Karte der indoeuropäischen Migration von ca. 4000 bis 1000 v. Chr. (Kurgan-Hypothese)   

Violett = Urheimat

Rot = indogermanisch sprechende Völker bis 2500 v. Chr.             

Braun = Besiedlung bis 1000 v. Chr.


Rotwelsch.

Rotwelsch ist ein Sammelbegriff für sondersprachliche Soziolekte gesellschaftlicher Randgruppen auf der Basis des Deutschen. Der Rotwelsche Jargon setzt sich vor allem aus Jiddisch, Romani (Roma), Sintitikes (Sinti), Niederländisch, Französisch und Umdeutungen deutscher Wörter zusammen. Von der ehemaligen „Gaunersprache“ haben es über 70 Wörter in den Duden geschafft:

Wolkenschieber: „bettelnder Handwerksbursche“

Schocher, Schokelmei: „Kaffee“, von jidd. schocher majim „schwarzes Wasser“

Schmuh: „Profit, unredlicher Gewinn, Pfusch“.    

Stachelinus, Stachelingo: „Igel“

schinageln: „arbeiten“ von jidd. schin- („Schub-“) und jidd. agolo „Karre“.

Polente: „Polizei“.    

Model, Maudel, Mudel, Muldel: „Frau, Mädchen“

Muss: „Mädchen, Frau, Dirne“, von dt. Mutze, „Vulva“, oder dt. Musche, „Hure“.

Stenz: „Stock, Prügel“, auch „Zuhälter, Penis“

Kober: „Wirt“, von jidd. kowo, kübbo „Schlafkammer, Bordell, Hütte, Zelt“; davon auch ankobern „anmachen, Freier aufreissen“

kaspern: „reden“     fechten: „betteln“     Bulle: „Kriminalbeamter, Polizist“

Bock: „Hunger, Gier“, von romani bokh „Hunger“, daraus auch dt. umgangssprachlich: Bock haben „Lust haben“.

baldowern: „auskundschaften“, von jidd. baal „Mann“, und jidd. dowor „Sache,      Wort“.

Bibberling: „kalte Jahreszeit“; Hitzling: „warme Jahreszeit“ (kein Frühling/Herbst)

Indem die Sprecher durch den Erwerb der Sondersprache zu Mitgliedern der Sprachgemeinschaft werden und sich untereinander als Mitglieder einer Gruppe von Eingeweihten zu erkennen geben, besitzt das Rotwelsche ausserdem eine besonders bei sozial ausgegrenzten Gruppen wichtige identitätsbildende und integrative, den Zusammenhalt der Gruppe und das Zugehörigkeitsgefühl stärkende Funktion.

Hörbeispiel:   http://www.youtube.com/watch?v=wql8L2rhzgI

 

Mattenenglisch.

Am Aare-Ufer unterhalb Bern lag ein kleiner Hafen unweit der „Inneren Enge“. Die „Matte“ war ein Quartier in dem hauptsächlich ärmere Familien wohnten. Zudem bevölkerten Durchreisende, Schiffer, Flösser, Handwerker, Gaukler, Taschenspieler, Gauner und Handelsreisende die Aare-Schlaufe. In der Matte herrschte ein babylonisches Sprachengewirr, Jiddisch, Rotwelsch, Französisch, Hebräisch, Jenisch, Griechisch, Italienisch usw. Die „Mätteler“ schnappten dieses und jenes fremde Wort auf und konstruierten daraus eine Geheimsprache, die sie noch im Stile des „Pig Latin“ durch eine kryptische Silbenrochade für Aussenstehende endgültig unverständlich machten (siehe Film). Zum Ärger der bernischen Patrizier konnte nun das Gesinde und die Taglöhner ungeniert vor ihren Herrschaften plaudern was sie wollten ohne Sanktionen befürchten zu müssen (die Patrizier benutzten längst, um ihre Intimsphäre zu schützen, eine „Geheimsprache“; das Französische).

Andreas:      Ändu ->Indu-e,    Res -> Isre,    Resu -> Isure,    Resli -> Islire

Johanna:     Hanne -> Innehe,   Hannele -> Innelehe,   Hanni -> Innihe,          

Hanneli -> Innelihe,     Johanna -> Ie-ihe-inne  

Bäregrabe:  Irebe-ibegre

Quellen: http://www.margotmargot.ch/matteaen.html

             http://www.meistereddy.ch/menglisch.htm

 

Ein bekanntes Beispiel für Mattenenglisch ist „Tunz mer e Ligu Lehm“ (Gib mir ein Stück Brot). Der Beginn dieses Satzes stammt von griechischen Wörtern ab: dos = gib, oligon = ein wenig. „Lehm“ ist hingegen aus dem hebräischen lechem = Brot abgeleitet.

MTW Video zu Mattenenglisch


Jenisch.

Die Sprache der „Fahrenden“ war das aus dem Rotwelsch entsprungene Jenische. Die eigene Sprache festigte den Zusammenhalt der „Fahrenden Republik“ die in Österreich, der Schweiz, Deutschland, den Benelux-Staaten und Frankreich wechselnde Domizile hatte.

Erste Belege für die Jenische Sprache finden sich in den „Baseler Betrügnissen“ von 1450, wo eine Wortliste die Sprache wiedergibt, die sich mit dem noch heute gesprochenen Jenisch deckt.

Eine andere frühe Quelle ist der „Liber Vagantorum“ von 1510. „Es beschreibt die Sprache als Medium des Rechtsbruchs und die Sprecher als delinquent“ (Friedrich Kluge, 1901 (ND 1987), S. 175f).

Eine weitere Nennung findet sich in einer „Diebsliste“ von 1716. Sie bezieht sich räumlich auf Schwaben, die Aufgelisteten werden als „Rauber, Dieb, Beitel-Schneider und Jauners-Bursch (Falschspieler)“ kategorisiert.

Mit Beutelschneider wurde im Mittelalter ein Dieb bezeichnet, der den am Gürtel befestigten Geld- oder Almosenbeutel samt Inhalt abschnitt. Das obrigkeitliche Etikett vom „herrenlosen Gesindel“ war darauf zurückzuführen, dass dieser Bevölkerungsteil rechtlich durch ein flächendeckendes staatliches Betretungs-, Aufenthalts- und Duldungsverbot, ökonomisch durch nur ambulant praktizierbare Nischentätigkeiten und gesellschaftlich durch das Stigma des potentiellen Straftäters marginalisiert war.

Die Schweiz erkennt seit ihrer Unterzeichnung der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen das Jenische als Minderheitensprache an.

 

An Wallfahrten und Festen, zum Beispiel der Feckerchilbi in Gersau (Schweiz), treffen sich ortsfest, temporär ortsfest oder nicht ortsfest lebende Jenische. Diese Treffen sind wichtige Orte der Sprachpflege, des Spracherhalts und der jenischen Kommunikation über Familien- und Landesgrenzen hinweg.

 

Viele Worte aus dem Jenischen haben ihren Platz in der deutschen Umgangssprache gefunden. Im folgenden etwas künstlichen Text von Angelika Kopečný (1980, S. 173f.) zeigen sich die vielen Wortübernahmen aus dem Jenischen in Kursiv Schrift.

 

„Wenn ein kesser oder fieser Macker in die Kneipe latscht, dort über die Saure-Gurken-Zeit quasselt und sich über seine Maloche beklagt. Wenn er dann noch einen Bullen um Moos anhaut, der ganz ausgebufft gerade seinen Kiez abgrast und ganz im Eimer ist, weil er einen Bock auf Fusel hat, ist der Feez vorbei. Es fetzt natürlich, wenn man … den Pauker in der Penne verkohlt oder im Kittchen pooft.“

 

Jiddisch.

Jiddisch (kurz für jiddisch-daitsch, jüdisch-deutsch) ist eine rund tausend Jahre alte Sprache, die von den aschkenasischen Juden in weiten Teilen Europas gesprochen und geschrieben wurde und von einigen ihrer Nachfahren bis heute gesprochen und geschrieben wird.

Die aschkenasischen Juden trennten sich 16. Jahrhundert von den sephardischen Juden die auf die Iberische Halbinsel weiterzogen. Beide Gruppen bildeten ihre eigene Sprache aus, die Sephardisten das „Judenspanisch“, die Aschkenasi das „Jiddisch-daitsch“.  Die hauptsächlichen Gebersprachen des bald tausendjährigen Jiddischen sind nach allgemeiner Meinung das Germanische, Hebräische, Aramäische, Romanische und Slawische.

Heute wird Jiddisch als Muttersprache noch von aus Osteuropa stammenden betagten Juden, von einer kleinen, aber regen Anzahl sogenannter Jiddischisten und ganz besonders von ultraorthodoxen aschkenasischen Juden gesprochen.

Man schätzt, dass weltweit etwa eine Million aschkenasischer Juden Jiddisch sprechen.

Das „Judendeutsch“ hat seine Spuren auch in der deutschen Sprache hinterlassen:

Beispiele: Schlamassel, Massel, meschugge, Mischpoke, Schickse, schikkern, Schmonzes, Schmonzette, Tacheles, Stuss, Tinnef, Schtetl, Kassiber, Schmiere, Schmock, Haberer (ostösterr. „Kumpel, Freund“), Ganove, petzen, Reibach, Kaff, Chuzpe.

Nimmt man alle vorhandenen etymologischen Wörterbücher zur Hand, findet man insgesamt 124 Jiddismen die in der deutschen Sprache vorkommen. Viele dieser Wörter sind aber letztlich hebräischen Ursprungs.

 

Noch einige bekannte Sprichwörter in der Originalform:

Der mentsh trakht un got lakht.   "Der Mensch denkt und Gott lacht."

Keyner zet nit zayn eygenem hoyker.  "Keiner sieht seinen eigene Buckel."

Bay nakht zenen ale ki shvarts.     "Nachts sind alle Kühe schwarz."

Shtil vaser grobt tif.     "Stille Wasser gründen tief."

Di tsayt iz der bester dokter. "Die Zeit ist der beste Doktor“ (Zeit heilt alle Wunden).

Hörbeispiel:    http://www.youtube.com/watch?v=msXoInq243c

 

Romani und Sintitikes.

Romani (auch Romanes genannt) ist die Sprache der Roma, die zur indoiranischen Sprachfamilie wie Urdu und Hindi gehört, die Ausgangssprache dürfte Sanskrit gewesen sein. Anfang des 13. Jahrhunderts lösten sich die Roma vom indischen Subkontinent und wanderten westwärts. Romani hat sich somit seit mehr als 800 Jahren unabhängig von anderen indischen Sprachen entwickelt, davon seit mindestens 700 Jahren in Europa. Anfänglich unterlag das Romani vor allem der Kontaktsprache Griechisch, wie es in der byzantinischen Periode gesprochen wurde. Bei ihren Wanderungen nahmen die teilnomadischen Roma Wortfetzen auf, die die indischen Erbwörter verdrängten. Am Beispiel der Zahlwörter der Roma, an denen 10 Sprachen beteiligt sind, erkennt man den Einfluss der verschiedenen Kontaktsprachen auf das indischstämmige Romani.

Indische Erbwörter:   jek = 1,  dui = 2,  trin = 3,  schtar = 4,  pansch = 5,          

                               schob = 6,   desch = 10,   deschdejek = 10+1,   deschde

                               dui = 10+2, usw., bisch = 20, schel = 100.

Aus dem Griechischen:   efta = 7,   ochto = 8,   enja = 9,   trianda = 30,                                                  

                                    saranda = 40,   penda = 50.                                        

Türkischen:        doxan = 90

Ungarischen:      seria, izero = 1000.

Alternative Zahlwörter:

Schwedischen:    enslo statt jek = 1

Lettischen:         letteri statt schtar = 4

Estnischen:        kuus statt schob = 6,   seize statt efta = 7

Rumänischen:    mija = 1000

Tschechischen:   tisitsos = 1000

Deutschen:        tausento = 1000.

 

Der Wortschatz des Romani ist also stark von der Migration seiner Sprecher geprägt. Im Wörterbuch Romani-Deutsch-Englisch (1994) haben sich nur noch rund 700 Lexeme indischen Ursprungs erhalten, ferner aus der Anfangszeit der Migration rund 70 aus dem Persischen  (noch weitgehend ohne arabischen Einfluss), 40 aus dem Armenischen und 230 aus dem Mittelgriechischen der byzantinischen Periode.

Die Sinti sind eine Teilgruppe der europäischen Roma, ihre Sprache (Sintitikes) ist eine Varietät des Romani. Sie leben in Mittel- und Westeuropa sowie im nördlichen Italien und gelten als die am längsten in Mitteleuropa lebende und als die grösste Roma-Gruppe. Das Ethnonym „Sinti“ ist seit dem späten 18. Jahrhundert belegt. 1787 tritt es als „Sende“ in der „Sulzer Zigeunerliste“ auf, dann 1793 als „Sinte“ in einer Darstellung preussischer „Zigeuner“.

Die Sprache der Sinti zeigt an, dass es sich bei ihnen um die älteste in deutsches Sprachgebiet zugewanderte Teilethnie der Roma handelt.

Seit 1407 ist die Anwesenheit der Sinti in Deutschland (Hildesheim) belegt. Bald wurden die „Zigeuner“ von Amtes wegen verfolgt. Das Gesetz verlangte drakonische Strafen z. B. für unerlaubten Grenzübertritt, da die Sinti nirgends ein Bleiberecht, eine Duldungsfiktion oder eine Durchzugserlaubnis erhielten, waren sie zu fortlaufenden illegalen Grenzüberschreitungen gezwungen. Die Strafe bei erstmaligen Verstoss gegen das Einreiseverbot war ein „Staupenschlag“ (Auspeitschen am Pranger) bei der zweiten  Grenzübertretung wurde der Eindringling gebrandmarkt und beim dritten Mal hingerichtet. Zum Glück fanden die scharfen Gesetze häufig milde Richter. Mit „summarischen Prozessen“ verhinderten sie die vorgeschriebenen Bestrafungen.

„Während in Frankreich bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Staat angesichts der Erfolglosigkeit seiner bisherigen Sicherheits- und Ordnungspolitik zur Domizilierung der „Bohémiens ou Egyptiens“ überging, galt das in den Staaten des Alten Reichs verbreitete Konzept der „Vertilgung“ bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es ist jedoch festzustellen, dass es eine erhebliche Differenz zwischen Normsetzung und Normumsetzung gab. Selbst in den Jahren rücksichtslosester Vorschriften gab es immer zugleich auch die Vergabe von Pässen und Wohlverhaltensattestaten und die grundsätzliche Möglichkeit, als „pardonierter Zigeuner“ in die Mehrheitsgesellschaft zu wechseln“. (Ulrich Friedrich Opfermann, 1997)

Die Nazizeit war der absolute Tiefpunkt für die Volksgruppe der Sinti. „Insgesamt wurden an die 15.000 Menschen aus Deutschland zwischen 1938 und 1945 als ‚Zigeuner‘ oder ‚Zigeunermischlinge‘ umgebracht, davon etwa 10.500 in Auschwitz-Birkenau.“ (Michael Zimmermann, 1996, S. 381)

Musik spielt im Alltag der Roma häufig eine grosse Rolle, musikalische Darbietungen nehmen bei Festen in der Regel eine zentrale Stellung ein. Sie ist also nicht eine Beschäftigung nur für einige Musikenthusiasten, sondern tief in der Kultur verwurzelt und Teil der Alltagskultur. Weil die Musik stets auch dem Broterwerb diente, nahm sie immer schon Elemente aus den umgebenden Klienten-Kulturen auf. Es entwickelten sich als regionale Varianten der Roma-Musik sehr unterschiedliche Stile und Instrumentierungen. In Spanien, vor allem in Andalusien, haben die Kalé (Gitanos) den Flamenco stark geprägt. International bekannt wurde Manitas de Plata. Als Jazz-Musiker erlangte der französische Sinto Django Reinhardt internationalen Rang. Eine grosse Zahl von Sinti-Musikern sah und sieht sich in dessen Nachfolge.

Heute ist in mehreren europäischen Staaten (darunter auch Deutschland und Österreich) Romani eine offiziell anerkannte Minderheitensprache.

Hörbeispiel :   http://www.youtube.com/watch?v=Z7k14sEkUW8

Hörbeispiel: http://www.youtube.com/watch?v=t47806EtiIU


Kauderwelsch

Über die Herkunft des Begriffs „Kauderwelsch“ (abwertende Bezeichnung für eine verworrene Sprechweise, für ein unverständliches Gemisch aus mehreren Sprachen oder eine unverständliche fremde Sprache) gibt es verschiedene Hypothesen. Luther bezog das Wort auf die Rätoromanen (der Chauderwelschen oder Churwallen kahle Glossen), so dass es ursprünglich die „welsche Sprache der Einwohner von Chur, Churwelsch, Churer-Welsch“ bedeutet. Chur war bis Mitte des 15. Jh. romanischsprachig (Welsch) und wurde dann erst nach und nach germanisiert. Vor allem in der Phonation kann man heute noch deutlich das Romanische der Substratsprache heraushören. Der Begriff „Kauderwelsch“ nahm dann schrittweise die allgemeine Bedeutung „unverständliche Sprache“ an.

Hörprobe: http://www.youtube.com/watch?v=-FGxhNBzDfA


Entschuldigt allfällige Orthographie Fehler, ich bin seit Karl dem Grossen der schwerste Legastheniker der Geschichte. Auch die Komasetzung ist für mich ein Buch mit sieben Siegeln.


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