Als Mutter noch Mehtér hiess.

Kurze Darstellung der Entstehung, Verbreitung und Entwicklung

der Europäischen Sprachen.


Alexander Jent, 2014

 

Inhalt:

 

Poppers „begründete Hypothesen“.                 2

Sprachrekonstruktion.                                2

Fremdwort, Lehnwort, Erbwort.                   2

Lautverschiebung.                                     3

Unvergängliche Namen.                             3

Geheimnisvolles  Baskisch.                         3

Was war vor den Indogermanen.                  4

Wer waren die Indogermanen.                    4

Die Sprache der Indogermanen.                  5

Indoeuropäische Wortgleichungen.           7

Ankunft der Indogermanen.                        8

Antike Leitsprachen.                                  8

Keltische Sprachen.                                   10

Finno-ugrische Sprachen.                           10

Ungarisch.                                                11

Finnisch                                                    11

Estnisch                                                    12

Rätoromanisch.                                         13

Kauderwelsch.                                           14

Rotwelsch.                                                14

Mattenenglisch.                                         15

Jenisch.                                                    15

Jiddisch.                                                   16

Romani und Sintitikes.                               17

Zimbrisch.                                                19

Sprachwanderung und Vermischung.                 20

Gräzismen (griechische Fremdwörter).       20

Arabismen.                                               21

Germanismen.                                           21

Deutsche Begriffe nach Gruppen klassiert.     23

Internationale Helvetismen.                        24

Wortverdrehungen.                                    24

Unechte Wortschöpfungen.                         25

Falsche Freunde.                                       25

Die „Unsichtbare Hand“.                             26

Franglais.                                                  26

Loi de Toubon.                                          27

Francisation.                                             27

Réimporte.                                                28

Moliere vs. Shakespeare.                            28

Anhang:                                                  

Makkaronische Dichtung.                            28                       

„Dunkelmänner-Briefe“.                             29

„Der eingebildete Kranke“.                         33

Protosprachen und ihre Töchtersprachen.   35

Hörbeispiele.                                             36

Informations-Quellen.                                36

 

Poppers „begründete Hypothesen“ .

Je weiter zurück die Ereignisse liegen desto unschärfer und umso vielfältiger sind die vorgeschlagenen Theorien zu den ursprünglichen Gegebenheiten.

Aber seit Karl Popper wissen wir ja, dass jede Wissenschaft, die die reale Welt beschreiben will – gleich ob Natur- oder Geisteswissenschaft –, nur induktiv ist und nicht zu wahren Aussagen sondern nur zu begründeten Hypothesen führen kann. In diesem Sinne ist die Rekonstruktion und Verwandtschaft von Sprachen immer eine Hypothese und nie deduktiv "beweisbar".

 

Sprachrekonstruktion

Rekonstruktion bedeutet in der historischen Linguistik, dass aus belegten Wörtern einer bekannten Sprache andere Wörter einer sprachlichen Vorstufe erschlossen werden, die bis dahin nicht belegt und nicht bekannt waren. Meistens wird aus mehreren verwandten Sprachen Begriffe mit derselben Wortwurzel verglichen und daraus das Urwort abgeleitet.

Gesetzten Falls, das Lateinische wäre verloren gegangen, ist es durchaus vorstellbar aus den  Folgesprachen dem Italienischen, dem Spanischen, dem Französischen und dem Rhätoromanischen durch Wortvergleiche, die tote Sprache zu rekonstruieren.

Sicherheitshalber werden in der Fachliteratur alle rekonstruierten Worte mit einem * bezeichnet. Wird dem Sprachnamen ein Ur- vorgesetzt handelt es sich ebenfalls  um eine rekonstruierte Sprache (z.B. Urindogermanisch). Der Begriff „Indogermanisch“ ist nur im deutschsprachigen Raum gebräuchlich, im übrigen Europa wird das Wort „Indoeuropäer“ bevorzugt, die beiden Bezeichnungen sind aber absolut synonym. Der dänisch-französische Forscher Conrad Malte-Brun kreierte 1810 den Begriff „langues indo-germaniques“.

 

Fremdwort, Lehnwort, Erbwort.

Alle europäischen Sprachen wurden durch Fremdeinflüsse erweitert. Im Gegensatz dazu, haben sich Erbwörter aus früheren Sprachschichten erhalten (siehe Unvergängliche Namen).

Fremdwörter sind leicht als solche zu erkennen, da sie mehr oder weniger wie in der originalen Gebersprache geschrieben und ausgesprochen werden. Wogegen Lehnwörter nur nach genauer Analyse erkannt werden können. Zum Beispiel das deutsche Fremdwort „Moneten“ kann über das Italienische „Moneta“,  das Spanische „monedas“, das französische „Monnaie“ einfach zum Wurzelwort dem lateinischen „Moneta“ zurückverfolgt werden. Anders verhält es sich beim Lehnwort „Münze“, obwohl es vom selben lateinischen Stammwort „Moneta“ abgeleitet ist, zeigt sich die Abstammung erst nach dem Herauslösen des Phenoms (Wurzelsilbe) und dem Einbezug der Lautverschiebungen und anderer Schriftreformen.

 

Lautverschiebung.

Die ersten Zeichen einer Lautverschiebung in der gesprochenen Sprache zeigen sich in der Schreibweise von Inschriften nach 500 v. Chr. In dieser Zeit stieg die indoeuropäische Sprache zum Germanischen auf. Von der neuen Sprechweise waren sowohl Vokale wie Konsonanten betroffen. So wandelte sich z.B. das griechische Wort κάνναβις „kánnabis“, im Urgermanischen nach der ersten Lautverschiebung in „*χanapiz“ um.

Die zweite Welle der Lautverschiebungen wogte ca. 1000 Jahre später über Germanien hinweg. Diesmal waren nur die Konsonanten von der Umlautung betroffen, so wurde z.B. aus P F, aus T S, aus D → T usw. Aus Schipp wurde Schiff, aus slapen - schlafen, aus Peper -Pfeffer, dat wat eten zu das was essen, das Timmer ist ein Zimmer und Vader wurde zu Vater.

Den Anstoss zu der neuen Lautung soll vom regen Kontakt der Germanen mit den in Norditalien ansässigen Langobarden herrühren. Die zweite Lautverschiebung brachte die erste Stufe des  Hochdeutschen (Althochdeutsch) hervor.

 

Unvergängliche Namen.

Gewässer-,Orts-,Berg- und Flussnamen sind sehr resistent gegen Umbenennungen. Fremde Neusiedler übernahmen häufig von den verbliebenen Einheimischen die alten Benennungen, gelegentlich hängten sie noch ein Wort aus ihrer eigenen Sprache an. Die Vaskonen (vor-indogermanisches Volk) nannten Flüsse einfach „Fluss“: „*Ibara“ (durch Lautwandel dann zu *Ebara geworden). Als indogermanische Stämme in die vaskonischsprachigen Gebiete einwanderten, übernahmen sie zwar den ihnen nichtssagenden Flussnamen „*Ebara“, hängten aber ihre Bezeichnung für „Fluss“ „*aha“ an. Nichtwissend, dass der Fluss nun „Flussfluss“ hiess.

Der Name „Rhein“ geht möglicherweise auf die indogermanische Wortwurzel „rei“ für „fliessen“ zurück. Aus dieser Wurzel entstanden u. a. auch das deutsche Verb „rinnen“, das altgriechische Verb „έω“ (fliessen), das altindische „ritih“ (Strom) und „rinah“ (fliessend), das lateinische „rivus“ (Fluss) – daraus dann spanisch „rio“ und englisch „river“.

Im Eizugsgebiet des Rheins haben sich folgende Bezeichnungen für den Fluss erhalten: rätoromanisch „Rein“, alemannisch „Rhy“, französisch „Rhin“, vorderpfälzisch „Rhoi“, südpfälzisch „Rhei“, lëtzebuergesch (luxemburgisch) „Rhäin“, ripuarisch (Plattdeutsch) „Rhing“, niederländisch, niederdeutsch „Rijn“, friesisch „Ryn“. Die Kelten nannten den Fluss „Rhenos“, die Römer „Rhenus“. Möglicherweise wurde der Name zuerst von der vorrömischen Bevölkerung im Quellgebiet des Rheines benutzt und dann von Kelten und Römern übernommen. Der Name könnte aber auch von den Kelten selbst eingeführt worden sein.

 

Geheimnisvolles Baskisch.

Baskisch ist eine „isolierte Sprache“, das heisst sie lässt sich in keine Sprachfamilie einordnen. Trotz unzähligen Versuchen, auch mit exotischen Sprachen, wie die der nordafrikanischen Berber, den mittelamerikanischen Indianern, der Sino-Tibetischen Bergbevölkerung und den Kaukasischen Nomaden fanden die Linguisten keine über Zufälligkeiten hinaus gehende Übereinstimmung mit dem Baskischen. Als eine frühe Form des Baskischen kann das „Aquitanische“ (Südfrankreich) gelten, das aber nur in etwa 500 Personen- und Götternamen auf lateinisch geschriebenen Grab- und Weihinschriften überliefert ist. Trotz der verhältnismässig wenigen Artefakte wurden überraschend viele lexikalische (wörtliche) Übereinstimmungen mit dem heutigen Baskisch festgestellt. So etwa: aquitanisch nesca „Wassernymphe“, baskisch neska „Mädchen“.

Das uralte 20 er Zählsystem (Vigesimal) bei dem nicht nur die Finger, sondern auch die Zehen mitgezählt werden, hat sich zumindest in den Zahlwörtern erhalten (auch im Französischen sind Reste des Vigesimal-System  noch vorhanden: quatre-vingts).

Im Mittelalter konnte sich das ländliche schriftlose Baskische nur schwer gegen die aufstrebenden romanischen Schrift- und Kultursprachen behaupten. Heute ist Baskisch das letzte lebende Bindeglied zu den vor-indogermanischen Sprachen.

Hörprobe Baskisch: http://youtu.be/I9Fw82uYw14

 

Was war vor den Indogermanen.

Vor ca. 40.000 Jahren besiedelte der aus dem Osten kommende Homo sapiens Europa. Der autochthone (alteingesessene) Neandertaler wurde von den in allen Dingen überlegenen Neusiedlern verdrängt (Trotzdem hat jeder Europäer 3-5% Neandertaler-Gene in seiner Gen-Helix, folglich fanden Liebesbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Spezies statt). Das Ostvolk brachte auch eine ausgereifte Sprache mit nach Europa, die wahrscheinlich ein Vorfahre der Baskischen Sprache ist.

Vor 20.000 Jahren überdeckte eine dicke Eisschicht Teile von Europa. Der Rest war eine lebensfeindliche Kältetundra, einzig das Gebiet um die Pyrenäen war noch fruchtbar und beherbergte noch jagdbares Wild. Dort im Land der Basken, drängte sich nun die europäische Restbevölkerung und wartete auf besseres Wetter. So hatten sie Zeit und Muse die bekannten Höhlen von Altamira, Las-caux und von Dordogne zu bemalen.

Nach vielen Generationen hellte sich der Himmel auf und es wurde wieder wärmer. Die Gletscher zogen sich langsam zurück und aus der kargen Tundra wurden wieder Wiesen und Wälder. Die Würm-Eiszeit (115.000 bis 10.000 v. Chr.) war vorbei (Traditionell werden Eiszeiten nach Flüssen benannt, die Würm fliesst durch Bayern).

Die Vaskonen, wie die Alteuropäer seit den Römern (lat. Vascones) genannt wurden, brechen vor etwa 10.000 Jahren von den Pyrenäen auf und verteilen sich wieder auf dem ganzen Kontinent. Man darf annehmen, dass nach dem engen Zusammenleben über 10.000 Jahre, sich eine Einheitssprache entwickelt hat, deren Nachfolgesprache das Baskische sein könnte.

 

Wer waren die Indogermanen.

Die indogermanischen Stämme lebten als Halbnomaden im Gebiet zwischen dem Schwarzen- und dem Kaspischen Meer. Sie gehörten zum Kreis der Schnurkeramik-Kultur (Die Schnurkeramik ist nach der charakteristischen Gefässverzierung benannt, bei der mit einer Schnur umlaufende Rillenmuster in den Ton eingedrückt wurden). Die Schnurkeramik-Kultur verdrängte die jungsteinzeitliche Trichterbecher-Kultur der Vaskonen (Alteuropäer).

Der indogermanische Wortschatz deutet auf eine eher feudale, patriarchalisch geschichtete Gesellschaft hin.

Ihre Toten beerdigten die Indogermanen mit angezogenen Beinen unter aufgeschütteten Grabhügeln, Männer lagen auf ihrer rechten Seite, Frauen auf der Linken, ihr Kopf hat „Blickrichtung“ Osten, Männer schauen nach Westen. Grabbeigaben waren Schmuckgegenstände und Geschirr bei Frauen, Männern legte man ihre Streitaxt bei. Wichtige Persönlichkeiten nahmen auch ihr Pferd mit ins Grab.

Die Indogermanen beherrschten den Ackerbau mit Pflug, die Viehzucht, und sie hatten bereits Karren mit Speichenrädern. Auch das Kaltschmieden von Kupfer gehörte zu ihren Fähigkeiten.

In Europa gab es nur an sehr wenigen Orten kleine Wildpferd Herden, in den kaukasischen Steppen hingegen lebten Pferde in grossen Verbänden, den Indogermanen gelang die Domestizierung und Nutzbarmachung der Wildpferde. Weiter hielten sie grosse Herden von Ziegen, Schafen und Rindern.

Auch Milchwirtschaft beherrschten die indogermanischen Bauern, was aber wegen der allen Menschen angeborenen Laktoseintoleranz im Erwachsenenalter zu Problemen führte (die Evolution richtete die Laktoseintoleranz wohl ein, um die Abgewöhnung von Kindern zu erleichtern und um dem Milchraub durch Erwachsene zu verhindern).

Aus Gentests wissen wir, dass die Alteuropäer erst noch einen Erbfortschritt machen mussten bis sie Milchzucker verdauen konnten. Dieser völkerübergreifende Prozess ist augenscheinlich immer noch im Gange, nur im nördlichen Europa lebende, erwachsene Einheimische sind praktisch durchgehend Laktose tolerant (Schweden 98%), weiter südlich nimmt die Toleranz deutlich ab (Südfrankreich 35%), in Deutschland liegt die Rate bei 85%. Genanalysen an Skeleten aus der Jungsteinzeit haben ergeben, dass östlich von Dänemark die ersten beschwerdefreien Milchtrinker lebten. Özi (ca. 3.000 v.Chr.) war noch Laktoseintolerant.

 

Die Sprache der Indogermanen.

Durch vergleichende Sprachforschung entdeckte William Jones (Indologe) bereits Ende des 18. Jahrhunderts, dass viele Sprachen in Europa und dem Vorderen Orient von einer gemeinsamen Ursprache abstammen müssen. Sowohl für Sanskrit, aus dem alle nachfolgenden indischen Sprachen und Dialekte (Hindi-Urdu, Bengali usw.) hervorgegangen sind, wie auch für alle europäischen Sprachen (ausser Ungarisch, Finnisch, Baskisch, Estnisch) ist die indogermanische Sprache die Matrix.

Bei den Sprachbildungsprozessen kämpften jeweils das Substrat („Sub“: unter „stratum: Schicht) gegen das Superstrat des Indogermanischen. Das heisst, die bestehende unterlegene Sprache behält gewisse Begriffe oder Betonungen usw. bei, bis die neue, überlegene Sprache sie übernimmt. So kreierten letztendlich beide Teile die neue Sprache, was auch die Vielfalt der indogermanischen Sprachen erklären könnte.

Es wird angenommen, dass das Indogermanische anfänglich „melodisch“ später „dynamisch“ geklungen hat. Betont wurde die erste Silbe, erst im Germanischen entwickelte sich die Erstsilbenbetonung zum späteren Prinzip der Stammsilbenbetonung weiter.

Indogermanisch war eine stark flektierende (beugende) Sprache. Die Beugung bezog sich auf einen Laut in der Wurzelsilbe, d.h. er konnte ausgetauscht werden, was eine grössere Freiheit im Satzbau und in der Wortbildung ermöglichte. Einzig im Färöischen, Isländischen und im Deutschen sind noch alle sieben Fälle aus dem Indogermanischen in Gebrauch.

Beispiel:

Brich    (dir kein Bein!)

Brech’  (… ich’s mir doch, so …)

Brach   (ich’s mir halt).

Gebrochen (hab’ ich’s mir)

Bruch   (mir zugezogen –)

Brüche (bzw. gleich mehrere)

Bräche (ich’s mir also nicht: wär’s besser!)

 

Mit über 3 Milliarden Muttersprachlern, werden die indogermanischen Sprachen von weitaus am meisten Menschen gesprochen (USA, Südamerika, Kanada, Australien, Indien, Südafrika, Europa usw.).

 

Indoeuropäische Wortgleichungen.

Auf der nächsten Seite sind einige wenige lexikalische Beispiele aufgeführt, die deutlich die enge Verwandtschaft unter völlig verschiedenen indogermanischen  Sprachen aufzeigen.

 

Ankunft der Indogermanen.

Zwischen 4000 und 3000 v. Chr. tauchten die ersten Indogermanen in Mitteleuropa auf. Die Alteuropäer lebten noch von der Jagd und dem Sammeln, sie hausten in kleinen Gruppen auf Waldlichtungen, wahrscheinlich in einer egalitären Sozialordnung mit matrilienear Struktur, worauf eine grosse Zahl weiblicher Figuren hinweist, die als Fruchtbarkeitsgöttinnen oder Stammesmütter gedeutet werden.

Die erste weitgehend friedlich verlaufene Invasion der Indogermanen, wird als die „agrarische“ bezeichnet. Die alteuropäischen Sammlerinnen bestaunten das Wunder des Ackerbaus, die Jäger das Schmieden des Kupfers. Bald vermischten sich die sich fremden Ethnien, nicht nur sprachlich.  

Die zweite, „militärische“ Invasion der Indoeuropäer, scheint wesentlich weniger friedlich verlaufen zu sein. Die autochtone Bevölkerung von Griechenland, die Pelasger, die eine hochentwickelte Kultur hatten, leisteten nach Kräften Widerstand gegen die in fast allen Bereichen überlegenen Invasoren.

Unter Athen befindet sich eine ausgedehnte Brandschicht, die sich auf das Jahr 2200 v. Chr. datieren lässt. Genauso muss Troja im selben Jahr durch eine Brandkatastrophe zerstört worden sein. Zur selben Zeit stand ein indogermanisches Heer in Griechenland, ausgerüstet mit den modernsten Waffen, wie Pferde mit Streitwagen. Es war wohl kein langer Kampf gegen die schwachen pelasgischen Stadtstaaten.

Die indogermanischen Eroberer werden von den meisten Historikern als Proto-Griechen eingeordnet, aus der Vermischung mit der mittelmeerischen Vorbevölkerung entstanden die frühen Griechen bzw. die Achäer und die mykenische Kultur. Während dieses Prozesses entwickelte sich auch die Vorläufersprache des Griechischen. 

„Aus der Vermischung von Indogermanen und nicht-indogermanischer Urbevölkerung sowie durch isolationsbedingte Differenzierung entwickelten sich die verschiedenen indogermanischen Volks- und Sprachgruppen, wie z. B. die Kelten, Germanen, Slawen, Italiker, Griechen, Iranier, Indoarier, Balten, Armenier, Thraker, Hethiter, Illyrer, Tocharer und andere“. (Marija Alseikaitė Gimbutas: Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen.1992.)

 

Antike Leitsprachen.

Griechisch und Latein waren die beiden grossen Kultursprachen der Antike, die bis in die Neuzeit Europa beeinflussen. Die medizinische Nomenklatur besteht fast durchwegs aus lateinischen (ca.400) und griechischen (ca.200) Begriffen. Unzählige Fremd- und Lehnwörter unterstützen alle europäischen Sprachen in einem präzisen Ausdruck und in der Wortneuschöpfung. Manchmal tauchen sogar beide Sprachen in einem Wort auf, wie in Tele-vision (gr.-lat.), Auto-mobil (gr.-lat.) Homo-sexualität (gr.-lat.)und weitere.

Die Vorläufersprachen des Griechischen entstanden nach der feindlichen Übernahme der pelasgesischen Stadtstaaten durch die indoeuropäischen Streitkräfte. Gleichzeitig stellten die Indoeuropäer die spätere griechische Bevölkerung. Über die Substratsprache ist sich die Sprachforschung uneinig, über einen Zusammenhang mit der minoischen Sprache Kretas wird spekuliert.

Mit Ausnahme der aramäischen und der chinesischen Sprache ist keine andere lebende Sprache über eine so lange Zeit schriftlich überliefert (über 3400 Jahre). Ellinikó Alfávito (Ελληνικό αλφάβητο) ist die Schrift, in der die griechische Sprache seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. geschrieben wird. Das Alphabet kam von den Phöniziern, wurde von den Griechen vervollständigt, an die Römer weitergegeben und verbreitete sich dann in ganz Europa.

In griechischer Sprache beginnt die europäische Literatur, Philosophie und Wissenschaft. Bedeutende Werke der Weltliteratur wie die homerischen Epen, die grossen Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides, die philosophischen Schriften von Platon und Aristoteles oder das Neue Testament sind auf Griechisch verfasst.

Latein entwickelte sich aus der Sprache der bereits indogermanisierten Latiner, die einen Stamm der Italiker bildeten, und die im Latinum (Lazio) mit der Hauptstadt Rom lebten. Die frühesten Zeugnisse reichen bis ins 5. oder 6. vorchristliche Jahrhundert zurück (Frühlatein), ab dem dritten vorchristlichen Jahrhundert liegen längere Texte vor (Altlatein), ihre volle Ausformung in der Gestalt des heute vor allem bekannten und gelehrten klassischen Lateins erreichte die (Schrift-)Sprache im ersten vorchristlichen Jahrhundert. Während sich aus der gesprochenen Umgangssprache, dem sogenannten Vulgärlatein, die romanischen Sprachen entwickelten.

 

Entstehung des ABC

Fremdarbeiter aus Kanaan (Palestina) in ägyptischen Diensten begegneten Hieroglyphen die sie jedoch nicht deuten konnten. Sie merkten sich aber die Phonetik mit der die Ägypter die einzelnen Hieroglyphen bezeichneten. Zur besseren Lernbarkeit des Gesprochenen, entnahmen sie den Hieroglyphen ein markantes Zeichen und abstrahierten es zu einem Buchstaben. So entstand zum Beispiel aus einem Profil das R, aus Wellenlienen das M und das A aus einem Dach. Damit übersetzten sie das logografischen Systemen der Hieroglyphen in eine phonographische Schrift.

Die Phönizier gaben die Lautschrift ihrem Handelspartner Griechenland weiter, dieser den Etruskern und diese teilten sie mit den Römern.

Im phönizischen ABC, dem die Griechen die fehlenden Vokale anstelle nur im Phönizischen notwendigen Laute beifügten (deshalb sind die Vokale verstreut im Alphabet), stehen die Buchstaben I und V gleichzeitig für die Vokale i, u und die Konsonanten j, v. Das Wort iuventus (Jugend) wurde folglich IVVENTVS geschrieben. Bis fast zum Untergang von Westrom bestand die lateinische Schrift ausschliesslich aus Majuskeln (Grossbuchstaben), erst mit der Weiterentwicklung der Schrift von der Unziale zur Halbunziale hielten Minuskeln (Kleinbuchstaben) Einzug in die lateinische Schrift.

Der Vielschreiber Kaiser Claudius (41–54 n.Chr.) (Römische Geschichte, 20 Bände Etruskische Geschichte, 8 Bände Karthagische Geschichte, 40 Bände Friedenspolitik, 8 Bücher über sein eigenes Leben, leider fast alles verloren), führte auch eine Schriftrevision durch, er setzte drei neue Schriftzeichen in das noch von den Phöniziern entwickelte Alphabet. Weiter führte er einen Punkt nach jedem Wort ein, da das Altlatein ohne Abstände zwischen den Wörtern geschrieben wurde, also eine echte „Schnüerlischrift“. Seine Änderungen hielten aber nicht über seinen Tod hinaus.

 

Im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ war Latein selbstverständlich Amtssprache, wie auch in Vatikan Stadt.

Bis zum heutigen Neulatein durchlief die antike Sprache folgende Entwicklungsstufen:

Frühlatein bis 240 v. Chr./ Altlatein 240–75 v. Chr./ Klassisches Latein 75 v.Chr.–1. Jh. / Spätlatein 2.–8. Jh./ Mittellatein 9.–15. Jh./ Humanistisches Latein 15.–17. Jh./ Neulatein17. Jh. bis heute.

Das Latein der römischen Schriftsteller blieb auch als tote Sprache bis in die Neuzeit die führende Sprache der Literatur, Wissenschaft, Politik und Kirche. Gelehrte wie Thomas von Aquin, Petrarca, Erasmus, Luther, Kopernikus, Descartes oder Newton haben ihre Werke in Latein verfasst.

Hörbeispiel:

Alt Griechisch       http://youtu.be/Q3uo_08EIbc     

Klassisches Latein:  http://youtu.be/6_IPqniaZR0

 

Keltische Sprachen.

Keltisch ist eine Sprache innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie und selber Mutter vieler Töchtersprachen wie dem Irischen, Schottisch-Gälischen, Walisischen, Bretonischen usw. Es wird zwischen festland- und inselkeltischen Sprachen unterschieden. Das ältere Festlandkeltisch umfasst das Gallische, das Keltiberische, das Lepontische und das Galatische, alle diese Sprachen sind ausgestorben. Auf dem europäischen Festland lebt nur noch in der Bretagne eine keltische Sprache, allerdings ein Abkömmling der inselkeltischen Sprachen (Kornisch), die bei einer Massenflucht aus Cornwall nach nord-west Frankreich gelangte. Noch etwa 250 000 Menschen verstehen die bretonische Sprache, aber die meisten bretonischen Muttersprachler sind über 60 Jahre alt. Die UNESCO klassifiziert das Bretonische als „Ernsthaft gefährdete Sprache“.

Anders auf den Britischen Inseln und in Irland, immerhin sprechen noch 700 000 Briten Walisisch, ca. 60.000 Schottisch-Gälisch. Mit Kornisch (Cornwall) und Manx (Isle of Man) läuft seit längerem ein Wiederbelebungsversuch, an dem sich fast 6.000 Personen beteiligen.

An der Westküste Irlands wird fleckenweise noch von ca. 70 000 Personen Irisch-Gälisch gesprochen, zudem haben 1,6 Millionen Iren Gälisch als Fremdsprache erlernt.

Hörbeispiele:

Bretonisch                http://youtu.be/s47ljbRd3k8

Gälisch-Irisch          http://youtu.be/oE3e_AEbHJ4   

Gälisch-Schottisch http://www.youtube.com/watch?v=6kZuBzY1iHc

Manx                    http://www.youtube.com/watch?v=N92tMYPHZ-A

Cornish       http://www.youtube.com/watch?v=-boCJhBxyYE

 

Finno-ugrische Sprachen.

Ausser dem vorindogermanischen Baskisch sind die Finno-ugrische Sprachen Ungarisch, Finnisch und Estnisch die einzigen nicht indogermanischen Sprachen in Europa. Die Sprachen entstammen dem Proto-Uralischen, wegen des hohen Alters (6-7.000 Jahre) ist es schwierig den genauen Ausgangspunkt der Sprache zu finden. Man nimmt allgemein an, dass sie im zentralen oder südlichen Uralgebiet mit einem Zentrum westlich des Gebirgszuges zu lokalisieren ist. Vor ca. 5.000 Jahren trennte sich das Finno-ugrische vom Uralischen und zog westwärts.

 

Ungarisch.

Wohl bereits 1000 v. Chr. kann man die Trennung des Ungarischen von den ugrischen Sprachen ansetzen. Die Ungarn (Selbstbezeichnung Magyaren) zogen seit 500 n. Chr. zusammen mit türkischen Stämmen westwärts und erreichten und eroberten das schwach besiedelte Karpatenbecken 895 n. Chr.

Der früheste erhaltene Text in ungarischer Sprache ist die „Leichenrede” (halotti beszéd) vom Ende des 12. Jahrhunderts.

Als nicht indogermanische Sprache benötigt das Ungarische ein erweitertes Alphabet. Zusätzlich enthält es die Digraphen: cs, dz, gy, ly, ny, sz, ty, zs und der Trigraph: dzs, als eigene Buchstaben. Weiter zählen auch Ö, Ő, Ü und Ű, im Gegensatz zum Deutschen, als Buchstaben des Alphabets. Dafür verzichtet das Ungarische auf die vier Buchstaben: Q, W, X, Y, die höchstens mal in Fremdwörtern oder alten Familiennamen vorkommen. So erreicht das ungarische Alphabet, je nach Zählweise, 40 oder gar 44 Zeichen.

Hörbeispiel: http://youtu.be/vWfWTxvu_8U

 

Finnisch.

Suomi (Eigenbezeichnung) ist eine recht junge Sprache. Zwar liegt die Entstehung der Ursprache (Uralisch) schon 6-7.000 Jahre zurück, aber durch fast fortlaufende Fremdherrschaft (Schweden 12 Jrh.- 1806, Russland 1809- 1917) wurde das Finnische unterdrückt, gleichzeitig schlichen sich mehrheitlich schwedische, aber auch russische Fremdwörter ein. Zudem beeinflussten schon in prähistorischer Zeit germanische und baltische Sprachen das Finnische.

Erst nachdem Finnland 1809 als Grossfürstentum Finnland unter die Herrschaft des russischen Zaren gekommen war, begann sich ein finnisches Nationalbewusstsein zu entwickeln. Es formierte sich eine als „Fennomanen“ bezeichnete Bewegung, die die finnische Sprache zur Kultursprache entwickeln wollte. Im frühen 19. Jahrhundert fehlten der Sprache hierfür aber noch alle Voraussetzungen. Die Grammatik war nie systematisch erfasst worden, und der Wortschatz spiegelte das Alltagsleben der bäuerlichen Landbevölkerung wider, entbehrte aber fast aller für Verwaltungs- und Kulturzwecke erforderlichen Vokabeln.

Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnene Aufbau eines finnischsprachigen Schulwesens führte bis zur Jahrhundertwende zur Bildung einer gebildeten finnischsprachigen Bevölkerungsschicht, und bis zum zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hatte sich Finnisch zu einer vollwertigen Kultursprache entwickelt. In diesem Zusammenhang wurden zahlreiche Wörter geschaffen, die in der finnischen Sprache bis dahin nicht existiert hatten. Den Idealen der finnischen Nationalbewegung folgend, wurden die neuen Wörter dieser Zeit fast ausnahmslos nicht durch Lehnwörter, sondern gänzlich neu gebildet, oft durch Abwandlungen alter finnischer Wörter. So entstanden Begriffe wie „tietokone“, wörtlich „Wissensmaschine“ für Computer oder „puhelin“ von puhua (sprechen) für „Telefon“. „Kielitoimisto“, eine staatliche Kommission gibt regelmässig Empfehlungen ab, welche finnischen Äquivalente es zu den neu aufgetauchten Fremdwörtern gibt.

Im Finnischen unterscheiden sich die geschriebene und gesprochene Sprache deutlicher voneinander als in den meisten anderen europäischen Sprachen. Die Unterschiede sind sowohl lautlicher als auch grammatikalischer Natur.

Hörbeispiel:  http://youtu.be/KbfV8vcnKFE

 

Estnisch.

Estnisch (Eigenbezeichnung: eesti keel) ist die dritte finno-ugrische Sprache in Europa. Das Estnische ist mit dem Finnischen eng verwandt, nur eine entfernte Verwandtschaft besteht zur ungarischen Sprache. Prägend für das Estnische war die Besetzungszeit im 19. und 20. Jahrhundert durch Dänen, Schweden, Deutsche und Russen. Vor allem die Zeit unter der Russischen Herrschaft von 1721 bis 1918 hinterliess Spuren. Um ein gestärktes Nationalbewusstsein und Bestrebungen nach kultureller Autonomie zu unterbinden, fand eine gezielte Russifizierung statt.

Als das Land 1918 seine Unabhängigkeit erlangt hatte, folgte in sprachpolitischer Hinsicht ein bedeutender Wandel. Doch schon nach dem 2. Weltkrieg fiel Estland wieder unter russische Gewalt. Die Sowjetunion unterdrückte die finnische Kultur, wie dereinst die Zaren, durch ihre Politik einer radikalen Russifizierung. Zehntausende Esten wurden durch die rote Armee deportiert und im Gegenzug wurden ethnische Russen in Estland angesiedelt. So sank die Zahl der Esten von 88% vor Kriegsbeginn auf 61,5% im Jahre 1989, während die Zahl der Bürger mit ostslawischen Muttersprachen im gleichen Zeitraum von 8,2% auf 35,2% stieg.

Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 kam es zu Spannungen zwischen der neuen estnischen Regierung und der russischsprachigen Bevölkerung um den Status der ehemaligen Okkupanten. Die tolerante estnische Gesetzgebung  erlaubte der russischen Minderheit entweder nach Russland zurückzukehren, die estnische Staatsbürgerschaft zu beantragen oder als Staatenlose unbefristet im Land zu verweilen. Die Bestrebungen der Regierung, möglichst viele der 2007 noch 130.000 Staatenlosen einzubürgern und die Kenntnis der estnischen Sprache zu verbreiten, führen nur langsam zu Ergebnissen. Jedoch ist festzustellen, dass 1989 etwa 67% der Bevölkerung Estnisch beherrschten, 2008 aber bereits 82 %.

Hörbeispiel:   http://www.youtube.com/watch?v=8RIuILWJHQs

 

Rätoromanisch

„Verwilderte“ Etrusker sollen die Räter gewesen sein, die vor der keltischen Invasion (400 v. Chr.) der Poebene in die Alpen geflohen waren. Es könnte aber auch, wie Theodor Mommsen der Altvater der modernen Geschichtsforschung meint, umgekehrt gewesen sein; „die Etrusker seien vielleicht sogar eher „zivilisierte Räter“ gewesen, als dass letztere „verwilderte Etrusker“ gewesen wären“.

Es braucht einen kräftigen Spiritus asper (rauer Hauchlaut) um „Rhaitoí“ Griechisch richtig auszusprechen. Dieses Urwort ist seit dem 2. Jahrhundert die Bezeichnung für das unbekannte Bergvolk. Wer Rhätien mit h schreibt (Rhätische Bahn) übernimmt den griechischen Wortstamm, das lateinische Folgewort „Raetia“ wird ohne h geschrieben.

Neuste archäologische Forschungen haben ergeben, dass zwischen der etruskischen und der rätische Sprache eine enge Verwandtschaft besteht, somit ist auch das Rätische, wie das Etruskische, keine indoeuropäische Sprache.

Nach dem siegreichen Alpenfeldzug 15 v. Chr. legte sich die lateinische Superstrat-Sprache über die einfachen, bäuerlichen Altsprachen die in der Abgeschiedenheit der Bergtäler Jahrhunderte unverändert bestand hatten. Prägend für die unterlegenen vorrömischen Substrat-Sprachen waren das von den Soldaten gesprochene Vulgärlatein. In den schwer zugänglichen Alpentälern wird sich der Sprachwandel zwar über Jahrhunderte hingezogen haben. Trotzdem konnten sich in den romanisierten Sprachen nur noch wenige Erbwörter der Altsprachen behaupten.

Der fröhliche Gruss der Rätoromanen „Allegra!“ ist die übrig gebliebene Kurzformel des ursprünglichen „Cha Dieu ans allegra!“ (möge Gott uns erfreuen!).

„Lingua materna“ ist die inoffizielle Hymne der Engadiner und Münstertaler Rätoromanen.

Tschara lingua da la mamma, tü sonor rumantsch ladin,

tü fawella dutscha lamma o go t`am eu sainza fin!

In teis suns, gur eir in tschüna m`a la mamma tscharezza,

e tschanzuns dell Endschadina nell`uralia m`a tschanta,

e tschanzuns dell Endschadina nell uralia m`a tschanta.

Liebe Sprache der Mutter, du wohlklingendes Romanisch des Engadins,

du süsses, weiches Sprachvermögen, oh wie liebe ich dich ohne Ende.

Als ich in der Wiege lag, hat mich die Mutter in deinen Klängen

geherzt und hat mir Engadinerlieder in die Ohren gesungen.

 

Gesungene Version:

http://www.musicanet.org/cgi-bin/epeios.cgi?_target=gesbib&_skin=Musica&_session=&_language=de&ApplyQuery=&!Profile=CRV&Field=1908&Comparison.43=2&Pattern.43=002252&Table=19

 

Kauderwelsch.

Über die Herkunft des Begriffs „Kauderwelsch“ (abwertende Bezeichnung für eine verworrene Sprechweise, für ein unverständliches Gemisch aus mehreren Sprachen oder eine unverständliche fremde Sprache) gibt es verschiedene Hypothesen. Luther bezog das Wort auf die Rätoromanen (der Chauderwelschen oder Churwallen kahle Glossen), so dass es ursprünglich die „welsche Sprache der Einwohner von Chur, Churwelsch, Churer-Welsch“ bedeutet. Chur war bis Mitte des 15. Jh. romanischsprachig (Welsch) und wurde dann erst nach und nach germanisiert. Vor allem in der Phonation kann man heute noch deutlich das Romanische der Substratsprache heraushören. Der Begriff „Kauderwelsch“ nahm dann schrittweise die allgemeine Bedeutung „unverständliche Sprache“ an.

Hörprobe: http://www.youtube.com/watch?v=-FGxhNBzDfA


Rotwelsch.

Rotwelsch ist ein Sammelbegriff für sondersprachliche Soziolekte gesellschaftlicher Randgruppen auf der Basis des Deutschen. Der Rotwelsche Jargon setzt sich vor allem aus Jiddisch, Romani (Roma), Sintitikes (Sinti), Niederländisch, Französisch und Umdeutungen deutscher Wörter zusammen. Von der ehemaligen „Gaunersprache“ haben es über 70 Wörter in den Duden geschafft:

Wolkenschieber: „bettelnder Handwerksbursche“

Schocher, Schokelmei: „Kaffee“, von jidd. schocher majim „schwarzes Wasser“

Schmuh: „Profit, unredlicher Gewinn, Pfusch“.    

Stachelinus, Stachelingo: „Igel“

schinageln: „arbeiten“ von jidd. schin- („Schub-“) und jidd. agolo „Karre“.

Polente: „Polizei“.    

Model, Maudel, Mudel, Muldel: „Frau, Mädchen“

Muss: „Mädchen, Frau, Dirne“, von dt. Mutze, „Vulva“, oder dt. Musche, „Hure“.

Stenz: „Stock, Prügel“, auch „Zuhälter, Penis“

Kober: „Wirt“, von jidd. kowo, kübbo „Schlafkammer, Bordell, Hütte, Zelt“; davon auch ankobern „anmachen, Freier aufreissen“

kaspern: „reden“     fechten: „betteln“     Bulle: „Kriminalbeamter, Polizist“

Bock: „Hunger, Gier“, von romani bokh „Hunger“, daraus auch dt. umgangssprachlich: Bock haben „Lust haben“.

baldowern: „auskundschaften“, von jidd. baal „Mann“, und jidd. dowor „Sache,      Wort“.

Bibberling: „kalte Jahreszeit“; Hitzling: „warme Jahreszeit“ (kein Frühling/Herbst)

Indem die Sprecher durch den Erwerb der Sondersprache zu Mitgliedern der Sprachgemeinschaft werden und sich untereinander als Mitglieder einer Gruppe von Eingeweihten zu erkennen geben, besitzt das Rotwelsche ausserdem eine besonders bei sozial ausgegrenzten Gruppen wichtige identitätsbildende und integrative, den Zusammenhalt der Gruppe und das Zugehörigkeitsgefühl stärkende Funktion.

Hörbeispiel:   http://www.youtube.com/watch?v=wql8L2rhzgI

 

Mattenenglisch.

Am Aare-Ufer unterhalb Bern lag ein kleiner Hafen unweit der „Inneren Enge“. Die „Matte“ war ein Quartier in dem hauptsächlich ärmere Familien wohnten. Zudem bevölkerten Durchreisende, Schiffer, Flösser, Handwerker, Gaukler, Taschenspieler, Gauner und Handelsreisende die Aare-Schlaufe. In der Matte herrschte ein babylonisches Sprachengewirr, Jiddisch, Rotwelsch, Französisch, Hebräisch, Jenisch, Griechisch, Italienisch usw. Die „Mätteler“ schnappten dieses und jenes fremde Wort auf und konstruierten daraus eine Geheimsprache, die sie noch im Stile des „Pig Latin“ durch eine kryptische Silbenrochade für Aussenstehende endgültig unverständlich machten (siehe Film). Zum Ärger der bernischen Patrizier konnte nun das Gesinde und die Taglöhner ungeniert vor ihren Herrschaften plaudern was sie wollten ohne Sanktionen befürchten zu müssen (die Patrizier benutzten längst, um ihre Intimsphäre zu schützen, eine „Geheimsprache“; das Französische).

Andreas:      Ändu ->Indu-e,    Res -> Isre,    Resu -> Isure,    Resli -> Islire

Johanna:     Hanne -> Innehe,   Hannele -> Innelehe,   Hanni -> Innihe,          

Hanneli -> Innelihe,     Johanna -> Ie-ihe-inne  

Bäregrabe:  Irebe-ibegre

Quellen: http://www.margotmargot.ch/matteaen.html

             http://www.meistereddy.ch/menglisch.htm

 

Ein bekanntes Beispiel für Mattenenglisch ist „Tunz mer e Ligu Lehm“ (Gib mir ein Stück Brot). Der Beginn dieses Satzes stammt von griechischen Wörtern ab: dos = gib, oligon = ein wenig. „Lehm“ ist hingegen aus dem hebräischen lechem = Brot abgeleitet.

 

Jenisch.

Die Sprache der „Fahrenden“ war das aus dem Rotwelsch entsprungene Jenische. Die eigene Sprache festigte den Zusammenhalt der „Fahrenden Republik“ die in Österreich, der Schweiz, Deutschland, den Benelux-Staaten und Frankreich wechselnde Domizile hatte.

Erste Belege für die Jenische Sprache finden sich in den „Baseler Betrügnissen“ von 1450, wo eine Wortliste die Sprache wiedergibt, die sich mit dem noch heute gesprochenen Jenisch deckt.

Eine andere frühe Quelle ist der „Liber Vagantorum“ von 1510. „Es beschreibt die Sprache als Medium des Rechtsbruchs und die Sprecher als delinquent“ (Friedrich Kluge, 1901 (ND 1987), S. 175f).

Eine weitere Nennung findet sich in einer „Diebsliste“ von 1716. Sie bezieht sich räumlich auf Schwaben, die Aufgelisteten werden als „Rauber, Dieb, Beitel-Schneider und Jauners-Bursch (Falschspieler)“ kategorisiert.

Mit Beutelschneider wurde im Mittelalter ein Dieb bezeichnet, der den am Gürtel befestigten Geld- oder Almosenbeutel samt Inhalt abschnitt. Das obrigkeitliche Etikett vom „herrenlosen Gesindel“ war darauf zurückzuführen, dass dieser Bevölkerungsteil rechtlich durch ein flächendeckendes staatliches Betretungs-, Aufenthalts- und Duldungsverbot, ökonomisch durch nur ambulant praktizierbare Nischentätigkeiten und gesellschaftlich durch das Stigma des potentiellen Straftäters marginalisiert war.

Die Schweiz erkennt seit ihrer Unterzeichnung der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen das Jenische als Minderheitensprache an.

An Wallfahrten und Festen, zum Beispiel der Feckerchilbi in Gersau (Schweiz), treffen sich ortsfest, temporär ortsfest oder nicht ortsfest lebende Jenische. Diese Treffen sind wichtige Orte der Sprachpflege, des Spracherhalts und der jenischen Kommunikation über Familien- und Landesgrenzen hinweg.

Viele Worte aus dem Jenischen haben ihren Platz in der deutschen Umgangssprache gefunden. Im folgenden etwas künstlichen Text von Angelika Kopečný (1980, S. 173f.) zeigen sich die vielen Wortübernahmen aus dem Jenischen in Kursiv Schrift.

„Wenn ein kesser oder fieser Macker in die Kneipe latscht, dort über die Saure-Gurken-Zeit quasselt und sich über seine Maloche beklagt. Wenn er dann noch einen Bullen um Moos anhaut, der ganz ausgebufft gerade seinen Kiez abgrast und ganz im Eimer ist, weil er einen Bock auf Fusel hat, ist der Feez vorbei. Es fetzt natürlich, wenn man … den Pauker in der Penne verkohlt oder im Kittchen pooft.“

 Hörprobe: https://www.youtube.com/watch?v=aS0qUOSEyr8


Jiddisch.

Jiddisch (kurz für jiddisch-daitsch, jüdisch-deutsch) ist eine rund tausend Jahre alte Sprache, die von den aschkenasischen Juden in weiten Teilen Europas gesprochen und geschrieben wurde und von einigen ihrer Nachfahren bis heute gesprochen und geschrieben wird.

Die aschkenasischen Juden trennten sich 16. Jahrhundert von den sephardischen Juden die auf die Iberische Halbinsel weiterzogen. Beide Gruppen bildeten ihre eigene Sprache aus, die Sephardisten das „Judenspanisch“, die Aschkenasi das „Jiddisch-daitsch“.  Die hauptsächlichen Gebersprachen des bald tausendjährigen Jiddischen sind nach allgemeiner Meinung das Germanische, Hebräische, Aramäische, Romanische und Slawische.

Heute wird Jiddisch als Muttersprache noch von aus Osteuropa stammenden betagten Juden, von einer kleinen, aber regen Anzahl sogenannter Jiddischisten und ganz besonders von ultraorthodoxen aschkenasischen Juden gesprochen.

Man schätzt, dass weltweit etwa eine Million aschkenasischer Juden Jiddisch sprechen.

Das „Judendeutsch“ hat seine Spuren auch in der deutschen Sprache hinterlassen:

Beispiele: Schlamassel, Massel, meschugge, Mischpoke, Schickse, schikkern, Schmonzes, Schmonzette, Tacheles, Stuss, Tinnef, Schtetl, Kassiber, Schmiere, Schmock, Haberer (ostösterr. „Kumpel, Freund“), Ganove, petzen, Reibach, Kaff, Chuzpe.

Nimmt man alle vorhandenen etymologischen Wörterbücher zur Hand, findet man insgesamt 124 Jiddismen die in der deutschen Sprache vorkommen. Viele dieser Wörter sind aber letztlich hebräischen Ursprungs.

Noch einige bekannte Sprichwörter in der Originalform:

Der mentsh trakht un got lakht.   "Der Mensch denkt und Gott lacht."

Keyner zet nit zayn eygenem hoyker.  "Keiner sieht seinen eigene Buckel."

Bay nakht zenen ale ki shvarts.     "Nachts sind alle Kühe schwarz."

Shtil vaser grobt tif.     "Stille Wasser gründen tief."

Di tsayt iz der bester dokter. "Die Zeit ist der beste Doktor“ (Zeit heilt alle Wunden).

Hörbeispiel:    http://www.youtube.com/watch?v=msXoInq243c

 

Romani und Sintitikes.

Romani (auch Romanes genannt) ist die Sprache der Roma, die zur indoiranischen Sprachfamilie wie Urdu und Hindi gehört, die Ausgangssprache dürfte Sanskrit gewesen sein. Anfang des 13. Jahrhunderts lösten sich die Roma vom indischen Subkontinent und wanderten westwärts. Romani hat sich somit seit mehr als 800 Jahren unabhängig von anderen indischen Sprachen entwickelt, davon seit mindestens 700 Jahren in Europa. Anfänglich unterlag das Romani vor allem der Kontaktsprache Griechisch, wie es in der byzantinischen Periode gesprochen wurde. Bei ihren Wanderungen nahmen die teilnomadischen Roma Wortfetzen auf, die die indischen Erbwörter verdrängten. Am Beispiel der Zahlwörter der Roma, an denen 10 Sprachen beteiligt sind, erkennt man den Einfluss der verschiedenen Kontaktsprachen auf das indischstämmige Romani.

Indische Erbwörter:   jek = 1,  dui = 2,  trin = 3,  schtar = 4,  pansch = 5,          

                               schob = 6,   desch = 10,   deschdejek = 10+1,   deschde

                               dui = 10+2, usw., bisch = 20, schel = 100.

Aus dem Griechischen:   efta = 7,   ochto = 8,   enja = 9,   trianda = 30,                                                  

                                    saranda = 40,   penda = 50.                                        

Türkischen:        doxan = 90

Ungarischen:      seria, izero = 1000.

Alternative Zahlwörter:

Schwedischen:    enslo statt jek = 1

Lettischen:         letteri statt schtar = 4

Estnischen:        kuus statt schob = 6,   seize statt efta = 7

Rumänischen:    mija = 1000

Tschechischen:   tisitsos = 1000

Deutschen:        tausento = 1000.

 

Der Wortschatz des Romani ist also stark von der Migration seiner Sprecher geprägt. Im Wörterbuch Romani-Deutsch-Englisch (1994) haben sich nur noch rund 700 Lexeme indischen Ursprungs erhalten, ferner aus der Anfangszeit der Migration rund 70 aus dem Persischen  (noch weitgehend ohne arabischen Einfluss), 40 aus dem Armenischen und 230 aus dem Mittelgriechischen der byzantinischen Periode.

Die Sinti sind eine Teilgruppe der europäischen Roma, ihre Sprache (Sintitikes) ist eine Varietät des Romani. Sie leben in Mittel- und Westeuropa sowie im nördlichen Italien und gelten als die am längsten in Mitteleuropa lebende und als die grösste Roma-Gruppe. Das Ethnonym „Sinti“ ist seit dem späten 18. Jahrhundert belegt. 1787 tritt es als „Sende“ in der „Sulzer Zigeunerliste“ auf, dann 1793 als „Sinte“ in einer Darstellung preussischer „Zigeuner“.

Die Sprache der Sinti zeigt an, dass es sich bei ihnen um die älteste in deutsches Sprachgebiet zugewanderte Teilethnie der Roma handelt.

Seit 1407 ist die Anwesenheit der Sinti in Deutschland (Hildesheim) belegt. Bald wurden die „Zigeuner“ von Amtes wegen verfolgt. Das Gesetz verlangte drakonische Strafen z. B. für unerlaubten Grenzübertritt, da die Sinti nirgends ein Bleiberecht, eine Duldungsfiktion oder eine Durchzugserlaubnis erhielten, waren sie zu fortlaufenden illegalen Grenzüberschreitungen gezwungen. Die Strafe bei erstmaligen Verstoss gegen das Einreiseverbot war ein „Staupenschlag“ (Auspeitschen am Pranger) bei der zweiten  Grenzübertretung wurde der Eindringling gebrandmarkt und beim dritten Mal hingerichtet. Zum Glück fanden die scharfen Gesetze häufig milde Richter. Mit „summarischen Prozessen“ verhinderten sie die vorgeschriebenen Bestrafungen.

„Während in Frankreich bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Staat angesichts der Erfolglosigkeit seiner bisherigen Sicherheits- und Ordnungspolitik zur Domizilierung der „Bohémiens ou Egyptiens“ überging, galt das in den Staaten des Alten Reichs verbreitete Konzept der „Vertilgung“ bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es ist jedoch festzustellen, dass es eine erhebliche Differenz zwischen Normsetzung und Normumsetzung gab. Selbst in den Jahren rücksichtslosester Vorschriften gab es immer zugleich auch die Vergabe von Pässen und Wohlverhaltensattestaten und die grundsätzliche Möglichkeit, als „pardonierter Zigeuner“ in die Mehrheitsgesellschaft zu wechseln“. (Ulrich Friedrich Opfermann, 1997)

Die Nazizeit war der absolute Tiefpunkt für die Volksgruppe der Sinti. „Insgesamt wurden an die 15.000 Menschen aus Deutschland zwischen 1938 und 1945 als ‚Zigeuner‘ oder ‚Zigeunermischlinge‘ umgebracht, davon etwa 10.500 in Auschwitz-Birkenau.“ (Michael Zimmermann, 1996, S. 381)

Musik spielt im Alltag der Roma häufig eine grosse Rolle, musikalische Darbietungen nehmen bei Festen in der Regel eine zentrale Stellung ein. Sie ist also nicht eine Beschäftigung nur für einige Musikenthusiasten, sondern tief in der Kultur verwurzelt und Teil der Alltagskultur. Weil die Musik stets auch dem Broterwerb diente, nahm sie immer schon Elemente aus den umgebenden Klienten-Kulturen auf. Es entwickelten sich als regionale Varianten der Roma-Musik sehr unterschiedliche Stile und Instrumentierungen. In Spanien, vor allem in Andalusien, haben die Kalé (Gitanos) den Flamenco stark geprägt. International bekannt wurde Manitas de Plata. Als Jazz-Musiker erlangte der französische Sinto Django Reinhardt internationalen Rang. Eine grosse Zahl von Sinti-Musikern sah und sieht sich in dessen Nachfolge.

Heute ist in mehreren europäischen Staaten (darunter auch Deutschland und Österreich) Romani eine offiziell anerkannte Minderheitensprache.

Hörbeispiel (schöner Film):   http://www.youtube.com/watch?v=Z7k14sEkUW8

Hörbeispiel: http://www.youtube.com/watch?v=t47806EtiIU

 

Zimbrisch.

Im 11. Jahrhundert flohen Bauern und Holzfäller aus Bayern und dem Tirol vor der mittelalterlichen Bevölkerungsexplosion, die eine schwere Hungersnot auslöste, über die Alpen und liessen sich in den unzugänglichen Hochplateaus der venetischen Alpen nieder. Dort entstand ein bayrisch-tirolerischer Dialekt; das Zimbrische. Von der Welt vergessen, hielten die Zimbern beinahe tausend Jahre ihren Dialekt fast unverändert, er ist somit die älteste, nur noch von wenigen Menschen gesprochene deutsche Mundart.

„Das echte Zimbrische besass durch seine ungetrübten Vokale und Endsilben, durch die gerundeten Laute, die eigenen Quantitäten und den schweren, feierlichen Tonfall eine erstaunliche Klangfülle“. (Bernhard Wurzer, 1983)

Die Zimbern nennen ihre Sprache einfach nur „Ren az be biar“ („reden wie wir“).

 

Zimbrisches „Vater unser“                 Wörtliche Übersetzung

Ügnar Bàatar, ba pist in hümmel,         Unser Vater, wo bist im Himmel,

zai gahòlighet dar dain naamo,          sei geheiligt [der] dein Name,

as khèmme dar dain Regno,              uns komme [der] dein Reich (regno),

zai gamàcht bia du bill,                     sei gemacht wie du willst,

bia in hümmel, azò in d’éerda.           wie im Himmel, also in der Erde.

Ghitzich hòite ’z ügnar pròat              Gib uns heute [das] unser Brot

bon allen taghen,                              von allen Tagen,

borghit ozàndarn d’ügnarn zünte         vergib uns [anderen] unseren Sünden

bia bràndare borghéban                    wie wir [andere] vergeben

bèar hatzich offéndart,                      wer hat uns Leid angetan (offendere),

mach as bar net bàllan in tentatziùum, mach uns wir nicht fallen in Versuchung,

ma liberàrzich bon allen béetighen. sondern (ma) befreie (liberare) uns von

allem Bösen.

Hörbeispiel: http://youtu.be/9lB9qU8l-DE

 

Sprachwanderung und Vermischung.

Duden-Chefredakteur Werner Scholze-Stubenrecht hat errechnet, dass „von den rund 140.000 Begriffen des heutigen Duden hat etwa jedes vierte fremdsprachliche Wurzeln. Jeweils etwa 3,5 Prozent stammen aus dem Englischen und dem Französischen. Jeweils etwa fünf bis sechs Prozent stammten aus dem Lateinischen und Griechischen. Ein fortlaufender Zeitungstext erreicht beispielsweise etwa 8 bis 9 Prozent Fremdwörter, werden nur Substantive, Adjektive und Verben gezählt steigt der Anteil auf etwa 16 bis 17 Prozent.“

Einige wenige Beispiele von Latinismen:

Alternative, Amateur, Aperitif, Brief, Büro, Zeremonie, Kalorie, Camping, Kasino, Kultur, Dilettant, Diva, Doktor, Familie, Fenster, Frucht, Gaudi, Gurgel, Horror, Industrie, Genie, Jux, Likör, Luxus, Mantel, Demenz, mollig, Moral, Orient, Pelz, Speise, Perücke, Pflanze, Prater, privat, Querulant, Radieschen, Rosen, Seide, Seife, Satire, seriös, Sex, Sekt, sauber, Socken, Wein.

Weitere Latinismen (mit Wurzelwörtern): http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_lateinischer_Lehn-_und_Fremdwörter_im_Deutschen

 

Gräzismen (griechische Fremdwörter).

Monarchie, Ballett, Problem, Bar, Bibel, paradox, Elektrizität, Erotik, exotisch, Homosexualität, Idee, Idiot, Kino, Kosmetik, Melodie, Meter, Pantomime, Parodie, Telefon, Pirat, Plastik, Poesie, Polizei, praktisch, Horoskop, Atom, Utopie, Zoo, Tragödie, Tisch, Rhinozeros, Orchester, Musik, Katalog, Klima, Grafik, Cannabis, Christus, Butter, Anekdote, Autopsie.

Weitere Gräzismen unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Gräzismen

Arabismen.

Auch aus dem Arabischen sind Begriffe ins Deutsche gewandert, wenn auch einige Wörter eigentlich arabische Gräzismen sind.

Admiral, Algebra, Alkohol, Baklava, Borretsch, Chemie, Gamasche, Gitarre, Haschisch, Kaffee, Kaliber, Kamel, Kebap, Koffer, Minarett, Mokka, Moschee, Nadir, Scheich, Zenit, makaber, Matratze, Sofa, Tarif, Zucker.

Weitere Arabismen (mit Quellwort) unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Arabismen

 

Germanismen.

Auch aus dem Deutschen übernahmen anderen Sprachen Fremd- und Lehnwörter. Nachfolgend einige wenige Beispiele:

Albanisch:

Auspuh – Auspuff / banknotë – Banknote / gepek – Gepäck / muzikant – Musikant / shnicel – Schnitzel / slitë – Schlitten / tankshtell – Tankstelle / valcer – Walzer / shrafciger – Schraubenzieher / lajtmotiv – Leitmotiv.

Arabisch:

رايخ (raaych) –  Reich; gemeint ist das Deutsche Reich

باغر (bagger) – Bagger (Syrien)

بيرة (biira) –    Bier

هرش (hirish) –    Hirsch; umgangssprachlich für Wild

 

Bosnisch/Kroatisch/Serbisch

("h" entspricht "ch", "š" wie "sch")

Anlaser – Anlasser / badekostim – Badekostüm / bluza – Bluse / cajti – die Zeiten / drek – Dreck / fergazer – Vergaser / ferije – Ferien / frizerski – Frisör / frštuljiti – verstehen / fušer – Pfusch / hoštapler - Hochstapler / kuplung – Kupplung / rikverc – Rückwärtsgang / šnicla – Schnitzel / špacirung – Spaziergang / vic – Witz, cu fuz – zu Fuss / pekar – Bäcker / šlager – Schlager / veker – Wecker.

Bulgarisch:

Auspuh – Auspuff / vunderkind – Wunderkind / flejta – Flöte / fojerwerk – Feuerwerk / kitch – Kitsch / lajtmotiv – Leitmotiv/ mjusli – Müsli / pauza – Pause poltârgajst – Poltergeist / shvester – Schwuler / shpion – Spion.

Dänisch:

besoffen – besoffen / bessermachen – einmischen / flygel – KonzertFlügel / gejst – Geist / liebhaver – Liebhaber / snitsel – Schnitzel / schæchte – schächten / schæfer – Schäferhund / polterabend – Polterabend / weltschmerz – Weltschmerz.

Englisch:

Ahnentafel / Angst / Konzertmeister / diktat  -  “Weary Iraq accepts UN diktat.” / Doppelgänger / Dummkopf / Entscheidungsproblem / Fahrvergnügen / Fest / fohn – Föhn / Fräuleinwunder – moderne Frau der 50er / Geist - Geist, Seele, Engel / Gemütlichkeit / God's Acre – Gottesacker / Götterdämmerung / Hände hoch / Hausfrau / Heiligenschein / Hinterland / Herrenvolk / Jugendstil / Kaffeeklatsch / kaputt / Katzenjammer / Kindergarten / Kitsch / Kummerspeck (Word of the Year 2011) / Künstlerroman / Lebensraum / Leitkultur / Lumpenproletariat / Müsli / Mummenschanz / Nacht und Nebel / Ostpolitik / Poltergeist / Realpolitik / Rosenkavalier / Schadenfreude / Schweinehund / Sprachgefühl / Umwelt / Weltanschauung / Weltschmerz / Zeitgeist / Zugzwang.

Französisch:

Bandonéon / Berufsverbot / benzine – Benzin / chopine – Schoppen / choucroute – Sauerkraut / ersatz – billiger Ersatz / fœhn / foudre –Fuder / Gemütlichkeit / gestalt – Gestalt / karcher – Hochdruckreiniger / képi – Kappe / Kitsch / Lehm / Leitmotiv / loustic – Witzbold; von: lustig / nouille – Nudeln / Poltergeist / rollmops – Rollmops / rösti – Rösti / schlague – Schlag / Schnaps / Stiefmutter / Sturm und Drang / valse – Walzer / Wienerli / schubladisation – Schubladisierung /  Neinsager / Bloedmann /  Heimweh / Fernweh / witz – sehr abwertender Witz.

Griechisch:

Alt – halt / kaput – kaputt / Kartofi – Kartoffel / kits – Kitsch / bira – Bier / Poltergeist / gastarbaiter – Gastarbeiter / pretsel – Brezel / snitzel – Schnitzel.

Italienisch:

Brindisi - bring dir’s (Trinkspruch) / chellerina – Kellnerin / ermellino – Hermelin / francobollo - Franko  (Briefmarke) / guarnire – garnieren / Hinterland / laccamuffa – Lackmus / langravio – Landgraf / lista – Liste / minnesinghero - Minnesänger / ratto – Ratte / rubare – rauben / snello – behende / trincare – trinken.   

Hebräisch

בירה (Bira) – Bier / שלוק – Schluck / / שניצל – Schnitzel / ביס – Biss / פיינשמקר – Feinschmecker / שטרודל – Strudel; auch für @ / צימר (Zimmer) – Fremdenzimmer. (Viele weitere Begriffe aus dem Jiddischen)

Japanisch

ainzattsu – Einsatz in der Musik / arubaito – Arbeit / dopperugengā – Doppelgänger / enerugī – Energie / enerugisshu – energisch / gemainshafuto – Gemeinschaft / gipusu – (medizinischer) Gips / haimu – Heim / yanma – Jammer / kirushuwassa – Kirschwasser / kontorabasu – Kontrabass / kuranke – Kranker / meruhen – Märchen / noirōze – Neurose / orugasumusu – Orgasmus / runpenpuroretariāto) – Lumpenproletariat / tsaitogaisuto – Zeitgeist / wandāfōgeru –Wandervogel / zawākurauto – Sauerkraut / yakke – Windjacke.

Finnisch

Besserwisser / bratwursti – Bratwurst / flyygeli – Klavierflügel / kippis – Prosit; von: Kipp es / kahvipaussi – Kaffeepause / taskulamppu – Taschenlampe / mysli – Müsli / polttarit – Polterabend / veto – Wette / lied – (deutsches) Lied.

Russisch

Achtung – Homosexueller (abwertend) / Bruderschaft / burgomistr – Bürgermeister / buterbrod – Butterbrot / bjustgalter – Büstenhalter / endschpil – Endspiel / gastarbajter – Gastarbeiter / knopka – Knopf / maljar – Maler / mjusli – Müsli / Schnaps / Schrift / schpriz – Spritze / schtorm – Sturm / schtrejkbrecher – Streikbrecher / Traktor / traur – Trauer / Wunderkind / Zugzwang / Forel' – Forelle.

 

Weitere Germanismen unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_Wörter_in_anderen_Sprachen#Andere_Sprachen

 

Deutsche Begriffe nach Gruppen klassiert.

Germanismen kommen in fast allen westlichen Sprachen und darüber hinaus vor. Der Begriff „kaputt“ schaffte es bis Uganda, „Wandervogel“ sogar bis Japan. In ungefähr 40 Sprachen kommen Germanismen vor. Manchmal diente Deutsch auch nur als Transfersprache, so verbreitete sie das französische „délicatesse“ in alle Welt. Manchmal unterliegen die Lexeme einer totalen Sinnumwandlung, so z.B. geschehen Anno 1784 als französische Soldaten zum ersten Mal in einem deutschen Haus ein Oberlicht sahen. Ein Offizier zeigte auf das ihm unbekannte Dachfenster und fragte: “Was ist das?“. Die umstehenden Soldaten meinten nun ein Oberlicht heisse: „vasistas“. Bis heute ist diese Bezeichnung in Frankreich in Gebrauch.

Die Aufteilung in Wortgruppen kann Hinweise auf die Mentalität, sowohl des Gebervolkes wie des Nehmervolkes aufzeigen. Einige Ausdrücke unterliegen dem Soziolekt und werden deshalb nur von bestimmten Bevölkerungsschichten verstanden und angewendet.

Die unten angeführten Beispiele kommen alle in mehreren Sprachen vor, die militärischen Ausdrücke meist nur in den Sprachen der am 1. und 2. Weltkrieg beteiligten Völker.

 

Militärisches Deutsch.

Führer, Nazi, Bunker, Panzer, Blitzkrieg, Herrenvolk, Marsch, Kriegsspiel, Luftwaffe, Reich, Anschluss, Diktat, Zugzwang, Sturmangriff, Schadenfreude.

Das Deutsch der Philosophen.

Sturm und Drang (aufklärerische Literatur Phase), Weltschmerz, Zeitgeist, Weltanschauung, Leitmotiv, Geist, Künstlerroman, Kobold, Poltergeist, Wunderkind, Besserwisser, Neinsager, Doppelgänger.


Küchendeutsch.

Delikatesse, Bier, Schnitzel, Eisbein, Brezel, Müesli, Strudel, Sauerkraut, Kirsch, Bratwurst, Rollmops, Rösti, Schlag(sahne), Kartoffel, Speck, Hackfleisch, Nudeln, Meerrettich.

 

Deutsche Gemütlichkeit.

Krummhorn, Glockenspiel, Hammerklavier, Kontrabass, Flöte, Lied, Schlager, Bier, Lustig, Gemütlichkeit, Polterabend, Walzer, Kindergarten, Kirmes, Bürgermeister, Bergsteiger, Edelweiss, Jodel, Kitsch, Witz.

 

Gastarbeiter.

Neben Begriffen aus der Arbeitswelt haben sich in den klassischen Gastarbeiterländern (ausser Italien) vor allem Bezeichnungen rund ums Auto eingebürgert.

Schiebedach, Kupplung, Anlasser, Scheibenwischer, Rückwärtsgang, Pedal, Auspuff, Autobahn, Geschäft, Schraubenzieher, Bohrmaschine, Kaputt, Maler, Lackierer, Schlosser, Zeitnot, Meister, Streikbrecher, Lumpenproletariat, Schwitzen, Eisberg, Stempel, Heimweh, Wecker, Fertig.

 

Hof und Hund.

Hab und Gut, Burgfräulein, Kammerdiener, Hochstapler, fälschen, Landgraf, Zeremonienmeister, Gärtner, Hauswart, Kaiser, Nachtwächter, Schäferhund, Spitz, Dackel, Dobermann, Riesenschnauzer, Hundekommando, Sitz, Halt, Bleib, Steh, Auf, Such, Fuss, Apport, Hier, Aus.  

 

Internationale Helvetismen

Vom (Hoch-) Alemannischen Schwyzertütsch, mit nur ca. 4 Mio. Muttersprachlern, stammen teilweise weltweit benutzte Begriffe wie:

Müesli    (fälschliche Weise Müsli geschrieben),

Putsch    (aus dem Luzernischen: stossen, zusammenstossen)

Föhn      (gemeint ist Haartrockner)

Store      (Jalousie)

Rösti

Wienerli

 

In Schweden verwendet man für den verdeckten Recherchestil in der Art von Günter Wallraff das Verb „wallraffa“.


Wortverdrehungen.

Seit der Entstehung der verschiedenen Sprachen in Europa, gab es auch einen regen Austausch von Wörtern, die meist etwas Neues, in der eigenen Kultur nicht vorhandenes bezeichneten. So musste logischerweise erst bei der Einführung des Rades, ein Wort dafür gefunden werden. Aber meist wurde die bestehende Bezeichnung übernommen, weshalb es zu verschiedenen Wortgleichungen in den europäischen Sprachen kam.

Kreative Sprachmanipulationen durch den Volksmund, ergaben neue Wortgebilde die eigene Klassen beanspruchen. 

 

Unechte Wortschöpfungen.

Die Gruppe der Pseudo-Anglizismen macht den grössten Teil der bedeutungsverschobenen Fremdwörter aus. Zum Beispiel, wird der Begriff „Handy“, weder in England (mobile) noch in den USA (cell) für Mobiltelefone gebraucht.

Auch „Smoking“ kommt im englischen Vokabular mit dieser Bedeutung nicht vor. „Tuxido“ nennen ihn die Amerikaner, „Dinner Jacket“ die Britten.

Ein anderes Beispiel ist „Beamer“ als Synonym für „Video-Projektor“. In der US-amerikanischen Umgangssprache bezeichnet „beamer“ aber einen BMW, in Grossbritannien ist das Wort ein Fachausdruck für eine bestimmte Art des Wurfs beim Cricket. Ein Video-Projektor heisst im Englischen „video projector“ oder „digital projector“.

Der Begriff „Oldtimer“ für ältere Autoraritäten, bedeutet im englischen Sprachraum „alter Mann“. Englisch: „vintage car“ oder „antique car“

 

Falscher Freund.

Als falschen Freund bezeichnet man ein Paar aus einem fremdsprachigen Wort und einem Wort der Muttersprache, das sich in Schrift oder Aussprache ähnelt, jedoch in der Bedeutung deutlich unterscheidet. Also lässt sich nicht jede phonetische oder grammatikalische Übereinstimmung, auf ein indogermanisches Wurzelwort zurückführen. 

 

Falscher Freund     Richtige Bedeutung                  Übersetzung

Falscher Freund

 

hose              Hose                 (Wasser-)Schlauch                   pants, trousers

hateful           hasserfüllt          abscheulich                            full of hate

underarm      Unterarm           Achselhöhle                             forearm

eagle             Igel                   Adler                                      hedgehog

curious           kurios                neugierig                                weird, strange

dutch             deutsch             holländisch, niederländisch           german

fan                 Fan, Anhänger          Ventilator                               fan

public viewing Public Viewing          öffentliche Aufbahrung             public screening

                           eines Leichnams  

schmuck         Schmuck          Trottel, Schwachkopf               jewel(le)ry

gift                Gift                   Geschenk                                poisen

undertaker     Unternehmer         Totengräber                            entrepreneur

 

Bei häufiger und dauerhaft falscher Verwendung kann ein Wort aber auch die ursprüngliche Bedeutung aus der anderen Sprache übernehmen, und die Falscher-Freund-Übersetzung wird so zum Standard: Zum Beispiel wird „realisieren“, was im Deutschen bis vor einiger Zeit nur die Bedeutung „verwirklichen, umsetzen“ hatte, heute mindestens ebenso häufig im Sinne von „wahrnehmen, bemerken, erkennen“ (wie engl. to realize/realise) verwendet. Diese Bedeutung ist nunmehr auch vom Wörterbuch des Duden-Verlags anerkannt.

Auch das Wort „geil“ hat eine bemerkenswerte Sinnveränderung erfahren, im Mittelalter meinte der Begriff  „fröhlich“, später bezeichneten die Bauern aufgeschossene, aber magere Pflanzen als „geil“, nachdem Goethe einem Faun ein „geiles Schwänzchen“ (Künstlers Morgenlied) angedichtet hatte, wurde das Wort meist nur noch hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen, bis in den 1980er Jahren die Jugendlichen, um die Elterngeneration zu schockieren und Aufmerksamkeit zu erlangen, bei jeder Gelegenheit „geil“ ausriefen. Durch den überhäufigen Gebrauch des Wortes, ebbte die provokante Komponente rasch ab und heute gilt „geil“ als Synonym für „schön“ (Duden). 

 

Auch aus dem Schweizerdeutschen gibt es einen Falschen Freund im Deutschen. Der Begriff „Müsli“ wird als Diminutiv von „Mus“ verwendet, im alemannischen  Schwyzertütsch bedeutet Müsli aber eine kleine Maus, Frühstücksflocken werden „Müesli“ (Birchermüesli) genannt. Leider ist dieser Falsche Freund bereits in ganz Europa verbreitet.

 

Die „Unsichtbare Hand“.

Die „unsichtbare Hand“ ist eine Metapher, die die Lenkung vieler absichtsloser Einzelleistungen ist, die zu dauerhaften Veränderungen führen können.

In der Ökonomie ist es die „unsichtbare Hand“, die die Selbstregulierung des Marktes steuert. Die Soziologie beschreibt damit Phänomene von ungewollt entstandenen Strukturen, die jedoch aussehen wie von einer Planungsinstanz angelegt.

Prof. Dr. Rudi Keller`s Trampelpfadtheorie beschreibt den Verlauf des richtigen Weges durch die „unsichtbare Hand“. Keller beobachtete die Wege der Studenten über den Universitätscampus. Da der Mensch aus Zeit- und Energieersparnis normalerweise den kürzesten Weg wählt, entstanden auf den Rasenflächen Trampelpfade zwischen den häufigsten Anlaufstellen der Studenten. Es zeigte sich klar, dass die Architekten, die lange an der Wegführung gearbeitet hatten, nicht das Optimum erreichten, im Gegensatz zu der Masse der Studenten die gedankenlos über den Rasen gingen und so ungewollt einen neuen Weg schufen.

„Auch ein Autostau ist demnach ein Phänomen dritter Art (unsichtbare Hand), bremsten die Fahrer doch nicht deswegen ab, um eine Verstopfung der Strasse herbeizuführen. Jeder bremste aus Sicherheitsgründen etwas stärker als der Vorausfahrende ab, bis schliesslich ein Auto komplett stoppen muss. Niemand hat den Stau geplant (erst recht nicht der zuerst bremsende) und doch herrscht Stillstand.“ (Rudi Keller, 2003)

In der Linguistik wird der Sprachwandel durch die „unsichtbare Hand“ herbeigeführt. Ohne Absicht der Sprechenden wandeln sich die jeweils gültigen Normen des Sprachgebrauchs in einem evolutionären Prozess der unsichtbaren Hand. Was auf individuellen Ebenen beginnt, weitet sich durch häufigen Gebrauch bestimmter Sprachformen weiter aus bis sie zum Standard werden.

 

Franglais

In Frankreich wird von Staates wegen die Reinheit der französischen Sprache vor der Invasion von Anglizismen verteidigt. Direkt dem Premierminister unterstellt ist die federführende „Commission générale de terminologie et de néologie“. Sie beauftragt unterschiedliche Institutionen, wie die Académie française, Académie des sciences, Association française de normalisation (Afnor), l'Institut national de la langue française, Association Défense de la langue française usw., mit dem Aufspüren von Neologismen (Neuwörter) und der Schöpfung von französischen Synonymen. Bereits besteht ein Wörterbuch „franglais-français » mit über 8.000 Einträgen.

Beispiele:

computer     ordinateur

software      logiciel

SMS            texto

serial killer   assassin multirécidiviste

making of    les coulisses du tournage

coming out  confession d’homosexualité

Burn-out     syndrome d’épuisement professionnel

bike            vélo tout terrain

fast food      restauration rapide

 

(Wikipedia France: Franglais)

 

Loi de Toubon.

Schon General De Gaulle stemmte sich vehement gegen das Einsickern von Anglizismen in die Sprache der Grande Nation. Verständlich, nach den beiden Weltkriegen waren über 2 Millionen Engländer längere Zeit in Frankreich stationiert und als Befreier in engen Kontakt mit der Bevölkerung.

Der französische Kulturminister Jacques Toubon erliess 1994 ein Gesetz (Loi de Toubon, spöttisch: Loi Allgood), das die obligatorische Verwendung des Französischen in allen Gesellschaftsbereichen stipulierte. Eine Verfassungsklage wegen des Verstosses gegen das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit erreichte aber, dass die Verpflichtung zum Gebrauch der französischen Ersatzwörter gestrichen wurde.

So lange als Französisch die beherrschende Weltsprache war (im 12. und 13. Jahrhundert, in der Aufklärungszeit und zwischen etwa 1880 und 1940), wurden Anglizismen schneller integriert. Bereits um 1710 wurden Begriffe wie: „baby“, „plaid“, „pickpocket“ oder „entertainment“ offiziell anerkannt. Napoleon 1er, legalisierte „fashonable“ und „bitter“, obwohl auch in diesen Worten absolut „unfranzösische“  Buchstaben und Buchstabenfolgen vorkommen (k,w,y,ck,sh).

Arbeitgeber die ihre Mitarbeiter zwingen z.B. englischsprachige Gebrauchsanweisungen für ihre Arbeitsgeräte zu akzeptieren, werden immer häufiger gerichtlich verurteilt.

Wohin die Verletzung solcher Bestimmungen führen kann, zeigt der (Extrem-)Fall von Hunderten von Krebskranken in Epinal, die mangels einer Übersetzung der Gebrauchsanweisung eines Apparates verstrahlt worden waren – für mindestens sechs von ihnen mit tödlichem Ausgang.

 

Francisation.

Oft müssen die französischen Sprachwächter schnell reagieren, bevor sich ein englisches Unwort etabliert, oder gar, durch Anhängen lediglich eines französischen Suffixes, sich in die französische Sprache einschleicht.

Beispiele:

un rockeur   francisation de l'américain rocker.

un rappeur   est un chanteur de rap.

un zappeur  personne qui monopolise la télécommande.                                    

forwardé      pour avant.

travelingue pour travelling, abréviation française de travelling shot.

googler        recherche dans Google

le Ouèbe      pour le Web.

ouaouh        pour wow !, c'est-à-dire oh la la ! ou bravo.

le foute       pour foot, abréviation française du jeu de football.

(Wikipedia France: Franglais)

 

Réimporte.

Kurios sind Begriffe, die als Gallizismen nach Grossbritannien auswanderten, und nun im neuen Sprachgewand nach Frankreich zurückdrängen, jedoch von den französischen Behörden abgewiesen werden.

So gründet der Begriff „mail“ auf dem französischen „malle-poste“ (Postkutsche), die Sprachwächter bestanden aber auf ihrer Wortschöpfung: „courrier électronique“ (courriel). Auch der Begriff „Budget“, der auf das Alt-Französische „bougette“ (Sack, Koffer) zurückgeht, durfte kein Revival feiern, er wurde durch "financement d'une action“ ersetzt.

Weitere englische Begriffe französischen Ursprungs:

challenge              chalenge               Herausforderung

marketing             marché                 Markt

management         ménagement         Haushalt

tennis                   tenez                   Halten

denim                   de Nîmes              von Nîmes

mayday                m'aider                Hilf mir (int. Notruf)

pony                    poulenet               Kleines Pferd

 

Moliere vs. Shakespeare.

Die Abwehrschlacht von Molieres Sprachsoldaten gegen Shakespeares Eindringlinge ist kaum zu gewinnen, denn das französische Volk entscheidet letztendlich welche Begriffe in die Alltagssprache übernommen werden. Auch der „Petit Larousse“ (wie Duden) muss in seiner Ausgabe 2014 ehemalige Unworte aufnehmen. So gewinnt das englische „Speed dating“ den Kampf gegen „Rendevou rapid“, auch „Post“, „googler“, „forwardé“ sind konkurrenzlos. Der Versuch „Hot-dog“ in „chien chaud“ zu wandeln, fiel bei den Franzosen als frivoler Witz durch.

 

Anhang

Makkaronische Dichtung.

Der italienische Poet Tifi degli Odasi, lobpries 1492 in seinem satirischen Gedicht „Carmen maccaronicum“, die Armenspeise der Italiener, als wären Makkaroni eine lukullische Delikatesse. Neu war, dass er perfektes Italienisch mit fehlerhaftem Küchenlatein mischte. Diese Sprachverballhornung entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem neuen literarischen Genre; der „Makkaronischen Dichtung“, die sich bald in ganz Europa verbreitete.

1517, schrieb der Benediktinermönch, einer der Hauptvertreter der satirischen Dichtung der Renaissance, Teofilo Folengo  "Moscaea" (Mückenkrieg), das komische Heldengedicht: "Baldus", mit dem satirischen Epos „Orlandino“, machte er sich über die Rolandsage lustig, unter dem vielsagenden Titel "Chaos del tri per uno", schrieb er seine bewegte Lebensgeschichte auf.

In Deutschland musste der Dichter Johann Fischart, erst den Gattungsbegriff mit „Nudelverse“ eindeutschen, bevor er seine satirischen Verse veröffentlichen konnte („Jesuitenhütlein“).

Unter dem Pseudonym Gripholdus Knickknackius, schrieb ein niederdeutscher Autor mit „Floïa“ (ungefähr: „Flohiade, Flohepos“), eines der bekanntesten Werke deutsch-lateinischer, makkaronischer Dichtung.

Mittelalterliche, makkeronische Studentenscherze sind unter den Witzbolden der heutigen Latein-Studenten, immer noch hoch im Kurs.

Beispiele:

Caseus vnd Schinckus die machen optime trinkus.

(Käse und Schinken, die machen schön durstig)

„Ite domum, Schelmi! sonuit jam zwelfen ab uris.“

„Geht nach Hause, Schelme! Es schlug bereits Zwölf von den Uhren.“

 

 

Nunc habemus endiviam. –          „Nun haben wir den Salat“.

Vera fides rara est.                  „Vera ist selten treu“ (Wahre Treue ist selten)

Ova alta fierent.                      (Eier, hoch, würden) – „Euer Hochwürden“

Ovum, ovum, quid lacus ego!          (Ei, Ei, was, See, ich) – „Ei, ei, was seh’ ich!“

Die te cane is caput.                „Die Teekanne is’ kaputt.“

Diecu rentum denserum.           „Die Kuh rennt um den See rum.“

Hirundo maleficis evoltat. „Hie und da mal ein Fick ist eine Wohltat!“

(Korrektes Latein wäre Hirundo maleficis evolat. „Die Schwalbe entfliegt dem Bösartigen“).

Oxdradium                              „Ochs, drah di um!“

 

„Dunkelmänner-Briefe“.

Im Jahre 1511 wollten die Kölner Dominikaner alle jüdischen Schriften, insbesondere den Talmud verbrennen. Der Hebraist Johannes Reuchlin, setzte sich öffentlich vehement gegen die antijüdische Bücherverbrennung ein. Worauf ein zum Christentum konvertierter Jude, Johannes Pfefferkorn, auftauchte und fanatisch Partei für ein Verbot aller jüdischer Schriften und der Verbrennung auch des Talmuds ergriff. Der Streit zwischen Pfefferkorn und Reuchlin fand weitgehend in Form von veröffentlichen Schriften und Gegenschriften statt, die dank dem neuen Medium des Buchdruckes, vom Bildungsbürgertum im In- und Ausland gelesen und lebhaft diskutiert wurden. Während Reuchlin tatkräftige Unterstützung durch den Kreis der Deutschen Humanisten erhielt, unterstützten der Dominikanische Klerus und die universitären Scholastiker den ehemaligen Metzger Pfefferkorn.

1515 erschien ein Buch eines anonymen Autors (sicher aus Humanisten Kreisen), das aus fiktiven Briefen bestand, in denen der Konflikt zwischen den liberal gesinnten Humanisten und den scholastischen, klerikalen Kräften, im Stile der „Makkaroni-Dichtung“ ad absurdum geführt wird. Um die Geistlichen anzugreifen, werden ausführlich Liebesabenteuer und Gelage im Kloster besprochen, jüdische Rituale verspottet und herabwürdigend der Talmud verhöhnt. Trotz massloser Übertreibungen in den satirischen „Dunkelmänner-Briefen“, erkennen manche der parodierten Dominikaner den Witz nicht, und bestätigen öffentlich den Inhalt der Satire als ihre wirkliche Meinung.

„Die spätscholastischen Kleriker werden als unwissend, denkfaul, orthodox und eifernd hingestellt, als philiströs-saturiert und auf sinnlichen Genuss bedacht; ihre Methode besteht vor allem aus Zitieren (Bibel, Aristoteles, Lehr- und Handbücher sowie bezeichnenderweise Ovids Ars amatoria).“ (Volker Riedel, 2000, S. 44.)

Ars amatoria (Liebeskunst) schrieb der römische Dichter Ovid um das Jahr 1 vor Christus, als Lehrgedicht in drei Bänden. Ganz praktisch erklärt er:

Wo kann ein Mann in Rom ein Mädchen kennenlernen?

Wie kann ein Mann ihre Liebe gewinnen?

Wie kann ein Mann sich seine Partnerin erhalten?

Nachdem eine erste Veröffentlichung in zwei Büchern ein grosser Erfolg gewesen zu sein scheint, schrieb Ovid ein drittes Buch, das die drei Themen analog für Frauen behandelt.

Der Streit zwischen dem Humanisten Johannes Reuchlin und dem dominikanischen Klerus, wurde auch zu Papst Leo X nach Rom getragen. Wie der Medici-Papst entscheiden würde, war lange unklar. Die bedrängten Dominikaner drohten ein Konzil einzuberufen, falls der Papst sich gegen die Verbrennung aller jüdischen Schriften wenden sollte. Papst Leo X, der selber ein ausschweifendes Leben führte (jagen, fischen, Maskeraden, junge Frauen,  auch hatte er seinen Hofnarren stets dabei und liess ihn prügeln, sobald er nicht witzig genug auftrat), verbot 1520 die Weiterverbreitung der aufrührerischen „Dunkelmännerbriefe“.

 

Weitere Scherzbriefe „ohne Gefühl für Dezenz"

Nachfolgend ein Schreiben des „frommen und unerschrockenen Bruder Tolletanus vom heiligen und unbefleckten Orden des Augustinus“ an den „wahrhaft frommen Herrn Pater Richard Kalberstadt“. Der Text ist eine Übersetzung ins Deutsche, da das Original sehr gute Lateinkenntnisse erfordert. Achtung, dieser Scherzbrief wird auch als „rustice obscena“ (Eduard Böcking) bezeichnet.

„Zwar brachten die „Dunkelmänner-Briefe“ die ganze Welt zum Lachen, aber nach dem römisch-katholischen Theologen und Orientalisten Johann Leonhard Hug, war es ein Machwerk „ohne Gefühl für Dezenz" (Erwin Keller 1974  S.81)“.

„Ich kann Dir nicht ohne grosse Seelenqual für mich verbergen, geliebtester Bruder, was uns und den Angehörigen unsers heiligen Ordens neulich in dieser Stadt zugestossen und vorgekommen ist. Es ist nämlich bei uns im Konvent ein Bruder, den Du selbst kennst, ein Mann von hervorragender Stellung, dem Kloster nützlich und dem ganzen Orden zur Ehre gereichend: er hat eine sonore Stimme im Chor und kann auch gut Orgel spielen. Derselbe kam unlängst ins Gespräch mit einer unserem Orden eifrig zugetanen Gönnerin, welche damals auch eine schöne Frau war, sich jetzt aber von uns abgezogen hat und eine böse Bestie geworden ist. Er sprach auch so viel, dass sie auf die Nacht zu ihm in das Kloster kam und drei Nächte lang daselbst verweilte. Auch kamen zu ihr zwei oder drei Brüder, waren lustigen Sinnes, trieben allerlei Leichtfertigkeiten mit ihr, und sie stellten alle, wie am Codrus-Feste, kräftig ihren Mann, sodass sie wohl zufrieden war.

Wie es nun Tag geworden war, dass sie nach Hause gehen musste, da sagte er: »Komm' ich will dich hinauslassen; jetzt sieht dich niemand« Hierauf erwiderte sie: »Gib mir vorher meinen Lohn für dich und die andern alle«. Er: »Ich kann nicht für andere zahlen«.

Nun war an diesem Tag voller Chordienst, und er hatte denselben zu leiten, musste daher in den Chor gehen zum Beginn und Schluss der Horen. Sogleich kam er aber wieder zu ihr zurück im Chorhemd und Dalmatika, spielte ihr auf die liebenswürdigste Weise zwischen beiden Brüsten und auch gar artig im Schosse, sodass er sich keiner Bosheit von ihr versah. Da läutete der Küster in den Chor, und er lief im Hemd ohne Hose fort, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Wie er nun zurückkam, war jene schlimme Bestie schon auf die Strasse hinausgegangen und nahm ein gutes Oberhemd nebst einer Kutte von gutem schwarzen Tuche mit sich. Bei ihrer Ankunft zu Hause schnitt sie alles sogleich in Stücke, ohne Furcht, der Exkommunikation zu verfallen, dass sie ein geweihtes Gewand zugrunde richtete. Da ward in Wahrheit jener Spruch erfüllet: Sie haben meine Kleider unter sich zerteilet«. Da sind nun so einige strengfromme Brüder da, welche behaupten, diese schlimme Bestie habe in der Kuttenkapuze vierzehn Kronentaler gefunden, was - ach und wehe! - immer verdammlich sei; allein der eine glaubt es, ein zweiter glaubt es nicht.

Als nun jener gute Bruder sah, dass er in Schande und Schaden gekommen sei, ging er zum Stadtpedellen die neuen Latinisten nennen ihn Viator - und sprach zu ihm: »Mein Lieber, gehe zu jener Frau und sage ihr, sie solle mir meine Kutte verabfolgen lassen«. Der Pedell entgegnete: »Ich mag nicht gehen, wenn du es sagst; wenn es aber der Amtmann sagt, dann will ich gehen«. Da begab sich der Bruder ganz unüberlegter Weise, in der von seinem Glaubenseifer ihm eingegebenen Voraussetzung, der Amtmann sei ein Gönner des Ordens, zu diesem und brachte seine Klage vor. Dieser nahm eine gerichtliche Verhandlung vor und liess sie herbeiholen, und als sie erschien, fragte sie der Amtmann: »Warum hast du diesem hier seine Kutte hinweg genommen?" Nun stand sie da und sagte ohne Scheu und Zurückhaltung alles, auch wie sie drei Nächte in dem Kloster war, wie sie es ganz mannhaft mit ihr trieben und ihr keinen Lohn gaben. Auf das hin wollte der Amtmann es dem Bruder nicht so gut werden lassen, dass er seine Kutte wieder bekam, sondern sagte zu ihm: »Ihr fanget viel an, gewiss wird es euch nicht immer so durchgehen; geh' du in's Hundert-Teufels Namen und bleibe in deinem Kloster;« dabei gab er ihm einen abweisenden Bescheid, und so ward denn der gute Bruder ganz beschämt und geriet ausser aller Fassung. Auch verspottete man ihn, und nachdem man ihn verspottet hatte, legte man uns das grosse Kreuz auf, dass wir bei schwerer Strafe nicht ausserhalb des Klosters über die Strassen gehen durften.

Allein der hochwürdige Vater Prior war nicht daheim, als dieses vorging; nach seiner Zurückkunft liess er aber die ganze Sache an den hochwürdigen Vater Provinzial, unsern gnädigen Herrn, gelangen - derselbe ist ein gelehrter, erleuchteter Mann, ein Weltlicht, der bei zwei Disputationen sich wacker gegen die Ketzer hielt und sie alle hinunterdisputierte, allein sie wollten ihm nicht glauben, diese Ungläubigen -. Hierauf kam der hochwürdige Vater Provinzial ungesäumt in die Stadt, und sicherlich waren er und der Prior schlecht zufrieden mit jenem Bruder, dass er so unüberlegt sich an den Amtmann gewendet hatte: besser wäre es gewesen, wir hätten ihm eine neue Kutte vom besten Tuche gekauft; allein er tat es aus wohlgemeintem Eifer. Sogleich begab sich der Provinzial zu dem Amtmann und den Ratsherren und bat sie, uns wieder die Erlaubnis zu erteilen, vom Kloster wieder auf die Strassen zu gehen; er konnte aber nichts erreichen, denn alle, der ganze Rat, sagten: das sei etwas unbedeutendes, dass wir nicht mehr ausgehen dürfen; sie wollen uns einen Geschäftsführer - sie selbst nannten ihn Kurator - bestellen, der über Einnahmen und Ausgaben des Klosters Rechnung führen und uns nur das notwendige verabfolgen lassen solle. Fürwahr, wenn das sein wird, dann wird es ein Ende haben mit der kirchlichen Freiheit, dann ist es nichts mehr; der Teufel bleibe im Kloster - o, mein Bruder! - dahin ist es mit uns im Leben gekommen! Wer konnte je diesen Schmerz ahnen, dass unsere besten Gönner sich so von uns zurückziehen? Und in der Tat ist der hochwürdige Pater Prior sehr niedergeschlagen, und war einige Tage lang vor Betrübnis krank; heute aber sind es acht Tage, dass er nach der dritten Verdauung einen bösartigen Schweiss hatte; nachdem er aber aufgestanden war zur Verrichtung eines natürlichen Bedürfnisses, und eine sehr reichliche, nicht harte, sondern dünne Entleerung gehabt hatte, da wurde es wieder besser mit ihm.

Er hat aber gute Hoffnung von seiten einer Gönnerin des Ordens, die ihm gute Brühlein und Nonnenfürzchen u. dgl. zuzurichten weiss. Liebster Bruder, wenn unsere Laien Herr sein werden, dann werden sie alle uns auslachen; haben sie doch schon ein Sprichwort über uns gemacht, das sie einem alten entnommen haben. In diesem wird von einem Leutpriester, der gern guten Käse ass, gesagt, dass er, als er in der heiligen Nacht das Osterspiel trieb und seine wohlmeinende Gönnerin ihm den guten Käse stahl, den er bei seiner Rückkehr von dem Spiele nicht mehr fand, gerufen habe: »Bei den heiligen Göttern, die Hure hat den Käse gestohlen! « So geht es jetzt uns: wann wir von unseren Mauern, um uns zu trösten, in die Strassen hinaussehen, so kehren die Leute das Sprichwort um, nicht, bloss einfach, sondern indem sie etwas anderes dafür [d. h. statt: Käse] setzen, und rufen: »Hört, bei den heiligen Göttern, die Hure hat eine Kutte gestohlen! Oh Frommer Bruder, auf diese Weise müssen wir viele Qualen und schmerzliche Angriffe von jenen Laien um unseres Ordens willen erdulden, und schon gehen jene Worte der Schrift in Wahrheit an uns in Erfüllung: »Knechte herrschen über uns, und ist niemand, der uns von ihrer Hand errette. Es sitzen die Alten nicht mehr unter dem Tor, und die Jünglinge treiben kein Saitenspiel mehr-, unsers Herzens Freude hat ein Ende, unser Reigen ist in Wehklagen verkehret«. Geliebtester Bruder, bitte Gott für uns, dass er uns von den bösen Laien befreie. Was du aber auch tust, guter Bruder, sieh dich wohl vor, dass jene verruchten Lotterbuben, die weltlichen Poeten, von dem Inhalte dieses Briefes nichts erfahren: sie würden sonst über uns schreiben. Lebe wohl und kerngesund, vielgeliebter, frommer Bruder! Gegeben in unserem Kloster, am 8. des Monats Mai, i.J. 1537.

Wenn jemand diesen Brief durch seine Ausdrücke verbessern will, so kann er dies wohl; den Text der Begebenheit aber muss er unangetastet stehen lassen, denn er enthält (nur die lautere) Wahrheit. Niemand kann so schlimme Dinge schreiben; uns ist es noch viel schlimmer ergangen.“

Humanisten wie Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus lobten den geistreichen Witz des Werkes. Martin Luther, nannte den unbekannten Verfasser einen „Hanswurst“. Er kannte wohl keinen Spass, wenn es um den antirömischen Kampf ging, obwohl Luther selber seine Reden ungewollt im makkaronische Stil hielt, er soll fortlaufend Deutsch und Lateinisch vermischt haben. Letztendlich schrieb er gar selber originale Nudelverse:

Qui non habet in nummis,

Dem hilft nicht, dass er krumm is;

Qui autem fortisin summis,

Der macht grad was krumm is.

 

Auch Goethe und Lessing sollen heimlich makkaronische Verse gebastelt haben.

Die Tradition der Makkaronischen Dichtung zeigt sich auch in Buchtiteln wie: Horribilicribrifax (Gryphius, Andreas 1663), Lumpazivagabundus (Johann Nestroy, 1833). Auch modernere Wortbildungen bedienen sich mit satirischer Absicht des Küchenlateins wie die „Reductio ad Hitlerum“ von Leo Strauss (1953).

 

„Der eingebildete Kranke“.

Vorallem aber hat Moliére in seinem „Eingebildeten Kranken“ die „Makkaronische Dichtung“ geschickt als dramaturgisches Mittel eingesetzt. Im dritten und letzten Akt, in dem verschiedene Ärzte sich vorstellen, und ihre Diagnose und Therapie anpreisen, sprechen alle Akteure makkaronisch.

„Le malade imagienaire“ wurde 1945 von Wolf Heinrich Graf Baudissin ins „Deutsche“ übertragen:

 

PRIMUS DOCTOR.

Si mihi licentiam dat Dominus Praeses,

Et tanti docti doctores,

Et assistantes illustres,

Fragabo den gelehrten

Baccalaureum, den werten,

Fragabo causam et rationem quare

Opium facit dormitare.

 

BACCALAUREUS.

Mihi a docto doctore

Fragatur causa et ratio quare

Opium facit dormire.

Worauf ego respondeo:

Quia est in eo

Virtus dormitiva,

Cujus est natura

Sensus soporare.

 

CHORUS.

Bene, bene, bene, respondēre!

Dignus, dignus est intrare

In nostro docto corpore.

Bene, bene, bene, respondēre!

 

SECUNDUS DOCTOR.

Cum permissione domini Praesidis,

Doctissimae facultatis,

Et totius his nostris actis

Companiae assistantis,

Fragabo te, docte Bacalaurée:

Quae sunt remedia

Quae in maladia

Genannt hydropisia

Convenit facere?

 

BACCALAUREUS.

Clysterium setzare,

Nachher aderlassare,

Postea purgare.

 

CHORUS.

Bene, bene, bene, bene respondēre!

Dignus, dignus est intrare

In nostro docto corpore.

 

TERTIUS DOCTOR.

Si bonum dünkat domino Praesidi,

Doctissimae facultati,

Et companiae praesenti,

Fragabo te, docte Bacalaurée:

Quae remedia eticis

Pulmonicis atque astmaticis

Findas ratsam facere? –

 

BACCALAUREUS.

Clysterium setzare,

Nachher aderlassare,

Postea purgare.

 

CHORUS.

Bene, bene, bene, bene respondēre!

Dignus, dignus est intrare

In nostro docto corpore.

 

QUARTUS DOCTOR.

Super illas maladias

Doctus Bacalaureus dixit res bellissimas.

Aber, si non langweilo Dominum Praesidem,

Doctissimam facultatem,

Et totam honorabilem

Companiam auscultantem,

Faciam illi unam quaestionem.

Seit gestern maladus unus

Fallavit in meos manus;

Habet starkum Fiebrum cum Anfällis,

Starkum malum im Rückgrate

Et athmat cum difficultate.

Wollas mihi dicere,

Docte Bacalaurée,

Quid illi facere?

BACCALAUREUS.

Clysterium setzare,

Nachher aderlassare,

Postea purgare.

 

QUINTUS DOCTOR.

Aber, si maladia

Opiniatra

Non vult recedere,

Quid illi facere?

 

BACCALAUREUS.

Clysterium setzare,

Nachher aderlassare,

Reader lassare, repurgare, et reclysterisare.

 

CHORUS.

Bene, bene, bene, bene respondēre!

Dignus, dignus est intrare

In nostro docto corpore.

 

Finem

 

 

 

Transeamus serioso ad prossimumae

ad etiam curiosus linguae mondialae.

 

Protosprachen und ihre Töchtersprachen.

Die meisten Altphilologen rechnen weltweit mit 16 Protosprachen, aus denen entstanden über mehrere Zwischenstufen alle Sprachen und Dialekte die es heute weltweit gibt.

Sprachfamilie                          Volksgruppen


indoeuropäisch      Deutschen, Griechen, Inder, Italiener, Briten, Schweden usw.

finno-ugrisch         Finnen, Ungaren, Esten.

slawisch                Russen, Polen, Ukrainer, Kroaten, Serben usw.

indo-iranisch         Iraner (Perser), Pakistaner, Arier (Inder).

turktatarisch          Türken, Kaukasier.

mongolisch           Mongolen.

sinotibetisch      Chinesen, Tibeter, Vietnamesen, Kambodschaner usw.

ryukyu                  Japaner, Okinawasen.

semitisch              Araber, Hebräer (Israeliten, Juden).

hamitisch              Eritreer, Somalier, Berber, Saharavölker.        

afrikanisch            Afrikanische Völker.

malaisch               Malaien, Indonesier, Madagassen.

dravidisch             Dravidas (Ureinwohner Indiens) Tamilen.

papua                   Papuas, Aborigines.

indianisch             indigene Bevölkerung in Amerika.

eskimo-aleutisch   Inuit, Yupik, Inupiat, Inuvialuit, Kalaallit

 

Hörbeispiele:

Proto-Indo-European    http://www.youtube.com/watch?v=YJ-Ru9djdmU

Gälisch Irland          http://youtu.be/oE3e_AEbHJ4  

Gälisch-Schottisch http://www.youtube.com/watch?v=6kZuBzY1iHc

Alt Ägyptisch         http://youtu.be/_6dcDh4HSkw

Alt Griechisch       http://youtu.be/Q3uo_08EIbc     

Klassisches Latein  http://youtu.be/6_IPqniaZR0

Althochdeutsch   http://www.youtube.com/watch?v=ZfrQ_M38_tM

Alemanisch             http://youtu.be/wyN5bz1xaC0

Plattdeutsch            http://youtu.be/hCRa2seiQb8

Baskisch          http://youtu.be/I9Fw82uYw14

http://www.youtube.com/watch?v=kl8ZRCK7CuI

Bretonisch                http://youtu.be/s47ljbRd3k8

Old English       http://youtu.be/zfaEGU45lKA

Finnisch                   http://youtu.be/KbfV8vcnKFE

Ungarisch              http://youtu.be/vWfWTxvu_8U

Estnisch       http://www.youtube.com/watch?v=8RIuILWJHQs

Romani       http://www.youtube.com/watch?v=Z7k14sEkUW8

Zimbrisch                    http://youtu.be/9lB9qU8l-DE

Rätoromanisch         http://youtu.be/x8uoIkAgsNk

Sanskrit                      http://youtu.be/kz-yT4MjSog

 

Yidisch-Deutsch           http://youtu.be/-qQSAEMq5ko

 

Informations-Quellen:

Institut für Deutsche Sprache

http://prowiki.ids-mannheim.de/bin/view/AADG/InhaltsVerzeichnis

 

Fryske-Akademy

http://www.fryske-akademy.nl/fileadmin/Afbeeldingen/Hoofdpagina/pdf_files/Google_Buecher_aus_dem_Blickwinkel_des_Lexikographen.pdf

Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/asw/startseite/

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/uploads/media/Sprachverfall.pdf

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ1/mitarbeiterinnen-und-lehrende-lehrstuhl/prof-dr-rudi-keller/publikationen/

Universität Frankfurt

http://titus.uni-frankfurt.de/indexd.htm

http://titus.uni-frankfurt.de/didact/zimbr/course2/erg2.htm

Prof. Dr. Ernst Kausen, Sprachen & Sprachfamilien

http://homepages.thm.de/~hg8429/index.html

Dr. Wolfgang Schindler, Einführung in die Sprachgeschichte.

http://web.archive.org/web/20041012155858/http://www.lrz-muenchen.de/~wolfgang_schindler/skripte/Sprachgeschichte1.pdf

Universität Trier (Goethe Wörterbuch)

http://woerterbuchnetz.de/GWB/

Asociación Cultural Dnghu

http://dnghu.org/

http://dnghu.org/Indogermanische-Sprache-Europa/

Volltextbibliothek geschichtlicher Werke

http://www.zeno.org/

The Tower of Babel

http://starling.rinet.ru/downl.php?lan=en#dict

Indogermanisches Wörterbuch

http://www.koeblergerhard.de/idgwbhin.html

Wikiling: Wörterbücher aller indogermanischen Sprachen.

http://www.koeblergerhard.de/wikiling/idgs

http://www.koeblergerhard.de/wikiling/

Historisches Lexikon der Schweiz:

http://www.hls-dhs-dss.ch/

 

Indogermanische Ursprache.

http://de.wikipedia.org/wiki/Indogermanische_Ursprache#Gemeinsamkeiten_der_Folgesprachen

Indogermanen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Indogermanen#historisch

Kurgankultur.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kurgan-Hypothese

Indogermanische Wortgleichungen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Indogermanische_Wortgleichungen

Sanskrit

http://de.wikipedia.org/wiki/Sanskrit

Sprache allgemein.

http://de.wikipedia.org/wiki/Sprache