Glaube und Medizin im Mittelalter
Periodisierung
Die
Völkerwanderung wird von der Forschung als Bindeglied zwischen Spätantike und
frühen Mittelalter angesehen. Mit dem Ende der Völkerwanderung, das
traditionell mit dem Einfall der Langobarden in Italien (568) verbunden wird,
begann zumindest in West- und Mitteleuropa endgültig das Frühmittelalter. Der
Übergang ist somit im 6. Jahrhundert fliessend. In Ostrom bzw. Byzanz hingegen
hielten sich antike Verwaltungsstrukturen noch einige Jahrzehnte länger; antike
Kulturelemente wurde in Byzanz auch später noch gepflegt.
Bereits in
der Renaissance wurde die Epoche zwischen der Antike und der damaligen
Gegenwart als ein Zeitalter betrachtet, in dem das Wissen und die Werte der
antiken Kulturen in Vergessenheit geraten waren, woraus sich die kulturelle und
geistige Unterlegenheit des Mittelalters ableiten liess. Diese Bewertung wurde
im 19. Jahrhundert im Zuge der aufkommenden Romantik übernommen und weiter
ausgebaut, wobei die Rezeption vergangener Zeiten gemäss der Aufklärung, der
Moral des Viktorianischen Zeitalters und durch „Fortschrittsgläubigkeit“ und
Vernunftsorientierung beeinflusst wurde. Dadurch entstand im 19. Jahrhundert
eine moderne und bis heute populäre Rezeption des historischen Mittelalters,
die im Grossen und Ganzen eher auf dem romantischen Zeitgeist als auf
historischen Quellen basiert.
Im Laufe der
Zeit haben sich auf diese Weise Vorstellungen vom historischen Mittelalter
herausgebildet, die keine historische Grundlage haben und sich dennoch einer breiten
Bekanntheit erfreuen.
Das
christliche Mittelalter sah sich selbst noch nicht als ein „Mittelalter“,
sondern verstand sich heilsgeschichtlich als eine im Glauben allen anderen
Zeitaltern überlegene aetas christiana („christliches Zeitalter“), die mit der
Geburt Christi begann und erst mit dem Jüngsten Tag enden sollte.
Aberglaube-Kirchenglaube-Medizinglaube
„In der Zeit
von Galens Tod (um 201 n.Chr.) bis zum Auftreten Vesals
im 16. Jahrhundert gab es in der Medizin keinen wissenschaftlichen Fortschritt,
da das Mittelalter im wesentlichen nur das Erbe der Antike übernahm, ohne
eigene neue Werte zu schaffen.“ Dr. A.
G. Chevalier Ciba-Zeitschrift Nr.56
Das lähmende
Forschungsklima wurde vor allem durch die im Mittelalter übermächtige Kirche
geschaffen. Zusammen mit dem Adel konnte der Klerus Schalten und Walten wie er
wollte. Die beiden Machtblöcke verflochten sich indem sie sich Ämter zu
schanzten, kaum ein Bischof war nicht von adliger Herkunft und sie setzten sich
logischerweise nach ihrer Ernennung für ihresgleichen ein. Keine politische
Entscheidung konnte ohne kirchliche Mitsprache gefällt werden.
Die
Zweiteilung der Menschheit
Für die
mittelalterliche Gesellschaftsordnung war die Unterscheidung zwischen Herrschaft
und Diener grundlegend. 90 % waren Arbeitende, 10% gehörte Alles inklusive die
arbeitende Bevölkerung. Diese Zweiteilung der Menschheit war laut der Kirche
von Gott so gewollt. Deshalb verkündete der Dominikanermönch Thomas von Aquin
(† 1274), auch folgendes: "Sklaverei unter Menschen ist etwas
Naturgegebenes, denn manche sind von Natur aus Knechte..." (Summa theol.
II., II. 57, 3,2).
"Du, Schutzflehender, bete", bei den Adligen "Du beschütze" und bei den Bauern "Du arbeite!"
Daneben
profitierte der Klerus von der Abgabe des Zehnt, die eine prozentuale
Beteiligung an den Erträgen der meist leibeigenen Bauern war. Weiter zogen sie
aus den Braurechten erheblichen Gewinn.
Aufbegehren des
Volkes gegen ein Leben in Armut war kaum zu verzeichnen, da von den Kanzeln
gepredigt wurde, dass ihr Schicksal von Gott vorherbestimmt sei, und der Lohn
für ihr entbehrungsreiches Dasein im Jenseits auf sie warte. Weiter
verbreiteten die Prediger die Doktrin, dass Krankheit eine Strafe Gottes sei
und die Gesundung die Gnade Gottes bezeuge.
Um jeden
Forschungsdrang im Keim zu ersticken forderte die Kirche, dass alle Ärzte zur
Beichte mussten und wie es aus den "Summae confessionis" zu ersehen
ist, musste der Arzt im Beichtstuhl Rechenschaft über seine Behandlungsmethoden
geben „ob sie der Tradition entsprächen oder ob er es sich etwa einfallen
lasse, nach seinem eigenen Kopfe Heilmethoden auszuprobieren.“
Da Gott angeblich,
wie die Kirche verbreiterte, befahl, dass zum Jüngsten Gericht die Toten mit
unversehrtem Leib erscheinen müssen, traute sich die Ärzteschaft kaum mehr zu
operieren und behandelte auch einfach zu entfernende Geschwülste mit Salbe. An
Leichenöffnungen zu Forschungszwecken war nicht zu denken.
Wundärzte,
Bader, Chirurgen, Barbiere, klerikale und Laienärzte.
Die Aufgaben
der Wundärzte und akademischer Mediziner war strikt voneinander getrennt. Diese
Trennung von Chirurgie und Innerer Medizin, der sich die akademischen Ärzte
widmeten, war die Konsequenz eines Beschlusses des Konzils von Tours (1163) und
des IV. Laterankonzils von 1215. Damit wurde den Akademikern der Verzicht auf
chirurgische Praktiken vorgeschrieben. Hintergrund war, dass es während und
nach chirurgischen Eingriffen oft zu Todesfällen kam, was moralisch nicht mit
dem geistlichen Amt der damals noch überwiegend klerikalen Ärzte zu vereinbaren
war. Dadurch wurde die Chirurgie als mindere Medizin aus den Universitäten
ausgeschlossen und in den Verantwortungsbereich der handwerklichen Bader und
Barbiere gegeben. Ebenso wie akademische Ärzte keine chirurgischen Eingriffe
vornahmen, war es Wundärzten untersagt, Innere Medizin zu betreiben. Der Erfolg
einer ärztlichen Behandlung hing aber weit mehr von der mentalen Affirmation
des Patienten ab, als von der Heilkunst des Arztes. Im Papyrus Ebers wird das
Verhältnis zwischen Magie und Medizin im Alten Ägypten am treffendsten
beschrieben, dort heisst es:" Wirksam ist der Zauber (nur) zusammen mit
dem Heilmittel, wirksam ist das Heilmittel (nur) zusammen mit dem Zauber".
Grundirrtum -
Humoralpathologie
Mädiale medizinische Praktiken
Die Kunst des
zur Aderlassens
Diese
lebensgefährdende Therapie führte neben dem Blutverlust häufig zu schweren
Infektionen oft mit Todesfolge. Hände und Fliete (Aderlass-Messer) waren nicht
steril. Die Welt der Mikroorganismen breitete sich ungehindert in der Wunde
aus. Man kannte zwar antiseptische Pflanzen, doch deren Wirkung war gering.
Die Fliete
bestand aus einem ca. 15 cm langen eisernen Stiel an dessen Ende im rechten
Winkel eine herzförmige bis stumpf-lanzettförmige Klinge angesetzt war. Die Klinge der Fliete wurde über der Vene
aufgelegt, mangels Schärfe der Klinge musste das Messer mit einem Schlag auf
die Rückseite mithilfe eines Hammers oder Schlegels durch die Haut und die
Venenwand getrieben werden.
Der
Militärarzt Hans von Gersdorff zählt in seinem „Feldbuch der Wundarznei“ (1517)
43 Aderlasspunkte auf, wovon 4 an den Genitalien.
Der Aderlass
nach Hildegard von Bingen soll den Körper durch die Entnahme von „schlechtem
Blut“ von Giften befreien, die durch übermässiges Essen, Diätfehler, Stress,
Sorgen, Angst und Enttäuschungen entstanden seien. Das Blut soll dadurch von
„krankmachenden Schlacken und Fäulnisstoffen“ gereinigt werden.
Auch nachdem
William Harvey durch die Entdeckung des Blutkreislaufs im Jahre 1628 die
Grundlagen des Aderlasses widerlegt hatte und erste Schritte zu einer auf
wissenschaftlichen Methoden basierenden Medizin gemacht waren, blieb der
Aderlass noch bis ins 19. Jahrhundert eine verbreitete Behandlungsmethode.
Heute wird
nur noch bei wenigen, sehr seltenen Krankheiten die Blutmenge reduziert. ZB. bei
zu hoher Blutviskosität, überhöhtem Eisengehalt oder zur Verbesserung der
Fliesseigenschaften.
Klistier
Die
zweithäufigste Massnahme in der mittelalterlichen Medizin war der Einlauf. Eine
harmlose Verstopfung bedeute, dass sich die Körpersäfte nicht im Gleichgewicht
befanden. Nach der Vorstellung des Hippokrates von Kos (460–377 v. Chr.)
beruhte die Gesundheit auf dem Gleichgewicht der Körpersäfte. Darmklistiere
gelangten also vor allem bei Verstopfung und Magen-Darm-Erkrankungen zur
Anwendung und sollten den Darm von verdorbenen, krankmachenden und
überschüssigen Säften reinigen. Es wurden aber auch jahreszeitliche Klistiere
verabreicht.
Starstich
Starstiche
wurden in der Regel von Wundärzten vorgenommen. Oft handelte es sich bei diesen
„Okulisten“ (von lat. oculus ‚Auge‘) um spezialisierte, reisende Wundärzte, die
ihre Dienste auf Messen und Jahrmärkten anboten. Das Herumreisen erweiterte
nicht nur den Kreis der möglichen Patienten, sondern schützte den Operateur
auch vor der Reaktion von Patienten, bei denen die bei dieser Operationsmethode
häufigen Komplikationen aufgetreten waren.
Warum der
Starstich vor allem durch wandernde Heiler durchgeführt wurde, verdeutlicht, im
Zusammenhang mit dem hohen Erblindungsrisiko, die kurz danach aufgeführte
Verfügung:
§ 218: Wenn
der Arzt einen freien Mann mit einem bronzenen Instrument an einer schweren
Wunde behandelt und sterben lässt, und wenn er das Fleckchen im Auge des Mannes
mit dem Instrument aus Bronze geöffnet, aber das Auge des Mannes zerstört hat,
wird man seine Hände abschlagen.
Der Blasensteinschneider.
Der Lithotomus, auch Steinschneider, war ein bis ins 19. Jahrhundert ausgeübter
medizinischer Beruf, der vielfach gleichzeitig mit der Tätigkeit als Okulist
(Augenmediziner) und Chirurg ausgeübt wurde. Sein Wirkungsgebiet lag in der
Entfernung von Blasensteinen.
Die Bildung
von Blasensteinen war eine häufige Folgeerscheinung früherer
Ernährungsgewohnheiten. Zur Beseitigung der zu schmerzhaften Koliken führenden
und das Wasserlassen verhindernden Steine wurden die Dienste eines Lithotomus
in Anspruch genommen.
Dazu fanden
zwei verschiedene Verfahren Anwendung:
Im
Kindesalter erfolgte eine manuelle Fixierung des Steines durch den Anus am
Damm, wo er mittels eines Schnittes herausgezogen wurde.
Bei erwachsenen Personen musste ein aufwendigeres Verfahren angewandt werden: Über einen Schnitt in die Harnröhre unterhalb der Prostata führte der Lithotomus seine Werkzeuge in die Blase ein, um den Stein zu greifen und durch den Blasenhals herauszuziehen. Aufgrund der nicht vorhandenen Hygiene sowohl des Operateurs als auch der Instrumente kam es häufig zu Entzündungen, die den Patienten oft das Leben kosteten. Abgesehen davon konnte sowohl durch operative Fehler als auch durch schlichte Unwissenheit der Schliessmuskel durchschnitten werden, was zu dauerhafter Inkontinenz führte. Betäubt wurden die Patienten meist mit Alkohol, selten mit Opiaten, da diese von der Kirche als „Teufelszeug“ bezeichnet und später verboten wurden. Der Eingriff war extrem schmerzhaft. Glück hatte wer dadurch das Bewusstsein verlor.
Marion Maria
Ruisinger, Institut für Geschichte der Medizin der Universität
Erlangen-Nürnberg beschreibt das Blasenleiden folgendermassen:
„Im 18.
Jahrhundert sind Blasensteine ein häufiges Leiden. Dies erklärt sich durch die
damals übliche Ernährung: Auf dem Speisezettel standen vor allem Fleisch,
Hülsenfrüchte, Bier und Wein (auch für Kinder!), also eine Kost, die eine
erhöhte Ausscheidung von Harnsäure über die Nieren zur Folge hatte. In
Hungerszeiten hob der Abbau von körpereigenem Gewebe den Harnsäurespiegel
ebenfalls an. Aus anatomischen Gründen waren Frauen vom Blasensteinleiden nur
selten betroffen. Bei Männern hingegen wuchsen die Blasensteine nicht selten
bis zur Grösse eines Tauben- oder Hühnereies heran. Grausame Schmerzen waren
die Folge.
Gegen den
Blasenstein hilft nur das Messer. Allerdings "ist diese Operation eine von
den allerschwersten und gefährlichsten in der gantzen Chirurgie", so
Lorenz Heister. "Ein rechtschaffener Chirurgus", fordert er,
"muss dem Patienten die Gefahr vorhero vorstellen, und nicht mehr
versprechen, als er halten kann".
1. Die
"Manier mit der kleinen Gerätschaft"
Dabei führt
der Operateur zwei Finger der linken Hand in den After des Patienten ein,
ertastet durch die Darmwand den Stein in der Harnblase und drückt ihn nach
unten gegen den Damm. Mit einem Steinschnittmesser (Lithotom) durchtrennt er
Haut, Fettgewebe, Muskulatur und Blasenwand direkt über dem Stein. Nun lässt
sich der Stein mit den Fingern oder einer gezähnten Fasszange ergreifen und
herausziehen. Dieses seit der Antike bewährte, einfache Verfahren eignete sich
besonders für den Steinschnitt bei Kindern, die einen grossen Teil der
Blasensteinpatienten ausmachten. Bei grösseren Personen war es nicht möglich,
den Stein mit den Fingern sicher zu fixieren.
2. Die
"Manier mit der grossen Gerätschaft"
Bei beiden
Verfahren ist es wichtig, dass der Chirurg flink und beherzt vorgeht, um die
Schmerzen bei der Operation so kurz wie möglich zu halten. Der Kranke wird in der
sogenannten "Steinschnitthaltung" fixiert und von fünf kräftigen
Männern festgehalten. Im günstigsten Fall ist der Patient nach drei bis vier
Minuten von seinem Stein befreit. Die Operationswunde wird nicht zugenäht,
sondern lediglich locker verbunden. Blutgerinnsel und etwa noch verbliebene
Bruchstücke des Steins werden in den nächsten Tagen durch den Urin nach aussen
gespült. Bei einem unkomplizierten Verlauf kann der Patient damit rechnen, in
ein bis zwei Monaten völlig geheilt zu sein. werden und wirken über eine
Veränderung des Säuregehalts (pH-Wert) des Urins.“
Amputation
Häufig
mussten Glieder amputiert werden, da für die Heilung einer Verletzung oder
Krankheit das Wissen und die Mittel fehlten. Besonders an Kriegsschauplätzen
wurden massenhaft Amputationen vorgenommen. Mangels wirksamer Narkotika musste
der Verletzte mit Lederriemen auf dem Operationstisch festgebunden werden, er
bekam einen Knebel zwischen die Zähne und los ging`s. Zum Schluss wurde die
Wunde meist mit einem glühenden Eisen abgebrannt und so verschlossen.
Schröpfen
Schröpfen ist
der kleine Bruder des Aderlasses. Durch den Unterdruck, den man durch erwärmen
der Innenluft eines Schröpfglases erzeugt, werden eine kleine Menge Blut und
„der giftige Geifer der Würmer“ abgesaugt. Diese für keine Krankheit geeignete
Therapie wird in der Alternativen Medizin immer noch praktiziert.
Phytotherapie
Heilversuche
mit Pflanzen wurden schon in der Vorantike unternommen. Vor allem Hippokrates
legte die Basis zur Pflanzenheilkunde im Mittelalter. Hildegard von Bingen
fasste die noch vorhandenen Rezepte in ihrem Heilkundebuch zusammen und versah
sie mit eigenwilligen Vergleichen und Erklärungen. Sowohl die Zubereitung als
auch die Einnahme der meist wirkungslosen Kräutertees wurde von rituellen
Gesängen und Handlungen begleitet die mithalfen den Placeboeffekt zu
verstärken.
Wer nicht
fliehen konnte, versuchte alles, um der entsetzlichen Seuche zu entgehen. Das
grösste Vertrauen brachte man Ausräucherungen entgegen; die Pestbücher raten
immer wieder, besonders abends ein Feuer im Hause anzuzünden und Rosmarin,
Ambra, Mastix und Schwefel zu verbrennen, damit der Rauch die Luft reinige.
Während der Pestzeit sollte man nicht baden. Der Aderlass wird, wie fast bei
allen Krankheiten, auch hier empfohlen. Manche glaubten auch, dass Menschen,
die in Spitälern und an "anderen übelriechenden Orten" arbeiteten,
dadurch vor der Ansteckung gesichert seien. Man erklärte dies damit, "dass
ein Gift das andere schwächt, besiegt und niederwirft". Und es gab
Ängstliche, die täglich besonders übelriechende Orte aufsuchten, sich
stundenlang dort aufhielten und die schlechten Düfte einatmeten, um sich auf diese
Weise zu schützen. Man trachtete auch, der Epidemie mit geistigen Mitteln
beizukommen. Das ganze Mittelalter hindurch wurde angenommen, dass besonders
Trauer und Leid zur Krankheit führten. Die panikartige Verzweiflung, die
während des grossen Sterbens herrschte, musste, so meinte man, der Krankheit
besonders Vorschub leisten. So verboten die Stadtverwaltungen immer wieder, die
Sterbeglocken zu läuten, die sonst den ganzen Tag geklungen hätten, auch sollte
man keine Trauerkleider tragen und seine Trauer nicht laut kundtun. Um den
fürchterlichen psychischen Druck, so gut es ging, abzuschwächen, hatte die
Kirche grosse Beichterleichterungen eingeführt, Sterbende konnten im Notfalle
sogar durch einen Laien Vergebung erlangen.
Viele fassten
die „Pest“ aber als Strafe Gottes auf. Das führte vielerorts dazu, dass man
sich in sein Schicksal ergab und gar nicht erst versuchte, der heranrückenden
Pest zu entkommen. Die Kirche empfahl stattdessen Busspraktiken, um Gott wieder
zu versöhnen. Das führte zu einem Aufschwung der Geisslerumzüge. Ausserdem
wandte man sich an die Pestheiligen St. Rochus und St. Sebastian.
Körperpflege im Mittelalter
Hygiene
Das
Mittelalter muss im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel gestunken haben. Ob
Fürstentochter oder Magd, Meisterschmied oder Stallbursche - Hygiene oder
Körperpflege gab es nur selten.
Unrat, Müll
und Fäkalien landeten ohne Abwassersystem auf der Strasse, das Vieh lebte meist
mit in den vier Wänden und ein Bad wurde zunächst verpönt. Sauberes Wasser gab
es kaum und häufig hatten die Menschen Angst, vor Erkältungen. Zudem folgten
sie einem Irrglauben, Wasser könne über die Haut in die Poren eindringen und so
für schwere Krankheiten sorgen.
Die Folgen
dieser katastrophalen Bedingungen waren flächendeckende Seuchen, wie die Pest,
Blattern oder Cholera, die ganze Landstriche dahinraffen konnten. Erst im
Hochmittelalter wurde die in der Antike bereits sehr ausgeprägte Badekultur
langsam wieder eingeführt und die Körperpflege wurde nach und nach ernster
genommen.
Viele
Hygienemassnahmen, wie wir sie heute für selbstverständlich halten, wie das
Zähneputzen gab es im Mittelalter noch nicht oder nicht mehr. Während sich schon
die alten Ägypter, Griechen und Römer Gedanken über ihre Zahnpflege machten,
war dieses Thema im Mittelalter so gut wie ausgestorben. Allein der Adel
versuchte, mit duftenden Ölen oder Mundwässerchen dem Mundgeruch Herr zu
werden. Im Volk spielten derlei Sorgen keine Rolle.
Die erste
Monatsblutung galt schon damals als untrügliches Zeichen für die
Geschlechtsreife junger Frauen. Doch trotz dieses schon sehr fortschrittlichen
Denkens galten erste wissenschaftliche Untersuchungen im Mittelalter der Frage,
inwieweit das Menstruationsblut giftig sein oder gar magische Fähigkeiten
besitzen könnte. Wesentlich bodenständiger widmeten sich die Betroffenen selbst
diesem Thema. Baumwolltücher oder ähnliche Stoffe dienten zum Schutz und wurden
an sich nicht anders verwendet, als die Monatsbinden von heute. Wer sich keine
Stoffe hierfür leisten konnte, liess das Menstruationsblut einfach an den
Beinen herunterlaufen. Aus diesem Grund war es den Frauen im Mittelalter
teilweise auch verboten, Wein zu stampfen.
http://www.leben-im-mittelalter.net/alltag-im-mittelalter/gesundheit/hygiene/koerperpflege.html
Lehrbücher und ihre Verfasser.
Die
wichtigsten medizinischen Lehrbücher des Mittelalters fussen hauptsächlich auf
den antiken Lehrmeinungen von Hippokrates (4-Säfte-Lehre) und Galens (Anatomie)
auch die Phytotherapie wurzelt in der Antike. Noch immer wurden die Pflanzen
nach der hippokratischen Methode der vergleichenden Morphologie ausgewählt. Statt
eine deduktive Bestimmung der einzelnen Pflanzenwirkstoffe anzustreben wurden
tausende Kombinationen rezeptiert, und so entstanden auch einige wenige
Glückstreffer wie etwa Digitalis zur Kreislaufstabilisierung (Hippokrates). Es
gibt auch Beschreibungen für das Auftreten eines Arztes; hoch zu Ross mit
teuren, schillernden Kleidern. Zuerst die Krankheit schlimmer machen als sie
ist, denn kann er wie meistens nicht heilen, hatte er ja die Schwere der
Krankheit bereits schon beim ersten Besuch mitgeteilt. Findet wider Erwarten
eine Besserung statt, wird das Honorar umso höher.
Annäherungen an eine mittelalterliche
Visionärin.
Hildegard von
Bingen 1098 – 1179
„…meine
Eltern weihten mich Gott unter Seufzern, und in meinem dritten Lebensjahr sah
ich ein so grosses Licht, dass meine Seele erzitterte…“
Hildegard
wurde ins Männerkloster der Benediktiner von Disibodenberg gebracht und dort
mit Jutta von Sponheim (16) und eine weitere Oblatin (Opfergabe) in ein Inklusorium
eingeschlossen. Jutta von Sponheim die bereits vom Mainzer Erzbischof Ruthard
die Jungfrauenweihe empfangen hatte übernahm die religiöse Erziehung der beiden
miteingeschlossenen Novizinnen.
1112 legte
Hildegard vor dem Bischof Otto von Bamberg, der von 1112 bis 1115 den
inhaftierten Mainzer Erzbischof Adalbert vertrat, ihr Profess (Ordensgelübde)
ab.
Nach dem Tode
Juttas in der mittlerweile zum Kloster gewachsenen Klause wurde Hildegard 1136
zur Magistra der versammelten Schülerinnen gewählt. Mehrfach kam es zu
Auseinandersetzungen mit Abt Kuno von Disibodenberg, weil Hildegard die Askese,
eines der Prinzipien des Mönchtums, mässigte. So lockerte sie in ihrer
Gemeinschaft die Speisebestimmungen und kürzte die durch Jutta festgelegten,
sehr langen Gebets- und Gottesdienstzeiten. Offener Streit brach aus, als
Hildegard mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen wollte. Die
Benediktiner von Disibodenberg stellten sich dem entschieden entgegen, da
Hildegard deren Kloster Popularität verschaffte.
Hildegard von
Bingen verliess um 1150 das Kloster Disibodenberg, um ihr eigenes Kloster über
dem Grab des Heiligen Rupert zu gründen. Der Rupertsberg war günstig gelegen an
den Verkehrs- und Kommunikationswegen des Rheines und der Nahe. Nachdem
zunächst eine alte Kapelle als Kirche diente, entstand nach und nach die neue
Klosteranlage. Die dreischiffige Klosterkirche wurde 1152 durch Erzbischof
Heinrich von Mainz konsekriert. Zu dieser Zeit hatte Hildegards Erstlingswerk
Liber Scivias Domini (Die Wege des Herrn) bereits grosse Bekanntheit erlangt.
Die meisten ihrer Werke entstanden in der Zeit auf dem Rupertsberg, im
Skriptorium des Klosters wurden sie auch handschriftlich vervielfältigt und
fanden den Weg in alle Welt.
Ihr
selbstbewusstes und charismatisches Auftreten führte zu ihrer grossen
Bekanntheit. Sie predigte als erste Nonne öffentlich dem Volk die Umkehr zu
Gott (u. a. auf Predigtreisen nach Mainz, Würzburg, Bamberg, Trier, Metz, Bonn
und Köln). Aus einem in seiner Echtheit umstrittenen Brief des Kaisers
Barbarossa an sie, der im Wiesbadener Riesenkodex überliefert ist, wird
geschlossen, dass dieser sich mit ihr in der Ingelheimer Kaiserpfalz getroffen
habe, nachdem Hildegard Kaiser Barbarossa, jedoch ohne seinen Namen zu nennen,
in einer Predigt einen Tyrannen schimpfte. Auch einige Bischöfe die allzu sehr
materiell statt theologisch ausgerichtet waren mussten sich von Hildegard die
Leviten lesen lassen. All dies war möglich weil sich Hildegard immer auf
göttliche Eingebungen berief, damit konnte sie von vornherein die
mittelalterliche Vorstellung, dass ein wirrer Frauenkopf nicht in der Lage sei
sich eine theologische Erörterung auszudenken ausschalten. 1147 anerkennt sogar
Papst Eugen III. Hildegards Sehergabe. Leider färbte ihr emanzipatorisches Auftreten
nicht auf die Nachwelt ab, da Hildegard den Freiraum in dem sie sich bewegen
konnte nur für sich beanspruchte ansonsten aber treu das kirchliche, mediävale Frauenbild weiter
verbreitete.
Hildegard
übergab ihrem Kloster Rupertsberg alle ihre Besitztümer und Einnahmen aus dem
Bücherverkauf, der so ansteigende Reichtum wirkte sich auch auf das Leben der
Gemeinschaft aus und rief von aussen Kritik hervor. So griffen mehrere
Geistliche, aber auch Leiterinnen anderer Gemeinschaften, zum Beispiel die
Meisterin Tengswich von Andernach, Hildegard an, weil ihre Nonnen entgegen dem
evangelischen Rat der Armut angeblich luxuriös lebten und nur Frauen aus
adligen Familien in Rupertsberg aufgenommen wurden. Da die Zahl der Nonnen im
Rupertsberger Kloster ständig zunahm, erwarb Hildegard 1165 das leerstehende
Augustinerkloster in Eibingen und gründete dort ein Tochterkloster, in das auch
Nichtadelige eintreten konnten und setzte dort eine unabhängige Priorin ein.
Hildegard von
Bingen starb am 17. September 1179 im hohen Alter von 82 Lebensjahren.
Hildegards
Visionen
„Über deren
Haupt stieg von dem Manne, der auf jenem Berge sass, eine solche Helle
hernieder, dass ich sein Antlitz nicht sehen konnte. Von demselben, der auf dem
Berge sass, gingen viele lebendige Funken aus, welche beide Gestalten mit grosser
Anmut umflogen.“ (Von der geistlichen Einsicht 1. Vision)
„Das überaus
grosse Gebilde, rund und dunkel, einem Ei ähnelnd, oben und unten
zusammengeschnürt, in der Mitte breit, bedeutet trefflich den allmächtigen
Gott, der unbegreiflich ist, in seiner Majestät und unschätzbar in seinen
Geheimnissen.“ (Aus der geistlichen Einsicht 3. Vision)
Betroffene
schildern eine Wahrnehmung von hellem, flimmerndem oder sich kaleidoskopartig
drehendem Licht in einem meist exzentrisch gelegenen Teil des Gesichtsfelds,
das sich zunächst ausdehnt, jedoch nicht das ganze Gesichtsfeld erfasst. Das
Auftreten geschieht plötzlich. Der Betroffene kann zunächst das Gefühl haben,
in eine starke Lichtquelle geschaut zu haben, weil das Erleben eines
Flimmerskotoms einer Blendung ähnlich sein kann. Wie bei einer Blendung kann
das direkte Fixieren von Objekten oder Text nicht mehr möglich sein. Wenn nur
ein Teil des Gesichtsfeldes vom Ausfall betroffen ist, ist eine Orientierung im
Raum durchaus möglich.
Ein
Flimmerskotom kann – besonders wenn es im Rahmen der Migräne auftritt – von
Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen begleitet sein, oft tritt es aber ohne
diese Begleiterscheinungen auf. Auch das gleichzeitige Auftreten einer hohen
Lichtempfindlichkeit und anderer Überempfindlichkeiten kommt vor.
Nachfolgend
zwei Fachartikel aus verschiedenen Standpunkten. Erstens ein Essay des
Hildegard-Anhängers Prof. Klaus-Dietrich Fischer, zweitens eine eher kritische
Betrachtung des Hildegard-Bildes von der systematischen Theologin Dr. Mirja
Kutzer.
Mensch und Heilkunde bei Hildegard von Bingen
Von
Prof. Dr. phil. Klaus-Dietrich Fischer, M.A.
Medizinhistorisches Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
1998 feiern wir die neunhundertste Wiederkehr des Geburtstags einer Frau des
Mittelalters, die in den letzten Jahren weit über den engeren Kreis der
Theologen und Mediävisten hinaus nicht nur in Deutschland, sondern in der
ganzen westlichen Welt bei alt und jung, bei Menschen unterschiedlichster
Herkunft, bekanntgeworden ist wie wohl keine andere Frau jener Jahrhunderte.
Hildegard wird, so muss man sagen, in Anspruch genommen, dient als Zeugin für
viele, kaum vereinbar erscheinende Aussagen. Vielseitig war sie, das steht
immerhin fest, wie nur ganz wenige. Doch darf man in Hildegard von Bingen auch
(wie es der Titel eines 1927 erschienenen Buches suggeriert) die erste deutsche
Ärztin und Naturforscherin sehen?
Ehe man auf diese und ähnliche, damit zusammenhängende Fragen eine Antwort
versuchen kann, ist es angebracht, sich einige wichtige Stationen ihres
Lebensweges ins Gedächtnis zu rufen.
Hildegards Leben
Als
10. Kind des Edelfreien Hildebertus und seiner Gattin Mechthild wird Hildegard
1098 in Bermersheim, wenige Kilometer nördlich von Alzey in Rheinhessen,
geboren. Im Alter von acht oder neun Jahren kommt sie in die Obhut einer nur
wenig älteren entfernten Verwandten, der 1090 geborenen Jutta von Spanheim
(heute Sponheim), die sich mit anderen Frauen bei dem benediktinischen
Männerkloster auf dem Disibodenberg, am Zusammenfluss von Glan und Nahe, 1112
als Klausnerin niederlässt. Nach Juttas Tod (1136) übernimmt Hildegard die
Leitung über die inzwischen angewachsene Gemeinschaft frommer Frauen auf dem
Disibodenberg. Ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen, nördlich der
Mündung der Nahe in den Rhein, begründet sie 1147; die Lösung vom Kloster auf
dem Disibodenberg war schwierig, da sich der Abt dagegen stellte, doch
Hildegard setzte sich hier wie auch bei zahlreichen späteren Gelegenheiten
gegen äussere Widerstände durch.
1147, im Alter von rund 50 Jahren, arbeitet sie auch an ihrem ersten grossen
Visionenbuch, dem Scivias ("Wisse die Wege"), das sie 1141 auf
göttlichen Befehl begonnen hatte und 1151, zehn Jahre nach dem Beginn der
Niederschrift, abschliessen wird. Im selben Jahr 1147 korrespondiert sie mit
Bernhard von Clairvaux, dem weithin berühmten, nur wenig älteren (* 1091)
Kirchenlehrer und Begründer der mittelalterlichen Mystik; der Erzbischof von
Mainz erhält bereits fertiggestellte Teile des Scivias übersandt und
leitet sie an Papst Eugenius den III. weiter, als der sich zu einer Synode in
Trier aufhält. All das lässt erkennen, dass Hildegard damals eine Stellung
erlangt hat, die sie von anderen Nonnen und Äbtissinnen unterscheidet. Vier
zwischen 1158/59 und 1170 unternommene pastoral motivierte Reisen und eine
ausgedehnte, erhaltene Korrespondenz mit bedeutenden Gestalten der Kirche bis
hin zum Papst und mit Vertretern der weltlichen Macht bis hin zum Kaiser
unterstreichen dies. (Dass es sich hier vielfach um engere und weitere, auch
durch Heirat dazugekommene Verwandte der aus dem Adel stammenden Hildegard
handelt, muss berücksichtigt werden, damit wir uns kein falsches Bild machen.
Inwieweit sie realen Einfluss hatte oder nehmen wollte, muss dahingestellt
bleiben.)
In der Mitte der sechziger Jahre begründet sie ein weiteres Frauenkloster (St.
Giselbert) auf der Bingen gegenüberliegenden Rheinseite, in Eibingen. Als sie
am 17. September 1179 stirbt, hinterlässt sie ein dem Umfang und dem Gewicht
nach bedeutendes Werk, das ausser den Visionenbüchern - auf das Scivias
folgten ein Liber vitae meritorum und ein Liber divinorum operum
- ihre Kompositionen geistlicher Gesänge, zu denen man auch das Spiel vom Ordo
virtutum stellen kann, die schon erwähnte Korrespondenz, eine Reihe
kleinerer christlicher Schriften und solche zur Medizin und Naturkunde umfasste,
auf die wir noch besonders zurückkommen werden. Von ihrer Autobiographie haben
sich zwölf längere Abschnitte durch wörtliches Zitat in der von ihrem Sekretär
Gottfried begonnenen und 1181 von Theoderich (Theodericus) von Echternach
vollendeten Lebensbeschreibung erhalten.
Die Sprache, derer sich Hildegard bedient, ist - wie könnte es anders sein? -
die Sprache der Kirche, das Lateinische. Wir wissen über Hildegards
Bildungsgang fast nichts; aber wie sie schreibt und die Tatsache, dass sie sich
ihr Latein (casus, tempora et genera heisst es in Theoderichs Vita)
von Helfern verbessern, redigieren lässt - was auf jeden Fall für die meiste
Zeit ihres Lebens gilt -, weist darauf hin, dass wir uns nicht vorstellen
dürfen, sie habe etwa Unterricht in der Klosterschule auf dem Disibodenberg erhalten.
Wenn es eine solche Ausbildung im dortigen Kloster damals gab, hat Hildegard
davon - ihr Sprachstil zeigt es deutlich - nicht profitiert; ihre
Sprachkenntnisse sind durch den täglichen Umgang mit den liturgischen,
biblischen und theologischen Texten immer weiter gewachsen, an ihnen gleichsam
'geschult'. Was sie von Jutta lernen konnte, war, so sagt sie selbst, kaum das
Alphabet. Die Möglichkeit des Zugangs zum Verständnis der Bibel, der
Kirchenväter und der Philosophen wird ihr, wie sie berichtet, in einer Vision
geschenkt. Die Forschung hat erkannt, dass dieser Vorgang bei Augustinus in den
Confessiones in ähnlichen Worten beschrieben wird, und dass wir bei
Hildegards sicher ernst gemeinten Beteuerungen ihrer eigenen Unwissenheit nicht
vergessen dürfen, dass dabei auch ein damals geläufiger Topos zumindest
anklingen mag.
Die Frage der Bildung und der Bildungsquellen, d. h. der zugänglichen
Literatur, ist gerade für den wichtig, der sich mit den naturkundlichen und
medizinischen Aussagen Hildegards befasst. Klöster waren im Mittelalter nicht
nur Burgen des Glaubens, sondern auch Burgen der Wissenschaft, Bewahrer der
Überlieferung des Wissens aus der Antike: Lorsch z. B., Fulda, die Reichenau,
Echternach sind uns als Orte bekannt, wo man medizinische Schriften finden
konnte. Vom Kloster auf dem Disibodenberg wissen wir in dieser Hinsicht nichts,
auch darüber hinaus nichts hinsichtlich einer Bibliothek oder eines
Scriptoriums, wo Bücher durch Abschreiben vervielfältigt worden wären, und wie
Hildegard selbst eines auf dem Rupertsberg einrichtet (von dort stammt der
berühmte Wiesbadener Riesenkodex). Es bleibt uns deshalb nichts anderes übrig,
als in dieser Frage äusserst vorsichtig zu sein und die Untersuchung bezüglich
möglicher Quellen für jede Stelle einzeln und neu zu führen, da Hildegard
selbst uns keine Hinweise gibt.
Die "Hildegard-Medizin"
Bedenken
dieser Art entfallen, wenn man in Hildegard, pointiert formuliert, nur das
Werkzeug, die unwissende Vermittlerin einer göttlichen Botschaft sieht:
"Wunderbar ist Gott in seinen Heiligen und sehr merkwürdig die Welt in
ihrem Urteil. Da hat ER vor achthundert Jahren (um 1155 nach Christus) einem
armseligen Geschöpf seine Medizin geoffenbart, für alle Welt greifbar — und
kein einziger Mensch unserer Tage hat bisher diese Tatsache ernsthaft zur
Kenntnis genommen als allein der Verfasser des vorliegenden Buches."
So beginnt die Einführung in das Werk „So heilt Gott“, eines Buches, das
allein in seiner deutschen Originalfassung mehr als einhundertfünfzigtausendmal
verkauft worden ist. Erst seit seinem Erscheinen im Jahre 1970 gibt es die
"Hildegard-Medizin", wie sie von ihren Anhängern und von ihren
Gegnern genannt wird. Die Hildegard-Medizin charakterisiert der Verfasser des
Buches im Untertitel als "neues Naturheilverfahren", 'neu'
selbstverständlich im Sinne von 'unbekannt' und 'Naturheilverfahren' im
Gegensatz zu einer Medizin, deren Arzneischatz überwiegend synthetische
Pharmaka einsetzt.
Der Prophet der Hildegard-Medizin und Autor von „So heilt Gott“ war der
Arzt Dr. med. Gottfried Hertzka (1913-1997). Seine Hildegard-Praxis in Konstanz
wird, seit er sich zur Ruhe setzte, von dem als Heilpraktiker ausgebildeten Dr.
rer. nat. Wighard Strehlow weitergeführt.
Die Autorität dieser Hildegard-Medizin beruht auf der Annahme bzw.
Voraussetzung, bei den uns überkommenen medizinischen Schriften Hildegards
handele es sich um göttliche Offenbarung, also Gottes medizinische Botschaft
für die leidende Menschheit (wobei an den christlichen Gott, speziell den von
Katholiken verehrten, gedacht ist). Die zahlreichen beobachteten Heilungen
erwiesen diese Annahme als zutreffend; auch im eher theoretischen Bereich der
Physiologie und Pathologie seien erstaunliche Kenntnisse dargelegt, die unserer
heutigen wissenschaftlichen Sicht z. T. entsprächen, z. T. über sie
hinausgingen.
Diesen Anspruch erhebt Hildegard selbst allerdings nicht. Hertzkas Aussagen
stehen auch im Widerspruch zum Urteil moderner Theologen, denen man eine
Zuständigkeit nicht gut absprechen kann. Sie rechnen das, was uns unter dem
Namen Hildegards zu Medizin und Naturwissenschaft überliefert ist, zur Gruppe
der nicht-visionären, also nicht göttlich inspirierten Werke, wie wir es dem
grossen Artikel über Hildegard im Dictionnaire de Spiritualité entnehmen
können, der etwa zur selben Zeit (1969) wie Hertzkas Buch erschienen ist. Verfasst
wurde er von Marianna Schrader, ein Name, der uns mitten in die Geschichte der
modernen Erforschung von Hildegards Wirken führt.
Hildegards Klostergründungen, am Rupertsberg in Bingen und, in Sichtweite an
den Hängen am anderen, nördlichen Ufer des Rheins, in Eibingen, haben die
Zeitläufte nicht überdauert. Immerhin wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts
oberhalb von Eibingen ein neues Nonnenkloster erbaut, wo man sich um das Erbe
der heiligen Hildegard mindestens seit den dreissiger Jahren (sicher mitveranlasst
durch die Feier ihres 750. Todestages im Jahre 1929) auch durch
wissenschaftliches Forschen bemühte. Die 1956 veröffentlichte Untersuchung Die
Echtheit des Schrifttums der heiligen Hildegard von Bingen, verfasst von
Marianna Schrader in Zusammenarbeit mit ihrer Ordensschwester Adelgundis
Führkötter, stellt vermutlich den bis heute wichtigsten Punkt in der
Erforschung von Hildegards Werk dar.
Wenn Marianna Schraders Ansicht nach Jahrzehnten wissenschaftlicher
Beschäftigung mit dem Thema gegen die Gottfried Hertzkas steht, kann man sie
nicht einfach beiseite wischen, denn es geht nicht um den Gegensatz zwischen
einem medizinischen Laien und dem wissenschaftlich ausgebildeten Arzt, sondern
um jenen zwischen der historisch gebildeten Theologin und einem Arzt, der als
Beleg für seine Einschätzung nur auf die vielen Heilerfahrungen, die er gemacht
hat, verweisen kann, sich aber, wie bei der Lektüre seiner Schriften immer von
neuem offenbar wird, bei der Beschäftigung mit dem Werk Hildegards nicht um den
Erwerb theologischer oder historischer Kenntnisse glaubte kümmern zu müssen.
Seine Enttäuschung über die offensichtlich schlechten "Erfahrungen ...,
die ich [Hertzka] wegen Hildegard mit meinen lieben Christen gemacht
habe," die in der oben bereits zitierten Einführung anklingt, war sicher
kaum zu vermeiden, denn das, was Hertzka mit Erfahrung, Glaube und Inbrunst für
hinreichend begründet hält, liegt auf einer Ebene, von der die Brücke zu
wissenschaftlicher Argumentation kaum geschlagen werden kann. Es kann deshalb
auch nicht überraschen, wenn ein Fachmann auf beiden Gebieten, der der
Hildegard-Medizin ganz offensichtlich positiv gegenübersteht, der Pater Dr.
theol. und Dr. med. Alfons Berkmüller, in seiner Arbeit Aspekte der
Hildegard- Medizin zu dieser doch ganz wichtigen Frage: Ist die
Hildegard-Medizin göttlich inspiriert?, kein Wort sagt.
Doch ganz gleich, wie man diese Frage beantworten möchte, stehen dem
unmittelbaren Verständnis von Hildegards Naturkunde und Medizin Schwierigkeiten
entgegen, die man nicht einfach übergehen darf. Viele der bei ihr erwähnten
Krankheiten und Leiden können nicht einfach mit heutigen Begriffen
gleichgesetzt werden. Wenn Hildegard z. B. sagt, Nierenschmerzen seien häufig
auf Magenschwäche zurückzuführen, dann wird man fragen dürfen, wie die
Pathogenese aussieht, ob die Niere als Organ schmerzt, oder der Schmerz nur in
der Nierengegend lokalisiert ist. Geht es dann um die Behandlung, stehen wir
vor der Frage, ob wir die meist pflanzlichen Heilmittel tatsächlich immer mit
der nötigen Sicherheit identifizieren können, nicht nur, um damit vielleicht
ebenfalls einen Versuch zu unternehmen, sondern auch, um die Gefahr der
Selbsttäuschung auszuschliessen.
Zur Echtheit der Hildegard-Schriften
Doch ehe wir
überhaupt das Buch zur Hand nehmen, sollte die allerwichtigste Frage gestellt
werden: Ist das, was wir vor uns haben, das, was Hildegard schrieb? Die Frage
klingt banal, leben wir doch in einer Zeit, in der mechanische Methoden der
Vervielfältigung eine beliebig grosse Anzahl gleicher Exemplare einer Schrift
erzeugen kann. Für frühere Zeiten gilt umgekehrt, dass die Vervielfältigung
durch den Menschen, durch den Umweg über sein Auge, sein Ohr, seine Hand, dafür
sorgt, dass kein Exemplar völlig dem anderen gleicht. Wenn wir also nicht das
Original aus der Hand des Autors besitzen (im Mittelalter ein äusserst seltener
Fall), steht eine Kette der Überlieferung zwischen uns und dem, was er gewollt
hat. Den Menschen des Mittelalters war dieser Umstand vertraut, und deshalb hat
Hildegard sicher nicht nur die sprachliche Redaktion ihrer Schriften, sondern
auch ihre Vervielfältigung sorgsam überwacht bzw. überwachen lassen. Doch
während wir viele ihrer Werke mehr oder weniger in ihre Zeit und zum
Scriptorium auf dem Rupertsberg zurückverfolgen können (wo der Sponheimer Abt
Johannes Trithemius [1462-1516] sie Anfang des 16. Jahrhunderts noch gesehen
hat und sich Abschriften herstellen liess), haben wir gerade bei dem
naturkundlichen und medizinischen Schrifttum Probleme.
Hildegards Biograph Theoderich teilt uns die Titel ihrer Werke nicht mit;
"mit prophetischem Geist," so schreibt er, habe sie
"Ausführungen über die Natur des Menschen und der Elemente sowie der verschiedenen
Geschöpfe gemacht, und wie dem Menschen durch sie zu Hilfe zu kommen sei, und
viele andere Geheimnisse." Schon ob es um ein oder zwei Werke geht, bleibt
unsicher; jedenfalls ist ein Liber simplicis medicine (Buch der
einfachen Medizin) und ein Liber composite medicine (Buch der
zusammengesetzten Medizin) schon einige Jahrzehnte nach Hildegards Tod in den
Kanonisationsakten bezeugt, im 15. Jahrhundert dann in zwei
Bibliothekskatalogen und bei Trithemius. Können wir sie mit den (der?) 1533,
1544 und 1855 gedruckten Physica bzw. den Causae et curae, die
zum ersten und einzigen Mal 1903 nach einer einzigen Handschrift veröffentlicht
wurden, gleichsetzen? Das Verzeichnis der medizinischen Bücher der Heidelberger
Universität von 1438 nennt (unter der modernen Nummer 37) eine heute nicht mehr
existierende Handschrift: Item Summa Hildegardis de infirmitatum causis et
curis in uno volumine. Cuius primum folium incipit 'Deus ante creacionem
mundi', penultimum vero incipit 'qui et quarta'. Die Übereinstimmung von Titel und
Textanfang mit dem Codex 90b der Neuen königlichen Sammlung in Kopenhagen, der
aus dem Kloster St. Maximin in Trier stammt, weist in diese Richtung, während
die Formulierung in der literaturhistorischen Übersicht des Katalogs der 1372
gegründeten Kartause am Salvatorberg in Erfurt: Simplicis medicine lib. I.
Composite medicine lib. I keine weitere Klarheit gibt.
Immerhin können wir den Titel Liber simplicis medicine einigermassen
verstehen, denn die Physica behandeln in 9 Büchern Gebiete der Natur,
von den Pflanzen zu den Metallen, ihre Eigenschaften und medizinischen
Anwendungen. Wenn wir den Liber composite medicine mit den Causae et
curae gleichsetzen, haben wir nicht etwa ein Buch vor uns, das Rezepte mit
mehreren Bestandteilen aufführt - sie gibt es in den Physica ebenfalls
-, sondern ein jetzt in 5 Bücher geteiltes Sammelsurium, dessen therapeutische
Abschnitte (Buch 3 und 4), wie jüngst nachgewiesen wurde, grossenteils den Physica
entnommen sind. Was sich sonst findet, passt durchaus zu den Angaben bei
Theoderich, springt aber so häufig von einem Thema zu einem anderen, dass man
an eine Sammlung von Auszügen aus einem grösseren Werk glaubt. Um eine solche
handelt es sich bei dem von Schipperges entdeckten Berliner Fragment, das sich
z. T. mit den Causae et curae berührt, wo aber ebenfalls die
Echtheitsfrage für jede Aussage neu gestellt und beantwortet werden muss.
Insgesamt freilich sollte man die Authentizität der Hildegard zugeschriebenen
naturkundlich-medizinischen Werke nicht in Abrede stellen, denn Hildegards
Denkweise und ihr Sprachstil sind so eigentümlich, dass an der Verknüpfung mit
den visionären Werken und den dort überlieferten Aussagen zu Anthropologie,
Natur und Kosmos kein vernünftiger Zweifel bestehen kann.
Geschlecht und Charakter
Nachdem wir im ersten Teil des
Beitrags Leben und Werk Hildegards von Bingen, aber auch ihre heutige
Vereinnahmung kurz kennengelernt haben, sollen im folgenden einige ihrer
Ansichten zu Vererbung, Geschlecht und Charakter dargestellt werden. Damit sind
wir in einem Bereich, der zu den medizinischen Grundlagen gehört (im
Mittelalter wird das oft physica 'Naturkunde' genannt); bewusst lasse
ich das Gebiet der Therapie beseite, das ohne den grossen Zusammenhang mit
heutzutage auch den meisten Medizinhistorikern wenig vertrauten
Quellenschriften nicht sinnvoll erörtert werden kann. Ein weiterer Vorteil
ergibt sich daraus, dass wir hinsichtlich der Echtheit von Aussagen Hildegards
dort, wo es Parallelen zwischen den visionären Werken, zu allererst dem Scivias
und dem Liber divinorum operum, und den medizinischen Schriften gibt, in
einer unvergleichlich besseren Ausgangsposition sind als bei den vielen
Rezepten der Physica, wo spätere Änderungen und Zusätze weniger leicht erkannt
werden können.
Charakter und Samen im Scivias
Hildegard
fragt: Warum sind die Menschen so, wie sie sind? Warum sind sie voneinander
verschieden, nach ihrem körperlichen Äusseren, nach ihrem Charakter und nach
ihrem Lebensschicksal? Damit stellt sie die Frage nach der Determination
unseres Seins, unseres So-Seins; sie spricht die Frage der Prädestination und
des freien Willens an, Grundprobleme der Anthropologie also, ganz gleich, ob
man sich ihnen aus theologischer oder aus allgemeinphilosophischer Sicht
nähert.
Die erste Textstelle, die ich erörtern möchte, entstammt dem frühesten
überhaupt von Hildegard schriftlich niedergelegten Werk, dem grossen
Visionenbuch Scivias - Wisse die Wege. In der 4. Vision des 1. Teils
wird dort u. a. die Frage behandelt, welcher Zusammenhang zwischen dem
menschlichen Samen und den damit gezeugten Kindern besteht. Wir bemerken zu
unserer Überraschung, dass Hildegard nicht theologisch-philosophisch
argumentiert, sondern dass ihre Erklärung eher naturwissenschaftlich-materialistisch
ausfällt. Dazu muss man freilich anmerken, dass erst der gewaltige
Wissenszuwachs in den Naturwissenschaften im Gefolge der Renaissance zu dem uns
geläufigen Gegensatz theologischer und naturwissenschaftlicher Positionen
geführt hat; für Hildegards Zeit gelten andere Voraussetzungen.
Dass der Nachwuchs in seinen äusseren Merkmalen eine Übereinstimmung mit den
Eltern zeigt, war bei Mensch und Tier schon lange beobachtet worden. Man hatte
auch versucht, diesen Vererbungsvorgang in Hypothesen zu beschreiben und zu
erklären. Hildegard begibt sich in ihrer Vision auf ein verwandtes und doch
ganz anderes Gebiet, sie will verständlich machen, wie die sinnlich
wahrnehmbaren Eigenschaften des menschlichen Samens mit dem Charakter der damit
gezeugten Kinder zusammenhängen; die Überschrift dieses Abschnitts lautet Von
der Uneinheitlichkeit des menschlichen Samens und der Verschiedenheit daraus
entstandener Menschen.
Wie man unschwer vermuten kann, läuft das auf eine Typologie hinaus. Im
vorliegenden Fall bildet Hildegard drei Gruppen, die das Spektrum menschlicher
Lebenswege und Schicksale abdecken sollen oder vielleicht auch bloss die drei
Gruppen sind, die sie besonders interessieren. Derartige Unterteilungen kehren
übrigens bei Hildegard häufig wieder; ich möchte darin ein Charakteristikum
ihrer Arbeitsweise sehen, sicher nicht ohne Bezug zur beginnenden Scholastik und
demnach ein Zeugnis dafür, dass Hildegard der Wissenschaft keineswegs so fern
stand, wie man aus manchen ihrer Selbsteinschätzungen unbefangen schliessen
würde.
Die erste dieser drei Gruppen zeichnet sich aus durch Tüchtigkeit (strenui).
Diesen Menschen eignet eine grosse Herrlichkeit an geistlichen und weltlichen
Gaben; für alle sichtbar, gedeihen sie hervorragend in ihren Werken bei Gott
und den Menschen, mit Klugheit, Mässigung (discretio, mâze) und
Fähigkeit sind sie reich begabt, und der Teufel kann sie nicht anfechten.
Eine zweite Gruppe stellt dazu das Gegenbild dar: diese Menschen sind töricht,
unentschieden (tepidi, wörtlich: lau) und unnütz, was sie tun, bleibt
ohne Erfolg vor Gott und den Menschen, weil sie Gott nicht angestrengt suchen.
Die dritte Gruppe schliesslich ist durch Hässlichkeit (informes),
Bitterkeit, Schwierigkeit und Bedrückung gekennzeichnet, so dass es diese Menschen
oft nicht vermögen, ihren Sinn zu Höherem zu erheben. Gleichwohl gelingt es
vielen von ihnen, ein nützliches Leben zu führen, obgleich sie und vor allem, weil
sie viele Stürme und Widrigkeiten zu bestehen haben; Ruhe nämlich würde sie lau
und unnütz machen. Trotz eher negativer Anlage haben sie letztendlich Erfolg
und gehen als Sieger aus dem Lebenskampf hervor.
Als Ursache für diese Unterschiede in Charakter und Lebensweg sieht Hildegard
die Beschaffenheit des menschlichen Samens an. (An dieser Stelle ist wohl
allein an einen Zeugungsbeitrag des Mannes gedacht; anderswo nennt sie in
traditioneller Weise das das Menstruationsblut als weiblichen Zeugungsbeitrag.)
Hildegard bedient sich des schon in der Bibel (bei Hiob 10,10) erwähnten
geläufigen Vergleichs des menschlichen Samens mit gerinnender Milch bei der
Käseherstellung, der erklärt, wie aus etwas Flüssigem, dem Samen, etwas Festes,
nämlich die Leibesfrucht, wird: aus dicker, somit fetter Milch wird starker
Käse, bei dünner Milch ist es genau umgekehrt, und - damit sind wird bei der
dritten Kategorie - mitunter hat die Milch eine faulige Beimischung (tabes),
die Ursache bitteren Käses (fortis-debilis-amarus).
- In Fall 1 ist der Samen stark, gut gekocht und gut gemischt (d. h.
zusammengesetzt);
- in Fall 2 schwach, nur halb gar und halb zusammengemischt;
- in Fall 3 in untauglicher Weise abgesondert (nequiter eductum) und in
unbrauchbarer Zusammensetzung (Mischung).
Die Vorstellung von der Kochung und Mischung des Samens, von dickem, demzufolge
gutem, und dünnem, somit schwachem Samen können wir in der antiken Medizin
wiederfinden. Für die Menschen des Altertums hatten Kochen und Mischen eine
ganz bestimmte, weitergehende Bedeutung, die wir uns erst verdeutlichen müssen:
Durch Kochen werden viele Nahrungsmittel erst geniessbar, d. h. das Kochen
verändert sie so, dass sie genutzt werden können; das Mischen ist nicht nur bei
der Bereitung des Weins, dem stets Wasser, kaltes, heisses und sogar
Salzwasser, zugesetzt wurde, sondern vor allem in der Technik bei der
Herstellung von Metallegierungen von entscheidender Bedeutung für die
Eigenschaften des Endprodukts. Wenn wir die Nuance ein klein wenig verschieben
und statt des antiken Begriffs der Mischung (griech. krasis, lat. temperamentum,
mittellat. in diesem Sinne complexio) den der Zusammensetzung verwenden,
leuchtet uns das noch leichter ein.
Trotzdem bildet die antike Medizin und Naturwissenschaft letztendlich nur die
Basis, eine - wenngleich unverzichtbare - Grundlage, auf welcher Hildegard
anschliessend ihr eigenes Gebäude errichtet, das Theologie, religiöse Schau und
Naturwissenschaft in eigentümlicher Weise verbindet.
Charakter und Samen in den Causae et curae
Später geht
Hildegard diesen Weg selbständiger theoretischer Entwürfe weiter. In ihrem
Hauptwerk zu Medizin und Physiologie nämlich, den Causae et curae, entwirft
sie ein weitaus differenzierteres Schema (CC S. 35,17-36,12 Kaiser). Dieses
soll nicht allein, wie zuvor im Scivias, eine Verbindung zwischen Samen
und Charaktereigenschaften herstellen, sondern darüber hinaus das Geschlecht
des Kindes erklären.
Hinsichtlich des Charakters beschränkt sich Hildegard wiederum auf eine grobe
Einteilung. Der positive Typ ist prudens und virtuosus (besonnen
und reich an guten Eigenschaften), was dem strenuus, utilis entspricht,
bei dem die prudentia ja auch angeführt wurde. Der negative Typ wird als
amarus (bitter oder herb) bezeichnet, was man am ehesten im Sinne der
gerade behandelten Scivias-Stelle verstehen kann. Als weitere
Eigenschaft ist 'schwach' genannt, und wir könnten sogar so weit gehen, hier
eine Wiederholung des Dreierschemas aus dem Scivias zu sehen. Eine
ähnliche Einteilung verwendet Hildegard an einer anderen Stelle, wo sie vom
guten Einfluss des zunehmenden und umgekehrt vom schlechten Einfluss des
abnehmenden Mondes auf die Zeugung spricht.
Die Konsistenz des Samens ist bei dieser Einteilung, die uns hauptsächlich
beschäftigt, allerdings nicht mehr die einzige Variable. Als weitere
Determinante führt Hildegard die Liebe ein, und zwar differenziert sie dabei
sehr genau zwischen der Liebe des Ehemannes zu seiner Frau einerseits und
andrerseits der Liebe der Ehefrau zu ihrem Mann. Entscheidend ist wohlgemerkt
das Ausmass der Liebe im Augenblick der Zeugung. Hildegards Angaben lassen sich
in einer Tabelle zusammenfassen, die ich um die letzte Zeile - eine Kombination,
die in Hildegards Text fehlt - ergänzt habe.
|
Samen |
Liebe |
Liebe |
Kind |
|
stark |
+ |
+ |
|
|
stark |
+ |
- |
|
|
dünn |
+ |
+ |
|
|
dünn |
+ |
- |
|
|
dünn |
- |
+ |
|
|
stark |
- |
- |
|
|
dünn |
- |
- |
|
|
(stark |
- |
+ |
|
Wie
wir erkennen, wird das Geschlecht des Kindes durch die Beschaffenheit des
(männlichen) Samens bestimmt. Der Charakter des Kindes hingegen ist abhängig
von der Liebe zwischen Mann und Frau. Die günstigste Kombination - Zeile 1 der
Tabelle - liegt vor, wenn ein starker Same und die Liebe beider Eltern
zusammentreffen; dann entsteht ein männliches Kind, das besonnen und reich an
guten Eigenschaften ist. Im ungünstigsten Fall - vorletzte Zeile der Tabelle -
entwickelt sich bei mangelnder Liebe aus dünnem Samen ein Mädchen, welches
'bitter' ist.
Hildegard probiert also mehrere verschiedene Modelle durch, die erklären
sollen, wie die Eigenschaften eines Kindes vor seiner Geburt, im Augenblick
seiner Zeugung, bestimmt werden. Weder die Tatsache der Determinierung noch der
Zeitpunkt scheinen ihr zweifelhaft zu sein. (Derselbe Gedanke liegt den
Aussagen am Schluss der Causae et curae zugrunde, die aus dem Stand des
Mondes im Augenblick der Zeugung Schicksal und Charakter ableiten; diese
Passage sprechen manche Forscher Hildegard ab.)
Männertypen, Frauentypen
Nach
diesen beiden Beispielen für Hildegards Neigung, in ziemlich apodiktischer
Weise zu klassifizieren, wenden wir uns abschliessend Hildegards Typologie von
Männern und Frauen zu, wo wir diese Vorliebe erneut antreffen. Diese Typologie
beruht auf der Lehre von den vier Körperflüssigkeiten oder -säften, die mit den
Bildern des Sanguinikers, Cholerikers, Melancholikers und Phlegmatikers auch
heute noch jedem vertraut ist, mehr als verschiedene wissenschaftliche Versuche
der Typenbildung aus unserem Jahrhundert.
Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker wurzeln zwar in der
hippokratischen Lehre von den vier Körpersäften, lassen sich aber im
medizinischen Denken erst ab der Spätantike nachweisen. Sie bestimmen das
Handeln des Arztes unmittelbar in Therapie und Prophylaxe, da sich die zu
treffenden Massnahmen fast immer auch nach dem Säftetyp richten.
Hildegard von Bingen steht also wieder und unverkennbar in einer langen Kette
der Tradition. Doch in einer Hinsicht unterscheidet sie sich ganz deutlich: Zu
jedem Säftetyp entwirft sie zwei verschiedene Bilder - je eines für den Mann
und eines für die Frau. Uns erscheint das zwar einleuchtend, tatsächlich
handelt es sich aber um eine Innovation (ohne Nachfolge!), und gern wüssten
wir, was Hildegard dazu veranlasst hat, die traditionellen Schemata
umzugestalten.
Im einzelnen ist ihre Schilderung der jeweiligen männlichen und weiblichen
Säftetypen dann nicht so streng durchgeführt, dass wir bei jedem einzelnen Zug
Entsprechungen finden können. Zwei Bereiche werden aber durchgehend abgehandelt
und bieten sich deswegen zum Vergleich an, nämlich der Körperbau und das
sexuelle Verhalten.
Hinsichtlich des Körperbaus beschreibt Hildegard als wichtigste und deshalb
durchgängig genannte Teile Fleisch, Adern und Blut sowie die Gesichtsfarbe. Nur
hin und wieder sind daneben Haut- oder Augenfarbe und die Beschaffenheit der
Knochen und Glieder angegeben.
Bei allen vier Männertypen wird das Gehirn charakterisiert: während es beim
Choleriker stark und dicht ist, ist es beim Sanguiniker heiss, beim
Melancholiker fett, beim Phlegmatiker schliesslich fett, weiss und trocken. In
ähnlicher Weise werden die äusseren Äderchen des Gehirns, die es umschliessen -
was immer wir uns darunter vorzustellen haben - nur bei den Männern
beschrieben. Einen Zusammenhang zwischen Gehirn und Samenproduktion, wie er
wiederum bei frühen griechischen Philosophen bezeugt ist, erwähnt Hildegard
dabei nicht, doch könnte gerade hier der Schlüssel zum Verständnis liegen.
Jedenfalls ist bei den Frauentypen stets angegeben, wie die Gebärmutter
beschaffen ist, da das die Fruchtbarkeit unmittelbar beeinflusst.
Konstitutionelle Unfruchtbarkeit schreibt Hildegard zwei Typen zu, bei Männern
dem Phlegmatiker und bei Frauen der Melancholikerin. Worin sieht sie die
Gründe? Beim Phlegmatiker, führt sie aus, sei der Same dünn und ungekocht,
zudem auch nur ein mässiger Geschlechtstrieb und geringe Erektionsfähigkeit
vorhanden - weshalb ihm auch andere Geschlechtsmerkmale, wie z. B. der Bart,
fehlten -; bei der Melancholikerin sei die Ursache eine Schwäche der
Gebärmutter, weshalb sie den Samen des Mannes weder zu umfassen (concipere!)
noch zu halten oder zu erwärmen vermöge. Allerdings gebe es bisweilen trotzdem
eine Möglichkeit, dass eine Melancholikerin Mutter eines Kindes werde: Wenn sie
sich mit einem starken Sanguiniker als Ehemann verbinde und das 'starke' Alter
von etwa 50 Jahren, in dem eigentlich die Menstruation endet, erreicht habe!
Denkbar ist hier, dass die Hitze des Sanguinikers die Kälte der Melancholikerin
ausgleicht, aber Hildegard geht darauf nicht näher ein. Ansonsten gibt sie
leider keine Hinweise, welcher Frauentyp zu welchem Männertyp passe;
möglicherweise war das für sie bereits vollkommen klar.
Wer mit wem?
Immerhin
macht sie, von diesem einen Punkte abgesehen, detaillierte Aussagen über das
Verhältnis zum anderen Geschlecht. Beginnen wir, wie Hildegard es tut, mit dem
Choleriker.
In einer Verbindung mit Frauen sind Choleriker gesund und munter. Müssen sie
hingegen auf weiblichen Umgang verzichten, vertrocknen sie in sich selbst. (Das
erklärt sich dadurch, dass ihrer nach Aristoteles' Überzeugung heissen und
trockenen Natur der notwendige Ausgleich durch die Feuchtigkeit und Kälte der
Frauen fehlt.) In diesem Fall laufen sie umher, als seien sie dem Tode nahe;
ihnen bedeutet sexuelle Enthaltsamkeit eine schwere Bürde. Falls es nun einen
zwingenden Grund gibt, warum sie Frauen aus dem Weg gehen wollen, wie
Schamgefühl, Angst oder die Liebe zu Gott - darunter fällt der geistliche
Stand! -, dann sollen Choleriker Frauen wie Gift meiden und die Flucht vor
ihnen ergreifen. Haben sie nämlich erst einmal einen Blick auf eine Frau
geworfen, wird kaum irgendwelches Schamgefühl oder Selbstdisziplin sie bremsen
können!
Ganz anders
ist es bei den Sanguinikern. Hinsichtlich ihres Geschlechtstriebes sind sie das
ganze Gegenteil der Choleriker: ihr Trieb ist der Natur nach eher windartig als
feurig, und dieser starke Wind vermag bei ihnen das Feuer zu besänftigen und zu
begrenzen, sodass ihnen sexuelle Abstinenz möglich ist:
"Sie betrachten die Frauen mit schönen, nüchternen Augen, denn wo die
Blicke anderer Männer [nämlich der Choleriker!] wie bohrende Pfeile sind,
richten sie ihre Blicke auf die Frauen in Anstand, wie harmonische Musik (honeste
symphonizant); wo anderer Männer Reden die Frauen wie ein ganz starker Wind
treffen, haben ihre Reden beinah den Klang einer Harfe, und wo die Gedanken
anderer Männer wie ein Sturmwind sind, heissen sie auf ehrsame Weise besonnene
Liebhaber." (CC S. 72,30-36 Kaiser)
In anderer Hinsicht als die Choleriker sind die Sanguiniker auf Frauen angewiesen:
Ohne Frauen können sie zwar leben, bleiben aber unbedeutend und trübe (ingloriosi),
wie ein Tag ohne Sonne, doch in weiblicher Gesellschaft sind sie angenehm und
heiter (iocundi), wie ein Tag bei strahlendem Sonnenschein.
Wenden wir uns den Melancholikern zu. Ihr Geschlechtstrieb setzt sich nach
Hildegards Ansicht aus drei Komponenten zusammen, aus Feuer, Wind und dem Rauch
der schwarzen Galle. Dieser letztere verhindert eine normale Liebesbeziehung,
ruft aber zugleich eine masslose Libido hervor. Hildegard vergleicht die
Melancholiker deshalb zuerst mit Schlangen, wenig später mit Eseln und zuletzt
mit reissenden Wölfen. Allerdings ist es notwendig, dass Melancholiker ihre
Libido ausleben, sonst kommt es nämlich bei ihnen zu einer insania capitis
oder frenesis, also Irrsinn und Raserei. Zum Teil haben sie überhaupt
kein Interesse an Frauen und schätzen ihren Umgang nur aufgrund ihrer
melancholischen Konstitution, hassen sie aber. Mit grosser Gewalt und
unvermittelt, wie ein plötzlicher Sturm, überfällt sie das sexuelle Verlangen;
wenn sie könnten, würden sie die Frauen beim Liebesakt sogar töten (was
Hildegard auf eine Einflüsterung des Teufels zurückführt).
Werfen wir kurz noch einen Blick auf den vierten und letzten männlichen Typ,
die Phlegmatiker. Der Wind ihrer Lenden - damit bezeichnet Hildegard den
Geschlechtstrieb und die Erektion - ist nur mässig heiss, wie lauwarmes Wasser.
Deshalb fehlt ihnen, wie bereits erwähnt, die reguläre Samenproduktion, der
Bartwuchs und ähnliche männliche Attribute. Sie sind selbst schwach und lieben
die Frauen, die ja ebenfalls nach damaliger Auffassung schwache Geschöpfe sind.
In der Liebe zu den Frauen können sie sich ein wenig erwärmen und dann einen
geringen Bart hervorbringen. Allerdings bleiben sie unfruchtbar.
Die Typologie der Frauen aus der Sicht Hildegards gestaltet sich etwas kürzer.
Wir beschränken uns hier wiederum auf das Liebesleben.
Die Sanguinikerin ist ein Typ, der sozusagen auf Liebe eingestellt ist. Sie ist
liebenswert, aber sie hat ihre Neigungen in der Gewalt. Bleibt sie ohne Ehemann
und Kind, unterliegt sie leicht körperlichen Beschwerden; mit einem Ehemann
dagegen ist sie gesund.
Die Phlegmatikerin wirkt auf die Männer anziehend: Sie laufen ihr nach und
lieben sie. Dabei bringt es die Phlegmatikerin durchaus fertig, sollte das ihr
Wunsch sein, ohne einen Mann zu leben, und zwar ohne besondere körperliche
Beeinträchtigung. Freilich ist sie dann schwierig und ernst. In der Verbindung
mit einem Mann hingegen erweist sie sich als in sexueller Hinsicht schwer zu
zügeln, ganz wie die Männer. Ihr eignet nicht nur eine gewisse männliche
Beherztheit, sondern wegen ihrer Vitalität spriessen ihr manchmal auch einige
Barthaare am Kinn. (Wir wüssten gern, wie sich Hildegard erklärt, dass dem männlichen
Phlegmatiker der Bart fehlt, der Phlegmatikerin aber wächst.)
Die Cholerikerin hat eine Art, die den Männern gefällt, und trotzdem gehen sie
ihr lieber aus dem Weg, denn der Cholerikerin fehlt die Gabe, Männer durch
Koketterie anzulocken. In einer ehelichen Verbindung ist sie züchtig und treu,
körperlich gesund. Ohne Ehemann neigt sie zu körperlichen Beschwerden und
Schwäche.
Ganz anders der letzte weibliche Typ, die Melancholikerin. Sie ist ohne einen
Ehemann gesünder, stärker, fröhlicher, mit einem Manne hingegen leidend.
Freilich laufen die Männer vor den Melancholikerinnen auch davon, und zwar
deshalb, weil Melancholikerinnen die Männer nicht freundlich anreden. Ausserdem
ist ihre Liebe für die Männer gering, ebenso ihr sexuelles Verlangen.
Die Bilder der Säftetypen, die Hildegard entwirft, weisen so zahlreiche Züge
auf, dass eine Darstellung, geschweige denn eine Erörterung, sehr viel mehr
Raum in Anspruch nähme. Selbst die Aussagen zur Sexualsphäre, die vielleicht am
meisten verwundern und die ich auch aus diesem Grunde herausgegriffen habe, liessen
sich fortsetzen. Hildegard geht z. B. ausführlich auf die nach Säftetypen
unterschiedliche Menstruation ein sowie auf die Krankheiten, die eine verfrühte
Menopause auslösen kann.
Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf die anthropologische
Dimension der Aussagen Hildegards, deren Bedeutung grösser ist als die mancher
zeitgebundenen inhaltlichen Angabe. Hildegard, die Nonne und Vorsteherin eines
Frauenklosters, stellt sich dem Problem der Sexualität des Menschen, ja es ist
für sie eigentlich gar nicht ein 'Problem', sondern etwas Selbstverständliches,
das zur Natur des Menschen gehört. Die körperliche Konstitution bestimmt die
sexuellen Bedürfnisse und determiniert das sexuelle Verhalten. Die Sexualität
von Mann und Frau wird ohne jene Prüderie betrachtet, die man dem von der
Kirche geprägten Mittelalter gern unterstellt. Hildegards unbefangener Blick
auf die menschliche Sexualität hat nichts von Voyeurismus, ein Verdacht, von
dem andere Autoren, die ähnliche Details (auch in den Bussbüchern!) ausbreiten,
oft nicht frei sind. Im Weltbild Hildegards von Bingen sind Mann und Frau
Wesen, die aufeinander bezogen sind, die in ehelicher Gemeinschaft einander
gehören und zueinander gehören. Eine solche Sichtweise steht ausserhalb der
damaligen, naturwissenschaftlich ausgerichteten Sexualphysiologie
aristotelisch-galenischer Prägung. Doch gerade deshalb kann uns die Begegnung
mit dem Werk Hildegards, unabhängig von unserer eigenen weltanschaulichen Position,
ein Anstoss sein, über den naturwissenschaftlich fundierten Bemühungen der
klinischen Medizin die seelische oder geistige Komponente - oder wie immer wir
diesen Bereich bezeichnen wollen - nicht zu vergessen.
Aus: Ärzteblatt Rheinland-Pfalz, Ausgabe Mai 1998, S. 165-168
Projektionsfläche
Hildegard.
Von Dr. Mirja
Kutzer (Systematische Theologin) 2012
Hildegard von
Bingen ist eine schillernde Persönlichkeit. Die einen sehen in ihr die
gottverbundene Mystikerin, deren Beispiel die Leiden an einer säkularen
Gesellschaft und vernunftlastigen Theologie lindern kann. Anderen gilt sie als
kleruskritische Kirchenreformerin, frühe feministische Theologin oder
ganzheitliche Ärztin. Es ist an der Zeit, sie auch als systematische Theologin
ihrer Epoche wahrzunehmen.
Im Oktober
diesen Jahres soll Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin erhoben werden.
Dies hat der als Vatikanexperte geltende Journalist Andrea Tornielli im
Dezember 2011 in der italienischen Zeitung „La Stampa“ angekündigt. Ein
wichtiger Schritt dorthin ist bereits vollzogen. Hildegard von Bingen wäre die
vierte Frau, die den Ehrentitel der Kirchenlehrerin erhält. Am 10. Mai hat
Benedikt XVI. Hildegard von Bingen offiziell in
das Verzeichnis der Heiligen aufgenommen und die bisher nur im deutschsprachigen
Raum erlaubte Verehrung der Benediktinerin für die Gesamtkirche geöffnet.
Hildegard von
Bingen zählt, vertraut man einem Ranking des Fernsehpublikums, zu den „grössten
Deutschen“ mit einer Bedeutung weit über ihre Zeit hinaus. Tatsächlich begegnet
die Figur der Hildegard von Bingen in einer Vielzahl aktueller Diskurse als
Gründungsfigur oder inspirierendes Vorbild. Die einen sehen in ihr die
gottverbundene Mystikerin, deren Beispiel die Leiden an einer säkularen
Gesellschaft und vernunftlastigen Theologie lindern kann. Anderen gilt sie als
kleruskritische Kirchenreformerin und frühe feministische Theologin. Gehandelt
wird sie als ganzheitliche Ärztin und Erfinderin der heute so genannten
„Hildegard-Medizin“.
Wie kaum eine
andere Figur des Mittelalters ist Hildegard von Bingen eine Projektionsfläche,
auf die kirchenpolitische Haltungen, das Unbehagen an einer rationalistischen
Weltbegegnung bis hin zu esoterischen Interpretationen und Praktiken wie auch
ökonomische Interessen übertragen werden. So sehr diese Zuschreibungen auch den
Blick auf die reale Hildegard verstellen, so ist doch kaum eine ohne
historische Anhaltspunkte.
In der
Tradition der biblischen Propheten
Die
Bezeichnung Hildegards als Mystikerin hat ihren Grund und ihre Berechtigung in
der visionären Begabung Hildegards. Schon als kleines Mädchen, so berichtet die
teils auf Hildegards eigene Aufzeichnungen zurückgehende Vita, hatte sie
wiederholt Visionen und Auditionen. 1098 als zehntes Kind der Edelfreien
Hilbert und Mechthild von Bermersheim geboren, wurde sie mit acht Jahren, als
„Zehent“, dem geistlichen Leben zugeführt. Ihre Eltern übergaben das oft
kränkelnde Kind der Adeligen Jutta von Sponheim, mit der sie im Alter von zwölf
Jahren eine Klause in der Nachbarschaft des Benediktinerklosters auf dem
Disibodenberg bezog. Als Jutta 1136 stirbt, wird Hildegard zur magistra gewählt
und übernimmt die Leitung der Klause, die sich zu einem Frauenkonvent mit etwa
zwanzig adeligen Frauen und beträchtlichem Vermögen entwickelt hatte.
Ihr halbes
Leben lang hielt Hildegard ihre Visionen geheim. Erst im Alter von 43 Jahren
beginnt sie ein literarisches Schaffen, das sie als Aufschreiben ihrer
„Gesichte“ ausweist. Zwischen 1141 und 1151 entsteht ihr erstes Hauptwerk
„Scivias – Wisse die Wege“. Mit dem Buch der Lebensverdienste („Liber Vitae
Meritorum“, 1158–1161) und dem Buch der göttlichen Werke („Liber divinorum
operum“, 1163–1170) folgen zwei Werke ähnlicher Art. Der Aufbau ist immer
gleich. Hildegard schildert eine Vision in vielschichtigen, originellen
Bildern. Es folgt die allegorische Erklärung dieser Bilder, die Hildegard auf
eine Audition zurückführt.
Am Anfang von
„Scivias“ beschreibt Hildegard diejenige Audiovision, in der sie den Auftrag
zur Niederschrift erhält. Die Zeilen legen ihr Selbstverständnis offen.
Hildegard stellt sich in die Tradition der biblischen Propheten. Wie Elias und
Jeremia beruft sie sich auf direkte Erfahrung, die zunächst Furcht und Erschrecken
hervorruft. Wie Ezechiel gibt sie das genaue Datum an und betont die
Beauftragung. Sich selbst beschreibt Hildegard als Ungelehrte, als indocta, was
ihrer verhältnismässig breiten Bildung keineswegs entspricht.
Sie
stilisiert sich damit als reine Übermittlerin göttlichen Wortes, die mangels
Fähigkeiten von sich aus nichts hinzufügen kann. Dennoch ist die Audition kein
fertiger Text, der ihr in die Feder diktiert würde. Hildegard versteht und gibt
das Verstandene in menschlichen Worten wieder, deren Vieldeutigkeit sich
anzuvertrauen sie zögert. Zwangsläufig schliesst das die interpretative und
stilistische Eigenleistung der Visionärin ein. Ihre Texte arbeiten mit den
Kategorien der zeitgenössischen Theologie, die sie in prophetischer Manier mit
Gesellschaftsanalysen verbindet. Doch beharrt sie auf ihrer Rolle als passives
Gefäss.
In dieser
Selbstdeutung unterscheidet sich Hildegard deutlich von dem, was als
charakteristisch für christliche Mystik gilt. Anders als ihre männlichen
Zeitgenossen Bernhard von Clairvaux oder Hugo von Sankt Viktor, die als
„mystisch“ bezeichnete Texte verfasst haben, beschreibt sie keinen Aufstiegsweg
der liebenden Seele zu Gott, an dessen Ende die Visio beatifica steht. Nirgends
spricht sie von der sprachlosen und nicht-reflexiven Einung der Seele mit Gott.
Weder verfasst sie Anleitungen zu kontemplativem Gebet noch beeinflusst sie
spätere mystische Theorie und Praxis.
Schon gar
nicht malt sie ihre Audiovisionen als Begegnungen der liebenden Seele mit
Christus im Brautgemach aus, wie dies im 13. Jahrhundert Mechthild von
Magdeburg oder Hadewijch von Brabant tun werden. Hildegard in diese Tradition
zu stellen, ist für ihre Rezeption nicht unproblematisch. Die Zuschreibung
blendet leicht die Breite und Vielfalt ihrer Themen aus. Zwar sind die Texte,
in denen sie ihre Erfahrungen des Hörens und Sehens reflektiert, berühmt
geworden. Doch bilden sie nur einen Bruchteil ihrer Schriften und haben für die
eigentlichen Inhalte ihres Schreibens keine Bedeutung.
Hildegards
Selbstdeutung als Prophetin steht im Kontext der Problematik weiblicher
Autorität. Als Frau des 12. Jahrhunderts wäre es nur schwer denkbar gewesen,
dass sie schreibt und predigt, ohne sich auf göttliche Offenbarungen berufen zu
können. Diese Funktionalität besagt nicht, dass Hildegards Audiovisionen nur
dem Wunsch nach Autorität und Zuhörerschaft entsprungen wären. Sie erklärt aber
die Vehemenz, mit der Hildegard auf ihrer Irrtumslosigkeit und der Ausblendung
jeglicher medialer Vermittlung besteht. Sie spiegelt sich auch in dem Wert, den
Hildegard darauf legt, während ihrer Offenbarungen bei vollem Bewusstsein zu
sein. Sie vermeidet damit, in den Ruch geistiger, „typisch weiblicher“
Verwirrung zu kommen. Zudem kann sie sich bei der Vielzahl von Themen, zu denen
sie sich äussert, auf die Eingebung Gottes berufen.
Auch
Hildegard selbst mag ihr Frausein als Problem wahrgenommen haben. Bei allem
Selbstbewusstsein partizipierte sie an der zeittypischen und durch die
theologische Lehrmeinung unterfütterten Geringschätzung ihres Geschlechts. Frau
zu sein, gilt als Schwäche und wird von Hildegard auch selbst so gedeutet. In
einer Geste der Demut stellt sie ihr Frausein neben ihre Krankheit und ihre
mangelnde Bildung. Doch bedient sie damit auch ein insbesondere Frauen zur Verfügung
stehendes Paradox. Denn es sind, zumindest in der Theorie, gerade die Niedrigen
und Demütigen, die Gott erhebt und an denen Gott seine Macht erweist. Dies
weist der Benediktinernonne eine Position zu, die sie über die Mächtigen ihrer
Zeit erhebt.
Eine frühe
Feministin, die für die Gleichwertigkeit von Mann und Frau eintritt, wird sie
dadurch kaum. Ihr selbst aber war eine Emanzipation von geschlechtlichen
Rollenzuschreibungen möglich. Sie beginnt eine prophetische Aktivität, die in
ihrer Kritik vor den Höchsten von Reich und Kirche keinen Halt macht.
Korrespondenz
mit Verantwortungsträgern bis in die höchsten Ebenen
Die
Anerkennung ihrer Sehergabe erfährt Hildegard 1147 durch Papst Eugen III. Als
dieser im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für den Zweiten Kreuzzug nach
Trier kommt, legt man ihm Hildegards erste Schrift „Scivias“ vor. Hildegards
mitunter freilich zu Übertreibungen neigende Vita berichtet, dass Eugen selbst
der versammelten geistlichen Elite des Reiches Passagen daraus vorlas. Insbesondere
der ebenfalls anwesende Bernhard von Clairvaux habe sich für die päpstliche
Bestätigung eingesetzt. Bereits vor dieser Bestätigung hatte sich Hildegard an
Bernhard, den grossen Reformer ihrer Zeit, gewandt. Die erhaltene Antwort muss
als freundlich, aber eher knapp und distanziert bewertet werden.
Wohl
Hildegard selbst liess in diesen Brief bei der Zusammenstellung ihrer
vielfältigen Korrespondenzen einige anerkennende Sätze hineinfälschen. Mit der
Anerkennung durch Bernhard ist die Benediktinerin mit Autorität ausgestattet.
Sie hat die Erlaubnis zu predigen, wird eine gefragte Ratgeberin, die aufgrund
ihrer Sehergabe den Willen Gottes zu übermitteln vermag. Schon von ihren
Zeitgenossen erhält sie die Ehrentitel der „Prophetissa Teutonica“ und der „Sybille
vom Rhein“. Zu den Partnern ihrer Korrespondenz gehören kirchliche und
weltliche Verantwortungsträger bis in die höchsten Ebenen. Auch mit dem Papst
wechselt sie Briefe. Sie unternimmt Predigtreisen, die sie nach Mainz, Würzburg
und Bamberg, später nach Trier, Metz und Lothringen und schliesslich per Schiff
nach Andernach, Köln und Siegburg führen.
Typisch für
ihr öffentliches Auftreten ist die Predigt, die sie 1160 am Pfingstfest in
Trier hält. Nach der üblichen Demutsgeste beschwört Hildegard ein kosmisches
Bild, das eine Verdunkelung der vier Enden der Welt beschreibt. Im Osten, Süden
und Westen versinken die Tugend, die guten Werke und die Barmherzigkeit im
Dunkel. Von Norden, dem symbolischen Reich Satans, weht ein Wind des Stolzes,
des Unglaubens und der Vernachlässigung Gottes. Diese Schilderung beinhaltet
eine Anklage der Geistlichkeit von Trier. Hildegard kritisiert deren Streben
nach Reichtum, Ruhm und politischem Einfluss, wendet sich gegen die
Vernachlässigung klerikaler Pflichten. In Anwendung der üblichen patriarchalen
Symbolik ihrer Zeit bezeichnet sie ihr Zeitalter als verweichlicht: Das leichte
Leben hat den männlichen Mut in weibliche Schwäche verwandelt. Als Quelle der
gegenwärtigen Not bezichtigt sie einen unschwer mit Kaiser Barbarossa zu
identifizierenden Tyrannen.
Die nicht
eigens ausgesprochene Botschaft ist deutlich: Die deutschen Bischöfe, die den
mittlerweile schismatischen Kaiser mitgewählt haben, akzeptieren aufgrund
eigener Schwäche dessen Kontrolle. Hildegard tritt hier als Protagonistin der
Gregorianischen Reform auf, die neben den Missständen im Klerus auch die
Übergriffe von Seiten der weltlichen Macht auf die Kirche bekämpft. Später wird
sie den offenen Konflikt mit Barbarossa suchen.
In die
mönchische Reformbewegung des 12. Jahrhunderts ist Hildegards Bestreben
einzuordnen, den Frauenkonvent der Umklammerung durch das Männerkloster auf dem
Disibodenberg zu entziehen. Gegen den vehementen Widerstand von Abt Kuno, der
die einträglichen Pfründe der adeligen Nonnen nicht verlieren wollte, lässt
Hildegard auf dem Rupertsberg ein reines Frauenkloster errichten, dessen
Äbtissin sie wird. Es wurde nach ihren Idealvorstellungen gebaut. Das Kloster
war funktional ausgestattet mit sanitären Anlagen und fliessendem Wasser in den
Arbeitsräumen. Eine radikale Askese, wie sie in den boomenden
Zisterzienserklöstern gelebt wird, lehnt Hildegard ab.
Bei aller
Verdammung übermässigen Genusses tritt sie dafür ein, das Lebensnotwendige und
der Gesundheit Förderliche dem Körper zuzuführen. Auch teilt sie die für die
Reformbewegung so charakteristische Fokussierung auf das Innenleben des
Menschen bei gleichzeitiger Abkehr von der sinnlich wahrnehmbaren Aussenwelt
nicht. Damit übernimmt sie freilich auch nicht die Relativierung des gesellschaftlichen
Standes als Folge der Absage an alles Äusserliche. Während etwa die
Zisterzienser in ihren Klöstern längst die Trennung von Adeligen und
Nicht-Adeligen aufgehoben hatten, steht der Rupertsberg nur Frauen adeliger
Herkunft offen. Trotz heftiger Kritik an den Standesvertretern bleibt die
Feudalstruktur selbst von Hildegard unangetastet. Die Harmonie Gottes, die sich
in der Ordnung des Klosters spiegeln soll, ist prinzipiell hierarchisch
gedacht.
Naturkundlerin
und Ärztin
Die Bejahung
der weltlichen Feudalstruktur wie der kirchlichen Hierarchie ist bei Hildegard
eingebettet in ein symbolisches Denken, das die irdischen Gegebenheiten als
Abbild des Himmlischen lesen konnte. Die irdische Hierarchie spiegelt die
himmlische Hierarchie der Geistwesen. Hildegard von Bingen gehört zu
denjenigen, die diesen platonisierenden Symbolismus im Hochmittelalter noch
einmal zur Blüte treiben. Zu ihrer Zeit wird er bereits massiv infrage
gestellt: durch eine Naturphilosophie, die sich zunehmend für kausale Zusammenhänge
zu interessieren beginnt, durch den Nominalismus, der die Allgemeinbegriffe für
Konstruktionen hält und damit auch die Gotteserkenntnis der klassischen
Metaphysik angreift, durch den Dualismus der Katharer-Bewegung, die sich vom
Süden Frankreichs bis in das Rheinland ausgebreitet hat und gegen die auch
Hildegard predigt.
Die
Entzauberung der Welt, an deren Ende das neuzeitliche Naturverständnis steht,
hat bereits begonnen. Hildegard steht hier noch auf der Seite des
Traditionellen. Der Symbolismus bestimmt ihre Art und Weise, die sie umgebende
Natur und den Menschen in einen kosmologischen Zusammenhang zu stellen. Welt
und Mensch sind ein System aus Spiegelungen. In ihrem zweiten visionären Werk
„De operatione dei“ bietet sie einen wimmelnden Kosmos, in dem jedes Ding alles
andere symbolisieren kann. Dem Menschen kommt in dieser theozentrisch
konzipierten Weltsicht ein Ehrenplatz zu. Im Mikrokosmos des Menschen spiegelt
sich der Makrokosmos der Gestirne. Das Rund des menschlichen Kopfes spiegelt
das Rund des Firmaments.
Wir, denen
angesichts der vielfachen Fragmentierung der Lebensbereiche die Einheit der
Welt abhandengekommen ist, stehen heute ebenso befremdet wie staunend vor
dieser grossen Zusammenschau. Das Hamsterrad ökonomischer Zwänge ist uns weit
näher als die Vollkommenheit des Weltenrads, in das Hildegard den Menschen in
einer der berühmtesten ihrer Visionen eingespannt sieht. Nicht von ungefähr
begegnet der Name Hildegard von Bingen heute am häufigsten im Kontext
alternativer Heilmethoden. Die Medizin ist das Feld, wo der Mensch quasi am
eigenen Leibe die Verkürzungen einer auf die Empirie reduzierten Vernunft, der
Erkenntnis durch Distanznahme und Partialisierung erfährt.
Die
Faszination, die diesbezüglich von Hildegard ausgeht, ist eine doppelte. Zum
einen bietet sie einen naturwissenschaftlich anmutenden, quasi modernen Zugang.
Die Nonne des 12. Jahrhunderts beobachtet und beschreibt den menschlichen
Körper einschliesslich der Sexualorgane erstaunlich nüchtern. Ihre
Aufzeichnungen über Heilkräuter enthalten ein Wissen, das wenigstens teilweise
der empirischen Überprüfung standhält. Zum anderen scheint Hildegards
Natursicht eine heute schmerzlich vermisste Ganzheitlichkeit zu vermitteln.
Alles wirkt vielschichtig und miteinander verwoben – der Körper mit dem Geist,
der Mensch mit dem Kosmos, die einzelnen Körperteile untereinander.
Hildegards
naturkundliche beziehungsweise heilkundliche Schriften sind in den Werken
„Physica“ und „Causae et Curae“ überliefert. Da zeitgenössische Exemplare
fehlen, wird ihre Echtheit angezweifelt. Doch spricht einiges dafür, dass die
Texte im Grundbestand auf Hildegard zurückzuführen sind. Wir finden hier
unterschiedlichste Themen versammelt, die mitunter nicht einmal im weiten Sinne
unter das fallen, was wir heute unter Medizin verstehen. Neben Schilderungen
des Kosmos in seinen Bestandteilen und Funktionen stehen Charaktertypologien,
Ausführungen zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern, Hinweise zur
gesunden Lebensführung, Beschreibungen von Beschwerden und Rezepten mit den
Begründungen für die einzelnen Zutaten.
Die Quellen,
deren sich Hildegard bedient hat, sind unklar. Vieles dürfte aus der Antike
überliefertes Allgemeingut sein, Teile aus germanischem Volksgut stammen.
Magische Elemente sind vielfach vorhanden. Aber auch eigene Beobachtungen aus
ihrem Umgang mit Kranken und der Arbeit mit Kräutern im Kloster dürften
eingeflossen sein. Das Grundkonzept ist typisch für die mittelalterliche
Medizin und beruht auf einer Pathologie der vier Körpersäfte. Dennoch erscheint
das heilkundliche Konzept von „Causae et Curae“ als singulär.
Die
Körpersäfte etwa interpretiert Hildegard in durchaus eigener Weise. Ihre
Charaktertypologie ist originell und teils mit erschütternder Klarsicht
menschlicher Abgründe formuliert. Vielfach begegnen Anknüpfungspunkte zu den
visionären Schriften. Der Schlüsselbegriff der Heilkunde Hildegards ist die
Viriditas, die gerne mit „Grünkraft“ übersetzt wird. Die Viriditas durchzieht
alle Lebewesen und ist für Heilkraft und Fruchtbarkeit verantwortlich. Ihr Mehr
oder Weniger beim Menschen entscheidet über Gesundheit und Krankheit.
Die Vision
eines von feinen Harmonien durchzogenen Kosmos, die eine positive Zugewandtheit
zur Schöpfung vermittelt, ist freilich nur die eine Seite von Hildegards
Weltsicht. Was ihre modernen Bewunderer meist ausblenden, sind Hildegards
Tendenzen hin zur asketischen Weltabkehr und einem sündentheologischen
Dualismus. Die symbolischen Deutungen sind immer auch moralisch gefärbt. So
gilt die Schwarze Galle, die als Ursache vielfacher somatischer Störungen
angesehen wird, als Folge des Sündenfalls. Ganzheitlich klingt für uns heute,
dass die Schwarze Galle neben körperlichen auch seelische Beschwerden
hervorruft und für Traurigkeit, Verzweiflung und Zorn zuständig sein kann.
Doch einher
geht dies bei Hildegard mit einer deutlichen Abwertung alles Körperlichen. Der
sündige Leib, und hier ist Hildegard ganz Kind ihrer Zeit, kann die geistige
Seele verunreinigen. Auch Begehren und Lust haben, obgleich notwendig zur
Fortpflanzung, den Geschmack der Sünde. Hildegards Zuwendung zum Natürlichen
ist von Ambivalenzen durchzogen. Diese korrelieren mit ihrer ebenfalls
changierenden Symbolik des Weiblichen.
Theologin der
Weiblichkeit
Hildegard ist
vielleicht die erste christliche Denkerin, die sich ernsthaft und positiv mit
dem „Weiblichen“ befasst. Sie stellt sich hier in die Tradition der
alttestamentlichen Weisheitsliteratur. Im Zentrum steht bei Hildegard eine
Figur, die sie Sapientia oder auch Caritas nennt. Sie begegnet zuerst in „Scivias“
als Gestalt, die das Erkennen Gottes darstellt. Sie ist schreckenerregend und
mild zugleich. Sie strahlt so sehr, dass sie nicht betrachtet werden kann. Sie
ist bei allem und in allem. In Schönheit und Liebenswürdigkeit wirbt sie um den
Menschen und bewegt ihn zur Umkehr. Als Caritas ist sie die „liebenswürdige
Freundin am Throne Gottes, und Gott verbirgt mir keine Entscheidung. Das
königliche Brautgemach, es ist mein, und alles, was Gott gehört, gehört auch
mir.“
Dabei denkt
Hildegard weniger schöpfungs- denn inkarnationstheologisch. Die Sapientia steht
für das immanente göttliche Prinzip, das das Göttliche ontologisch wie affektiv
mit seinen Geschöpfen verbindet. Mit solchen kraftvollen Bildern steht
Hildegard in einer Reihe mit Theologen wie Hugo und Richard von Sankt Viktor,
Wilhelm von Sankt Thierry oder natürlich Bernhard von Clairvaux, die im 12.
Jahrhundert die „Entdeckung der Liebe im Hochmittelalter“ (Peter Dinzelbacher)
prägen. Mehr und mehr tritt die Menschheit Jesu Christi in den Vordergrund. Der
Sühnegedanke weicht der Liebe als dem vor aller Zeit in Gott beschlossenen
Grund für die Inkarnation.
Entsprechend
dieser „weiblichen“ Symbolik wurde Hildegard von Bingen als Vorläuferin einer
feministischen Theologie gehandelt, die sich darum bemüht, das einseitig
männlich gefärbte Gottesbild des Christentums zu durchbrechen. Der erste
Enthusiasmus dieser Bemühungen ist freilich bereits verflogen. Hildegard von
Bingen selbst ist ein Beispiel, dass es nicht automatisch zu einer
Hochschätzung der Frauen führt, wenn ihrem Geschlecht zugeschriebene
Eigenschaften als Analogien für das Göttliche benutzt werden. Zudem werden in
solchen symbolischen Systemen die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ nicht nur
als biologische, sondern als metaphysische Kategorien behandelt. Traditionelle
Rollenzuschreibungen und Machtverteilungen werden so eher befestigt denn
durchbrochen, so die Befürchtung.
Doch bietet
die Theologie Hildegards auch keine binär gefasste Geschlechterdualität.
Vielfältig vermeidet sie, das „Weibliche“ allein mit den Frauen zu assoziieren.
Keine Frau ist bloss „weiblich“, kein Mann ausschliesslich „männlich“. Und auch
wenn ein „weibliches“ Gottesbild nicht eins zu eins auf die gesellschaftlichen
Verhältnisse zurückwirkt, gibt es dennoch Rückkopplungseffekte. So gewinnt im
12. Jahrhundert, in dem „weibliche“ Affektivität und Sorge Gott zugeschrieben
werden, eine stärker emotional gefärbte Weltbegegnung für Männer wie Frauen an
gesellschaftlicher Legitimität.
In Hildegards
Gottesspekulation fliessen die Bilder von „Männlichem“ und „Weiblichem“ in
einer Weise ineinander, die die binären Codes ihrer Umgebung immer schon
überschreitet. Kein Motiv steht für das Ganze. Statt einer abstrakten negativen
Theologie bietet sie eine Überfülle an Bildern, und in all diesen Bildern
leuchten nicht Mann und Frau, sondern das lebendige Licht.
Am Vorabend
der Scholastik versucht Hildegard von Bingen noch einmal die grosse und von
vielfältigen Ambivalenzen durchzogene Zusammenschau – von Kosmologie und
Sündendrama, von Naturtheologie und Gottesspekulation, von einfacher
Frömmigkeit und professioneller Theologie, von kreativer Neuschöpfung und
traditioneller Orthodoxie. Sie stirbt am 17. September 1179 im 82. Lebensjahr.
Es ist an der Zeit, Hildegard von Bingen als systematische Theologin ihrer
Epoche wahrzunehmen.
Als Ursache
für diese Unterschiede in Charakter und Lebensweg sieht Hildegard die
Beschaffenheit des menschlichen Samens an. (An dieser Stelle ist wohl allein an
einen Zeugungsbeitrag des Mannes gedacht; anderswo nennt sie in traditioneller
Weise das das Menstruationsblut als weiblichen Zeugungsbeitrag.) Hildegard
bedient sich des schon in der Bibel (bei Hiob 10,10) erwähnten geläufigen
Vergleichs des menschlichen Samens mit gerinnender Milch bei der Käseherstellung,
der erklärt, wie aus etwas Flüssigem, dem Samen, etwas Festes, nämlich die
Leibesfrucht, wird: aus dicker, somit fetter Milch wird starker Käse, bei
dünner Milch ist es genau umgekehrt, und - damit sind wird bei der dritten
Kategorie - mitunter hat die Milch eine faulige Beimischung (tabes), die
Ursache bitteren Käses (fortis-debilis-amarus).
Ausschnitte aus dem „Heilwissen“ von
Hildegard.
Vom Essen.
"Das
Fleisch der Elster ist nicht essbar, weil sie sich von giftigem und schädlichem
Futter ernährt. Bärenfleisch macht den Menschen lüstern. Adlerfleisch wirkt auf
ihn tödlich: es ist wegen seiner Hitze zu stark. Ihm ist das Fleisch des Tigers
unzuträglich, weil dieser so sehr wild ist. Dem Schweinefleisch misstraut
Hildegard, weil es von einem unreinen Tier komme. Dagegen soll die Gesundheit
des Igels auf den Menschen, der ihn verspeist, übergehen. In Bezug auf den
Sperling meint Hildegard, er tauge weder als Heil- noch als
Nahrungsmittel."
"Wenn
ein Mensch rohe Äpfel oder rohe Birnen oder rohes Gemüse oder sonstige
ungekochte Speisen genossen hat, die weder auf dem Feuer noch mit irgendeinem
Gewürz zurechtgemacht waren, so können diese in seinem Magen nicht leicht
fertiggekocht werden, weil sie vorher nicht zurechtgemacht waren.
(in: Joachim
Bumke, Bd. 1, S. 69)
Vom Atmen.
Wenn der
Mensch nicht ein- und ausatmete, würde er den Körper nicht bewegen können, und
sein Blut würde nicht fliessen, wie ja auch Wasser ohne Luftbewegung nicht
fliesst.
Vom
Speichelauswurf und Schnauben.
Das Gehirn
hat Oeffnungen, die stets luftig sind und durch die es erweicht und befeuchtet
wird: Augen, Ohren, Nase, Mund; der feuchtkalte Unrat der Säfte sammelt sich
dort am Ausgang der Nase und Kehle, weil ihn das Gehirn nicht bei sich behält,
sondern zur Reinigung abstösst und durch den Luftzug wieder entfernt. Wollte
der Mensch diese Reinigung irgendwie unterdrücken, so würde er geisteskrank
werden … Wer aber eine verstopfte Nase hat, der … ist innerlich ungesund und
leidet an Geschwüren u.s.w.
Manche
Menschen haben so viel Blut, dass es manchmal vor Fülle dick und dunkel wird.
Wenn diese innerlich gesund sind, so fliesst das überflüssige Blut aus der Nase
ab und ihr Gehirn wird dadurch gereinigt, ihre Sehkraft geschärft und ihre
Kräfte erneuert …
Auch wenn das
Gehirn des Menschen einigermassen rein und gesund ist, dringen doch bisweilen
die Wirbel der Luft und der andern Elemente ein und lassen verschiedenartige
Säfte ein- und ausfliessen und erzeugen im Nasen- und Kehlwege einen
nebelhaften Dunst, so dass dort ein schädlicher Eiter wie Dunst von nebligem
Wasser sich zusammenzieht. Der Schleim verdichtet sich dann zu festen dünnen
Säften, die unter Schmerzen durch Nase und Kehle ausgestossen werden; wie auch
reife Geschwüre aufbrechen und ihren Eiter fliessen lassen und wie man keine
Speise kocht, ohne dass ihr Abgang im Schaum ausgeschieden wird … Wenn man eine
neue und unbekannte Speise geniesst oder solchen Wein oder anderes Getränk,
dann werden durch diese neuen Säfte die andern im Körper aufgewühlt und gehen
reinigungshalber flüssig aus der Nase ab, wie neuer Wein, den man in ein Gefäss
giesst, die Unreinigkeiten ausscheidet. Wenn Jemand eine derartige Reinigung
unterdrücken wollte, würde er sich ebenso schaden, als wenn er Stuhlgang und
Harn zurückhielte, zur rechten Zeit abzugehen. Vielmehr muss man, wenn jene
Säfte sich noch vermehren, so dass die Körperschmerzen sich mehren, ein
Heilmittel anwenden, dass sie desto leichter abfliessen.
Von
Reinigungstränken.
Magenreinigende
Tränke nützen denjenigen Menschen nicht, die sehr krank sind und derartig
gebrechlich, dass sie von Lähmungen heimgesucht werden (a paralysi fatigantur);
noch auch denen, in denen die Flüsse nach Art übergetretener Gewässer beständig
hierhin und dorthin sich ergiessen. Solche schaden die Tränke mehr, als sie
nützen. Denn da sich derartige Flüsse vom Magen aus zwischen Haut und Fleisch
verbreiten und in den Adern nach verschiedenen Richtungen strömen, sind sie
nicht mehr im Magen und würden von den Tränken, die der Mensch dem Magen
zuführt, nicht mehr vertrieben werden können. Solchen gichtbrüchigen (qui de
gutta paralysi conteruntur) und an Rheumatismus leidenden Leuten (qui de
praefatis humoribus fatigantur) nützen vielmehr Pulver von heilsamen Kräutern
und kostbare Wohlgerüche … Den unten beschriebenen Gesundheitstrank sollen nur
solche nehmen, die weder sehr gesund noch sehr krank sind …; auch solche, die
völlig gesund sind, damit ihnen die Gesundheit erhalten bleibe; auch solche,
die von mannigfaltigen und vielen Speisen fette, eitrige Säfte in sich haben …;
endlich auch solche, die nach dem Genuss einer Speise Magenschmerzen haben …
Man nehme ihn aber im Juni oder Juli, vor dem August, nüchtern und ohne andres
Gewürz … Wenn man nach dem Genuss einer Speise Magenschmerzen empfindet, nehme
man ihn im Oktober. Auch andere Tränke nimmt Jedermann besser in oben genannten
Monaten als in anderen.
Von der Diät.
Wer gesund
sein will, muss nach natürlicherweise warmen Speisen natürlicherweise kalte geniessen,
nach kalten warme, nach trockenen feuchte, nach feuchten trockene - gekochte
oder ungekochte … damit sie sich gut miteinander vermischen … Wenn man
verschiedenartiges Fleisch und übermässig warme und auserlesene Speisen
durcheinander zu sich nimmt, erregt ihr Saft das Mark so stürmisch, dass es
wollüstig wird. Darum soll man nur einfach gewürztes und mässig gekochtes
Fleisch geniessen, nicht zu warmes, auserlesen mit allen möglichen Zutaten
bereitetes und scharf gewürztes … So vernichtet auch starker, köstlicher Wein
die Kraft der Blase des Menschen, so dass sie seinem Mark nicht den gehörigen
Lebenssaft zu schaffen vermag … Wer den trinken will, muss ihn zuvor mit Wasser
mischen…, auch den sogenannten Ungarwein …Ueberhaupt soll man jede Speise und
jeden Trank anständig und in Maassen zu sich nehmen …Ist man gesund, muss man
sich in angegebener Weise beim Essen und Trinken in Acht nehmen, um gesund zu
bleiben; ist man leidend, möge man sich durch Fleischgenuss mässig und vorsichtig
stärken, aber auch dann nur verdünnten Wein trinken. – Wenn einer zu fettes
Fleisch oder andere zu fette Speisen … geniesst, ist ihm dies mehr schädlich
als nützlich … Ist Jemand dürr an Gliedern und Körper, so möge er fettes
Fleisch … essen … Bier macht dick und verleiht vermöge der Kraft des
Getreidesaftes dem Antlitz eine schöne Farbe. Wasser schwächt und verursacht
einem Schwächlichen Eiter an der Lunge … Trinkt aber ein gesunder Mensch
bisweilen Wasser, so wird ihm dies nichts schaden … Wenn ein Mensch sich selbst
zum Erbrechen zwingt oder irgend ein Gewürz nimmt, wodurch er das Erbrechen
hervorruft, das ist ihm nicht gesund und heilsam … Erbrechen, welches von
selbst kommt, ist besser, als das durch irgend ein Mittel hervorgerufene.
Vom Aussatz.
Der Aussatz
in Folge von Schlemmerei ruft rote Geschwülste ähnlich wie die
Drachengeschwulst hervor; der von der Leber herrührende macht Einschnitte in
Haut und Fleisch bis zu den Knochen; der von der Wollust stammende bewirkt
breite rindenartige Geschwürflächen, unter denen das Fleisch rot ist. Die
beiden ersten Arten sind schwer zu heilen, die dritte leicht.
Gegen
Haarschwund.
Wenn einem
jungen Menschen die Haare ausfallen, so mische er Bärenfett und Staub von
Weizenkleie und salbe damit das ganze Haupt, besonders da, wo der Haarschwund
ist. Diese Salbe muss er lange auf dem Kopfe lassen …
Gegen
Verrücktheit.
Wenn einer
erkältetes Gehirn hat und verrückt wird, nehme man Lorbeerfrüchte, pulverisiere
sie, mische und knete das Pulver mit Weizenmehl und schmiere diesen Teig,
nachdem die Haare abrasiert sind, auf dem Kopf und lege einen Verband von Filz
darüber, damit das Gehirn wieder warm werde und [der Patient] schlafen kann …
Wenn der Teig trocken geworden ist, mache man einen neuen u.s.w. … und er wird
wieder zu Sinnen kommen.
Gegen
Augenleiden.
Wenn Wasser
und Blut in den Augen in Folge hohen Alters oder einer Krankheit schwinden, so
suche man grünen Rasen auf und blicke auf diesen so lange hin, bis die Augen tränen.
Wer ein
Gerstenkorn hat, nehme, wenn es noch frisch ist, Ochsengalle und lege sie so
frisch des Nachts auf die Augen und befestige sie mit einem Verband, damit sie
nicht abfallen kann, und verfahre so drei Tage lang …
Gegen
Herzleiden.
„Wenn in den
Eingeweiden und in der Milz zu viel böse Säfte entstehen und durch Melancholie
viele Herzleiden verursachen, nehme man Galgant und Bertram zu gleichen Teilen
und weissen Pfeffer gleich dem vierten Teil eines derselben oder, wenn weisser
Pfeffer nicht zu haben ist, Pfefferkraut, viermal soviel als weissen Pfeffer,
und bereite ein Pulver davon. Dann fügt man Bohnenmehl dem Pulver hinzu und
mischt dies mit Bockshornkleesaft ohne Wasser, Wein oder eine andere
Flüssigkeit. Daraus bereitet man kleine Kuchen und lässt sie in der Sonnenhitze
dörren; man muss sie also im Sommer, wenn man Sonne haben kann, bereiten, damit
man im Winter welche habe. Diese Kuchen esse man nüchtern und nach dem
Frühstück. Ferner nehme man Lakritzen und fünfmal soviel Fenchel, dazu Zucker
soviel wie Lakritzen und etwas Honig und bereite daraus einen Lautertrank
[Progr. S. 16] und trinke ihn nüchtern und nach dem Frühstück gegen
Herzschmerzen. [Ein anderes Recept:] Man nimmt weissen Pfeffer, dazu Kümmel zum
dritten Teil davon und Bockshornklee zur Hälfte vom Kümmel [quantum medietas
cumini pensat], macht ein Pulver daraus, und wenn die Herzschmerzen anfangen,
ehe noch eine Herzschwäche eintritt, isst man mit ein wenig Brot dieses Pulver
nüchtern und nach dem Frühstück.
(Erstaunlicherweise
empfiehlt hier Hildegard nicht eines der wenigen wirkungsvollen Heilmittel das
sich seit Hippokrates und bis heute bewährt hat: Digitalis. Die Pflanze
(Fingerhut) enthält herzwirksame Glykoside, die in der Lage sind, auf das Herz
eine die Schlagkraft steigernde (positiv inotrope) und die Herzfrequenz
senkende (negativ chronotrope) Wirkung zu entfalten. Also ein patenter, sich
selbst regulierender Wirkstoff der bei vielen Kreislaufproblemen Abhilfe schafft.)
Gegen
Lungenleiden.
Wenn böse,
garstige Säfte Dunst in das Gehirn aufsteigen lassen und diese dann auf die
Lunge schlagen und dort Schmerzen hervorrufen, nimmt man Lungwurz [Pulmonaria
officinalis L.], koche die Pflanze in Wasser–nicht in Wein … lasse sie gekocht
in einem Topf stehen und trinke eine Woche lang davon, nachdem man filtriert
hat. Man nimmt dies Getränk, das man erneuern muss, wenn es ausgetrunken ist,
täglich nüchtern und nach der Mahlzeit.
Gegen
Leberverhärtung.
Wenn in Folge
übermässigen Genusses vielfältiger Speisen und davon herrührender schlechter
Säfte die Leber leidet und verhärtet ist, nehme man Huflattich [minner
hufladecha] und zweimal soviel Wegerichwurzeln und Blätter [?muos] einer
Birnmistel [vielleicht ist das innere einer B. gemeint], soviel wie Huflattich,
zerschneide die beiden ersten Kräuter in kleine Stücke, durchbohre sie mit
einer Ahle oder einem anderen kleinen Instrument, stecke in die Löcher die
Mistelblätter und lege sie so in reinen Wein.
Gegen
Nierenschmerzen.
Wenn man an
Nieren- und Lendenschmerzen leidet, rührt das häufig von Magenschwäche her; man
nimmt dagegen Raute und Wermut zu gleichen Teilen und Bärenfett in grösserer
Menge, rührt das zusammen und reibt sich mit dieser Salbe die schmerzende Nieren-
und Lendengegend am Feuer stark ein.
Die
fleischliche Lust.
Die Adern,
die in der Leber und im Bauch des Mannes sind, treffen sich in seinen
Genitalien. Und wenn die Erregung der Lust vom Marke des Mannes ausgeht, gelangt
sie in die Geschlechtsteile und erregt im Blute den Vorgeschmack der Lust. Und
weil diese Teile eng und fest eingeschlossen sind, kann jene Erregung sich
nicht genügend verbreiten und erglüht dort stark in Lust, so dass sie in dieser
Glut selbstvergessen sich nicht enthalten kann, den Samenschleim zu entsenden;
denn wegen der Eingeschlossenheit der Schamteile entbrennt das Feuer der Lust
heftiger, wenn auch seltener, in ihm als in der Frau. Denn wie auf grossen
Wellen, die sich von starken Stürmen auf Flüssen her heben, ein Schiff heftig
kämpft und kaum sich halten und widerstehen kann: so kann auch im Sturm der
Wollust die Natur des Mannes sich schwer zähmen. Aber auf Wellen, die von
sanftem Winde sich erheben, und in Stürmen, die von sanfter Windbewegung
herrühren, kann sich der Nacken, wenn auch mit Mühe, halten: so ist des Weibes
Natur in der Wollust, da sie sich leichter bezwingen kann, als die Art der
Wollust des Mannes. Diese gleicht dem Feuer, das erlischt und wieder angefacht
wird; denn wenn es fortwährend glühte, würde es Vieles verzehren: so erhebt
sich die Lust ab und zu im Manne und sinkt dann wieder; denn wenn sie immer in
ihm wütete, könnte er sie nicht ertragen.
Gegen
Geschwulst des Gliedes.
Wenn in Folge
schädlicher Säfte eine Geschwulst am männlichen Gliede entsteht und dort
Schmerzen hervorruft, nimmt man Fenchel und dreimal soviel Bockshornklee und
etwas Kuhbutter, verrührt das und streicht es darüber … Dann nimmt man
Malzkuchen, erweicht und erwärmt sie in etwas warmen Wasser und legt sie auf
die Geschwulst.
Gegen
Impotenz.
Ein Mann, dem
der Samen abgeht, so dass er nicht zeugen kann, nimmt Haselkätzchen und zum
dritten Teil davon Mauerpfeffer und zum vierten oder fünften Teil von Mauerpfeffer
Winde und etwas gewöhnlichen Pfeffer und kocht dies zusammen mit der Leber
eines jungen Hirsches, der schon reif ist zur Fortpflanzung, fügt auch etwas
frisches, fettes Schweinefleisch hinzu. Die Kräuter wirft man weg, das Fleisch
isst man, taucht auch Brot in die Brühe und isst es, und dieses Essen
wiederholt man häufig.
Von
nächtlicher Befleckung.
Daher erregt
es auch oft in dieser Glut in Folge seiner Fülle das Blut zur Lust und leitet
ohne Wissen des Menschen Samen in seine Geschlechtsteile. Es erglüht auch oft
in Folge übermässigen Essens und Trinkens, denn Uebermass facht das Feuer des
Markes an, und der Speisesaft bringt Mark und Blut etwas in Aufregung. Und das
glühende Mark erregt im Blute fleischliche Lust…; was doch in Folge der
Sommerhitze oder der Wärme der Bekleidung nie oder nur selten geschieht.
Gegen
Unfruchtbarkeit.
Einem Weibe,
dessen Gebärmutter kalt und zu schwach zur Empfängnis ist, kann auf folgende
Art, wenn Gott will, geholfen werden, dass sie fruchtbar werde. Man nimmt die
Gebärmutter eines Lammes oder einer Kuh, die schon fortpflanzungsfähig, aber
noch unberührt sind und noch nicht getragen haben, und kocht sie mit Speck und
anderem fetten Fleisch und Fett und gibt das der Frau zu essen, wenn sie mit
einem Gatten verbunden ist oder bald verbunden werden soll.
Gegen schwere
Geburt.
Wenn eine
Schwangere schwere Geburt hat, möge man mit grosser Vorsicht angenehme Kräuter,
Fenchel und Haselwurz, in Wasser kochen, das Wasser abgiessen und die Kräuter
warm auf ihre Schenkel und Rücken legen und ein Tuch leicht darüber binden,
damit der Schmerz gelindert und die Geburtswege geöffnet werden …
Gegen Wollust
und Ueppigkeit.
Um Üppigkeit
und Wollust in sich zu unterdrücken, nehme man im Sommer Dill, zweimal soviel
Wasserminze, noch etwas mehr Lungenkraut, viermal so viel Veilchenwurzel und
schneide dies alles in Essig und stelle sich so eine Würze her, die man stets
in allen Speisen geniesst. Im Winter pulverisiert man die Kräuter u.s.w. Die
von Wärme, Feuchtigkeit, Blut und Fleisch sich absondernden Schleimansammlungen
sind, wenn sie mässig und ruhig wirken, gesund; wenn sie aber den Menschen
zugleich durcheinander treffen, schwächen und töten sie ihn. Denn Wärme,
Feuchtigkeit, Luft und Fleisch haben sich nach dem Sündenfall im Menschen zu
schädlichem Schleim verwandelt.
Gegen
Augenverdunkelung in Folge Weinens.
Wessen Augen
sich in Folge Weinens verdunkeln, presse Schafgarbe zu Saft und lege diesen
Nachts auf die Augen, ohne dass der Saft das Innere des Auges berührt, lege ein
Tuch darüber und behalte den Verband bis Mitternacht. Hierauf netze er die
Augenlider mit recht gutem und reinem Wein.
Gegen
unmässiges Lachen.
Wer durch
unmässiges Lachen erschüttert Schmerzen hat, pulverisiere Muscatnuss, füge die
Hälfte Zucker hinzu und tue dies in erwärmten Wein und trinke ihn nüchtern und
nach dem Frühstück.
Gegen
Trunkenheit.
Um einen
Trunkenen wieder zu sich zu bringen, nehme man caniculata [? Cynoglossum,
Hundszunge?] lege sie in kaltes Wasser und befeuchte damit Stirn, Schläfen und
Kehle des Trunkenen … Im Herbst kann man von einem frischen Weinstock den
Rebschoss mit frischen Blättern nehmen und auf Stirn, Schläfen und Kehle legen
… Wenn all dies nicht zu haben ist, esse der Trunkene Fenchel oder Fenchelsamen
…
Der giftige
Geifer des Zahnwurms
Schon als der
Zahnwurm bereits als Scharlatanerie entlarvt war, hing Hildegard immer noch dem
Wurmglauben an, erkannte aber mangelnde Hygiene als Ursache. Durch Spülen mit
Wasser sollte der Livor, eine Ablagerung vermieden werden, die sich um den Zahn
legen und die gefürchteten Würmer hervorbringen konnte. Sie empfahl Aloe und
Myrrhe sowie Kohlerauch.
Erst im 19. Jahrhundert wurden verschiedene Theorien zur Entstehung von Karies entwickelt. Ausgangspunkt war die chemoparasitäre Theorie nach Willoughby D. Miller (1890), wonach Milchsäurebakterien bis in die 1960er Jahre als Ursache angesehen wurden.
Unwissende
Vermittlerin einer göttlichen Botschaft?
Causae et
Curae (Ursachen und Heilungen) 1150 von Hildegard von Bingen ist eines ihrer
wichtigsten Werke. Hildegard will die Pflanzenrezepte direkt von Gott empfangen
haben. Es darf bezweifelt werden, dass Gott die gleichen meist wirkungslosen
Therapien, die er schon einmal vor fast 1500 Jahren dem Heiden Hippokrates
eingegeben hat, nochmals dem „unwissenden Kind“ Hildegard zum Wohle der
Menschheit einflüstert.
Alraune
Bei dem
Aristoteles-Schüler Theophrast, der mit μανδραγóρας die Tollkirsche meinte
(Hist. Plant. VI 2,9; †IX 8,8; 9,1), wird die Alraun-Pflanze explizit als
Aphrodisiakum erwähnt, das von betrügerischen Wurzelgräbern angepriesen wurde.
Bei der Ernte sollte die Alraune dreimal mit einem Schwert umkreist werden.
Auszugraben war sie dann mit einem nach Westen gerichteten Gesicht. Derweil
tanzte ein anderer im Kreis und besang die Liebeskraft.
Hildegard von
Bingen, die der Alraun ein ganzes Kapitel in der Causae et Curae widmete, und
von ihr nimmt man an, dass sie die halluzinogenen Alkaloide der Alraune für
ihre Trance benutzte. Später wähnte sie dann den Teufel in der Pflanze wohnen.
Das Ernten der Pflanze war nun nicht mehr problematisch, jedoch sollte danach
der Alraun in queckborn (Quellwasser) gelegt werden, um das Böse
hinauszudrängen (Alkaloide) – es sei denn, die Pflanze sollte explizit zu bösem
Zauber verwendet werden. Bei (guter) Heilanwendung sollte die Pflanze gegen
sexuelle Begehrlichkeiten wirken. Hierzu war eine weibliche Alraune zwischen
Brust und Nabel des Kranken anzubinden, dann die Wurzel in zwei Teile zu
spalten und über die Lenden zu binden und zuletzt die linke Hand der schon
völlig anthropomorph vorgestellten Wurzel zu zerreiben und mit Kampfer gemischt
zu essen. Gegen Schwermütigkeit dagegen war hinreichend, die Wurzel mit ins
Bett zu nehmen und bei deren Erwärmung ein bestimmtes Gebet zu sprechen. In beiden
Fällen konnten Buchentriebe die Alraune ersetzen.
Opium
Was
griechische Mütter ihren Kindern zur Beruhigung gaben, verbot die
mittelalterliche Kirche als „Teufelszeug“
Der
botanische Name leitet sich aus dem Lateinischen ab: somniferum = Schlaf
bringend. Er verweist auf die Verwendung als Schlafmittel für Kinder in der
griechischen Antike.
Mohn gehört
zu unseren ältesten Kulturpflanzen. Schriftlich erwähnt wurde er erstmals um
4000 v. Chr. in Keilschriften, in denen die Herstellung von pharmazeutischen Produkten
aus Schlafmohn beschrieben wird.
Das frühe
Christentum, das in einer Krankheit eine Strafe Gottes sah, verbot im 4.
Jahrhundert die Anwendung von Opium als schmerzstillendes Mittel. Das Verbot
betraf vor allem Operationspatienten die oft an den unerträglichen Schmerzen
der Operation starben. Karl der Grosse erneuerte dieses Verbot 810; Mohnsaft
galt als Satanswerk. Mit der arabischen Medizin kehrte Opium endlich nach
Europa zurück.
Alternative: Gesundbeten
In fast allen
Rezepturen von Hildegard kommen kostspielige Zutaten vor, so zum Beispiel: Guter
Wein, Olivenöl, Pfeffer, Ingwer, Zucker, Gewürznelken, Muscatnuss, Kümmel, Zimt
und orientalische Kräuter. So waren die Medikament für den grössten Teil der
Bevölkerung unerschwinglich. Anstatt sich dieser suspekten Heilmittel zu
bedienen, konnte man jedoch auch die speziellen Heiligen anrufen. So hilft
angeblich der Heilige Hugo, ein ehemaliger Bischof aus Grenoble († 1132) gegen
Kopfweh, der Heilige Zeno († 371), wenn Kinder schlecht laufen und sprechen
lernen, der Heilige Quirin, ein römischer Märtyrer († 130), bei Bein- und Fussleiden,
Gicht, Lähmung, Eitergeschwüren, Pest, Ohrenschmerzen, Kropfleiden, Pocken,
Fisteln, Knochenfrass, Hautausschlag, Augenleiden und Pferdekrankheiten. Für
den Krebs ist der Heilige Beatus zuständig, vor Zahnschmerzen bewahrt die
Heilige Medard († 560), von Blähungen befreit der Heilige Martin († 397), vor
Zuckungen schützt der Heilige Claudius (7.Jh.), vor Bettnässen der Heilige
Vitus († 304) und vor Durchfall der Heilige Germanus († 448).
Andachtsgrafik
mit psychologischer Wirkkraft.
Fresszettel,
Schluckbilder und Leckmittel zur Heilung diverser Krankheiten waren
weitverbreitet obwohl sie die Kirche als Aberglauben verurteilte. Allerdings waren
die papierenen Pillen mitunter ein florierendes Geschäft einiger Klöster. Schluckbildchen
zeigen meist das Gnadenbild eines bestimmten Wallfahrtsorts oder sind vom
Kranken selber beschrieben, wie etwa: „Fieber bleib aus / ich bin nicht zu
Haus“
Sicher war
der Placeboeffekt, die einzige Wirkkraft der mediälen Medizin, beim
Herunterwürgen eines Heilligenbildchens grösser als beim Schlucken von
Exkrementpillen.
Das
Einverleiben des Bildchens lässt sich als eine urtümliche, unmittelbare Form
des Inbesitznehmens deuten, bei der das Inbild der Heilsperson dauerhaft in
sich aufbewahrt wird. Sowohl der rituelle Aufwand, der zur Erfassung des Bildverständnisses
betrieben werden musste, als auch die mit dem Bild verbundene Erinnerung an das
gesamte Wallfahrtserlebnis steigerten die Wunderwirkung.
Noch Anfang
der 1970er Jahre wurden Schluckbildchen in Mariazell, Neapel und Santa Maria
del Carmine in Florenz verkauft. Aus Rom wurden Schluckbilder des
Ein weiteres
Beispiel sind die bis ins 20. Jahrhundert verbreiteten Schabmadonnen aus Ton,
von denen man Material abschabte und ass.
Constantinus Africanus (ca. 1020–1087)
Constantin
war ein weitgereister Medicus und gehörte ursprünglich dem arabisierten
Bevölkerungsteil der Berber in Karthago an. Während 39 Jahren reiste er durch
den Orient bis nach Indien. In Bagdad (Mesopotamien), studierte er Medizin. Auf
seinen Reisen studierte Constantin gründlich Sprache, Medizin und anderen
Wissenschaften der Chaldäer, Perser und Araber.
Er erwarb
detaillierte Kenntnisse in arabischer Medizin und den in der Literatur
bekannten und praktisch angewandten Heilverfahren und Heilmitteln. Zurück in seiner
Heimat praktizierte Constantin sehr erfolgreich als Arzt und Lehrer. Einige
eifersüchtige Kollegen neideten ihm seinen hohen Wissensstand und den
beruflichen Erfolg. Sie bezichtigten ihn der Zauberei und bedrohten ihn auch
physisch. Nach einem Hinweis eines Vertrauten musste Constantin ernsthaft um
sein Leben fürchten, er entschloss sich zur nächtlichen Flucht nach Sizilien,
sein Schiff landete aber in Süditalien. Dort tauchte er als Bettler verkleidet
unter und kam bald in die Stadt Salerno, die zu jener Zeit von Robert Herzog
Guiscardin (ca. 1015–1085) beherrscht wurde und wo ihn dessen Bruder erkannte.
1077 wurde er
zum Lehrer an der medizinischen Schule von Salerno ernannt. Bald bemängelte Constantin
die Qualität der verfügbaren medizinischen Fachliteratur und den laschen
Schulbetrieb. Er übergab der Bibliothek seine gesammelten Medizinbücher aus
verschiedenen Kulturen, die in Europa einzigartig waren.
Bereits ein
Jahr später liess er sich von Abt Desiderius, dem späteren Papst Viktor III.,
taufen und trat als Laienbruder in den Orden der Benediktiner ein.
„Ora et
labora et lege“ („Bete und arbeite und lies“).
Der
Benediktiner Orden, der einzig etablierte Orden im Frühmittelalter, legte
grossen Wert auf Bildung und Einkehr. Besonders das Kloster von Montecassino
mit seinem angeschlossenen Hospiz pflegte die Regula Benedicti vorbildlich. Sie
konterten der kirchlichen Auffassung, dass „Krankheit eine Strafe Gottes – die
Heilung Gottes Gnade sei“ und der Mensch Gott nicht ins Handwerk pfuschen soll,
mit biblischer Nächstenliebe und Barmherzigkeit. In ihrem Spital und ihrer
medizinischen Hochschule versuchten die Benediktiner das Leid der Kranken zu
lindern soweit es in ihnen möglich war.
In der Krypta
lagen die sterblichen Überreste des Kloster- und Ordensgründers Benedikt von
Nursia der das Kloster im Jahre 529 an der Stelle eines alten, römischen
Apollotempels errichten liess. Der mächtige Klosterkomplex liegt auf einem 516
m hohen felsigen Hügel im Stadtgebiet von Cassino.
Ein Toter
überlebt, viele Lebende sterben
Vier Mal
wurde die Klosteranlage von Solerno total zerstört und wieder aufgebaut.
Erstmals zur Zeit der Völkerwanderung schlugen die Langobarden das Kloster kurz
und klein. Im Jahre 883 wurde
das Kloster von den arabischen Sarazenen ausgeplündert und zerstört. Ein schweres Erdbeben im Jahr 1349, zerstörte
das Kloster zum dritten Mal. Während des nachfolgenden Wiederaufbaus wurden
verschiedene Ergänzungen und Verschönerungen im Stil der Renaissance und des
Barock vorgenommen, die dem Kloster sein stattliches Aussehen verliehen, das es
bis zum 15. Februar 1944 beibehalten hat.
Als im 2. Weltkrieg die alliierte Front immer näher kam, erkannte der deutsche
Kommandant der „Fallschirm-Panzer-Division Hermann Göring“ Julius Schlegel aus
Wien, dass es nun Wichtigeres gab als den bereits unmöglichen Endsieg, auf die
Gefahr hin standesrechtlich erschossen zu werden, organisierte er mit dem
Einverständnis des Abtes von Montecassino den Abtransport der Kunstschätze des
Klosters. 100 Lastwagen brachten etwa 1.200 historische Bücher und Dokumente,
Bilder von Leonardo da Vinci, Tizian und Raffael sowie die sterblichen
Überreste des Benedikt von Nursia, nach Rom in den Vatikan in Sicherheit.
Die
Alliierten befürchteten, dass sich deutsche Soldaten auf dem Monte Cassino
verschanzt hätten. Die deutsche Seite gab aber Anweisung, sich keinesfalls der
Klosteranlage zu nähern, und tat dies über unverschlüsselte Funksprüche auch dem
Gegner kund. Trotzdem führten die Alliierten am 15. Februar 1944 einen
massiven, dreistündigen Bombenangriff auf das Kloster durch, wobei 250 – 450 verbliebene
Flüchtlinge meist Frauen und Kinder aber auch Mönche den Tod fanden. Mit
Ausnahme der Krypta wurde das Kloster an diesem Tag bis auf die Grundmauern
zerstört.
Der spätere Wiederaufbau
des Klosters wurde nicht zuletzt deshalb möglich, weil Julius Schlegel auch
alle Baupläne rettete. Schlegel überlebte den Krieg, ihm wurden danach
mannigfache Ehrungen in Italien und Österreich zuteil.
(Detaillierte
Vorgänge der Schlacht um Montecassino auf
www.30giorni.it/articoli_id_3493_l5.htm?id=3493)
Konstantin
der Afrikaner begründet den guten Ruf von Salerno
Constantinus
versuchte die stagnierende antike Medizin umzukrempeln. Als erstes übersetzte
er die Meister der arabischen Medizin ins Lateinische: Razes Ali Ibn Massaouia
Baghdad, Ibn Imran, Ibn Suleiman, und Ibn Al-Jazzar. Aber auch die Begründer
der griechischen Medizin Hippokrates und Galenos, übersetzte er als Kompendien
in Latein.
Diese
Übersetzungen wurden vom Mittelalter bis zum siebzehnten Jahrhundert als
Lehrbücher verwendet und befinden sich heute in Bibliotheken in Italien,
Deutschland, Frankreich, Belgien und England.
Doch wurde
das antike Geistesgut von den Arabern nicht einfach übernommen, sondern völlig
umgestaltet. Die Medizin wird jetzt zu einem einheitlichen Lehrgebäude, das es
ermöglicht, die einzelnen Lehrsätze in fast mathematischer Weise abzuleiten.
Nicht die Erfahrung, nicht Hippokrates, sondern der spekulativere Galen
dominiert.
Genau
betrachtet brachte der Einfluss der arabischen Medizin nicht viel Neues. Zwischen
den beiden Medizinkulturen gab es zu viele Parallelen. So hingen die Araber
genauso der 4-Säfte-Lehre (Humoralpathologie) von Hippokrates an und sie
glaubten auch an den Zahnwurm usw. Auch die Behandlung des Ungleichgewichtes
der vier Säfte war die gleiche: Aderlass.
Die Chirurgie
hat es Constantin zu verdanken, dass sie zu einer wissenschaftlichen Disziplin
erhoben wurde. Das ist deshalb merkwürdig, weil die arabischen Ärzte kaum
Chirurgie betrieben hatten. Denn wie die christlichen Ärzte scheuten sie sich
aus religiösen Gründen, Blut zu vergiessen; sie glaubten ebenfalls an die
Auferstehung des Leibes und vermieden vor allem deshalb chirurgische Eingriffe.
Waren diese aber unvermeidlich, so benützten die Araber ein glühendes Messer (Säge)
mit dem sie gleichzeitig sowohl den Schnitt als auch die Verödung durchführten,
was weniger Schmerzen, weniger Blutverlust und, nichtwissend, das
Operationsbesteck durch die Hitze mehr oder weniger steril wurde.
Von der hippokratischen Semiotik ist die arabische sehr verschieden. Denn das Beobachten, das Hippokrates lehrte, war bei allem Eingehen auf Einzelheiten doch auf den Gesamteindruck gerichtet, die arabische Art aber ist ausgesprochen spekulativ: im Pulsschlag werden Gattungen, Arten und Unterarten unterschieden und danach die Diagnose gestellt, und der Harn wird nach Farbe, Dichte, Menge und Trübungen untersucht, wobei man seine 19 Farben wieder den Veränderungen der vier Elementarsäften und die Stelle, wo im Glas die Trübungen zum Vorschein kommen, einer entsprechenden Region des menschlichen Körpers zuordnet. Scherzhaft wurde Constantinus auch „Urinprophet“ genannt.
Von jeher war die Persönlichkeit des
Constantinus umstritten. Schon zu seinen Lebzeiten wurde er sehr verschieden
beurteilt; bald wurde er als "Magister orientis et occidentis"
verherrlicht, bald "Monachus insanus" (verrückter Mönch) gescholten,
und mögen auch einige Medizinhistoriker ihn vor allem als skrupellosen
Plagiator und unzuverlässigen Übersetzer tadeln, durch das erstmalige
Übertragen arabischer Werke ins Lateinische hat er der jungen Salernitaner
Medizin die Möglichkeit zu weiterer Entwicklung gegeben. Darüber hinaus aber
bedeutet er einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Orient und Okzident,
denn seine Übersetzungen leiteten eine Periode ein, in der sich das Abendland
arabischen Einflüssen erschloss.
Einzigartig
hat Constantinus seiner universitären Schule die Lehr- und Religions-freiheit
ermöglicht. Er setzte als Rektorat ein ziviles Ehepaar ein. So konnte sich die
Lehrstätte aus dem Würgegriff der allmächtigen Kirche befreien. Und so konnten Muslimen,
Juden und Christen ungehindert in Salerno studieren oder dozieren. Auch Frauen war
die medizinische Lehranstalt sowohl als Studentinnen als auch als Dozentinnen
offen.
Das Lorscher Arzneibuch
Das Lorscher
Arzneibuch wurde um das Jahr 795 von einem unbekannten Mönch im
Benediktinerkloster Lorsch geschrieben. Dies konnte aufgrund der karolingischen
Minuskelschrift im älteren Lorscher Stil durch Bernhard Bischoff nachgewiesen
werden. Die Verwendung althochdeutscher Pflanzennamen im Codex erhärtet diese
Datierung.
Es ist das
älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin aus dem abendländischen
Frühmittelalter. Geschrieben wurde es in lateinischer Sprache im Kloster Lorsch
bei Worms. Seit ca. 1000 Jahren befindet es sich in Bamberg und wird heute in
der Staatsbibliothek Bamberg verwahrt. Seit Juni 2013 gehört das Lorscher
Arzneibuch zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.
Direkt als
Quellen nachweisen lassen sich die Physica Plinii, die byzantinische Medizin
sowie die Schriften des Aurelius Aesculapius. Indirekt flossen auch Werke des
Dioskurides, Galenos sowie die Medicina Plinii in den Codex mit ein.
Rechtfertigung
der Heilkunde (Defensio artis medicinae)
In diesem Kapitel
wird die Heilkunst gegen Angriffe aus Teilen des Christentums verteidigt, sie
sei ein unzulässiger Eingriff in den göttlichen Plan. Der Autor der
Verteidigung argumentiert dagegen, Heilen sei geradezu ein Gebot christlicher
Nächstenliebe. Damit stellt diese Verteidigung ein bedeutendes Zeugnis der
Aneignung vorchristlichen Gedankenguts in der Karolingerzeit dar.
Carmen
(Versus seu Carmina)
Bei diesem
Segment handelt es sich um eine Medizinalordnung in Versform. Es wird die
Forderung erhoben, dass die Heilkunst nicht nur den Reichen, sondern
gleichermassen den Armen zugänglich sein müsse. Empfohlen wird ausserdem, nicht
nur die teuren Kräuter aus dem Orient, sondern zur Kostendämpfung auch ebenso
wirksame einheimische Kräuter zu verwenden.
Thematisiert
werden ein Monatstrank (Hippocras), Monatsregeln und ein
Vierjahreszeiten-Trank. Ein klassisches Rezept von Taillevent, dem Leibkoch
Karls V., sieht Zimt, Gewürznelken und Orangenblüten als aromatisierende
Zutaten vor. Weitere typische Zutaten sind Ingwer, Kardamom und Rosenwasser an
Stelle von Orangenblüten, aber auch Majoran, Muskatnuss und Pfeffer kamen vor.
Der Name wurde vom griechischen Arztes Hippokrates angelehnt.
Der anonyme
Verfasser sagte es selbst: „Weil also Reime dem Ohre angenehmer sind, sag ich in
Versen, was andere vor mir in Prosa ausgedrückt haben.“
Einführung in
die Medizin (Initia medicinae)
Dieses Kapitel
behandelt die Geschichte der Medizin, die Anatomie sowie den hippokratischen
Eid.
Unglaubliche
40 Zutaten hat dieses extrem teure Rezept, aber es hilft ja gegen tödliches
Gift.
Fragen an
Aristoteles (Problemata Aristotelis)
Der
astrologischen Literatur nahestehende Vertreter literarischer Kleinformen.
Enthält
„Kritische Tage“ (Dies incerti) und „Ägyptische Tage“ (Dies aegyptiaci).
Thematisiert
werden ein Monatstrank (Hippocras), Monatsregeln und ein
Vierjahreszeiten-Trank.
http://books.google.de/books?id=Jr2NQCevkUUC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=true
Austauschliste
(Antemballomena sive De succedaneis)
Fragmentarisch
sind für viele Arzneidrogen Alternativen angegeben.
Inhaltsverzeichnis
(Conspectus curationum capitulationibus V comprehensorum)
Ein nahezu
vollständiges Verzeichnis aller der im Werk enthaltenen Rezepte.
Gräko-lateinisches
Glossar (Hermeneumata sive Glossarium pigmentorum vel herbarum)
Eine Liste
von Arzneidrogen mit griechischen und lateinischen Synonymen.
Masse und
Gewichte
Hier werden
die komplizierten in den Rezepten verwendeten Mass- und Gewichtseinheiten
beschrieben.
Rezeptsammlungen
(Curationes capitulationibus V comprehensae)
In fünf
Bücher untergliedert finden sich insgesamt 482 Rezepte, die in ihrer
Komplexität stark variieren. Behandelt werden insbesondere Arzneiformen wie
Tränke, Latwerge, Pillen, Pflaster, Umschläge, Zäpfchen, Salben und Öle. Einige
Abschnitte befassen sich mit der Gewinnung bzw. Herstellung von Arzneistoffen
wie Schwefel und Grünspan, mit der Herkunft von Gewürzen wie Pfeffer und Ingwer
oder mit der Herstellung und Lagerung von Arzneimitteln im Allgemeinen.
„Unter den
Rezepten finden sich einige für die damalige Zeit hochinnovative Verfahren wie
der Einsatz von Herzglykosiden zur Kreislaufstabilisierung, der psychiatrische
Einsatz von Johanniskraut oder ein Antibiotikum auf der Basis von Schafdung,
Honig und Käse zur Behandlung tiefer Wunden und Geschwüre.“ (Forschergruppe
Klostermedizin Dr. Johannes Gottfried Mayer)
Bei ihren
Studien stiessen die Wissenschaftler auch auf das Lorscher Schafdung-Rezept und
waren davon fasziniert. Der Käseschimmel könnte, angeregt von Bakterien im Schafmist,
auf der Wunde antibiotische Wirkung entfaltet haben, spekuliert Dr. Mayer. Allerdings
konnte der antibiotische Effekt bis heute nicht nachgewiesen werden.
Das
Johanniskraut wirkt unbestritten (ganz) leicht Stimmungsaufhellend und
Beruhigend, aber seine Wirkung ist viel zu gering für den „psychiatrischen“
Einsatz. Die Herzglykosiden regulieren nachweislich den Kreislauf. Diese drei
dem Mittelalter zugeschriebenen Präparate waren allerdings schon in der
Griechischen Antike bekannt.
Auch die
Abtreibungsmethode mit Gift- Zäpfchen könnte theoretisch funktioniert haben:
"Der Aronstab ist ja richtig giftig." Allerdings dürfte der Eingriff
auch für die Schwangere nicht ungefährlich gewesen sein. "Im Mittelalter
wurde sehr häufig mit giftigen Substanzen hantiert", erklärt Dr. Mayer.
"Die Klosterleute wussten zwar um die Risiken und Nebenwirkungen, aber sie
hatten oft keine besseren Alternativen."
Die
Herbstzeitlose zum Beispiel hilft nach heutigem Kenntnisstand ziemlich sicher
gegen Gicht, aber nur ein paar Milligramm zu viel sind allerdings tödlich.
Damit nicht auf einen Schlag die ganze Giftmenge ins Blut der Kranken gelangte,
wurde die Pflanze in winzigen Portionen in Plätzchen eingebacken.
„Kanon der Medizin“ von Ibn Sina
Das Werk des
Persers Ibn Sina (lat. Avicenna) verbreitete sich im 13. Jahrhundert äusserst
schnell in Europa und hielt sich bis 1650 an Universitäten (Löwen, Montpellier),
im ärztlichen Gebrauch gar bis ins 19. Jahrhundert.
Ibn Sina galt
in seiner Zeit als ausserordentliche Persönlichkeit. Bereits im Alter von zehn
Jahren konnte er den Koran auswendig und hatte viele Werke der Literatur
studiert und sich dadurch die Bewunderung seiner Umgebung erworben. Während der
nächsten sechs Jahre studierte er autodidaktisch die Rechte (Jura),
Philosophie, Logik, Werke des Euklid und den Almagest (Astronomie). Von einem
gelehrten Gemüsehändler lernte er indische Mathematik und Algebra. Ibn Sina
wandte sich im Alter von 17 Jahren der Medizin zu und studierte sowohl ihre
Theorie als auch ihre Praxis. Der junge Ibn beschrieb die Heilkunst als „nicht
schwierig“.
In Hamadan
behandelte Ibn Sina eine reiche Frau, die ihm den Zugang zu den aller höchsten
Kreisen ebnete. Er wurde Leibarzt und medizinischer Berater des Buyiden Shams
ad-Daula und stieg schliesslich sogar zu dessen Wesir auf. Eine Meuterei von
Soldaten führte zu seiner Absetzung und Verhaftung. Doch als der Emir wieder
einmal an einer Kolik litt, soll Ibn Sina zur Behandlung herangezogen und nach
erfolgreicher Heilung freigelassen und wieder in sein altes Amt eingesetzt
worden sein.
Nach dem Tod
Shams ad-Daulas (1021) bot Ibn Sina dem Kakuyiden-Emir ‘Alā ad-Daula Muḥammad von
Isfahan seine Dienste an und wurde deswegen vom neuen Herrscher Hamadans in der
nahen Burg Fardajān eingekerkert. Als ‘Alā ad-Daula vier Monate später gegen
Hamadan marschierte (1023), kam Ibn Sina wieder frei und zog zusammen mit
seinem Freund al-Juzjānī und zwei Sklaven nach Isfahan, wo ihn Alā ad-Daula
1024 willkommen hiess. Er verbrachte seine letzten Jahre im Dienst des
Kakuyiden, den er in wissenschaftlichen und literarischen Fragen beriet.
Ihm widmete
er eine Zusammenfassung seiner Philosophie in persischer Sprache namens
Dānishnāma-yi ‘Alāī („Das Buch des Wissens für ‘Alā ad-Daula“). Ausserdem
begleitete er ihn auf Kriegszügen. Freunde rieten ihm, sich zu schonen und ein
gemässigtes Leben zu führen, aber das entsprach nicht Ibn Sinas Charakter: „Ich
habe lieber ein kurzes Leben in Fülle als ein karges langes Leben“ antwortete
er. Erschöpft durch seine harte Arbeit und sein hartes Leben starb Ibn Sina im
Juni 1037 im Alter von 57 Jahren entweder an der Ruhr oder an Darmkrebs.
Angeblich wurde sein Ende durch eine übermässige Gabe eines Medikaments durch
einen Schüler beschleunigt. Ibn Sina wurde in Hamadan begraben, wo noch heute
sein Mausoleum steht.
Die 5 Bücher
des Qānūn at-Tibb
Der Qānūn at-Tibb
(Kanon der Medizin) ist das bei weitem berühmteste von Ibn Sinas Werken. Der
medizinische Kanon besteht aus fünf Büchern:
2 Alphabetische Auflistung von Medikamenten
(Arzneimittel und ihre Wirkungs weise)
3 Krankheiten, die nur spezielle Organe
betreffen (Pathologie und Therapie)
4 Krankheiten, die sich im ganzen Körper
ausbreiten (Chirurgie und Allgemeinkrankheiten)
5 Produktion von Heilmitteln (Antidotarium)
Die Materia
Medica („Medizinisches Material“) des Qānūn enthält 760 Medikamente mit Angaben
zu deren Anwendung und Wirksamkeit. Ibn Sina war der erste, der Regeln
aufstellte, wie ein neues Medikament zu prüfen sei, bevor es Patienten
verabreicht wird.
Die sieben Regeln
zum Experimentieren:
Die Droge
darf nicht durch Hitze, Kälte oder Nähe zu anderen Drogen beeinflusst sein.
Die Droge
darf nur bei einzeln auftretenden Leiden angewendet werden, nicht aber bei
kombinierten Krankheiten.
Die Droge
muss bei zwei gegensätzlichen Leiden getestet werden, um die Wirksamkeit auf
Ursache und Symptome zu überprüfen.
Die Potenz
der Droge sollte der Schwere des Leidens angemessen sein.
Die Zeit, die
eine Droge zum Wirken benötigt, sollte beachtet werden. Daraus lässt sich
schliessen, ob Symptome oder Ursache des Leidens gelindert wurden.
Der Effekt
der Droge sollte in allen Fällen gleich sein, oder zumindest in den meisten.
Experimente
sollten am Menschen und nicht an Tieren durchgeführt werden.
Ibn Sina
bemerkte die enge Beziehung zwischen Gefühlen und dem körperlichen Zustand und
befasste sich mit der positiven physischen und psychischen Wirkung der Musik
auf Patienten. Zu den vielen psychischen Störungen, die er im Qānūn beschreibt,
gehört auch die Liebeskrankheit. Wie es heisst, hat Ibn Sina die Krankheit des
Prinzen von Gorgan diagnostiziert, der bettlägerig war und dessen Leiden die
örtlichen Ärzte verwirrte. Ibn Sina bemerkte ein Flattern im Puls des Prinzen,
als er den Namen seiner Geliebten erwähnte. Der grosse Arzt hatte ein einfaches
Heilmittel: Der Kranke sollte mit seiner Geliebten vereint werden.
Paullinis „Heilsame Dreck-Apotheke“
Besondere
Verbreitung erlangte Paullinis Schrift „Heilsame Dreck-Apotheke“, die
zahlreiche Neuauflagen und Nachdrucke erfuhr. Das Werk bot eine umfangreiche
Sammlung von Rezepturen für die innere und äussere medizinische Anwendung
menschlicher und tierischer Ausscheidungen. Es bewegte sich im theoretischen
Rahmen zeitgenössischer Humoralpathologie, berief sich auf zahlreiche
Autoritäten der älteren und neueren Medizin, aber auch auf volksmedizinische
Praktiken von "Bauren, Schiffern und dergleichen schlechten Leuten"
und bietet zahlreiche Entsprechungen zu auch anderweitig bekannten Rezepten der
traditionellen und zeitgenössischen Medizin. Aber in der Fokussierung auf die
therapeutische Wirkung von Exkrementen, bei gleichzeitig enzyklopädischer
Breite der Darstellung aller denkbaren Anwendungsmöglichkeiten vom Haupt bis zu
den Füssen, war das Werk ein Novum, über das nach Ausweis der Vorrede von 1697
auch manches "Stumpf-hirn" unter den Zeitgenossen schon die Nase
rümpfte.
Dass so ein
ekelerregendes Werk zum Bestseller wurde hängt wohl mit der Wirkungslosigkeit
der übrigen mittelalterlichen Medizin zusammen, der Verfügbarkeit der
Kot-Medizin und nicht zuletzt den offensichtlich gefälschten Beispielen aus dem
täglichen Leben in Nah und Fern.
Christian
Franz Paullini fertigte seine Beweise gleich selber an:
http://dfg-viewer.de/show/?id=8071&tx_dlf%5Bid%5D=http%3A%2F%2Fdigital.ub.uni-duesseldorf.de%2Foai%2F%3Fverb%3DGetRecord%26metadataPrefix%3Dmets%26identifier%3D1720559&tx_dlf%5Bpage%5D=7
Paullini im
Spiegel der Wissenschaft
Übel
beleumundet ist Paullini in der historischen Forschung für seinen Anteil an der
Veröffentlichung oder auch Entstehung mehrerer Fälschungen vorgeblich
mittelalterlicher Quellen. Sein 1698 veröffentlichter Sammelband Rerum et
antiquitatum Germanicarum Syntagma enthielt ausser sechs eigenen Abhandlungen
und Chroniken auch elf bis dahin unbekannte mittelalterliche Quellentexte, von
denen u.a. das Chronicon Mindense und drei für die Geschichte des Klosters
Corvey relevante Texte – das Chronicon Hüxariense, die Annales Corbeienses und
das Carmen de Brunsburgo – seit dem 19. Jahrhundert als Fälschungen erwiesen
wurden und mit einiger Wahrscheinlichkeit Paullini zuzuschreiben sind, ebenso
wie einige weitere Quellen und Urkunden, die Paullini in seinen Dissertationes
historicae (1694) oder separat veröffentlichte oder in seinen historischen und
chronistischen Schriften anführt.
Thomas von Aquin (um 1225 – 1274)
Er war einer
der wenigen vorwärtsschauenden, klerikalen Philosophen. Für seine unzähligen Werke
die noch nie gedachtes ausdrückten musste er neue Wortschöpfungen kreieren, vor
allem Termini tecnici. Obwohl er schon vorwärts in die Renaissance schaute
blieb er doch in Vielem im Mittelalter gefangen.
Seine
Argumentationen stützen sich zu einem grossen Teil auf die sich im
Hochmittelalter wieder ausbreitenden Gedanken des Aristoteles, die er – selbst
Schüler des Begründers der mittelalterlichen Aristotelik, Albertus Magnus, – in
seinem universitären Wirken weitergibt und in seinen Werken mit der christlichen
Theologie verbindet. So identifiziert er den Unbewegten Beweger aus der Physik
des Aristoteles mit dem christlichen Gott.
Thomas,
geboren als Spross des italienischen Grafengeschlechts derer von Aquino, kam
mit fünf Jahren als „Oblate” - als gottgeweihtes Kind - zu den Benediktinern
ins Kloster auf dem benachbarten Montecassino, wo sein Onkel Abt war, der ihn
für eine grosse Karriere in der Kirche präparieren sollte. Mit 13 Jahren
studierte Thomas in Neapel Grammatik, Logik und Naturwissenschaften und lernte
dort den noch jungen, glaubensstrengen, kämpferischen und auf absolute Armut
ausgerichteten Dominikanerorden kennen, der 1231 von der römischen Kurie mit
der Durchführung der Inquisition beauftragt wurde. Schon lange stand nämlich
die Verfolgung von Ketzern im Zentrum der missionarischen Aktivitäten der
Benediktiner.
Thomas blieb
unbeugsam. Die Familie beauftragte einer Überlieferung zufolge deshalb eine
Frau von betörender Schönheit, um Thomas, den hauseigenen Häftling, endgültig
von seinen fundamentalistischen Überzeugungen abzubringen und ihn wieder zu
Sinnenfreuden zurückzuführen, doch selbst dieser letzte Versuch stiess bei dem
glaubensfesten Thomas auf Widerstand: er jagte die Dame mit einer brennenden
Fackel in die Flucht. Trotz dem liess ihn seine Mutter die den Verführungsplan
ausgeheckt hatte nicht frei. Erst mit Hilfe verkleideter Klosterbrüder gelang
Thomas die Flucht aus dem Familiengefängnis.
Erkenntnistheorie
Zu den
besonders bedeutenden Aussagen der thomistischen Erkenntnistheorie gehört ihre
Wahrheitsdefinition der adaequatio rei et intellectus, d. h. der
Übereinstimmung von Gegenstand und Verstand.
Thomas
unterscheidet zwischen dem „tätigen Verstand“ (intellectus agens) und dem „rezeptiven
oder möglichen Verstand“ (intellectus possibilis). Der tätige Verstand zeichnet
sich vor allem durch die Fähigkeit aus, aus Sinneserfahrungen (sowie bereits
geistig Erkanntem) universale Ideen bzw. allgemeingültige (Wesens-)Erkenntnisse
zu abstrahieren. Dagegen ist es der rezeptive Verstand, der diese Erkenntnisse
aufnimmt und speichert.
Die
Erkenntnislehre des Thomas von Aquin unterscheidet sich fundamental von der
Platons. Für Platon ist die Welt der sinnlich wahrnehmbaren Objekte nur ein
sehr unvollkommenes Abbild der eigentlichen Realität hinter den Dingen, was er
in seinem Höhlengleichnis veranschaulicht. Für Aristoteles und Thomas ist aber
die physische Existenz eine Vollkommenheit und nicht blosses Abbild von etwas
Höherem. Daraus ergibt sich, dass sich die platonische Ideenlehre, wenn
überhaupt, nur sehr beschränkt auf die thomistische Erkenntnislehre anwenden
lässt.
Anthropologie
Thomas’
Anthropologie weist dem Menschen als leib-geistiges Vernunftwesen einen Platz
zwischen den Engeln und den Tieren zu. Gestützt auf Aristoteles’ De Anima zeigt
Thomas, dass die Seele den Geist als Kraft besitzt, oder besser gesagt, dass
das Erkennen die Form der Seele ist (scientia forma animae), während die Seele
wiederum die Form des Leibes ist: Dies zeigt sich in der Formulierung anima
forma corporis. Weil der Geist („intellectus“) eine einfache, also nicht
zusammengesetzte Substanz ist, kann er auch nicht zerstört werden und ist somit
unsterblich. Der Geist kann auch nach der Trennung vom Leib seinen Haupttätigkeiten,
dem Denken und Wollen, nachkommen. Die nach der Auferstehung zu erwartende
Wiedervereinigung mit einem Leib kann zwar nicht philosophisch, wohl aber
theologisch erwiesen werden.
Ethik
In der Ethik
verbindet Thomas die aristotelische Tugendlehre mit christlich-augustinischen
Erkenntnissen. Die Tugenden bestehen demnach im rechten Mass bzw. dem Ausgleich
vernunftwidriger Gegensätze. Das ethische Verhalten zeichnet sich durch das
Einhalten der Vernunftordnung aus (Naturrecht) und entspricht damit auch dem
göttlichen Gesetzeswillen. Als Kardinaltugenden werden von Thomas prudentia
(Klugheit), iustitia (Gerechtigkeit), temperantia (Mässigung) und fortitudo
(Tapferkeit) bezeichnet. Unabhängig davon zu sehen seien die drei christlichen
Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. (Für Glaube, Hoffnung und Liebe ist der
Oberbegriff christliche Tugenden zwar gebräuchlich, aber richtiger sind es die
göttlichen Tugenden, nicht in dem Sinn, als seien sie Tugenden Gottes, sondern
dies meint, dass Gott das Objekt dieser Tugenden ist: Glaube an Gott, Hoffnung
auf Gott, Liebe zu Gott.)
Das höchste
Gut ist die ewige Glückseligkeit, die – im jenseitigen Leben – durch die
unmittelbare Anschauung Gottes erreicht werden kann. Es zeigt sich daran der Primat
der Erkenntnis vor dem Wollen.
Politische
Philosophie und Staatsdenken
Thomas von
Aquin war einer der einflussreichsten Theoretiker für das mittelalterliche
Staatsdenken. Dabei sah er den Menschen als ein soziales Wesen, das in einer
Gemeinschaft leben muss. In dieser Gemeinschaft tauscht er sich mit seinen
Artgenossen aus, und es kommt zu einer Arbeitsteilung.
Für den Staat
empfiehlt er die Monarchie als beste Regierungsform, denn ein Alleinherrscher,
der mit sich selbst eins ist, kann mehr Einheit bewirken als eine
aristokratische Elite. Hier müssen sich mehrere einigen, was immer nur zu einem
Kompromiss, also einer Angleichung, einer Anpassung, einer Aufgabe seiner
eigenen Meinung und Überzeugung führt. Ausserdem ist immer dasjenige am besten,
was der Natur entspricht, und in der Natur haben alle Dinge nur ein Höchstes.
Wie viele
Staatsdenker des Mittelalters zieht auch Thomas von Aquin den organischen
Vergleich zum Staatsgebilde heran. Hierbei sieht er den König, als Vertreter
Gottes im Staat, analog der Vernunft bzw. Seele für den menschlichen Körper,
dessen Glieder und Organe die Bevölkerung darstellen. Seine Erfüllung findet,
angelehnt an Aristoteles, jedes einzelne Glied in der Tugendhaftigkeit.
Den
Gedankengängen des Aristoteles folgend, legitimiert Thomas die Sklaverei aus
dem Naturrecht als sittlich und rechtmässig.
Theologie
Synthese von
antiker Philosophie und christlicher Dogmatik
Thomas
beansprucht, der Theologie den Charakter einer Wissenschaft zu geben (siehe
unten). Dies wird kirchlicherseits als eines seiner wesentlichen Verdienste
gesehen. Zur Klärung der Glaubensgeheimnisse zieht er dabei die natürliche
Vernunft heran, insbesondere das philosophische Denken des Aristoteles. Thomas
hat die Gegensätze aufgelöst, die zu seiner Zeit zwischen den Anhängern zweier
Philosophen bestanden: denen des Augustinus (der das Prinzip des menschlichen
Glaubens betont) und des wiederentdeckten Aristoteles (der von der
Erfahrungswelt und der darauf aufbauenden Erkenntnis ausgeht). Thomas versucht
zu zeigen, dass sich diese beiden Lehren nicht widersprechen, sondern ergänzen,
dass also einiges nur durch Glauben und Offenbarung, anderes auch oder nur
durch Vernunft erklärt werden kann. Vor allem in dieser Synthese der antiken
Philosophie mit der christlichen Dogmatik, die gerade auch für die Moderne von
unabschätzbarer Bedeutung sei, wird seine Leistung gesehen. Thomas konnte aber
1270 die Verurteilung des Aristotelismus durch den Bischof von Paris Étienne
Tempier nicht verhindern.
Natürliche
Theologie
Thomas von
Aquin legte im Rahmen der Philosophischen bzw. Natürlichen Theologie Argumente
dafür dar, dass der Glaube an die Existenz Gottes nicht vernunftwidrig ist,
sich also Glaube und Vernunft nicht widersprechen. Seine Quinque viae („Fünf
Wege“), dargestellt in seinem Hauptwerk, der Summa Theologica, hat Thomas
zunächst nicht als „Gottesbeweise“ bezeichnet, sie können jedoch als solche
aufgefasst werden, da sie rationale Gründe für Gottes Existenz darlegen. Die
Argumentationskette endet jeweils mit der Feststellung „das ist es, was alle
Gott nennen.“
Eucharistie
Prägend wurde
Thomas‘ Theologie auch für die katholische Eucharistielehre. Er wandte die
Begriffe der Substanz und der Akzidenzien auf das Geschehen in der heiligen
Messe an: Während die Akzidenzien, d. h. die Eigenschaften von Brot und Wein,
erhalten bleiben, ändert bzw. verwandelt sich demnach die Substanz der
eucharistischen Gaben in Leib und Blut des auferstandenen Christus, der
ebenfalls aus Seele und Leib besteht (Transsubstantiation). Charakteristisch
für die thomistische Eucharistielehre ist seine strenge Beobachtung
metaphysischer Prinzipien. So lehnt er die Multilokation ab. Christus ist in
den heiligen Gestalten an mehreren Orten präsent. Der Ort ist aber nicht der
Ort Christi (sein Ort ist jetzt im Himmel). Die örtliche und zeitliche
Bestimmung der heiligen Gestalten ist laut Thomas weiterhin die des ehemaligen
Brotes oder Weines.
In seiner
Summa contra gentiles geht Thomas u. a. auch auf die Hölle ein und übernimmt
dabei die Sicht von Augustinus. Er verwirft die Apokatastasis:
„…den Irrtum
derjenigen, die behaupten, dass die Strafen der Gottlosen irgendwann beendet
sein werden.“ (Summa contra gentiles)
Allerdings
führt er eine neue Begründung für die angenommene Endlosigkeit und
Grauenhaftigkeit solch einer Strafe ein, die aufgrund einer einzigen falschen
Entscheidung über den Menschen kommen soll:
„Die Grösse
der Strafe entspricht der Grösse der Sünde […] Nun aber wiegt eine Sünde gegen
Gott unendlich schwer, denn je höher eine Person steht, gegen die man Sünde
begeht, desto schwerer ist die Sünde.“
(Summa contra gentiles)
Er
argumentiert auch, dass die Strafen, die die Gottlosen erleiden müssen, sowohl
eine psychische oder seelische Seite (Gottesferne) als auch eine physische
Seite (körperliche Schmerzen) haben, so dass die Gottlosen also zweifach
gestraft seien.
Spiritualität
Thomas ist in
erster Linie wegen seiner Verdienste um die Theologie und die Philosophie in
die Geschichte eingegangen. Darüber hinaus wird sein Werk aber auch wegen einer
tiefen Frömmigkeit geschätzt.
Am
Nikolaustag 1273 soll Thomas laut einem Bericht des Bartholomäus von Capua
während einer Feier der heiligen Messe von etwas ihn zutiefst Berührendem
betroffen worden sein und anschliessend jegliche Arbeit an seinen Schriften
eingestellt haben. Auf die Aufforderung zur Weiterarbeit soll er mit den Worten
reagiert haben:
„Alles, was
ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich
gesehen habe.“
In der
Hagiographie (Heiligen Beschreibung) wird dieser Ausspruch als Reaktion auf
eine Gotteserfahrung gedeutet.
Dreieinigkeit
Der Trinität
der christlichen Lehre die sowohl Gott-Vater, Gottes Sohn Jesus und den Heilige
Geist in gleicher Weise als göttlich verehrten widersprachen schon in der
Antike die Arianischen Christen. Der Monotheistische Glaube erlaubte nur einen
Gott; Gottvater. Er war der einzige der nicht erschaffen wurde und schon immer
war.
Die
Dreieinigkeit bzw. Dreifaltigkeit oder Trinität Gottes sieht Thomas zwar als
ein Geheimnis (Mysterium), sie kann jedoch unter Zuhilfenahme der göttlichen,
d. h. biblischen Offenbarung teilweise „verstanden“ werden. Demnach ist der
eine Gott in drei Personen (Subsistenzen) die eine göttliche Natur und darum
gleich ewig und allmächtig sind. Weder der Begriff der „Zeugung“ beim Sohn
(Jesus) noch derjenige der „Hauchung“ beim Heiligen Geist darf Thomas zufolge
im wörtlichen bzw. weltlichen Sinne verstanden werden. Vielmehr ist die zweite
und dritte Person Gottes die ewige Selbsterkenntnis und Selbstbejahung der
ersten Person Gottes, d. h. Gott Vaters. Weil bei Gott Erkenntnis bzw. Wille
und Wesen mit seinem Sein zusammenfallen, ist seine vollkommene
Selbsterkenntnis und Selbstliebe von seiner Natur, also göttlich.
Auch war er gegen
das Verleihen gegen Zins, musste jedoch im Laufe seiner ökonomischen
Beschäftigung mit dem Thema von einem vollständigen Zinsverbot zurückstehen.
Frauenbild
"...
dass es notwendig war, dass die Frau wurde, wie die Schrift sagt, als Hilfe des
Mannes; freilich nicht als Hilfe irgendeines anderen Werkes, wie einige sagten,
weil ja zu jedem anderen Werk der Mann durch einen anderen Mann entsprechendere
Unterstützung fände als durch eine Frau; sondern als Hilfe zur
Fortpflanzung." (Summa Theologica I/92/1)
Der
wesentliche Wert der Frau liegt in ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem
hauswirtschaftlichen Nutzen.
Mädchen
entstehen durch schadhaften Samen oder feuchte Winde.
Die Frau ist
ein Missgriff der Natur ... mit ihrem Feuchtigkeits-Überschuss und ihrer Untertemperatur
körperlich und geistig minderwertiger ... eine Art verstümmelter, verfehlter,
misslungener Mann ... die volle Verwirklichung der menschlichen Art ist nur der
Mann.
"Hinsichtlich
der Einzelnatur ist das Weib etwas Mangelhaftes und eine Zufallserscheinung;
denn die im männlichen Samen sich vorfindende Kraft zielt darauf ab, ein ihr
vollkommen Ähnliches hervorzubringen. Die Zeugung des Weibes aber geschieht auf
Grund einer Schwäche der wirkenden Kraft wegen schlechter Verfassung des
Stoffes."
"Femina
es mas occasionatus" (= "Die Frau ist ein verfehlter Mann").
(Summa
Theologica I/92/1)
"Gemäss
diesem Unterordnungsverhältnis ist das Weib dem Manne von Natur aus
unterworfen. Denn im Manne überwiegt von Natur aus die Unterscheidungskraft des
Verstandes." (Summa Theologica
I/92/2)
Werke
Im Gegensatz
zu anderen grossen Philosophen wie etwa Albertus Magnus, der verschiedene Ämter
innehatte, gab sich Thomas ganz der Wissenschaft hin. Er schuf ein monumentales
Werk, das in sechs Kategorien eingeteilt wird:
Schriften,
die unmittelbar im Zusammenhang mit dem Unterricht entstanden sind:
Sentenzenkommentar
Quaestiones quodlibetales
Quaestiones disputatae
De spiritualibus Creaturis (engl. Übers. von C. R. Goodwin, Australian
Catholic University 2002, online; PDF; 1,0 MB)
Über die
Wahrheit
Über Seiendes
und Wesenheit
Kommentare zu
den Schriften von Aristoteles:
zur Logik
zur Physik
zu De caelo
et mundo
zu De
generatione et corruptione
zu Meteora
zu De anima
zu De sensu
et sensato
zu
Nikomachische Ethik
zur Politik
zur
Metaphysik
Weitere
Kommentare zu:
Dionysius Areopagita, De divinis nominibus
Liber de causis
Boethius, De trinitate
Boethius, De hebdomadibus
Kleinere
Schriften und Streitschriften wie
Über das Böse
Über Lüge und
Irrtum
Über die
Vollkommenheit des geistlichen Lebens
Über die
Herrschaft der Fürsten
Über die
Einheit des Intellekts gegen die Averoisten
Compendium
theologiae
Systematische
(Haupt)-Werke:
Summa contra
gentiles
Summa
theologica (Digitalisat)
Kommentare
zur Bibel
Zu Hiob
Zu Psalmen
(Psalm 1–51)
Zu Jeremia
Zu den
Klageliedern Jeremias
Zu Jesaja
Katenenkommentare
zu den vier Evangelien (Catena aurea)
Vorlesungen
zu Matthäus und Johannes
Vorlesungen
zu den Briefen des Apostels Paulus
Hymnen zum
Fronleichnamsfest
Sacris
solemniis (zur Matutin), mit den Schlussstrophen Panis angelicus
Verbum supernum
prodiens (zur Laudes), mit den Schlussstrophen O salutaris hostia
Pange Lingua
(zur Vesper) mit den Schlussstrophen Tantum ergo, Gotteslob 496
Lauda Sion
(Sequenz der Messe), dt. Gotteslob 545
Adoro te
devote, dt. Gotteslob 546
Die Summa
contra gentiles und insbesondere die Summa theologica bilden einen Höhepunkt
thomanischen Schaffens. Sein Werk wurde im 19. Jahrhundert von der
römisch-katholischen Kirche zur Grundlage der christlichen Philosophie erklärt.
Kampf der
Klerikal- gegen Laienärzte
Die meisten
Ärzte wurden in Klöstern ausgebildet, waren also an die Weisungen der Kirche
gebunden. Sie durften weder operieren noch forschen und untererlagen noch
weiterer Einschränkungen. Jedenfalls arbeiteten sie mit Gott dem Allmächtigen
zusammen.
Laienärzte
hatten oft eine bessere Ausbildung (Salerno) als ihre kirchlichen Kollegen.
Aber auch sie trafen die von der Kirche ausgesprochenen Forschungs- und Operationsverbote.
Somit konnte kein fruchtbarer Wettstreit der Schulen aufkommen, sondern meist
nur Konkurrenzneid der schlimmsten Art wie folgende Begebenheit zeigt:
Plazebomedizin
Fast alle
mittelalterlichen Medikamente waren wirkungslos, jedenfalls gegen die
Krankheiten gegen die sie eingesetzt wurden. Durch den starken Glauben an die
Heilkraft der Kräuter und die meist bewusst rituelle Einnahme konnte ein
starker Placeboeffekt entstehen. Den viel weniger kopflastigen Menschen des
Mittelalters gelang sicher eine innige Affirmation noch besser. Nur dank dieser
Tatsache hat die mittelalterliche Medizin vielleicht doch mehr genützt als
geschadet.
Fälschlicherweise
wurden auch als Heilerfolge der Medizin, Genesungen von Krankheiten die auch
ohne Behandlung abheilen würden, gewertet.







