung herangezogen und nach erfolgreicher Heilung freigelassen und wieder in sein altes Amt eingesetzt worden sein.

Nach dem Tod Shams ad-Daulas (1021) bot Ibn Sina dem Kakuyiden-Emir ‘Alā ad-Daula Muammad von Isfahan seine Dienste an und wurde deswegen vom neuen Herrscher Hamadans in der nahen Burg Fardajān eingekerkert. Als ‘Alā ad-Daula vier Monate später gegen Hamadan marschierte (1023), kam Ibn Sina wieder frei und zog zusammen mit seinem Freund al-Juzjānī und zwei Sklaven nach Isfahan, wo ihn Alā ad-Daula 1024 willkommen hiess. Er verbrachte seine letzten Jahre im Dienst des Kakuyiden, den er in wissenschaftlichen und literarischen Fragen beriet.

 

Ihm widmete er eine Zusammenfassung seiner Philosophie in persischer Sprache namens Dānishnāma-yi ‘Alāī („Das Buch des Wissens für ‘Alā ad-Daula“). Ausserdem begleitete er ihn auf Kriegszügen. Freunde rieten ihm, sich zu schonen und ein gemässigtes Leben zu führen, aber das entsprach nicht Ibn Sinas Charakter: „Ich habe lieber ein kurzes Leben in Fülle als ein karges langes Leben“ antwortete er. Erschöpft durch seine harte Arbeit und sein hartes Leben starb Ibn Sina im Juni 1037 im Alter von 57 Jahren entweder an der Ruhr oder an Darmkrebs. Angeblich wurde sein Ende durch eine übermässige Gabe eines Medikaments durch einen Schüler beschleunigt. Ibn Sina wurde in Hamadan begraben, wo noch heute sein Mausoleum steht.

 

Die 5 Bücher des Qānūn at-Tibb

Der Qānūn at-Tibb (Kanon der Medizin) ist das bei weitem berühmteste von Ibn Sinas Werken. Der medizinische Kanon besteht aus fünf Büchern:

1  Allgemeine Prinzipien (Theorie der Medizin)

2  Alphabetische Auflistung von Medikamenten (Arzneimittel und ihre Wirkungs    weise)

3  Krankheiten, die nur spezielle Organe betreffen (Pathologie und Therapie)

4  Krankheiten, die sich im ganzen Körper ausbreiten (Chirurgie und Allgemeinkrankheiten)

5  Produktion von Heilmitteln (Antidotarium)

Die Materia Medica („Medizinisches Material“) des Qānūn enthält 760 Medikamente mit Angaben zu deren Anwendung und Wirksamkeit. Ibn Sina war der erste, der Regeln aufstellte, wie ein neues Medikament zu prüfen sei, bevor es Patienten verabreicht wird.

 

Die sieben Regeln zum Experimentieren:

Die Droge darf nicht durch Hitze, Kälte oder Nähe zu anderen Drogen beeinflusst sein.

Die Droge darf nur bei einzeln auftretenden Leiden angewendet werden, nicht aber bei kombinierten Krankheiten.

Die Droge muss bei zwei gegensätzlichen Leiden getestet werden, um die Wirksamkeit auf Ursache und Symptome zu überprüfen.

Die Potenz der Droge sollte der Schwere des Leidens angemessen sein.

Die Zeit, die eine Droge zum Wirken benötigt, sollte beachtet werden. Daraus lässt sich schliessen, ob Symptome oder Ursache des Leidens gelindert wurden.

Der Effekt der Droge sollte in allen Fällen gleich sein, oder zumindest in den meisten.

Experimente sollten am Menschen und nicht an Tieren durchgeführt werden.

 

Ibn Sina bemerkte die enge Beziehung zwischen Gefühlen und dem körperlichen Zustand und befasste sich mit der positiven physischen und psychischen Wirkung der Musik auf Patienten. Zu den vielen psychischen Störungen, die er im Qānūn beschreibt, gehört auch die Liebeskrankheit. Wie es heisst, hat Ibn Sina die Krankheit des Prinzen von Gorgan diagnostiziert, der bettlägerig war und dessen Leiden die örtlichen Ärzte verwirrte. Ibn Sina bemerkte ein Flattern im Puls des Prinzen, als er den Namen seiner Geliebten erwähnte. Der grosse Arzt hatte ein einfaches Heilmittel: Der Kranke sollte mit seiner Geliebten vereint werden.

Paullinis „Heilsame Dreck-Apotheke“

Besondere Verbreitung erlangte Paullinis Schrift „Heilsame Dreck-Apotheke“, die zahlreiche Neuauflagen und Nachdrucke erfuhr. Das Werk bot eine umfangreiche Sammlung von Rezepturen für die innere und äussere medizinische Anwendung menschlicher und tierischer Ausscheidungen. Es bewegte sich im theoretischen Rahmen zeitgenössischer Humoralpathologie, berief sich auf zahlreiche Autoritäten der älteren und neueren Medizin, aber auch auf volksmedizinische Praktiken von "Bauren, Schiffern und dergleichen schlechten Leuten" und bietet zahlreiche Entsprechungen zu auch anderweitig bekannten Rezepten der traditionellen und zeitgenössischen Medizin. Aber in der Fokussierung auf die therapeutische Wirkung von Exkrementen, bei gleichzeitig enzyklopädischer Breite der Darstellung aller denkbaren Anwendungsmöglichkeiten vom Haupt bis zu den Füssen, war das Werk ein Novum, über das nach Ausweis der Vorrede von 1697 auch manches "Stumpf-hirn" unter den Zeitgenossen schon die Nase rümpfte.

 


 

Dass so ein ekelerregendes Werk zum Bestseller wurde hängt wohl mit der Wirkungslosigkeit der übrigen mittelalterlichen Medizin zusammen, der Verfügbarkeit der Kot-Medizin und nicht zuletzt den offensichtlich gefälschten Beispielen aus dem täglichen Leben in Nah und Fern.

 

Christian Franz Paullini fertigte seine Beweise gleich selber an:

http://dfg-viewer.de/show/?id=8071&tx_dlf%5Bid%5D=http%3A%2F%2Fdigital.ub.uni-duesseldorf.de%2Foai%2F%3Fverb%3DGetRecord%26metadataPrefix%3Dmets%26identifier%3D1720559&tx_dlf%5Bpage%5D=7

 

Paullini im Spiegel der Wissenschaft

Übel beleumundet ist Paullini in der historischen Forschung für seinen Anteil an der Veröffentlichung oder auch Entstehung mehrerer Fälschungen vorgeblich mittelalterlicher Quellen. Sein 1698 veröffentlichter Sammelband Rerum et antiquitatum Germanicarum Syntagma enthielt ausser sechs eigenen Abhandlungen und Chroniken auch elf bis dahin unbekannte mittelalterliche Quellentexte, von denen u.a. das Chronicon Mindense und drei für die Geschichte des Klosters Corvey relevante Texte – das Chronicon Hüxariense, die Annales Corbeienses und das Carmen de Brunsburgo – seit dem 19. Jahrhundert als Fälschungen erwiesen wurden und mit einiger Wahrscheinlichkeit Paullini zuzuschreiben sind, ebenso wie einige weitere Quellen und Urkunden, die Paullini in seinen Dissertationes historicae (1694) oder separat veröffentlichte oder in seinen historischen und chronistischen Schriften anführt.

 

Thomas von Aquin (um 1225 – 1274)

Er war einer der wenigen vorwärtsschauenden, klerikalen Philosophen. Für seine unzähligen Werke die noch nie gedachtes ausdrückten musste er neue Wortschöpfungen kreieren, vor allem Termini tecnici. Obwohl er schon vorwärts in die Renaissance schaute blieb er doch in Vielem im Mittelalter gefangen.

Seine Argumentationen stützen sich zu einem grossen Teil auf die sich im Hochmittelalter wieder ausbreitenden Gedanken des Aristoteles, die er – selbst Schüler des Begründers der mittelalterlichen Aristotelik, Albertus Magnus, – in seinem universitären Wirken weitergibt und in seinen Werken mit der christlichen Theologie verbindet. So identifiziert er den Unbewegten Beweger aus der Physik des Aristoteles mit dem christlichen Gott.

Thomas, geboren als Spross des italienischen Grafengeschlechts derer von Aquino, kam mit fünf Jahren als „Oblate” - als gottgeweihtes Kind - zu den Benediktinern ins Kloster auf dem benachbarten Montecassino, wo sein Onkel Abt war, der ihn für eine grosse Karriere in der Kirche präparieren sollte. Mit 13 Jahren studierte Thomas in Neapel Grammatik, Logik und Naturwissenschaften und lernte dort den noch jungen, glaubensstrengen, kämpferischen und auf absolute Armut ausgerichteten Dominikanerorden kennen, der 1231 von der römischen Kurie mit der Durchführung der Inquisition beauftragt wurde. Schon lange stand nämlich die Verfolgung von Ketzern im Zentrum der missionarischen Aktivitäten der Benediktiner.

Gegen den Willen seiner Eltern trat Thomas 1244 in diesen extremen Orden ein. Um ihn von dieser Entscheidung abzubringen, liess seine Mutter ihn durch seine Brüder gefangen nehmen und hielt ihn über ein Jahr lang im eigenen Schloss-turm in Arrest.

Thomas blieb unbeugsam. Die Familie beauftragte einer Überlieferung zufolge deshalb eine Frau von betörender Schönheit, um Thomas, den hauseigenen Häftling, endgültig von seinen fundamentalistischen Überzeugungen abzubringen und ihn wieder zu Sinnenfreuden zurückzuführen, doch selbst dieser letzte Versuch stiess bei dem glaubensfesten Thomas auf Widerstand: er jagte die Dame mit einer brennenden Fackel in die Flucht. Trotz dem liess ihn seine Mutter die den Verführungsplan ausgeheckt hatte nicht frei. Erst mit Hilfe verkleideter Klosterbrüder gelang Thomas die Flucht aus dem Familiengefängnis.

 

Erkenntnistheorie

Zu den besonders bedeutenden Aussagen der thomistischen Erkenntnistheorie gehört ihre Wahrheitsdefinition der adaequatio rei et intellectus, d. h. der Übereinstimmung von Gegenstand und Verstand.

Thomas unterscheidet zwischen dem „tätigen Verstand“ (intellectus agens) und dem „rezeptiven oder möglichen Verstand“ (intellectus possibilis). Der tätige Verstand zeichnet sich vor allem durch die Fähigkeit aus, aus Sinneserfahrungen (sowie bereits geistig Erkanntem) universale Ideen bzw. allgemeingültige (Wesens-)Erkenntnisse zu abstrahieren. Dagegen ist es der rezeptive Verstand, der diese Erkenntnisse aufnimmt und speichert.

Die Erkenntnislehre des Thomas von Aquin unterscheidet sich fundamental von der Platons. Für Platon ist die Welt der sinnlich wahrnehmbaren Objekte nur ein sehr unvollkommenes Abbild der eigentlichen Realität hinter den Dingen, was er in seinem Höhlengleichnis veranschaulicht. Für Aristoteles und Thomas ist aber die physische Existenz eine Vollkommenheit und nicht blosses Abbild von etwas Höherem. Daraus ergibt sich, dass sich die platonische Ideenlehre, wenn überhaupt, nur sehr beschränkt auf die thomistische Erkenntnislehre anwenden lässt.

 

Anthropologie

Thomas’ Anthropologie weist dem Menschen als leib-geistiges Vernunftwesen einen Platz zwischen den Engeln und den Tieren zu. Gestützt auf Aristoteles’ De Anima zeigt Thomas, dass die Seele den Geist als Kraft besitzt, oder besser gesagt, dass das Erkennen die Form der Seele ist (scientia forma animae), während die Seele wiederum die Form des Leibes ist: Dies zeigt sich in der Formulierung anima forma corporis. Weil der Geist („intellectus“) eine einfache, also nicht zusammengesetzte Substanz ist, kann er auch nicht zerstört werden und ist somit unsterblich. Der Geist kann auch nach der Trennung vom Leib seinen Haupttätigkeiten, dem Denken und Wollen, nachkommen. Die nach der Auferstehung zu erwartende Wiedervereinigung mit einem Leib kann zwar nicht philosophisch, wohl aber theologisch erwiesen werden.

 

Ethik

In der Ethik verbindet Thomas die aristotelische Tugendlehre mit christlich-augustinischen Erkenntnissen. Die Tugenden bestehen demnach im rechten Mass bzw. dem Ausgleich vernunftwidriger Gegensätze. Das ethische Verhalten zeichnet sich durch das Einhalten der Vernunftordnung aus (Naturrecht) und entspricht damit auch dem göttlichen Gesetzeswillen. Als Kardinaltugenden werden von Thomas prudentia (Klugheit), iustitia (Gerechtigkeit), temperantia (Mässigung) und fortitudo (Tapferkeit) bezeichnet. Unabhängig davon zu sehen seien die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. (Für Glaube, Hoffnung und Liebe ist der Oberbegriff christliche Tugenden zwar gebräuchlich, aber richtiger sind es die göttlichen Tugenden, nicht in dem Sinn, als seien sie Tugenden Gottes, sondern dies meint, dass Gott das Objekt dieser Tugenden ist: Glaube an Gott, Hoffnung auf Gott, Liebe zu Gott.)

Das höchste Gut ist die ewige Glückseligkeit, die – im jenseitigen Leben – durch die unmittelbare Anschauung Gottes erreicht werden kann. Es zeigt sich daran der Primat der Erkenntnis vor dem Wollen.

 

Politische Philosophie und Staatsdenken

Thomas von Aquin war einer der einflussreichsten Theoretiker für das mittelalterliche Staatsdenken. Dabei sah er den Menschen als ein soziales Wesen, das in einer Gemeinschaft leben muss. In dieser Gemeinschaft tauscht er sich mit seinen Artgenossen aus, und es kommt zu einer Arbeitsteilung.

Für den Staat empfiehlt er die Monarchie als beste Regierungsform, denn ein Alleinherrscher, der mit sich selbst eins ist, kann mehr Einheit bewirken als eine aristokratische Elite. Hier müssen sich mehrere einigen, was immer nur zu einem Kompromiss, also einer Angleichung, einer Anpassung, einer Aufgabe seiner eigenen Meinung und Überzeugung führt. Ausserdem ist immer dasjenige am besten, was der Natur entspricht, und in der Natur haben alle Dinge nur ein Höchstes.

Wie viele Staatsdenker des Mittelalters zieht auch Thomas von Aquin den organischen Vergleich zum Staatsgebilde heran. Hierbei sieht er den König, als Vertreter Gottes im Staat, analog der Vernunft bzw. Seele für den menschlichen Körper, dessen Glieder und Organe die Bevölkerung darstellen. Seine Erfüllung findet, angelehnt an Aristoteles, jedes einzelne Glied in der Tugendhaftigkeit.

Den Gedankengängen des Aristoteles folgend, legitimiert Thomas die Sklaverei aus dem Naturrecht als sittlich und rechtmässig.

 

Theologie

Synthese von antiker Philosophie und christlicher Dogmatik

Thomas beansprucht, der Theologie den Charakter einer Wissenschaft zu geben (siehe unten). Dies wird kirchlicherseits als eines seiner wesentlichen Verdienste gesehen. Zur Klärung der Glaubensgeheimnisse zieht er dabei die natürliche Vernunft heran, insbesondere das philosophische Denken des Aristoteles. Thomas hat die Gegensätze aufgelöst, die zu seiner Zeit zwischen den Anhängern zweier Philosophen bestanden: denen des Augustinus (der das Prinzip des menschlichen Glaubens betont) und des wiederentdeckten Aristoteles (der von der Erfahrungswelt und der darauf aufbauenden Erkenntnis ausgeht). Thomas versucht zu zeigen, dass sich diese beiden Lehren nicht widersprechen, sondern ergänzen, dass also einiges nur durch Glauben und Offenbarung, anderes auch oder nur durch Vernunft erklärt werden kann. Vor allem in dieser Synthese der antiken Philosophie mit der christlichen Dogmatik, die gerade auch für die Moderne von unabschätzbarer Bedeutung sei, wird seine Leistung gesehen. Thomas konnte aber 1270 die Verurteilung des Aristotelismus durch den Bischof von Paris Étienne Tempier nicht verhindern.

 

Natürliche Theologie

Thomas von Aquin legte im Rahmen der Philosophischen bzw. Natürlichen Theologie Argumente dafür dar, dass der Glaube an die Existenz Gottes nicht vernunftwidrig ist, sich also Glaube und Vernunft nicht widersprechen. Seine Quinque viae („Fünf Wege“), dargestellt in seinem Hauptwerk, der Summa Theologica, hat Thomas zunächst nicht als „Gottesbeweise“ bezeichnet, sie können jedoch als solche aufgefasst werden, da sie rationale Gründe für Gottes Existenz darlegen. Die Argumentationskette endet jeweils mit der Feststellung „das ist es, was alle Gott nennen.“

 

Eucharistie

Prägend wurde Thomas‘ Theologie auch für die katholische Eucharistielehre. Er wandte die Begriffe der Substanz und der Akzidenzien auf das Geschehen in der heiligen Messe an: Während die Akzidenzien, d. h. die Eigenschaften von Brot und Wein, erhalten bleiben, ändert bzw. verwandelt sich demnach die Substanz der eucharistischen Gaben in Leib und Blut des auferstandenen Christus, der ebenfalls aus Seele und Leib besteht (Transsubstantiation). Charakteristisch für die thomistische Eucharistielehre ist seine strenge Beobachtung metaphysischer Prinzipien. So lehnt er die Multilokation ab. Christus ist in den heiligen Gestalten an mehreren Orten präsent. Der Ort ist aber nicht der Ort Christi (sein Ort ist jetzt im Himmel). Die örtliche und zeitliche Bestimmung der heiligen Gestalten ist laut Thomas weiterhin die des ehemaligen Brotes oder Weines.

 

Hölle

In seiner Summa contra gentiles geht Thomas u. a. auch auf die Hölle ein und übernimmt dabei die Sicht von Augustinus. Er verwirft die Apokatastasis:

„…den Irrtum derjenigen, die behaupten, dass die Strafen der Gottlosen irgendwann beendet sein werden.“     (Summa contra gentiles)

 

Allerdings führt er eine neue Begründung für die angenommene Endlosigkeit und Grauenhaftigkeit solch einer Strafe ein, die aufgrund einer einzigen falschen Entscheidung über den Menschen kommen soll:

„Die Grösse der Strafe entspricht der Grösse der Sünde […] Nun aber wiegt eine Sünde gegen Gott unendlich schwer, denn je höher eine Person steht, gegen die man Sünde begeht, desto schwerer ist die Sünde.“       (Summa contra gentiles)

Er argumentiert auch, dass die Strafen, die die Gottlosen erleiden müssen, sowohl eine psychische oder seelische Seite (Gottesferne) als auch eine physische Seite (körperliche Schmerzen) haben, so dass die Gottlosen also zweifach gestraft seien.

 

Spiritualität

Thomas ist in erster Linie wegen seiner Verdienste um die Theologie und die Philosophie in die Geschichte eingegangen. Darüber hinaus wird sein Werk aber auch wegen einer tiefen Frömmigkeit geschätzt.

Am Nikolaustag 1273 soll Thomas laut einem Bericht des Bartholomäus von Capua während einer Feier der heiligen Messe von etwas ihn zutiefst Berührendem betroffen worden sein und anschliessend jegliche Arbeit an seinen Schriften eingestellt haben. Auf die Aufforderung zur Weiterarbeit soll er mit den Worten reagiert haben:

„Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe.“

In der Hagiographie (Heiligen Beschreibung) wird dieser Ausspruch als Reaktion auf eine Gotteserfahrung gedeutet.

 

Dreieinigkeit

Der Trinität der christlichen Lehre die sowohl Gott-Vater, Gottes Sohn Jesus und den Heilige Geist in gleicher Weise als göttlich verehrten widersprachen schon in der Antike die Arianischen Christen. Der Monotheistische Glaube erlaubte nur einen Gott; Gottvater. Er war der einzige der nicht erschaffen wurde und schon immer war.

Die Dreieinigkeit bzw. Dreifaltigkeit oder Trinität Gottes sieht Thomas zwar als ein Geheimnis (Mysterium), sie kann jedoch unter Zuhilfenahme der göttlichen, d. h. biblischen Offenbarung teilweise „verstanden“ werden. Demnach ist der eine Gott in drei Personen (Subsistenzen) die eine göttliche Natur und darum gleich ewig und allmächtig sind. Weder der Begriff der „Zeugung“ beim Sohn (Jesus) noch derjenige der „Hauchung“ beim Heiligen Geist darf Thomas zufolge im wörtlichen bzw. weltlichen Sinne verstanden werden. Vielmehr ist die zweite und dritte Person Gottes die ewige Selbsterkenntnis und Selbstbejahung der ersten Person Gottes, d. h. Gott Vaters. Weil bei Gott Erkenntnis bzw. Wille und Wesen mit seinem Sein zusammenfallen, ist seine vollkommene Selbsterkenntnis und Selbstliebe von seiner Natur, also göttlich.

Auch war er gegen das Verleihen gegen Zins, musste jedoch im Laufe seiner ökonomischen Beschäftigung mit dem Thema von einem vollständigen Zinsverbot zurückstehen.

Frauenbild

"... dass es notwendig war, dass die Frau wurde, wie die Schrift sagt, als Hilfe des Mannes; freilich nicht als Hilfe irgendeines anderen Werkes, wie einige sagten, weil ja zu jedem anderen Werk der Mann durch einen anderen Mann entsprechendere Unterstützung fände als durch eine Frau; sondern als Hilfe zur Fortpflanzung." (Summa Theologica I/92/1)

Der wesentliche Wert der Frau liegt in ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem hauswirtschaftlichen Nutzen.

Mädchen entstehen durch schadhaften Samen oder feuchte Winde.

Die Frau ist ein Missgriff der Natur ... mit ihrem Feuchtigkeits-Überschuss und ihrer Untertemperatur körperlich und geistig minderwertiger ... eine Art verstümmelter, verfehlter, misslungener Mann ... die volle Verwirklichung der menschlichen Art ist nur der Mann.

"Hinsichtlich der Einzelnatur ist das Weib etwas Mangelhaftes und eine Zufallserscheinung; denn die im männlichen Samen sich vorfindende Kraft zielt darauf ab, ein ihr vollkommen Ähnliches hervorzubringen. Die Zeugung des Weibes aber geschieht auf Grund einer Schwäche der wirkenden Kraft wegen schlechter Verfassung des Stoffes."

"Femina es mas occasionatus" (= "Die Frau ist ein verfehlter Mann").

(Summa Theologica I/92/1)

"Gemäss diesem Unterordnungsverhältnis ist das Weib dem Manne von Natur aus unterworfen. Denn im Manne überwiegt von Natur aus die Unterscheidungskraft des Verstandes."  (Summa Theologica I/92/2)

"Die Frau ist von Natur aus mit weniger Tugend und Würde ausgestattet als der Mann. Denn immer ist das ehrenwerter, was handelt, als das, was erleidet, wie Augustinus sagt."  Summa Theologica I/92/1)

 

Kardinal Karl Lehmann über Thomas von Aquin: "Vor allem durch den Einfluss des Aristoteles hat z.B. Thomas von Aquin die Empfängnis (Conceptio) als ein zeitlich erstrecktes Geschehen (Sukzessivbeseelung) verstanden. Der Embryo hat also bereits Leben, wird aber erst später beseelt, das männliche Kind am 40. Tag, das weibliche am 90. Tag ... Deshalb bezeichnet ... Thomas von Aquin die vom Leib getrennte Seele [des Embryos] für die Zeit dieser Trennung nicht als Person." (zit. nach http://www.bistummainz.de/bistum/bistum/kardinal/texte/texte_2002/text_060402.html)

 

Werke

Im Gegensatz zu anderen grossen Philosophen wie etwa Albertus Magnus, der verschiedene Ämter innehatte, gab sich Thomas ganz der Wissenschaft hin. Er schuf ein monumentales Werk, das in sechs Kategorien eingeteilt wird:

Schriften, die unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unterricht entstanden sind: 

Sentenzenkommentar

Quaestiones quodlibetales

Quaestiones disputatae

De spiritualibus Creaturis (engl. Übers. von C. R. Goodwin, Australian Catholic University 2002, online; PDF; 1,0 MB)

Über die Wahrheit

Über Seiendes und Wesenheit


Kommentare zu den Schriften von Aristoteles:

zur Logik

zur Physik

zu De caelo et mundo

zu De generatione et corruptione

zu Meteora

zu De anima

zu De sensu et sensato

zu Nikomachische Ethik

zur Politik

zur Metaphysik

Weitere Kommentare zu:

Dionysius Areopagita, De divinis nominibus

Liber de causis

Boethius, De trinitate

Boethius, De hebdomadibus

Kleinere Schriften und Streitschriften wie

Über das Böse

Über Lüge und Irrtum

Über die Vollkommenheit des geistlichen Lebens

Über die Herrschaft der Fürsten

Über die Einheit des Intellekts gegen die Averoisten

Compendium theologiae

Systematische (Haupt)-Werke:

Summa contra gentiles

Summa theologica (Digitalisat)

Kommentare zur Bibel

Zu Hiob

Zu Psalmen (Psalm 1–51)

Zu Jeremia

Zu den Klageliedern Jeremias

Zu Jesaja

Katenenkommentare zu den vier Evangelien (Catena aurea)

Vorlesungen zu Matthäus und Johannes

Vorlesungen zu den Briefen des Apostels Paulus

Hymnen zum Fronleichnamsfest

Sacris solemniis (zur Matutin), mit den Schlussstrophen Panis angelicus

Verbum supernum prodiens (zur Laudes), mit den Schlussstrophen O salutaris hostia

Pange Lingua (zur Vesper) mit den Schlussstrophen Tantum ergo, Gotteslob 496

Lauda Sion (Sequenz der Messe), dt. Gotteslob 545

Adoro te devote, dt. Gotteslob 546

Die Summa contra gentiles und insbesondere die Summa theologica bilden einen Höhepunkt thomanischen Schaffens. Sein Werk wurde im 19. Jahrhundert von der römisch-katholischen Kirche zur Grundlage der christlichen Philosophie erklärt.

 

Kampf der Klerikal- gegen Laienärzte

Die meisten Ärzte wurden in Klöstern ausgebildet, waren also an die Weisungen der Kirche gebunden. Sie durften weder operieren noch forschen und untererlagen noch weiterer Einschränkungen. Jedenfalls arbeiteten sie mit Gott dem Allmächtigen zusammen.

Laienärzte hatten oft eine bessere Ausbildung (Salerno) als ihre kirchlichen Kollegen. Aber auch sie trafen die von der Kirche ausgesprochenen Forschungs- und Operationsverbote. Somit konnte kein fruchtbarer Wettstreit der Schulen aufkommen, sondern meist nur Konkurrenzneid der schlimmsten Art wie folgende Begebenheit zeigt:

 


Plazebomedizin

Fast alle mittelalterlichen Medikamente waren wirkungslos, jedenfalls gegen die Krankheiten gegen die sie eingesetzt wurden. Durch den starken Glauben an die Heilkraft der Kräuter und die meist bewusst rituelle Einnahme konnte ein starker Placeboeffekt entstehen. Den viel weniger kopflastigen Menschen des Mittelalters gelang sicher eine innige Affirmation noch besser. Nur dank dieser Tatsache hat die mittelalterliche Medizin vielleicht doch mehr genützt als geschadet.

Fälschlicherweise wurden auch als Heilerfolge der Medizin, Genesungen von Krankheiten die auch ohne Behandlung abheilen würden, gewertet.